Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 6 (1933)
- Issue
- Heft 264 (26.1.1933)
- Date
- 1933-01-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3054015-3054019--3341-3058848- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wf. 264 — 26. Tlnntr 1933 —... ■■ ~ .- -- ■ Propheie rechts Die zionistisch? Organisation widerhallt vom Kämpfschrei der fclügelparteien: Hie Linke, hie Revisionismus!, Da etabliert sich irt ferez Israel ein Klassenkarnpf, getreu nach dem Muster irgend eines Landes jn der Galuth. Dieselben Menschen, die richtig erkennen, daß Normen, die im politischen Leben normaler Völker ihre Richtigkeit haben, unanwendbar für das jüdische Volk sind, kopieren politische Methoden normaler Völker ln Palästina: Streik, .Streikbruch, rote Gewerkschaft, gelbe Gewerkschaft. Und äö wie in normalen Ländern behauptet jede Partei: «Die anderen sind, schuld. Wir wahren die heiligsten Tüter der Nation.» Es soll gewiß nicht verkannt werden, daß trotz tiefgehender Unterschiede zwischen normalen Ländern und Palästina das Problem «Arbeitgeber — Arbeitnehmer» auch in Palästina besteht. Etwas anderes ist, ob an die Lösung dieser Frage mit Solchen Mitteln herangegangen werden durfte und ob der Kampf nicht rechtzeitig in andere, würdigere und bessere Bahnen hätte gelenkt werden sollen und müssen. ... Sicher ist wohl, daß die Spaltungserscheinungen im zionistischen Lager der bedauerlichen Entwicklung Vofschub leisteten und daß die leider bestehende Unmöglichkeit der Kontrolle der Einwanderung durch die. Exekutive mit zur Zuspitzung der Verhältnisse beitrug. Leider müssen wir einstweilen die Dinge nehmen, wie sie derzeit Hegen. Es ist aber klar, daß wir uns in Palästina den Luxus von Klassenkämpfen nicht leisten dürfen. Streitigkeiten zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern müssen durch ein obligatorisches Schiedsgericht geschlichtet werden. Auch Jabotinsky verfangt die Einsetzung eines obligatorischen Schiedsgerichtes. Der Arbeiterführer Ben Gurion mag es mit Recht ironisieren («Nationale Arbitrage und nationale Sabotage» in «Der Jüdische Arbeiter» vom 13. Jänner 1933), daß Jabotinsky Faktoren zu Hilfe ruft, die er sonst auf das heftigste bekämpft: Zionistenkongreß und Waad Leumi. Es ist auch richtig, daß Jabotinsky gesagt hat: «Den Versuch, den Kongreß zu reformieren, halte ich für beendigt und werde mich an ihm nicht mehr beteiligen ._.'.» «Ich will den Erfolg und das Aufblühen der zionistischen, Organisationen nicht, im Gegenteil, ich will, daß ihr Einfluß gleich Null ist und will mich nicht ihrer Disziplin unterwerfen, sondern sie mit allen meinen Kräften paralysieren.» Richtig ist auch, daß die palästinensischen Revisionisten eine Eirtigung sicher nicht erleichtern werden. Aber seit wann nimmt Ben Gurion jedes Wort jabotinskys für bare Münze? Jabotinsky ist ein ruheloser Geist und seitdem er die Idee des 7. Dominion predigte, hat er schon viel gesagt, was er nicht mehr aufrecht erhält. Män muß aber zugeben, daß Jabotinskys Idee der; Ätbiträge in AYbeiterkoglikten an sich gesund ist. Ben Gurion sagt, die Idee sei nicht originell und eine Histadruth-Konferenz habe diese Idee söhon vor fünf Jahren propagiert Eine Idee muß doch nicht originell sein, um gut zu sein und für Priort tätsstreitigkeiten haben wir kein Interesse, Mag es auch grotesk sein, daß jabotinsky Institutionen zum Richteramt berufen will, die er sonst in schärfster tyeise bekämpft, es muß nicht alles schlecht sein, weil es gerade Jabotinsky sagt 1 Wir meinen daher, daß an die Bildung obligatorischer Arbeitsgerichte so rasch als möglich geschritten werden muß. Es kann nicht abgewartet Werden, bis sich die Verhältnisse im revisionistischen Lager klären werden. Eine Vorfrage muß aber vorher geiösf.werden und da muß man Ben Gurion beipflichten: das Prinzip hundertprozentiger jüdischer Arbeit muß auf der Arbeitgeberseite restlos eingehalten werden.'Es ist leider richtig, wie Ben Gurion anführt, daß es im Kolonistenverband Arbeitgeber gibt, die Araber beschäftigen, und diese Tatsache noch verteidigen. Man muß daher verlangen, daß derartige Arbeitgeber dazu verhalten werden, zuerst das Prinzip hundertprozentiger jüdischer Arbeit anzuerkennen und sich’ der Arbitrage tü unterwerfen. Dann soll das Schiedsgericht so rasch als möglich etabliert werden. Die Lösung dieser Frage ist dringend. Sie kann — ehrlichen Willen auf beiden. Seiten vorausgesetzt — erfolgen und endlose Debatten beim nächsten Kongreß überflüssig machen, bevör die übrigen Fragen organisatorischer Natur gelöst werden, die ebenso brennend, wenn nicht noch brennender sind. Dazu gehört in erster Linie die Frage der Stellung des Revisionismus?ur Organisation. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß das Urteil des Kongreßgerichtes* gegen den Sonderverband der Zionistenreyisionlsten die Revisionisten der verschiedenen Schattierungen trotz der bedauerlichen Angriffe gegen DIE STIMME - Prophete links das Gericht zu einer eindeutigen Stellungnahme bewegen wird. Vielen Revisionisten ist der bisherige Zustand mehr als unbehaglich. Sicher ist das eine, daß es in dieser Frage keine Kompromisse geben kann. Jabotinsky befindet sich im offenen Gegensätze zu weiten Kreisen seines Lagers. Aber auch die Anhänger von Calais werden sich wohl oder übel nach der einen oder anderen Richtung entscheiden müssen. Damit ist aber noch nicht alles getan. Die zionistische Organisation bedarf einer gründlichen Reorganisation. Auf dem letzten Kongreß hat sich eine merkwürdige Konstellation ergeben. Die von den Allgemeinen Zionisten ausgehenden Anträge der Organisationskommission wurden von den in diesen Fragen friedlich vereinten Linken und Revisionisten niedergestlmmt. So blieb alles beim alten, also schlecht. Unsere Politiker von links und rechts gingen befriedigt nach Hause und zogen sich in die splendid isolation ihrer Sonderverbände zurück. Warum auch nicht? Man sitzt so warm und gemütlich zwei Jahre in seinem Sonderverband und sieht behaglich zu, wie sich die Allgemeinen Zionisten abrackern. Wer erhält die Landesorganisationen, wer bezahlt die Beamten und die Bureaus? Die Allgemeinen Zionisten! Wer bringt den Löwenanteil bei den Sammlungen für Keren Kajemeth, Keren Hajessod und Keren Alijah auf? Die Allgemeinen Zionisten! Wer trägt die Last der Palästinaämter? Die Allgemeinen Zionisten! Wer zieht aberden g r ö ß t e n V o r t e i 1 aus dieser Arbeit? Die LinkenunddieRechten. Wir sind trotz allem weit davon entfernt, zu sagen, daß wir «für andere» arbeiten. Wir arbeiten für den Zionismus. Aber wir verlangen, daß die anderen Parteien gleichermaßen die Lasten der Organisation tragen. Wenn es den anderen Parteien recht ist, aus der selbstlosen Arbeit und den Opfern der Allgemeinen Zionisten Nutzen zu ziehen, dann ist es nur billig, daß Links und Rechts mithjlft, mitarbeitet und — last but not least — mitgibt. Der jetzige Zustand ist auf die Dauer unerträglich. Er qualifiziert sich als ein unmoralischer Vertrag, als eine Societas leonina. Während aber Revisionisten und Misrachisten mit dem jetzigen Zustand, daß die Allgemeinen Zionisten die Geldgeber, die «Holzhacker», und «Wasserträger» der Organisation sind, restlos zufrieden sind, ist das bei den Linken anscheinend nicht der Fall. Sie empfinden «Unbehagen», weil sie mit dem zionistischen «Bürgertum» Zusammenarbeiten. Wer’s nicht glaubt, der lese den Artikel «Falsche Analogien» von H. B. («Der Jüdische Arbeiter» vom 20. Jänner 1933). Dort heißt es: «Es ist selbstverständlich, daß unsere Kooperation mit dem zionistischen Bürgertum in den Angelegenheiten des Palästina-Aufbaues Nebenerscheinungen hat, die uns manchmal nicht gerade sehr angenehm sein können. Dies gilt vor allem für die organisatorischen Konsequenzen dieser Kooperation. Gewiß empört sich der Klassencharakter unserer Bewegung, widerspricht es der Mentalität unserer Genossen, wenn sie sich vor die Notwendigkeit gestellt sehen, die gemeinsame Weltorganisation auch in die Länder, vfeileicht sogar in die Ortsgruppen sozusagen zu verlängern. Es unterliegt aber keinem Zweifel, daß die positiven Ergebnisse unserer Teilnahme an der Zionistischen Weltorganisation in gar keinem Verhältnis zu dem «Unbehagen» stehen, das diese Teilnahme bei _ .«frwt.y , uns hervorrufen kann. Wenn es notwendig erscheint, die Zionistische Weltorganisation in die Lände;: zu «verlängern», wenn die Schaffung gemeinsamer l^ndesverbände die zionistische Aktion verstärkt . und, gefruchtet, haben wir die Pflicht, nicht nur gegenüber dtr zionistischen Bewegung, sondern auch gegenüber, uns selbst, uns daran zu beteligen.» Hier wird aber noch eine Einschränkung gemacht. Das «Unbehagen» wird nur dann kompensiert, wenn der Landesverband keine Lanclespolitik betreibt und in den Angelegenheiten - der Kultusgemeinden den Linken freie Hand läßt. Der Autor doziert: «Unsere Kooperation mit dem zionistischen Bürgertum hat sachlich und zeitlich begrenzte Zwecke: Die gemeinsame Aufbauarbeit in Palästina in einer bestimmten geschichtlichen Periode. Wir müssen und werden jeden Versuch zurückweise«, die Kooperation in der Palästina- Arbeit dahin auszunützen, daß man uns zwingt, landespolitisch mit dem jüdischen Bürgertum züsamntenafugehen.» Wir regen uns über den. «sachlich und zeitlich begrenzten Zweck» nicht auf.' Mit der «gemeinsamen Aufbauarbeit in einer bestimmten geschichtlichen Periode» wird'es noch seine Wege haben. Wir glauben auch nicht,'daß diese Periode mit einer’Klassendiktatur von rechts oder links endigen, sondern in eine Periode neuer, sozialer Gerechtigkeit als Krönung unserer Aufbauarbeit übergehen wird, daß also, weder die Propheten von rechts noch die von. jlnkS recht behalten werden. Betrachten wir die Läge in Oesterreich! Der Landesverband, dem bis November 1931 auch die Hitachduth angehörte, hat die «Landespolitik» aus seinem Programm ausgeschaltet und in der Frage der Kultusgemeinde haben wir seit jeher den L.ihken freie Hand gelassen. Wir haben also in Oesterreich denselben Zustand wie in Deutschland und Herr H. B. billigt es, daß in Deutschland die Linken der LanJesorganisation der Zionistischen Vereinigung für Deutschland angehören. ln Oesterreich hat die Hitachduth seit Jahren der Landesorganisatiqn angehört. Als aber der «Ichud» gegründet \vurde, trat die Hitachduth aus der Landesorganisation aus. Die Landesorganisation , hat Raum für alle Parteien, die bedingungslos der Weltorganisation angehören wollen und einen Status in der Weltorganisation haben. Es ist also nicht .einzusehen, warum der Ichud in Oesterreich der Landesorganisation nicht angehört: Das wäre eine Frage zum. Kapitel Reorg;v > *.;.;tt des Statuts der Weltorganisation. Darüber soll nächstens mehr gesagt werden. Wenige Monate, trennen uns vom nächsten Kongreß. Soll es ausnahmsweise ein guter Kongreß sein, dann muß/eine Reorganisation an Haupt upd Gliedern, angefangen vom Wahlrecht, durchgeführt werden. < Die Allgemeinen Zionisten, deren größter Fehler ihre Bescheidenheit ist, können hiebei ein gewichtiges Wort mitsprechen. Es ist auch Pflicht der Allgemeinen Zionisten, die Wiederaufrichturig der Organisation entscheidend zu beeinflussen. Aber auch abgesehen von der inneren Reorganisation haben wir Allgemeine Zionisten eine gewaltige Aufgabe, die nur wir erfüllen können.- Wir stehen mit beiden Füßen fest auf dem Boden der Realität. Es wird unsere Aufgabe sein, der Wegweiser zu sein in der Flucht der Erscheinungen, der Sammelpunkt aller Zionisten, die durch kein Dogma eingeengt sind, es sei denn, daß sie den Primat des ganzen Volkes vertreten geegnüber allen Propheten von rechts und links. Dr. Oskar Gr ü n bau m. Zum Problem der nationalen Jugenderziehung Von Dr• Karl Rosenfeld In unserer Renaissancebewegung spielt die Jugend eine hervorragende Rolle. In der ersten Epoche des religiösen und nationalen Strebens nach Zion, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, war fast bis zu den siebziger Jahren unsere Jugend ohne richtige Führung, auf sich selbst angewiesen. Sie steuerte jedoch zielbewußt vorwärts oder stürmte sogar weit über das enge russische Ghetto mit sichtbaren Erfolgen hinaus. Die ersten zionistisch denkenden Rabbiner, Hirsch Kalischer, Samuel Mohilewer und EUasberg, die Väter der heutigen Misrachiidee, kümmerten sich nur ganz wenig um die Jugend. Erst in dem meSsiariischen Zeitabschnitt mit dem Erscheinen des Buches «Rom und Jerusalem» von Moses Heß, wuchs die damalige jüdische Jugend schon selbst zu Führern und Erziehern *) Im Anschluß an das Wiener Referat Prof. Brodetskys über jüdische Jugendfragen, bringen wir diesen Aufsatz als Beitrag zur Diskussion. (Anm. d. Red.) ihres Nachwuchses heran. Hier sind, hj erster Reihe drei hervorragende Köpfe zu nennen:,M.;L. Lilienbtum, Leo Pinsk.-r und Perez Smolenski, Heß selbst, der schon im Jahre 1875 starb, war mehr Theoretiker als praktischer Jugenderzieher. Piskers «Autoemanzipation», Liüeftbluras. und Sqiolenskis zionistische Schriften und Aufsätze, veröffentlicht' meistens im «Raswiet», «Hametiz» und «Haschachar», der erbitterte Kampf Smolenskis gegen Moses Mendelssohn,' wie - auch die unermüdliche agitatorische Tätigkeit dieser ersten Chpwewe- Zionpioniere, führte zu einer . Kolomsationsbewegung, die jedoch wegen ihres philanthropischen Charakters von der damaligen jüdischen Jugend heiß umstritten war. Aus den Kolonisationsversuchen Moses Montefiores und mehreren späteren Ansiedlungsaktionen, rumänischer und ungarischer jugendgruppen kristallisierte sich um die achtziger Jahre die jüdischnationale «Bilu»-Bewegung heraus. Diese, aus Mikolajew und Charkow ln Rußland stammenden, unvergeßlichen Zionskämpfer schufen unsere ersten Kolonien Zionisten! Leset und verbreitet ..Die Stimme "! )