Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 4 (1931)
- Issue
- Heft 190 (27.8.1931)
- Date
- 1931-08-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. BEZUGS. BEDINGUNGEN Oesterreich monat Heb S 1VJ, 'Herteljlhrl S 4' ’O, gan2jährL S t&- Deutschld. vierteljährl. RM V- Tschechoslowakei viertel]. Kc 24*— [ugoslew?» «Hertel iihrl. l5L 40*- Poleu vierteljlhr lieh Zlotj 6*50 Ungarn vierteljährlich Pengö 4*20 Rum&nien vierteljihrl. Lei 120- Uebrige» Ausland vierteljährl Schw Franken 4*50 Jüdisdhe Zeitung um» Iutt 4. Wien, Donnerstag, 27. August 1931 (14. Elul 5691) Preis 35 g Erscheint jeden Donnerstag Redaktion und Administration Wien. I.. Kärntnerstrafte 28 Tel. R-27 4-86 Postsparkassenkonti; Oesten D 113-546 Polen 191.190 Tschechoslowakei 500.230 fugoslawien 40.879 urinier 190 IfnniJien in Palästina Die Gottlosen Nachrichten aut Rußland besagen, daß die jüdische Sektion der «Liga der Gottlosen» angestrengt arbeite, um möglichst viele Juden von dem Besuch der Synagogen an den bevorstehenden hohen Feiertagen abzuhalten. Es gibt in Sowjetrußland kein Gesetz, das den Juden verbietet, ihre religiösen Feste zu feiern. Aber es ist ja sattsam bekannt, wie man Widerspenstige in Rußland kirre macht. Ein einziges Wort läßt Tausende um ihr Leben zittern: Konterrevolution. Nie noch wurde es so klar, wie durch das Sowjetregime, daß die Staatsform Nebensache, das Maß der Freiheit des Bürgers Hauptsache ist. Was hat sich politisch in Rußland geändert? Früher herrschte unbeschränkt der Zar, jetzt herrscht unbeschränkt eine «proletarische» Oligarchie. Sibirien ist Sibirien, Verbannung — Verbannung geblieben. Nur die Opfer sind andere, darunter auch ungezählte religiöse Juden. Warum? Weil sie Juden sind. Zionismus? Eine konterrevolutionäre Bewegung im Interesse des imperialistischen England. Jüdische Religion? Opium fürs Volk, reaktionär, also konterrevolutionär. Unter diesen Auspizien gehen die russischen Juden den hohen Feiertagen entgegen. Mit Wort und Schrift wird dem gläubigen' Juden zugesetzt. Der Fünfjahrplan ist heilig. Jüdischer Arbeiter, wenn du zu Rosch Hachanah und Jom Kippur der Arbeit ferne bleibst, gefährdest du den Fünfjahrplan. Deine ökonomische Inaktivität treibt Wasser auf die Mühle der Reaktion, du bist Konterrevolutionär. Jüdischer Arbeiter, du schickst deine Kinder in die Synagoge, du läßt sie Hebräisch lernen? Bist du ein echter Sohn der Revolution, so stimme dafür, daß diese Synagoge in einen Lenin-Klub umgewandelt werde! 0, es ist eine Lust, in Rußland ein gläubiger Jude zu sein. Wer sind aber die Reschoim, die unsere Brüder in Rußland derart in ihren heiligsten Gefühlen bedrängen? Russische Kommunisten? Weit gefehlt — es ist Blut von unserem Blute; es sind jüdische Kommunisten, die mit der Berserkerwut der Neubekehrten gegen ihre eigenen Väter und Brüder wüten; es ist jene Sorte von Menschen, die immer auf Seite des Stärkeren ist, wo es Schwächere gibt; es sind dieselben Menschen, die im alten Rußland ihr jüdischer Minderwertigkeitskomplex ins Lager der Sozialrevolutionäre trieb; heute sind sie Ueberkommunisten. Eine spezifisch jüdische Erscheinung? Nein, eine internationale, aber mit einem gewichtigen Unterschied: uns werden politische Konjunkturmenschen angekreidet, anderen Nationen nicht. Der Antisemitismus, die Politik des dummen Kerls, stempelt uns Juden je nach Bedarf zu Kommunisten oder Kapitalisten. Nach diesem bewährten Rezept sind alle russischen Kommunisten Juden. Man müßte lachen, wäre es nicht tief traurig. Millionen russischer Juden, die nichts wollen, als Juden sein, die nur am alten Glauben festhalten wollen, blicken sehnsüchtig nach Zion, leben nahezu ein Marranenleben unter der kommunistischen Knute. Macht nichts, Jud bleibt Jud, Kommunist bleibt Kommunist, also ist der Jud ein Kommunist für die Antisemiten außerhalb Rußlands. Seht ihr nicht die Gefahr? Erschüttert euch nicht die Tragödie unserer russischen Brüder? Erkennt ihr nicht, daß das Problem der russischen Juden das Zentralproblem des Weltjudentums ist, sowohl ökonomisch wie politisch? Und ihr wollt wissen, wie ihr unseren russischen Brüdern helfen könnt? Es gibt nur einen Weg, den müssen wir bahnen: den Weg in das Land unserer Väter, den Weg nach Erez Israel. Wir müssen daran denken, daß einmal der Tag kommen wird, da wieder russische Juden, die uns unsere besten Pioniere gegeben haben, in i Massen Erez Israel zustreben werden. Werdet ihr ln Nablus wurde geschossen Die «J. T. A.» meldet am 25. August aus Jerusalem: Sonntag, den 23., 5 Uhr nachmittags, haben die Araber die Polizei in Nablus attakiert. Als die Polizei die Demonstranten zerstreuen wollte, wurde während des Zusammenstoßes der Nabluser Polizeichef verwundet. Auch drei Araber wurden verletzt. Die Menge begann auf die Polizisten Steine zu werfen, worauf diese von den Schießwaffen Gebrauch machen mußten. Militär wurde herbeigerufen, um alle Regierungsgebäude zu besetzen und die Straßen von den Demonstranten zu säubern. Jetzt steht Nablus unter Militärkommando. In anderen palästinensischen Städten verlief der Sonntag vollständig ruhig. Am selben Tag wird der «Neuen Freien Presse» aus Palästina gedrahtet: In Nablus kam es zu einem Zusammenstoß. Während die amtliche Mitteilung besagt, daß niemand schwer verletzt wurde, melden die arabischen Blätter, es seien zahlreiche Manifestanten und Polizisten ver- Marqueß of R e a d i n g, der neue Außenminister, hieß ursprünglich Rufus Daniel Isaacs. Im Jahre 1860 geboren, ging er seinem Vater, einem Londoner Fruchthändler, als 14jähriger Knabe durch, um Schiffsjunge zu werden. Dann studierte er in Brüssel und Hannover und wurde Rechtsanwalt an der Londoner Effektenbörse. 1904 schickte ihn der Wahlkreis Reading als liberalen Abgeordneten ins Unterhaus. 1910 wurde Isaacs Generalstaatsanwalt, 1912 Lord-Oberrichter von England; damals erhielt er den Lordtitel mit dem Namen seines Wahlkreises Reading. 1915 und 1917 wurde er mit wichtigen St.ui! •aufträgvn nach Amerika entsendet; das Jahr 1920 sah ihn wieder als Lord-Oberrichter. Die Ernennung zum Vizekönig von Indien im Jahre 1921 verdankte Reading seiner Freundschaft mit dem Premier jener Zeit, Lloyd George, aber auch der Objektivität, mit der er als Justizchef die Schuld britidann noch immer über Formeln brüten und nachzuweisen versuchen, daß Weizmänn es schlecht gemacht habe, und werdet ihr weiter Erez Israel verdorren lassen? Dann wehe uns und unseren russischen Brüdern! Worte und Proteste? Gut, aber nicht als Ersatz für Arbeit und Geld. Richtet euere Worte und Proteste an das Gewissen der Welt, zeigt ihnen das wahre Gesicht des Judentums und seine Leiden in Rußland, aber arbeitet und opfert! Un^l noch eines. Unsre Geschichte ist zu alt, als daß sie uns Neues zeigen könnte. Die Hellenisten vor dem Auftreten der Makkabäer, die Pfefferkörner, die wundet worden. Die Erregung soll sich noch nicht gelegt haben. Interessante Einzelheiten — ihre Richtigkeit ist zur Stunde nicht festzustellen — bringt das «Neue Wiener Tagblatt». Wir drucken diese Drahtmeldung auf Verantwortung des genannten Blattes ab: Der Sonntag ist in Palästina wieder sehr unruhig verlaufen. Im Zeichen des Generalstreiks der Araber wegen der den Juden erlaubten Anlegung von Waffenlagern zogen in der mohammedanischen Stadt Nablus Tausende von Arabern mit ihren Frauen durch die Straßen. Zum erstenmal ln der Geschichte des Islams marschierten 300 verschleierte Frauen mit und erfüllten mit ihrem Geschrei gegen die englische Mandatherrschaft stundenlang die Stadt. Als die Demonstranten in das Geschäftsviertel eindringen wollten, stellte sich ihnen eine großes Polizeiaufgebot entgegen, das gegen die Araber, die die Polizei mit Steinen bewarfen, schießen mußte. Sechs Araber blieben, von Kugeln getroffen, liegen. Die Empörung der Bevölkerung war so groß, daß aus Jerusalem Polizei sowie Militär und Panzerwagen geholt, werden mußten. scher Behörden am Blutbad von Amritsar zugegeben hatte. Der neue Innenminister Sir Herbert Samuel, 1902 als Liberaler ins Unterhaus gewählt, trat 1909 als Kanzler des Herzogtums Lancaster zum erstenmal in ein Kabinett ein. Von 1910 bis 1914, dann von 1915 bis 1916 war er Generalpostmeister, dazwischen Handelsminister, und von 1916 bis 1917 Innenminister. Im Jahre 1920 in den Ritterstand versetzt, erhielt er das Amt eines Oberkommissärs von Palästina, wo er die seit der militärischen Besetzung im Jahre 1918 installierte Militärverwaltung ablöste. Im Juni 1925 kehrte Samuel nach England zurück. Er betätigte sich durch Jahre im Organisationsausschuß der liberalen Partei und ist Vertreter Lloyd Georges in deren Führung. I Talmud Verbrennungen, die Gottlosen in Rußland — I es ist schon alles dagewesen. Dageblieben aber ist immer das jüdische Volk. Daß aber dieses wunderliche alte Volk nicht zermahlen werde zwischen den Mahlsteinen einer feindlichen Welt, daß es einer besseren und schöneren Zukunft entgegenge.ht, dafür haben wir zu sorgen. Wir können nicht gegen die Gottlosen in Rußland arbeiten, dort arbeitet der zähe, unbeugsame Wille von ungezählten, glaubenstreuen Juden. Wir müssen in unseren Ländern arbeiten, um rechtzeitig unseren verfolgten russischen Brüdern die rettende Hand reichen zu können. Dann wird die jüdische Sektion der russischen Liga der Gottlosen ein, wenn auch unrühmliches, Blatt der jüdischen Geschichte gewesen sein. Dr. Oskar Gränbamn. Fortsetzung des Romanes v. Avigdor Ha8D@ifi „Der große Wahnsinn'“ auf Seite 7 Herbert Samuel und Lord Reading in der neuen britischen Regierung Passfield nicht mehr Kolonialminister Die neue britische Koalitions-Regierung ist gebildet. Die Arbeiterregierung wurde von einem Konzentrationskabinett, in dem sowohl Mitglieder der Labour -Party, wie auch der Konservativen und der Liberalen sitzen, und in der MacDonald die Stelle des Priinemiiilsters beibehält, abgelöst. Dieses wichtige Ereignis ist auch für die zionistische Bewegung zweifellos von großer Tragweite. Die zionistische Exekutive ist, infolge Wechsels der Personen in der Regierung, vor eine neue Situation gestellt. Die Tatsache, daß Passfield nicht mehr Kolonialminister ist und daß zwei Juden — Herbert Samuel und Lord Reading —, die unserer Sache zweifellos naBiesteftien und die zionistisch gesinnt sind, zu Ministem ernannt wurden, erlaubt die Hoffnung zu hegen, daß die Stellung des neuen Kabinetts anders als die der früheren MacDonald-Regierung sein wird. Zum Wechsel in der britischen Regierung und zur Bedeutung dieses Ereignisses für die zionistische Bewegung werden wir selbstverständlich noch ausführlich Stellung nehmen.