Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 2 (1929)
- Issue
- Heft 93 (26.9.1929)
- Date
- 1929-09-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE STIMME Nr. 98 Die Stimme der Vor einer neuen Alljah Eine merkwürdige Tatsache: Vor 80 Jahren befand sich in Jaffa noch kein Jude, in Haifa nur einige wenige Familien. Seit einigen Dezennien bemühen wir uns, in Ramieh, Gaza und Berseba Fuß zu fassen, jedoch vergeblich. In Akko begann plötzlich ein jüdischer Jischuw zu entstehen. Wie ist nun erklärlich, daß in Haifa und Jaffa, respektive Tel Aviv und zuletz in Akko starke jüdische Siedlungen entstanden, während in den übrigen oben genannten Städten solche sich nicht halten konnten? Die Lösung des Rätsels Hegt in den j U d isehen landwirtschaftlichen Siedlungen, die in der Umgebung dieser Städte geschaffen wurden, respektive In dem Mangel an solchen in der Umgebung von Ramieh, Gaza und Berseba. Schaffung und Stärkung' derjüdischenLandwirtschaft zieht dleEntwicklung der jüdischen Stadt nach sich. Je dichter die jüdischen landwirtschaftlichen Siedlungen, desto stärker das jüdische Element in der Stadt. Eine zweite interessante Tatsache: Ueberall da, wo dichte jüdische Siedlungen bestehen und speziell junge, arbeitende Juden leben, schlugen zuletzt alle Angriffe der aufgehetzten Araber fehl. Im Gegenteil: Vereinzelte jüdische Punkte und noch dazu solche, in denen von modern-jüdischem Geiste noch nicht beseelte junge Menschen leben, waren das Ziel der leider erfolgreichen Angriffe unserer Feinde. Die Leistungen unserer Pioniere bis zum Kriege schufen die Grundlage für die Balfour-Deklaration. Die Leistungen nach dem Kriege errangen uns die Sympathien der Kulturwelt. Das bisher Geleistete war schon so stark, daß der gegnerische Generalangriff scheiterte. Was bedeutet aber die Stärkung der jüdischen Landwirtschaft, der jüdischen Stadt, die Dichte der jüdischen Siedlungen und die Unerschütterlichkeit unserer Gesamtposition im Lande? Alljah, Einwanderung, stetes und niemals aufhörendes Einströmen neuer junger Menschen ins Land, Verwurzelung im jüdischen Erdreiche, lebensvolle Verknüpfung mit dem Wirtschaftsleben unseres Landes. Das Volk fühlt dies endlich: Die Schiffe nach Erez Israel sind voll besetzt, viele Einwanderer sind Rückreisende und müssen warten, weil sie keine Plätze finden. Ein Briefwechsel Liebe Frau! «I am a woman and a jew» heißt ein Buch von Leah Morton und es hat mich seltsam ergriffen, als ich diese Aufschrift las. Ich weiß nicht, wie das Werk ist: ein Denkmal jubelnder Bekenntnis oder niedrige Verleugnung. Ich las es als Aufschrift in irgend einer Wiener Buchhandlung. Ich fühle es und eine Dichterin sprach es. Ich bin allein hier mit meinem Judentum, allein mit der Begeisterung zur großen, heiligen Arbeit. Ich. bin in einer Stadt, wo keine Juden wohnen. Die. Juden, die für Zion denken, wohnen anderswo, nicht In der kleinen Stadt Wels, das nur Pseudojuden hat. Wie gern sagte ich ihnen: «Ich sehne mich nach den Juden! Ich möchte mit ihnen für Erez Israel arbeiten.» Die Juden, die hier sind, mögen ja gute Menschen sein, weiß Gott, sie.erfüllen sicher ihre engeren Menschenpflichten. Wahrlich, sie sorgen treulich füi ihre Familie, vielleicht auch noch für einen Armen dann und wann, aber sie stecken weiterhin in ihren Spießbürgeridealen drin, die ein kleinlicher Egoismus sind. Sie sind vielleicht zu träge, bei der großen Sache mitzutun, sie glauben nicht an ein Gelingen oder sie haben keine Zeit. | Das meine ich von allen Juden, die nicht an diese herrliche, moralische Pflicht ihres Volkes denken. Und die fanatischen Gegner? Das sind Träumer! und wehe! Sie sind nicht glücklich im Traume, wenn sie hassen 1 Die alten, guten Gettomenschen, die von der Phantasiemär Messias’ weiterklinden, haben im Feuer der Rede — geschlafen. Es hätte keinen Zweck, hier eine Mission zu erfüllen. Ich bin allein mit meinem Judentum, allein mit der Begeisterung zur großen, heiligen Arbeit. Ich heiße Rosa und bin fast 15 Jahre alt. Ich bin Schülerin (im Gymnasium) und die einzige Jüdin ei r Klasse. Ich will mithelfen und Ich weiß nicht — wie. Würden Sie mir eine Anleitung dazu geben? Ein Mädchen, das mit Gleichgesinnten sprechen Wo ist die Angst vor Pogromen, vor Unruhen geblieben? Nicht nur die Jugend strömt ein, auch die Erwachsenen kehren ln aller Ruhe, in aller Selbstverständlichkeit heim. Denn zum ersten Male seit 2000 Jahren beginnt nicht nur der einzelne Jude, sondern d a s j u d i s c h e V o 1 k ein Heim zu besitzen. Die große Alijah beginnt . . . Dr. Chaim Tartakower. Konferenz der dem Zionistischen Landeskomitee unterstellten Jugendgruppen Samstag, den 21. d. M. wurde die vom Jugendrat der Zionistischen Organisation einberufene Tagung der Mitglieder aller JtigendgfUppen, die dem Zionistischen Landeskomitee unterstellt sind, abgehalten, an der sich alle Jugendliche, dl« über 14 Jahre alt sind, beteiligten. Die Tagung wurde um 7 Uhr abends durch Julian Ahron eröffnet. Als erster referierte Dr. N. M. Oelber über die Ereignisse in Palästina und Ihre Bedeutung für die Zionistische Jugend. Sodann begrüßte die Tagung Dr. Tartakower namens des Zionistischen Landeskomitees, sowie ein Vertreter des «Hechalus». Die eigentliche Tagung begann mit dem Bericht der Vertreter der einzelnen Jugendgruppen und der Information über die in der betreffenden Jugendgruppe herrschenden Anschauungen. Schrötter referierte namens des Bundes «Zirenu». Dem Bund gelang es im letzten Jahre, die Zahl seiner Mitglieder zu verdoppeln. Er umfaßt heute 160 Mitglieder. Die Erwachsenen bleiben im Bunde und haben auch die Aufgabe, die zionistischen Sektionen in ihrer Arbeit zu fördern. Das Ziel des Bundes sei cs, die Mitglieder zum Zionismus, jedoch nicht für eine bestimmte Richtung zu erziehen. Das gilt auch für das Verhöltnis des Bundes zum Sozialismus, Der Bund ist vor allem zur Gewinnung und Erziehung seiner Menschen für die zionistische Sache geschaffen. Zirka 30 Mitglieder des Bundes haben eine sehr gründliche Handwerkshachschara erhalten. Der Bund wird auch positiv am Hechaluz mltarbeiten. Als Zweiter berichtete P a i s namens des Vereines «Erez Israel», der in diesem Jahre seinen zehnjährigen Bestand feiert. In der Vergangenheit hat der Verein zwei chaluzlsche Gruppen aus seiner Mitte hervorgebracht, die nach Palästina gingen. In den letzten Jahren hat er seine Tätigkeit vor allem auf die Qegenwartsarbeit verlegt. Der Verein wird jetzt seine chaluzische Vorbereitungsarbeit f Wieder aufnehmen. Der Verein zählt 90 Mitglieder. — Schließlich referierte noch, namens des «B t \ t h T r u m p e I d o r» Aron Sternberg. Der Bund trete für den integralen Zionismus Jugend ein, d. h. für die Schaffung des Judenstaates in Palästina. Er sei gegen den Klassenkampf, seine Mitglieder erhalten eine dreifache Hachschara, eine geistige, eine fachliche und eine militärische. — Die Referate waren alle sehr sachlich, das Interesse der Versammelten war andauernd rege, die Gesamtstimmung eine sehr würdige. Die Fortsetzung der Konferenz folgt am Donnerstag, den 20. September, 7 Uhr abends, XX., Denlsgasse 33. „Wir wollen gemeinsam arbeiten!" .« Endlich haben sie den Weg zueinander gefunden, die rechten und die linken Jugendorganisationen und Studentenverbindungen, Wir naben uns vereinigt Im Sinne der V. AHiah und im Zeichen der schrecklichen, unendlich traurigen Ereignisse in Palästina. Wir haben uns zusammengescnlossen, um die Alijah und Hachscharah unserer Chaluzim zu unterstützen, um?;emeinsam mit diesen Pionieren des Judentums Erez Israel aufzubauen. E$ ist vielleicht unnötig, in diesem einen Moment der Einigung über die verschiedene politische Einstellung der einzelnen Gruppen und Verbände zu sprechen. Aber nichts soll unausgesprochen bleiben. Bei der konstituierenden Versammlung dieser neuen Arbeitsgemeinschaft «L’maan Erez Jjsrae!» erklärten alle Delegierten einmütig: «Wir wollen gemeinsam arbeiten, unsere Ideologie aber geben wir nicht auf.» Ja, noch mehr: wir werden sogar den Kampf untereinander, den politischen, oder sagen wir ideologischen, mit aller Kraft weiterführen, Aber es soll kein kleinlicher Parteikampf sein, sondern ein großer, edler Wettkampf um die Herzen unserer Jugend.» Wir sind uns dessen bewußt, daß es jetzt ums Ganze geht. Deshalb wissen wir auch, welche Pflicht auf unseren Schultern ruht, und wir sind entschlossen, zu arbeiten, Wir wollen gemeinsam arbeiten, wir wollen einen ehrenvollen Anteil am modernen Jischuw haben. Alljah, Hachscharah, Chaluzijuth — das sind keine problematischen Schlagworte, keine Phrasen mehr für uns, sondern Wahrheit, so wahr, wie Erez Israel und Herzls Zionismus. Schließlich wollen wir aus den jüngsten Vorfällen ln Palästina die Lehre ziehen, daß nur . ein geeintes Judentum imstande ist, den Sieg in Erez Israel und in der Galuth zu erringen. Wir wollen stets der Worte unseres Führers und Propheten Theodor Herzl eingedenk sein: Wir sind ein Volk, e i n Volk. Isidor Goldstein. wmmpummmmmmmammummmmmmmmmmammmmmmmmmmßammmmmmmmamsmammmm möchte, das keine Vorträge über Judentum und Zionismus hören kann und keine Ausflüge mit den jungen Zionsfreunden macht, bittet um Rat. —■ Ich wäre glücklich, wenn Sie mir raten würden. Aber ich bin sehr unbescheiden und will noch weiter bitten. Ich höre so viel von der «Hatikwah», die die Zionisten singen und ich kenne das Lied nicht. Darf ich um den Text und die Melodie dieses Liedes bitten? Ich habe den Zionismus im Herzen gefunden. Dann begann ich mir Schriften, Bücher und die «Stimme» zu kaufen, Jede Woche wird sie mir geschickt und dann ist es etwas ganz Wunderschönes um mich, denn ich höre von diesen, die Ich ehre, ich trauere mit denen, die die braven, toten Zionskämpfer beweinen. Ich würde am liebsten, das Blatt hochschwenkend, zu diesen hinstürzen, die die Juden hassen und verachten und ihnen zeigen, wieviel junge Leute Wiens sich zum Kampfe gegen die Aufständischen meldeten. «500!» würde Feh im Stolze jubeln. «Das sind die Kinder der feigen Schmutz- und $sujudeo! würde ich rufen und ihnen zeigen, daß das «habgierige Volk», das Volk des größten Hochbildes ist! Ich glaube, ich würde sogar reden können zu ihnen in einer Posaunensprache des Erleuchteten l Jetzt habe ich geschrieben und warte auf Ihre Worte. Es grüßt Sie Rosa. Antwort an Rosa G. ln Wals. Du hast mir geschrieben, Hebe Rosa, und ich habe in einem Atem, immer gespannter und immer bewegt, Deinen enthusiastischen Brief, kommend aus einem heißen, jungen, ehrlich ringenden Herzen, gelesen. Du bist 15 Jahre alt, liebe Rosa, — bist einsam mit Deiner starken, glühenden Zionsliebe allein inmitten einer Stadt, in der jeder Ladenschwengel glaubt, seinem «deutschen Hochbild» zu dienen, indem er das Judentum besudelt. «Der Zweck heiligt die Mittel» glauben manche, vom heuchlerischesten Scheinideallsmus der modernen Kultur betrogen — jenem heuchlerischen Schcinidealismus, der einmal in der Kutte des Jesuitenpaters auftritt und ein andermal wieder im Khakianzug des englischen Kolonlalbeamten stolziert, Beider Ziel ist dasselbe: Herrschaft und ihre Mittel sind Brand und Krieg, Gemetzel der Kreuzfahrer und das Blutbad von Hebron. Wir aber wissen, daß vielmehr die Mittel denZweck'entheiligen. Unser Zweck ist Zion. Das ist mehr als das Territorium von Palästina, ja mehr als Palästina samt Transjordanien. Unser Zweck ist Zion und das ist mehr als bloßer Nationalismus. Es scheint, daß gerade der heutige Augenblick in der Geschichte des Zionismus uns auf die Probe stellt, wie weit es uns ernst ist mit diesem Namen, wie weit wir wahrhaft Zion lieben. Denn es ist leicht, heute an Palästina zu verzagen, lejeht, als Feind Zions zu triumphieren: «Wir haben es ja immer gesagt . . .» Was denn, was habt Ihr gesagt? Daß der Sieg eines reinen Willens über den Blutrausch eines fanatisierten Massenegoismus nicht der leichteste sei? Daß unendliche SeeJenkraft not tut, vieles zu überwinden? Habt Ihr das gesagt? Oh, dann sind wir einig, , Unser Weg nach Zion — der Weg aller Menschen und besonders der unsere ~~ ist unsäglich schwer. Die Unruhe und das Blut dieser Tage wird versiegen. Aber unsere Aufgabe, unsere steinige, müjK same, dornige Arbeit in Erez Israel bleibt. Und die»« uns selbst apzuringen, ist das größere Heldentum. Unser Heldentum muß eine menschliche Beziehung zu den Arabern schaffen, die von uns aufstrahlt, wenn erst wieder die Luft rein ist von der Beize des Blutes. Aber dies verstehen die wenigsten von uns selbst. Weil unverbunden und beziehungslos, daher fremd und feindlich, e 1 n Volksegoismus dem anderen gegenübersteht. Fremd, einsam, beziehungslos — ich fürchte, auch Du, liebe Rosa, kennst den bitteren Sinn dieser Worte durch Deine Umgebung. Aber Du sollst nicht länger vereinsamt bleiben# «allein mit Deinem Judentum, allein mit der Begeisterung zur großen, heiligen Arbeit». Deine Worte werden Dir, wie ich fest vertraue# eine Brücke zu unserer Gemeinschaft schlagen. Ich sende Dir unseren Gruß; Schalom ubrachahl Dr. Martha H o f m a n n*