Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 5 (1932)
- Issue
- Heft 254 (18.11.1932)
- Date
- 1932-11-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Hf. 254 — 18. November 1632 DIE STIMME Seite 5 Literatur / Kirnst / Theater Else Lasker-Schüler Aut dem Zyklus: „Jüdische Schallenbilder"* Von X. V« Flnkttlsfeln Wir sitzen in einem grauen Hotelzimmer. Der regnerische Herbstabend dämmert frühzeitig und legt sich mit kaltem Schauer auf die Seele. Jahre sind vergangen, seitdem wir uns das letztemal gesehen haben. Und doch kommt es uns im Augenblick der Begrüßung vor, als ob wir erst gestern Abschied voneinander genommen hätten. Eine Welle der Herzlichkeit schlägt leicht eine Brücke über die Etappen der Wanderung und Wandlung. Mädchenhaft schlank ist ihre Gestalt geblieben. Rabenschwarze Locken beschatten die hohe Stirn. In ebenholzfarbenen Augen leuchtet noch der alte Glanz. Ja, das ist sie, die leibhaftige «Prinzessin von Theben», wie man sie zu nennen pflegt. Doch benimmt sich die Prinzessin spitzbübisch und legt gar kein Gewicht aut das Zeremoniell. Wie ein Backfisch läuft sie im Zimmer herum. Wie geht es der «Prinzessin»? Was erlebte sie? Woran arbeitet sie? Ein Paar großer, träumender Augen starrt in die Dämmerung. Wehmutsvoller Schmerz verzerrt den Mund. Sie wandert. Ist einsam und heimatlos. Die Unruhe einer schaffenden Seele jagt sie in fremde Länder, unter fremde Menschen. Wandern — das ist ihr Fatum. Sie zeichnet, musiziert und dichtet zwischendurch. Immer von fiebriger Glut umlodert und stets durchzuckt von unendlich zarten, schmerzenden Nervensträngen, die sie oft, allzuoft ans Krankenlager fesseln. Nervosität drückt auch jede ihrer Bewegungen aus. Plötzlich nimmt sie aus dem Schrank einige Bücher heraus und wirft sie auf den Tisch. «Da liegt die Geschichte meines Lebens! Denn ich selbst bin. nur das...» Sie nimmt eine Rose aus einer Vase und entblättert sie. Weiße Blätter fallen zu Boden. Man öffnet das hingeworfene Buch. «Meine Augen sind wie Brunnen...». Jüdische Wehmut schlägt einem mit jäher Wucht entgegen. Dann liest man Gedichte von der biblischen Prinzessin und von dem Helden, der das Volk aus der Erniedrigung erlösen will. Erlebnisse? — Else Lasker-Schüler gehört zu jenen schaffenden Geistern, auf welchen äußeres Geschehen keine sichtbaren Spuren zurückläßt. Sie geht durch Länder, durch Menschenmassen, doch träumt sie immer nur ihren Traum, der für sie das eigentliche Leben ist. Den Traum einer Märchenprinzessin. Im Alltag ist sie nur ein Gast. Deshalb ist auch ihre Lyrik so märchenhaft. Es Hegt in ihren Gedichten der Zauber einer kindlicher. Naivität, die in einer Abkehr von der Realität vervurzelt ist. Wenn sie auch der Alltag zentnerschwer mit Sorgen und Not bedrückt, in dem ^Märchenland hungert man leichter und vergißt den Kampf und das Elend. Gleichgültig bleibt der Dichterin der rauhe Alltag, wie gleichgültig ihr auch Blumensträuße sind, die täglich *) Anläßlich der Auszeichnung der Dichterin durch I Verleihung des Kleistpreises. (Anm. d. Red.) | D. N. M. Gelber: Eine mißglückte Judenstaatsgründung im Midjangebiet (Ein Kolonisationsversuch Paul Friedmanns in den Jahren 1891/1893) (Nach unbekannten Archivmaterialien) (Fortsetzung) Während nun Friedmann mit seiner ihm noch treu gebliebenen Mannschaft mitten in der Wüste kampierte, ruhte die Türkei nicht, die seine Expedition gerne als diplomatische Gelegenheit benützte, um die Frage der Zugehörigkeit dieses Gebietes endgültig und via facti zu ihren Gunsten zu erledigen. Ueber Befehl des Militärkommandanten von Medina wurde eine militärische Expedition geschickt, die bei Dubbah landete. Ungeachtet der telegraphischen Anfrage der ägyptischen Regierung beim Gouverneur von Hedjax, womit er diesen Angriff auf ägyptisches Territorium motivieren könne, erfolgte keine klare Antwort. Die ägyptische Regierung ließ hierauf ihre Garnisonen von Suez aus verstärken. Der türkische Kommandant Said-Bey ließ Friedmann, dessen Mietvertrag für ein Haus in Moeieh, den er mit einein Aogypter Dezember 1891 abgeschlossen hatte, von ihm für null und nichtig erklärt wurde, bedeuten, daß er nicht nur jeden Versuch einer Judenansiedlung, sondern jedweden i Aufenthalt auf midianischen Boden verhindern werde. | unbekannte Verehrer ihr ins Hotel schicken. Die Visitkarten, die mit den Blumen kommen, zerreißt sie, ohne sie zu lesen. Seit Jahren liest sie keine Zeitungen und wandelt wie schlaftrunken durch ein Königreich, das nicht von dieser Welt ist... Wenn Mythos die tiefste Quelle der Dichtung ist, dann strömt ihre Persönlichkeit den Zauber eines überirdischen Mythos aus. Ihre Erzählungen sind wie Legenden von Urmenschen und ihre Gedichte bestricken durch die unendliche Fülle hauchzarter Inspirationen. Etwas von der biblischen Einfachheit lebt in Ihr. So ist es kein Wunder, daß sie aus der Bibel Motive für ihr Schaffen schöpft. Immer wieder besingt sie die biblischen Gestalten der Patriarchen und Propheten, jüdische Heldinnen und Mütter. Wer zum erstenmal ihre Gedichte liest, glaubt vor sich biblische Geschichten zu haben, im königlichen Gewände der deutschen Sprache und von einem Rhythmus getragen, in dem die Seele des deutschen Volkes zu schlagen scheint. Des deutschen Volkes? Else Lasker-Schüler hält inne, als sie diese Bezeichnung ihres Schaffens hört. Krampfhaft packt sie einen bei der Hand, als ob man eine schwere Wunde aufgerissen hätte. Und dann überstürzen sich Worte, Gedanken, Gefühle! Sie schreit förmlich ihre Not hinaus! Eine Fremde ist sie in der deutschen Kultur! Sie erstickt, sie sehnt sich dorthin, wo sie ihre ureigene Schaffensquelle spürt. Ihre Sehnsucht heißt Palästina. Sie fühlt: dort könnte sie ein ganzer, voller Mensch werden; und sie weiß: dort würde sie jeder verstehen, der jüdische Wehmut kennt, wenn sie auch in fremder Sprache weiterschaffen würde. Hat sich denn das Jüdische in ihrem ganzen Schaffen nicht siegreich bewährt? Sie hat kein Wissen um das Judentum. Sie wurde in einem judenfremden Heim erzogen. Als junges Mädchen flüchtete sie aus dem Elternhaus in die afrikanische Wildnis, sie durchquerte die ganze Welt, aus allen Kulturen schöpfte sie — und doch flutet biblisches Judentum in allen ihren Erzählungen, Gedichten und all ihren buntschillernden Märchen und Legenden wie ein fernes, brausendes Echo. So hat die Sehnsucht des jüdischen Volkes auch die Seele dieser deutschen Dichterin hingerissen, und dieses verträumte, naive Kind, diese launenhafte Prinzessin, bebt wie Espenlaub vor Erregung, als man ihr von Erez Israel erzählt, von Chaluzim und hebräischen Dichtern, von den wundervollen Blüten der jüdischen Renaissance und vom Kampf um eine neue, eigene Kultur... Was ist Schaffen, was ist Ruhm, wenn dieses Schaffen, dieser Ruhm mit ewiger Zerrissenheit, mit einem ewige.;, fruchtlosen Kampfe erkauft werden muß? «Erez Israel» — wiederholen ihre bleichen Lippen. Sie bebt in Sehnsucht und Schmerz... Ist es nicht zu spät? Ist es nicht für sie ein hoffnungsloser Traum, wie er es für so viele andere jüdische Schaffende in Europa ist, deren Seelen in Stücke gerissen werde i wie die Rose, die sie früher entblätterte? Arme «Prinzessin von Theben»! Allerdings wuchsen Friedmanns Chancen, je aggressiver die Türken vorgingen. Als im Jänner 1892 die Türken auf Befehl des Wali von Medina, unter Berufung auf ihr Abkommen mit Aegypten, wonach das Midiangebiet an die Türkei abgetreten worden sei, Dubbah angriffen und den Ort, den die aus 7 Mann bestehende ägyptische Garnison, ohne Widerstand zu leisten, verlassen hatte, besetzten, glaubte man in ägyptischen Kreisen, daß sich dadurch Friedmanns Situation wesentlich verbessert habe. Man war der Ansicht, daß die Araber ihn in der Hoffnung, seine Siedlung werde des Konsularschutzes teilhaftig werden, «mit offenen Armen aufnehmen werden, ln dieser Annahme wurde er auch tatkräftig nur von den zivilen und militärischen Autoritäten englischen Ursprungs in Aegypten unterstützt»10). YVohl wurde Friedmann von der Bevölkerung freudig aufgenommen und sogar gebeten, die Ankunft eines Kriegsschiffes zu veranlassen11). Aber weder dies noch die Tatsache, daß am nächsten Tage nach der türkischen Besetzung von Dubbah, der ägyptische Kommandant Sadi-Bey Reifat die Türken aus dem Regierungsgebäude gewiesen hatte, verbesserten seine Position. Im Gegenteil, inzwischen erfolgte bei der ägyptischen Regierung eine Anfrage der Pforte, wieso sie auf den ihr nur zur Verwaltung überlassenen Midiangebiet Kolonisationen gestatten könnte. Muktar 10) Bericht des österr-ungar. Generalkonsuls in Kairo vom 25. Jänner 1892, Nr. 4 E (W. St ,A.). n) Idem, Beilage, J. Kreppei: „Wie der Jude lacht*4 Wien, 1933. In diesem Werke bringt der bekannte Verfasser jtidf» scher Themen eine Auswahl jüdischer Witze aus verschiedenen Gebieten des jüdischen Lebens. Insbesondere sind es Witze, die aus einer Selbstironie und Selbstverspottung hervorkommen und die wohl zum Lachen sind, aber auch oft die Traurigkeit des jüdischen Lebens vor Augen führen. Der Autor verstand es, durch eine große Fülle kurzer Erzählungen sowohl aus der Vergangenheit wie auch aus der Gegenwart die einschlägige Literatur auf treffliche Weise zu bereichern. Dem Buche wäre weiteste Verbreitung zu wünschen. Gastspiel Morris Lampe und Genia Schiit in den „Jüdischen Künstlerspielen** Der Leitung der Jüdischen Künstlerspiele (II., Praterstraße 34) ist es gelungen, nach dem Paul-Baratoff-Gastspiel zwei prominente Künstler für ein längeres Gastspiel zu verpflichten. Zunächst der Charakterdarste’’er und Regisseur Morris Lampe, dessen Leistungen für die jüdische Bühne und die jüdische dramatische Literatur allgemein anerkannt sind. Herr Morris Lampe wird auf Grund des in Aussicht genommenen Repertoires Gelegenheit haben, sich dem Wiener Publikum in seiner Vielseitigkeit als Schauspieler von Rang und moderner Reg sseur zu zeigen. Seine Partnerin, Frau Genia Schiit, die längere Zeit in Rußland, in Warschau und am Rigaer Staatstheater wirkte, gehört zu den prominentesten Darstellerinnen der zahlreichen Frauenrollen in den dramatischen Werken der jiddischen Literatur, wie Schalom Alejchem, Schalom Asch, David Bergeisohn, Leonid Andrejew und des amerikanischen Dichters O’Neill. Das interessante Gastspiel des Künstlerpaares beginnt Samstag, den 19. November. Zur Aufführung gelangt die Komödie in vier Akten «Tewjes Töchter» nach Schalom Alejchem, in ganz neuer szenischer Bearbeitung. Die Komödie wird durch Volksmotive teils heiteren, teils tragischen Charakters musikalisch untermalt. Der Kartenverkauf an der Tageskasse sowie in allen Kartenbureaus hat bereits begonnen. Telephonische Bestellungen unter R 40-0-94. Eine preisgekrönte Novelle von Dr. Martha Hofmann Anläßlich des vom «Neuen Wiener Journal» am 4. September d. J. veranstalteten, am 6. November d. J. entschiedenen Preisausschreibens nach der besten, dichterisch wertvollsten Kurznovelle, trug unter 774 Bewerbern aus dem In- und Auslande unsere Mitarbeitern, Schriftstellerin Dr. Martha Hofmann, den ersten Preis davon. Die preisgekrönte Novelle, «Der stumme Knecht», ist inr «Neuen Wiener Journal» v??r 6 November (Sonntag) erschienen. Heute Lehar-Premiere: «Heiratsnest» Heute findet in den Lux-Premierentheatern Opern-, Imperial-, Löwen-, Maria-Theresien- und Flieger-Kino die Premiere des ersten Originaltonfilms von Franz Lehar, der Lustspieloperette «H e i r a t s n e s t» («Es war einmal ein Walzer») statt. Martha Eggerth, Ernst Verebes und Paul Hörbiger spielen die Hauptrollen, das weitere Ensemble besteht aus Lizzi Natzler, Ida Wüst, Rolf van Goth» Albert Paulig und Marcel Wittrich. «Heiratsnest» zeichnet sich durch eine besonders lustige Handlung aus, die in dem Wien von heute spielt. «Das weibfiche Genie des 19. und 20. Jahrhunderts». Vortragszyklus von Schriftstellerin Dr Martha Hofmann, Wien, IX., Freiheitsplat? 13, Mezzanin, Tür 9. 6 Donnerstagabende von 7 bis 8 Uhr. Nächster Vortrag heute Donnerstag, 17. November 1932, pünktlich 19 Uhr: «Rahel Varn« hagen und Bettina Brentano». Telephonische Anmeldung A 27-6-68. Matinee Im Roten-Turm-Kino. Zu Gunsten der Lehrmädchen-Fürsorge im Dr. Krüger-Heim findet am Sonntag, den 20. d. M., um 11 Uhr vormittags, eine Vorstellung mit großem Ueberaschungsprogramm statt. «Franz-Joset»-B'tterwasser bewirkt prompte Belebung der darniederliegenden Verdauung. BaaBaaeaeasaesasBessasBBSsssssassssssaaB Pascha stellte sogar Untersuchungen an, wozu Friedmann Werndlgewehre mit habe und ob die Jacht Israel gepanzert sei. Erst die Tatsache, daß ihr Tonnengehalt (17) irgendwelche maritime Aktion ausschließe, beruhigte ihn teilweise.12) Ja. die Türkei befürchtete sogar, daß hinter Friedmann irgend eine Großmacht stecke. Derart war sie von der Angst beherrscht, et könnte ein neues Reich der Juden entstehen. All diese Nachrichten, sowie die Berichte Muktar Paschahs und der Gouverneure der benachbarten türkischen Provinzen genügten, den Sultan in Aufregung zu bringen und die unmittelbare Folge war, eine Demarche Rustan-Paschahs bei Lord Salisbury, in welcher darauf hingewiesen wurde, daß der Investitarfirman den Khedive nur in seinen alten Grenzen, das heißt denjenigen der Firmane von 1841 bestätigen könne.13) Demgegenüber berief sich Aegypten auf den Firman von 1879, mit welchem nicht nur die Grenzen ex anno 1841, sondern auch die «territores annexes» bestätigt wurden. Auf dieser Grundlage setzte nun von beiden Selten ein reger schriftlicher Meinungsaustausch ein. t (Fortsetzung folgt) M) Bericht aus Kairo vom 21. März 1893, Nr. 9 C (W. St. A.). 13) Idem. In diesen Firmanen ist die Ostgrenze Aegypten« durch eine von El-Arish nach Suez gezogene Linie b* »timmÄ