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Die Stimme · 1933-04-07 · Heft 274 (7.4.1933) · page 12

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Journal
Die Stimme
Volume
6 (1933)
Issue
Heft 274 (7.4.1933)
Date
1933-04-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
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*. «-. i ■ -ii i.ini rii.nii.. . wie es der vernünftige Ofanbe tat, so bleibt nichts als ein Mosaismus, der unr einen Propheten mehr hat als das alte Testament. Und doch ist es kein üblicher Witz dts Kabarettiers FriedeH. Von oben herab, fast mit Sarkasmus, behandelt Friedei! Freund und die Psychoanalyse, die einen katastrophalen Defekt hat: das sind die Psychoanalytiker, deren Elaborate eine Mischung aus Talmud und Junggcsellenliteratur darstellen sollen. Man sieht förmlich, wie er boshaft lächelt, als hätte er sich wieder einen Witz geleistet, indem er als Ziel dieser «jüdischen Lehre-» die Verhäßlichung und Entgötterung der Welt bezeichnet. Mit der Psychoanalyse beginnt (nach FriedeH) der Sklavenaufstand der Amoral. Allerdings den Beweis für diese Behauptung wie für die frühere, bleibt uns Friede!! schuldig. Der Jude hat als irreügiösef Mensch aus seinem Instinkthaß gegen die religiösen Bewußtseinsinhalte heraus die Welt neurotisiert, sexualisiert und diabolisiert. Die Psychonalyse verkündet den Anbruch des Satansreiches. Sie ist eine förmliche Sekte mit Riten und Zeremonien, Proselyten und Renegaten. Kurz, sie ist eine jüdische Umwertung aller Werte. Man weiß nicht, ob man bei diesem läppischen Wortschwall ernst bleiben oder lachen soll. Ebenso schlecht wie Freud kommen bei FriedeH der Marburger Philosoph Hermann Cohen und seine Jünger weg, die er sogar dialektische Falschspieler nennt, deren Gaunersprache nur engeren Metiergenossen zugänglich ist. Natürlich verschweigt der famose Dilettant das Judentum Einsteins, mit dessen Relativitätslehre er sich befaßt, als verstünde er sie und die er als die Krönung der modernen Weltanschauung ansieht. Er sagt sogar, et sei wahrscheinlich, daß spätere Generationen einmal von unseren Tagen als dem Zeitalter Einsteins sprechen werden. Wir finden in dieser Kulturgeschichte noch einige bedeutende Juden erwähnt. So die Politiker Disraeli, den englischen Ministerpräsidenten, und Gambetta, der es vom energischen, rührigen jüdischen Advokaten zum französischen Innenminister und Organisator des nationalen Widerstandes gegen die preußische Invasion gebracht hat. Ausführlicher behandelt er Marx und Lassalle, die die stärksten Exponenten des Sozialismus waren, obwohl sie aus prononciert bürgerlichem Milieu stammten. Friedell nennt Marx den einflußreichsten Gelehrten des neunzehnten Jahrhunderts. Sein Hauptwerk «Das Kapital» ist ein höchst verwickeltes, künstlich vernietetes System von abstrakten Definitionen, das dem Proletarier unzugänglich ist, so daß man behaupten könnte, ein Marxist sei ein Mensch, der Marx nicht gelesen hat. Aber durch eine Art geheimnisvoller geistiger Ausstrahlung sind seine Lehren doch in die ganze Welt gedrungen. Der ideale Endzustand, den der Marxismus als Gewißheit hinstellt, wäre, nach Friedeil, die in Permanenz erklärte Tyrannei der niedrigsten Klasse. Kleiner an Format war Lassalle, dieser Professor ohne Lehrstuhl, in seiner Lehre vom ehernen Lohngesetz auf David Ricardo fußend, in seinem beweglichen Ueberesprit an Heine erinnernd, der die Politik als Spiel betrachtete, worin er die Befriedigung seiner dramatischen Instinkte und Geltungstriebe suchte. Heines Charakteristik ist kurz. Friedell sieht in ihm einen großen Dichter, der die romantische Vorstellungswelt nur als äußerliches Glanzstück, benützte, während er im Innern Rationalist und Materialist (was kann denn ein Jude anderes sein) und sogar schon Impressionist war. Seine Lyrik hat mehr die Tonkunst befruchtet als die Dichtkunst (was ich bezweifle). Der Vollständigkeit halber erwähne ich noch die KridJas ist kein Dynamit,» stammelte Chaim Jossel, «das sind Chroisses.» <Aha!,> fuhr der Kommandant triumphierend auf. «Ein neuer Sprengstoff! Eine neue jüdische Erfindung! Notieren: Charosesl — Und was macht Ihr mit diesem Charoses?!“ Wenn Chaim-Jossel die Psalmen liest, ist’s ein Vergnügen, ihm zuzuhören. Aber in der russischen Sprache ist er kein besonderer Spezialist. Zitternd und zagend versuchte er, dem Kommandanten, so gut es ging, auf russisch zu erklären, was das eigentlich sei, Chro-isses: «Also, die Juden lebten unter einem sehr schlechten Kaiser, der sie sehr unterdrückte, wofür über ihn die zehn Plagen kamen, die Juden aber zogen erhobenen Armes aus dem Lande, nach Palästina, wo sie einen eigenen Staat gründeten. Und jetzt ist Pessach, das Fest unserer Befreiung, da macht man einen Seder, man sagt die Hagada, trinkt Wein und macht aus Mazzemehl solche Kugeln, Knödel nennt man das, und zu dieser ganzen Geschichte braucht man Chroisses..> Chaitn-Jossels Erklärung, die Juden wollen einen eigenen Staat gründen und brauchen dazu Kugeln, zerstreute den letzten Rest Zweifel des Kommandanten. Die Garnison mußte noch am selben Tag an die Front, er machte daher kurzen Prozeß, stellte noch ein paar Fragen über den Inhalt des geheimnisvollen Schriftstückes, an wen Chaim-Jossel sein «Charoses» verteile und faßte dann folgendes Protokoll ab: «Bei dem Juden Ghaim-Jossel in N. ist die geheime Fabrik eines neuen Sprengstoffes entdeckt worden, genannt «Charoses». Dieser Sprengstoff ist von seinem Oroßvater erfunden worden, der ihm ein schriftliches Rezept darüber hinterlassen hat. Der verhaftete Terrorist Chaim Jossel erklärt, daß der Kaiser die Juden unter- 4vüdu, tic wollen sich daher befreien und einen eigenen MB STIMME tiker Emil Kuh, Richard M.yer, Alfred Kerr, Gundolf Karl Kraus, Georg b.aiulcs mui Alax Nordau. Brandes wird als Generalagent der europäischen Literatur vorgeführt unu Nordau nur als Verfasser der Entartung abgetan. Anerkennung zollt der Verfasser den Theaterleitern Brahm und Reinhardt und den Theaterschriftstellern Fulda und L’Arronge, die er als geschickte Talente anspricht. Als Dichter jüdischen Stammes hebt er nur die deutschschreibenden Schnitzler, Werfel und Altenberg sowie die Halbjuden Heyse und Hoffmannsthal hervor. Höher scheint Friedell Altenberg einzuschätzen, den einzigen vollkommen konsequenten Impressionisten von Bedeutung. Nur eine jüdische Frau wird von Friedell in seinem ,Vf. 274 — 7. April 1933 Werke erwähnt, das ist Rachel Lewin, aber leider nur mit einem kurzen Zitat dieser geistsprühenden genialen Frau. Sie hätte wie so manche andere Erscheinung und Persönlichkeit mehr Beachtung verdient, da sie gerade für das Kulturleben in Deutschland eine nicht wegzuleugnende Bedeutung hat und in ihrem Stil als Vorläuferin des Romantikers Altenberg gelten kann. Alles in allem ist die Kulturgeschichte Friedells ein aus allen möglichen Quellen zusammengewürfeltes Machwerk, dessen Erfolg ein Beispiel dafür ist, daß auch ein Dilettant die Lacher auf seiner Seite hat, wenn er auch in ernsten Dingen Conferencier bleibt. Dr. Marek S c h e r 1 a g. Prof. Boris Schaix Zur ersten Wiederkehr seines Todestages von Dr. Karl Rosen \e\d ln den Annalen der jüdischen Kunstgeschichte wird der 2 3. März eine durch Volkstrauer umflorte Karte bilden. An diesem Tage ist der Schöpfer und unermüdliche Organisator, der Erbauer und geistvolle Führer der Jerusalemer Kunstgewerbeschule «Bezalel ■, Professor Boris Schatz im New Yorker Broadway, plötzlich gestorben. Dieser unersetzliche Verlust bekundet das tragische Schicksal unseres Volkes, welches seine bedeutendsten Führer verliert, die noch lange nicht den Gipfel ihres Wirkens erklommen sind, doch schon Unermeßliches geschaffen haben. Die Namen dieser Männer sind zu unauslöschbaren Synonymen ihrer Werke geworden. So ist auch das jüdische Kunstgewerbe, die Jerusalemer Kunstakademie «Bezalel» und der Name Professor Schatz für ewige Zeiten ein Begriff geworden. * Boris Schatz lenkte schon als kleiner Chederjunge in Kowno, wo er im Jahre 1866 geboren wurde, die Aufmerksamkeit seiner Gemeinde auf sieh. Seine erste Zeichnung, «Der geblümte Misrach», die er in seiner kindlichen Phantasie in wenigen Stunden vollbrachte, scharte um ihn einen Kreis von Bewunderern und Förderern. Der damals in Kowno wirkende Abgesandte der «Büchsensammlung- Organisation», Rabbi Majer Bai Neß aus Palästina, nahm sich hingebungsvoll des Wunderkindes an. Unter starkem Einfluß dieses Mannes, der dem jungen Boris Schatz palästinensische Zeichnungen der «Klagemauer» und des «Grabes der Mutter Rahelo vor die Augen führte, ging der ehrgeizige und erwachende Künstler in die weite Welt hinaus und lernte bei Fremden jüdische Kunst und jüdisches Wissen lieben. Er leistete heftigsten Widerstand sämtlichen Assimilationsgelüsten und träumte schon damals von spezifisch palästinensischen Motiven in der Malerei und Bildhauerkunst, die jedoch — das hat er schon zu jener Zeit, vor 40 Jahren, richtig begriffen — nur in Erez wadhgerufen werden, aufbliihen und zur Geltung kommen können. Er hat schon damals die Juden nicht nur als ein Volk der Bibel angesehen, sondern selbe, geradeso wie die Hellenen, als ein Volk von Sinn und Empfindung für echte Kunst gefeiert. Er sah im jüdischen Volke viele starke, jedoch schlummernde Talente, die Ln der Galuth wie eine Blume ohne Sonne verwelken müssen. Ein jüdischer Künstler in der Galuth ist ein entwurzelter, zerrissener Geist, ein seelisch gebrochener und heimatloser Träumer. Sein Schaffen widerspiegelt fremde Gefühle und gekünstelte Stimmung und deswegen haben wir, wie es Boris Schatz oftmals zu sagen pflegte, «viele Virtuosen und wenige Schöpfer». Wenn jedoch der jüdische Künstler seine Lehrzeit Ln Erez verbringt und seine Heimat als seine Wirkungsstätte wählt, erzählt ihm jedes Bächlein, jeder Hügel von der ruhmvollen Vergangenheit Israels, und diese Gefühle, welche die Erez-Natur im jüdischen Künstler wachruft, können erst sein Schaffen auf echte künstlerische Höhen emporbringen. Das Studium jüdischer, mit der Vüterscholle verwurzelten Typen läßt sich für einen jüdischen Künstler durch keine anderen Menschenmodelle ersetzen, das Hineinfühlen in die Schönheiten der palästinensischen Landschaft kann durch kein Galuth-Panorama erlahmen, denn nur in Erez kam sich in wahrem Farbenlichte die jüdische Physiognomie mit ihrem ganzen wahren Leid und Frohsinn und die jüdische Landschaft mit ihrer biblischen Romantik in reiner künstlerischer Stimmung offenbaren. Denn nur in Erez schlummert der echte Prophetengeist, welcher den jüdischen Künstler zur heimischen Kunst inspirieren kann. Die Idee — für den jüdischen Künstler, jüdisches Land und jüdische Menschen — beherrschte so gewaltig das künstlerische Empfinden und die sensible Seele Boris Schatz’, daß er die Stadt Paris, wo er vom Jahre 1890 bis 1896 weilte, plötzlich verließ. Er wirkte in dieser Kunstmetropole als Schüler de» großen, jüdischen Bildhauers Antokolski und trotzdem er von Erfolg zu Erfolg schritt, fühlte er sich fremd und gab es oft zu verstehen, es scheine ihm, daß er in Verbannung lebe und daß ihn seine Muse mehr als stiefmütterlich behandle. Zu eng waren für ihn die breiten Boulevards und Montmartre und Montparnasse mit allen ihren künstlerischen Zigeuner-Quartieren, mit allen ihren Ueberbrettlbiihnen der Chat Noirs und Trocaderos, Moulin Rouge und Mascottes, sie alle waren für ihn nur kalte Bummelstätten oder ödp Träumerbuden von fremden Zauberschlössern. Die frivole Pariser Muse inspirierte seine Kunst nicht. Trotzdem Boris Schatz in der großen Pariser Boheme-Gemeinde zu den populärsten Künstlern gehörte, entschloß er sich über Nacht nach Sofia abzureisen. Hier wurde er zum Bildhauer des königlichen Hofes ernannt, gründete die bulgarische Kunstakademie und wirkte hier mehrere Jahre als Rektor und Professor, wie auch als Schöpfer vieler stattlicher Monumente. Er weilte nachher vorübergehend in Polen, in Berlin und in München, bis er sich endlich entschloß nach Wien zu reisen um — Theodor Herzl seine künstlerische Idee zu offenbaren. Boris Schatz sprach auch tatsächlich bei Herzl vor und bemühte sich mit glühendem Glauben Herzl für die Gründung einer Kunstgewerbeschule in Palästina zu gewinnen. Herzl hat für das Projekt Boris Schatz großes Interesse gezeigt, Staat gründen. Zu diesem Zweck fabrizieren sie Kugeln, womit unzweifelhaft Bomben gemeint sind, die mit Charoses gefüllt und unter die Mitglieder der Geheimorganisation «Cherwatilim.» verteilt werden, deren Anführer der Verhaftete ist. Anbei die sachlichen Beweisstücke ...» Chaim-Josscl wurde unter scharfer Bewachung mit dem Protokoll und den Beweisstücken in die Gouvernementstadt zum Generalstab abtransportiert. Da die Garnison noch am selben Abend das Sdidtchen verließ, gab es keine Gelegenheit, die Sache aiifziildären. * Man erzählt, sie hätten dort Im Generalstab mit den Chroisses allerlei Experimente angestellt. Sie füllten sogar eine Bombe damit an und versuchten, sie mittels elektrischen Stromes auf eine gewisse Entfernung hin zum Explodieren zu bringen. Da aber Chroisses bekanntlich auf elektrischen Strom nicht besonders reagiert, platzte die Bombe nicht. Gegen ScUwuot bekam das Ortskommando vom Generalstab folgende Meldung: «Die genaue Untersuchung des verhafteten Chaim- Jossd, die Dechiffrierung des geheimnisvollen Dokumentes und die von verschiedenen Experten des chemischen und religiösen GebLetes eingeholten Gutachten haben ergeben, daß der Stoff Charoses keine Gefahr für Staat und öffentliche Sicherheit in sich birgt. Das beschlagnahmte Material wurde dem hiesigen Rabbinat für jüdieche religiöse Zwecke übergeben.» Am ersten Tag des Schwuot-Festes stieg Chaim-Jossel zum Almemor empor und verrichtete das Dankgebet für Lebensrettung. (Am* dem Jiddischen von A. M.) Dr. Henny Lichtenstein-Rappaport; Arnold Zweig: De Vriendt kehrt heim «De Vriendt kehrt heim//, Arnold Zweigs jüngstes Werk, ist ein Buch aus dem neuen Palästina. Hier sucht der Dichter Ausdruck für das Erlebnis des neuen Judenlandes, für die Menschengruppen, die darin wohnen, ihre Kämpfe, ihre Ziele, ihre Parteiungen, nicht zuletzt ihre Charaktere, ihr menschliches Wesen. Das Wesen einer Gruppe abei einer kollektiven Individualität offenbart sich am klarsten ii ihren Beziehungen zu einem bestimmten Problem, zu einet bestimmten Persönlichkeit. Es ist der Einzelfall, herausgegriffen aus einer Menge y,on Einzelfälien, an dem sich das Wesen einer Vielfalt von Menschen, wie das Wesen einer kollektiven Einheit, exemplifiziert. So reiht sich das Buch von dem Juden de Vriendt, das das heutige Palästina, wie Zweig es sieht, beleuchtet, in dichterischer Verwandtschaft an das Buch von dem Sergeanten Grischa una dai. Buch der jungen Leonore Wahl, die uns Kapitel aus dem großen Kriege, die Etappe und das Hinterland einer bestimmten Gesellschaftsschichte, vor Augen führen. In allen diesen Fällen wird das Einzelerlebnis von dem Leben der Gemeinschaft getragen, wie anderseits das Leben der Gemeinschaft an diesem Einzelerlebnis zu höchster Intensität steigt. Die Fabel von dem holländischen Juden, Dr. Josef Jizchak de Vriendt, dem Mann mit den zwei Seelen, hat das Leben selbst, kiilm und erfindungsreich, gedichtet. Unter diesem Namen verbirgt sich, leicht kenntlich, ein bekannter Führer der Aguclah, dessen gewaltsames Ende vor einigen Jahren nicht wenig Staub aufwirbelte. Ueberhaupt läßt Zweig eine ganze Reihe von Persönlichkeiten, die im jüdi-

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