Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 1 (1928)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1928)
- Date
- 1928-03-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Nr. 10 AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA* ► ► Vereinigte Jüdische Weinbauerngenossenschaft Richon-le-Zion & Zichron-Jacob (Pfopr. Baron Edmonde de Rothschild) Palästina empfiehlt ihre SORTENWEINE in Fässern und Flaschen Repräsentanz und Alleinverkauf GUSTAV WILDER WIEN, IV. Bezirk, Blechturmgasse Nr. 12 — Telephon Nr. 53-5-92 Die Weine entsprechen den rituellen Vorschriften daß die Juden Westeuropas solche staatlich-territoriale nationale Aspiration nicht haben konnten. Ferner waren die Weststaaten national einheitlich, und deshalb konnten die Juden allein ihre nationale Heterogenität nicht zum Vorscheine bringen, um so mehr, als sie nur einen geringen Bruchteil der Bevölkerung, nirgends mehr als 1 Prozent ausmachten. Fügen wir noch hinzu, daß die Juden in den Weststaaten zur Oberschicht gehören oder mindestens dorthin tendieren, so wird es klar, daß sie sich nur durchaus zentripetal, nicht aber zentrifugal einstellen konnten. ha*'*. .... .>,• .'•V- K '' V. tite-.-jr#::---.Mtn fl;. Ludwig August Frankl in seinen letzten Lebensjahren. (Nach einem Stich von Eigner, im Besitze des Wiener Jüdischen Museums.) Ganz anders lagen die Verhältnisse im Osten Europas, in Altrußland und den östlichen Teilen Altösterreichs, in Rumänien und den anderen Balkanstaaten. Dort führte in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts vor zwei Generationen die Judenheit ein eigenartiges nationales Leben. Gesellschaftlich von den Nichtjuden getrennt, sowohl geistig wie auch räumlich zusammengepfercht in den Flecken und Städten, in denen sie die einzige Bevölkerung, beziehungsweise den überwiegenden Teil derselben bildeten, in geschlossenen Siedlungen zusammengeballt, die eigene Familiensprache gebrauchend, geistig tief in der vieltausendjährigen hebräischen Kultur, die zwar hauptsächlich, aber nicht ausschließlich religiös war, versunken, mit einem eigenen Lebenshabitus, Sitten, Bräuchen und Gewohnheiten, ohne organisatorischen Klimbim tatsächlich straff organisiert in den Gemeinden, die zusammen mit den Rabbinaten weitgehende verwaltungstechnische und sogar richterliche Funktionen ausübten, und über allem die Religion, die das Leben des einzelnen und der Gesamtheit vom frühen Morgen bis spät in die Nacht bestimmte — dies alles schuf eine Gruppenbildung von einer besonders prägnanten Färbung, deren Anderssein sowohl subjektiv wie objektiv fast somatisch gespürt wurde. In dieser geschlossenen, scheinbar versteinerten, von Jahrtausenden geheiligten Lebensart beginnt zu jener Zeit, wirtschaftlich und geistig zugleich, der Prozeß der Auflösung der überlieferten Formen, und nun taucht die große Frage auf: Was sind wir, wie ist unsere Stellung zur Außenwelt, zu uns selbst? Am Anfänge war die Imitation Parole. Nur die Oberschicht wurde damals von den neuen Winden berührt, und ihr schien es sehr einfach, daß man bei uns das tun soll, was man drüben gemacht hatte, ■aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaM^acinaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa* j Original englische Herren-Stoffe j ■ in großer Auswahl finden Sie sehr preiswert im S TUCHHAUS j IS. ENGLER ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■Baaaaawaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa*aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa Wien, I. Laurenzerberg 5 (Ecke Adlergasse, gegenüber Caf6 Silier) Also: die Aneignung der Landessprache, Aufgabe der eigenen Sitten, mit einem Wort — Assimilation. Man dachte, dadurch werde der Gegensatz zwischen Juden und Nichtjuden verschwinden, die Messiaszeiten würden noch auf die Erde kommen. Die fürchterlichen Pogrome in den Achtzigerjahren in Südrußland, das Aufflackern einer mächtigen anti* semitischen Bewegung, namentlich in den östlichen Teilen der Habsburger Monarchie, die nie aufhörende Drangsalierung der Juden in Rumänien brachten die Ernüchterung, und es beginnt ein allmähliches Erstarken der nationalen Tendenzen, die in der ersten Phase radikal-territorial gefärbt waren. Es würde uns zu weit führen, die Geschichte der Ideologie des jüdischen nationa- 1 e n Erwachens — und wenn auch nur kurz — zu schildern. Hier sei bloß erwähnt, daß ein Wendepunkt in der Geschichte der jüdischen nationalen Bewegung das Jahr 1897 war. Die beiden einander bekämpfenden Strömungen (die national-zionistische und die sozialistische) haben ihre Organisationsformen in diesem Jahr erhalten. Die erstere durch den von Theodor Herzl einberufenen Zionistenkongreß in Basel, die zweite durch die Bildung der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei »Buna«, Wenden wir uns nun der objektiven Sachlage im Osten zu und versuchen wir sie mit derjenigen im Westen zu vergleichen, so ergeben sich folgende wichtige Momente. Die nationale Frage und dadurch auch die allgemeine nationale Einstellung ist in diesen Staaten von eminenter großpolitischer Bedeutung. Das gilt insbesondere für die Zeit vor dem Zusammenbruche der großen, mehrnationalen Monarchien, als auch für diejenige der Bildung der Nationalstaaten. Der Unterschied liegt im Grade der Spannung zwischen Juden und Nichtjuden und in denjenigen Machtmitteln, die zur Verfügung der nichtjüdischen Mehrheit standen. Es ist klar, daß bei dieser allgemeinen Nationaleinstellung die nationalen Gegensätze besonders klar hervorstechen, und zwar sowohl objektiv wie subjektiv: objektiv dadurch, daß die Machtmittel dazu angewendet werden, die Juden wirtschaftlich zu verdrängen, politisch hintanzuhalten, kulturell niederzuhalten; subjektiv durch das Bekenntnis der großen jüdischen Massen zur eigenen Nationalität. Dazu gesellt sich die Tatsache, daß die Juden im Osten nirgends die einzige nationale Minderheit sind, daß sie vielmehr in vielen Orten unter zwei einander bekämpfenden Nationen leben (Ruthenen und Polen in Ostgalizien, Tschechen und Deutsche in der Tschechoslowakei, Großrussen und Ukrainer in der Ukraine usw.). Es liegt auf der Hand, daß es bei der Gegenpartei böses Blut machen kann, wenn wir uns der einen oder der anderen Partei anschließen, denn wir werden dann als Helfershelfer der »Unterdrücker« verschrien. Somit ist es auch eine Frage der politischen Kalkulation, sich in diesen Zwist nicht hineinzumischen und sich unter Hervorhebung der eigenen Nationalität neutral zu verhalten. Diese Entscheidung ist auch den kämpfenden Parteien am liebsten. Diese Entwicklung wurde begünstigt vor allen Dingen durch die numerische Größe der Juden in den Ostländern. Es war eine Kleinigkeit für die Weststaaten, ein zehntel, ein halbes oder sogar ein ganzes Prozent Juden aufzusaugen, ohne daß dadurch eine stärkere Reaktion auf beiden Seiten entstehen konnte; ganz anders lagen die Ver- . Ludwig August Frankl Ein Führer in den Märztagen 1848. Von Dir. Siegfried Altmann. „Man wäre schon sehr weit in der Morallehre, wenn man alle Züge unterscheiden könnte, die Stolz und Eitelkeit voneinander scheiden. Der Stolz ist mitunter hochmütig, aber ruhig und unerschütterlich. Die Eitelkeit ist unsicher, unruhig und schwankend. Es gibt eine Art Stolz, die alle Gebote Gottes einschließt . . .“ Auf dieses Wort Chamforts komme ich immer, so oft ich mich mit Ludwig August Frankl befasse, der zu -den populärsten Gestalten gehörte, von dem aber die Gegenwart kaum mehr als den Namen kennt. Ereignisreich war der Zeitraum, den sein Leben, dessen hervorragendste Momente wir an unserem Blicke vorübergehen lassen wollen, durchmaß. Frankls Wiege stand in Chrast, einem kleinen böhmischen Bischofsstädtchen des landschaftlich sehr begünstigten südlichen Elbegebietes. Anmutige Gefilde wechseln mit Wald und Auen reich ab, die Fernen — weit und lohnend — weisen mäßige und begrünte Gebirgsketten auf. Das ganze Bild bietet viel äußere Anregung und wer den Trieb nach künstlerischer Betätigung in sich trägt, der kann hier unvergängliche Eindrücke sammeln. In solcher Umgebung verlebte der Dichter die Kindheit in glücklichen. wenn auch bescheidenen Verhältnissen. Väterlicherseits stammte Frankl aus einem palästinensischen Geschlechte, das als zwei seiner Ahnen, jene nach Oesterreich ausgewanderten Männer Isaak und Israel Frankel nennt, die im Jahre 1671 bei der Vertreibung der Juden aus Wien für die Erhaltung des jüdischen Friedhofes in der Roßau eine sehr beträchtliche Geldsumme beim Magistrat erlegten. Ein Enkel des genannten Israel war Leopold Frankl, des Dichters Vater, der zu jenen Männern zählte, „deren frommer Wunsch es ist, das, was ihnen selbst abgegangen, an den Söhnen realisiert zu sehen.“ Zur näheren Charakteristik der Eltern sind die Momente spärlich gegeben, doch läßt das wenige, das aus deren Leben mitgeteilt wird, auf ein reiches Gemüt und auf eine tiefgründende Religiosität schließen. Den ersten Unterricht erhielt der Knabe im Hause der Eltern, wo er neben der deutschen die tschechische Sprache lernte. Ein Hauslehrer unterwies ihn im Hebräischen und in der Bibel. Dieses Buch, „groß und weit wie die Welt, wurzelnd in die A begründe der Schöpfung und hinaufragend in die blauen Geheimnisse des Himmels ... Sonnenaufgang .und Untergang, Verheißung und Erfüllung, Geburt und Tod, das ganze Drama der Menschheit einschließend“, dieses Buch der Bücher las Frankl schon frühzeitig mit einer überwältigenden Empfindung. Durch einen katholischen Pfarrer in den literarischen Gegenständen wohl vorbereitet, wurde er zu Ende 1823 Schüler des Piaristengymnasiums in Prag, wo er durch seine historischen Ausarbeitungen und stilistischen Aufgaben — freilich aber immer wieder nur durch diese — die Aufmerksamkeit seiner Lehrer auf sich lenkte. Der Ernst des Lebens pochte schon in dieser Zeit an der Tür des Jünglings. Nach dem 1825 erfolgten Tode seines Vaters sollte er als ältester Sohn Leiter des Tabakdistriktsverlages werden. Zu seiner Freude aber nahm dieser Plan keine feste Gestalt an und Frankl ging — sich selbst überlassen — nach Leitomischl, um am dortigen Lyzeum Philosophie zu hören. Der Sommer des folgenden Jahres bildete einen entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben. Auf einer Ferienreise nach Wien übergab er dem Freiherrn von ITormayr ein episches Gedicht, „Jan Panöir“, durch dessen Abdruck im „Archiv 1828“ dem jungen Poeten der Weg in die Literatur gebahnt war. Unter poetischen Beschäftigungen und historischen Arbeiten vollendete er nun eifrig die vorbereitenden Studien und als es galt, ein bestimmtes Fach als Lebensberuf zu wählen, entschloß er sich zur Medizin, da diese den Juden damals die einzige Aussicht auf eine Karriere darbot. Im Herbste des Jahres 1828 bezog Frankl die Wiener Universität. Beständig mit Not und Armut ringend — es ist eigentlich schon selbstverständlich geworden, daß die Jugend berühmter Männer von Bitternissen erfüllt sein muß — waren es nur der Glaube an sich selbst und die Kraft seines unbeugsamen Charakters, die ihn aufrechterhielten. Wie ganz ihn auch der Kampf ums Dasein in Anspruch nehmen mochte, die Freude am Schönen und Großen konnte in dem jungen, feurigen Herzen nicht getötet werden. Die Lust zum „Fabulieren“ war nun einmal geweckt imd der Funke des poetischen Schaffens glomm fort und fort — bis der Genius in dem gut gelungenen Gedichte „Das Habsburglied“, einer chronologischen, Folge historischer Balladen, hervorbrach. Das Buch zeigte unverkennbar Frankls kräftige Anlagen, führte ihn bald in die besten Kreise ein und brachte ihn mit vielen hervorragenden Persönlichkeiten in Verbindung, von denen er ganz besonders Hammer-Purgstall, der ihn zu orientalischen Studien anregte, kennen und schätzen lernte. In kurzen Zwischenräumen erschienen dann „Epische und lyrische Dichtungen“ und „Morgenländische Sagen“. Mit jedem Schritte, den er nun machte, läuterte sich sein dichterisches Schaffen; das rhetorisch Phrasenhafte, das Ueberschwängliche verlor sich immer mehr, bis es ihm gelang, ein Kunstwerk zu bilden, in dem sich die schöne Form mit dem poetischen Gehalt verband: Christoforo Colombo. An viel Anerkennung fehlte es besonders diesmal in den weitesten Kreisen nicht. Und zu man-