Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 37 (1920)
- Issue
- 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Sr 1 Dr. BLOCHE WOCte^CHHiFT. feite* Ein zweiter Gegeusafz. in Labans Mause kizeicnniet man (Gen. 31,1) Reichtum als „Ehre" (kabod). Dort gilt, so würde man heute/sagen, das Geld allein. Nur Reichtum1 gereicht zur Ehre. Reichtum, gewonnen durch listige Ausbeutung fremder Menschehkraft. „Meine ganze Kraft gab ich eurem Vater", klagt Jakob. i)ie Folie hierzu bildet er selbst, der Mann, der Tag und Nacht, in Frost und Hitze arbeitet. „Wann werde ich endlich an mich denken, für Weib und Kind schaffen dürfen?", ruft er aus, der erste Demokrat! Und „Arbeit ehrt den Mann", so proklamiert der Jude, indem er mit Stolz den Namen jenes Arbeiters Jakob-Israel trägt und sich auf Schritt und Tritt erinnert, daß seine Vorfahren Schwerarbeiter, Sklaven in Aegypten waren. Zu einer Zeit, in der man Frauen raubt, in einem Kreis, in dem die Frau dem Manne dient, dient Jakob-Israel sieben und abermals sieben Jahre um ein Weib. Arbeit bildet die Grundlage seines Hausstandes, seines ehelichen Glückes. Er begründet nicht, dem Jäger Nimrod gleich und wie die großen Kriegshelden, Städte und Zwingburgen. Nicht wie Esau-Edom' ein Königreich. Er baut „das Haus Israel". Nicht unter dpn großen V e r n i c h t e r n menschlichen Lebens und Glücke3 wird er gerühmt. Was Jakob erstrebt, ist riicht die Primogenitur in einem Fideikommiß, nicht die leitende Stellung in einem Handelshause, sondern das geistig -sittlich e Erbe Abrahams, „ein Se*?en zu werden den Geschlechtern der Erde". Der Blutzeuge zu se'n für die „Lehre der Lebenserhaltung". Er kämpft, nicht für Gut und Ruhm', er kämpft für Gott als „Israel*4. Eine Predigt! Nicht wahr? Gewiß, eben die Predigt, die wir Juden, wahrlich nicht ungestraft, aber leider ungehört, der Menschheit nun seit Jahrtausenden halten. Eine solche Religion und ihren Kult tut man nicht ab mit „Tabu" und ähnlichem gelehrten Krimskrams. Und finden sich auch vereinzelt Splitter fremd religiösen Bestandes mit eingebaut, so sind diese Partikeln soweit amalgamiert. daß von einem Vorwalten mythologischer Vorstellungen im Judentum« nicht die Rede sein kann. Mythos und Religion im Sinne des Judenfcumes sind geradezu Gegensätze. Der Mythos findet seinen Niederschlag in Bildern. Die Religion wird lebendig erhalten durch Handlungen. - Bilder führen zur Abgötterei. Wo nicht lebendige Ueberlieferung den Odem in ihnen wach erhält, verflüchtigt sich allmählich ihre ursprüngliche Bedeutung. Die Volksphantasie legt ihnen einen fremden Sinn unter. Sie werden zu Quellen krassen Wahnes. S to ff Ii che s^ erhält das Attribut der Heiligkeit, das ausschließlich nur eiii sittliches Ideal bezeichnen sollte. Das tote Zeichen.wird aus einem mnemotechnischen Mittel Selbstzweck, Gegenstand abgöttischer Verehrung. Der Mensch, als Träger der Ueberlieferung, wird ausgeschaltet, der Lehrer entbehrlich, die Menschen isoliert, die Pietät untergraben. Schon Moses Mendelssohn hat in seinem „Jerusalem" diese sittlichen Nachteile der Schriftzeichen und den Vorzug des Lernens aus mündlicher Lehre vor dem Rücherlesen überzeugend klargelegt. (Daher der Widerstand des Judentums gegen beides: gegen das Bild wie gegen die Niederschrift frer mündlichen Lehre, gegen alles Töte, Entgeistete, Seelenlose.. Desa in unserer Sinnlichkeit sowie in unserer sittlichen FeMbarkeit begründeten Bedürfnis nach gegenständlichen religiös-sittlichen Mahnern, nach Denkmalen, Erinnerungszeichen kommt die jüdische Religion enfcreien durch Kulfcgegenstände, die aber immer nur Mittel einer Handlung, einer Uebung, immer lebensvolles Organ bleiben, nie selbst Zweck, Objekt kultischer Verehrung werden sollen und dürfen. Dies verhütet nicht aliein die in stetem Fluß erhaltende lebendige Ueberlieferung, das unausgesetzte „Lerren". Wohl zu unterscheiden von dem rein epischen Kommentar, wie ihn etwa Homer zu dem Schilde des Achilles liefert. Denn hier handelt es sich nicht um» etwas, was der Ueberlieferung zufolge einmal in der Vergangenheit ohne Beziehung auf eine künrtige Zeit geschehen ist, sondern um etwas, was1 zu geschehen hat, was geten werden soll, was stets Gegenwart bleiben muß. Die Bestimmung dieser Ritualien als1 Mittel des Kultus wird vor allem dadurch wachgehalten, daß sie selbst nichts Dauerndes darstellen, daß sie immer von neuem hergestellt werden, daß sie schon in der Wahl ihres Stoffes und ihrer Form sowie in dem Prozeß ihrer Zubereitung, ihrer Herstellung bis in die kleinste Einzelheit, eine bedeutsame, der religiösen Handlung, der sie zu dienen hab°n, gemäße Sprache reden, gleichwohl aber an und für sich ohne diese Handlung nichts bedeuten. Tsitsith und Thefillin, an sich schon eine Knotenschrift, wie die Ouipus Altamerikas, Zeichen, in die bereits, bei ihrer Herstellung fromme Intentionen, religiös-sittliche Gedanken hingewohen wer* den, erfüllen erst ihren Zweck und gewinnen erst ihren eigentlichen Sinn, wenn sie angelegt werden. Aber seihst dann auch nur, wenn das „wMibbarta bam4*, die viva vox sie begleitet, die tägliche Auffrischung des Geistes, der Erinnerungen, die durch jene Zeichen lebendig erhalten werden sollen, damit verbunden wird. Die Matsah, an sich schon durett die in 'ihre Zubereitung hineingele^en Gedanken und Gerühle für ihre Bestimmung geweiht, sie und die anderen Pessachsymbole, was bedeuten diese Zeichen, ohne die Unmittelbarkeit des lebendigen Wortes, mit dem der Vateratm. SederuVhdem Kinde die Vergangenheit herzerweckend schild°rt und in dieser Perspektive die Gegenwart mit neuen Äugen sehen lehrt? Die Thora im1 ganzen, die geschriebene Lehre, was wäre sie dem Juden ohno die mündliche Ueberlieferung, was wäre sie ihm, wenn er sie nicht an sich selbst erlebte, sie nicht in der Praxis taglich und stündlich bewährt fände 1 Und diese Handlungen müssen von jedem einzelnen selbst vorgenommen werden. Sie dürfen Yeln erbauliches, erweckliches Schauspiel, k^in Bild, kein Anblick bleiben, vor dem man die Rolle des Zuschauers übernimmt. Die Matsah muß von uns selbst gegessen, die Thefillin m^ssten von uns ge^gt, die Festlichter müssen gezündet, die Sukkah muß gebaut und bewohnt werden! Wir Juden kennen keine Stellvertretung vor Gott. Der Gedanke des VerschnungFtages spricht es so eindringlich' als möglich aus. Jüdischem Wesen von Grund aus fremd ist jede Art von T amaismus. jeder Heiligenknlt, der vorgeblichen Mittlem zwischen Gott und Mensch ein Olam ha-zeh bereitet, um sicK selbst einen Anteil am Olam ha-ba zu sichern. Vor Gott gibt es keine Drückeberger. Jeder einzelne muß,