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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-06-09 · 23 (9.6.1916) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
23 (9.6.1916)
Date
1916-06-09
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 23 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 395 Leiter der Polizeidirektivu .Regiernugsrat >r u n z, >!ene raldirektor v. Gintl lind dessen Gemahlin, Baron Wolf-Zdekauc r, Gras Max T1; n n, Präsidialchef Oberkommissär Dr. Peters, Kommissär P r z i b o r s k y und einigen wenigen Herren der Presse, deutete gestern Raphael Schermann Handschristen. Wer Raphael Schermann ist, haben die Leser der „Bohemia" kürz-» lich aus einem Feuilleton erfahren. Dr. Robert Schetp, ein überzeugter Anhänger dieses n.xrklvürdigen psychologischen Phänomens und nebenbei eine der geschicktesten Federn der deutschen Publizistik, erzählte gestern den Versammelten noch kurz das Folgendei Raphael Scherm a n n ist keiir Berufsgraphologe, sondern ein kleiner, ehrsamer Beamter, dessen heutiger Weltruf im Kaffee- Hause vom Zufall geboren wurde. Tie Keime freilich reichten in früheste Kindheit zurück. Als fünfjähriger Bube suchte er die fortgeworfeneu Briefumschläge aus Vaters Papierkorb und starrte nachdenklich die Züge der Absender darauf an. Täglich hat er seither viele Stunden der Betrachtung und Vergleichung von Schriften gewidlnet, er kennt die Methoden der Eecufsgraphologen, aber er hält nichts von ihnen. Tenn seine Methode unterscheidet sich von allen anderen wie Kunst von Wissenschaft. Er sieht eine Schrift an, und wenige Minuten später diktiert er seitenlange Analysen des Charakters., lnacht Angaben über kleine persönliche Eigenheiten und Gewohnheiten des Schreibers, ja. das Verblüffendste, erliest die augenblickliche Stimmung, den Seelenzustand des Briefschreibers, aus den für ihn jedes Geheimnis offenbarenden Schriftzügen. Noch merkwürdiger sind die sogenannten Rekonstruktionen, bei denen Herr Scherln a n n aus dem Eindruck eines Menschen, mit dem er spricht, dessen Unterschrift naturgetreu mit allen Eigenheiten niederzuschreiben vermag. Nach solchelr Erfolgen hält man Schermann bald für den Virtuosen unter den Graphologen, womit ntcut ihm entschieden Unrecht tut, bald .für eine Art spiritistisches Medium, was vieleleicht nicht weit von der Wahrheit entfernt ist. Soweit also Herr Dr. S che u. Und es ist verständlich, wenn titan mißtrauisch blieb. Gräfin Coudenhove gibt nun S ch e r m a n n eine Schriftprobe, deren Schreiber er natürlich riicht kennt. Nach wenigen Minuten diktiert er eine Analyse, und Gräfin C o u d e nh o v e ist sichtlich überrascht: das Seelenbild ihrer L-chwefter, Gräfin Taaffe, ist — wie sie zu ge stehen muß — bis in kleine Einzelheiten scharf umrissen. Dann überreicht der Leiter der Polizeidirektion Regierungsrat Kuitzz ein Schreiben, von dem Scheriu a n n nur etwa zwanzig Zeilen aus der Mitte zu sehen bekommt. Der Schreiber des Briefes sei — so erklärt Regierungsrat Kunz — eine stadtbekannte Persönlichkeit und in eine tragische Affäre verwickelt. Schermann braucht kaum eine Minute, um den Brief zu betrachten, dann diktiert er die folgende Analyse: „Die Schreiberin (!) ist aus ihrem natürlichen Milieu herausgetreten und hat sich auf ihren Irrwegen einen Beruf.gewählt, dein ihre Nerven auf die Tauer nicht gewachsen sind. Sie besitzt ein großes Talent, aber es scheint, daß die Menschen sie auf dieses Talent noch ' mehr gehetzt haben und sie hat so einen Beruf gewählt, der zu ihrem Verhängnis werden könnte. Tie Person ist bisher -gewohnt, sehr nobel zu leben, sie hat viele Menschen, Männer, immer um sich, eine ganze Corona. Sie hat fürchterliche innere Kämpfe zu bestehen, uni diese Leute von sich fern zu halten. Tenn wo sie erscheint, wirkt sie derart durch ihren Zauber, daß sie die Männer sozusagen entzündet. Ihnen war es oft nicht leicht möglich, von ihr abzulässen. Sie hat selbst einen jahrex langen Kampf geführt, bis sie endlich einen Mann fand, dem gegenüber auch sie Sympathiegefühle hatte. Nun hat sie aber das besondere Unglück, daß ihr besonders starkes Temperament ihr ganzes Nervensystem in Schwung bringt und es teurem Mamr der Welt gelingen kann, sie für die Tauer zu fesseln. Kampfe aus Tod und Leben zwischen ihrer höheren Seele und ihrem Unter bewußtsein waren die Folge. Das geht null schon Jahr um Jahr so. Tas Unglück will, dag sie sehr verhätschelt wird, dazu kommen die Aufregungen ihres Berufes^ der für sie absolut uicht paßt. Seit längerer Zeit plagt sie Furcht vor Krankheit, sie fürchtet das Gedächtnis zu verlieren. In der letzten Zeit hat sie wenig geschlafen. Sie treibt es soweit, daß inanchmal ihre Nerven doli Dienst versagen, aber sie muß immer zur Arbeit zurück, sie ist ihr Stolz und 'sittlicher Halt. Sie nimmt sich vor, wenn ihre Gedächtnisschwäche fort schreiten sollte, auszuspannen und ihre Gesundheit wieder herzustellen. Ich habe das Gefühl, daß sie vhel zu Aerzten geht. Sie ist lolunglücklich, sie har ein intensives Pflichtgefühl, dem sie aber leider nicht genügen kann. Sie kommt viel mit Leuten zusammen, die klangvolle Rainen und eine hohe gesellschaftliche Stellung, haben. Sie ist eine liebenswürdige Person, die die Herzen im Fluge erobert. Sie hat Sinn für Äußerlichkeiten, liebt auffallende Kleidung, Hüte mit Pleureusen, wertvollen Schmuck, sie ist überhaupt ein Wesen, das durch Kleidung sehr wirkt. Tie Schrift zeigt, daß Selbstmordgedanken eine gewisse Rolle spiielen, von denen sie nnv durch Zufall abgehalten wird. Eine Art Hysterie ist bei ihr ausgebrochen, die zu einer tragischen Katastrophe führen kann, ivenn nicht jemand da ist, der sie im rechten Augenblick davon abhält. Sie spielt aber nur mit denl Gedanken und wird ihn kaum duxchführeu, trotz ihres Wunsches, denn sie gewöhnt sich an den Gedanken:. Allerdings könnte er, ivenn er durch besondere Umstünde ausgelöst wird, eine tragische Wendung nehmen. Ich würde ihr in erster Linie empfehlen, aus ihrem derzeitigen Milieu zu pliehen, auf alle Ambitionen zu verzichten, eine Mastkur durchzumachen, das lvürde sie besänftigen. Wenn das mit Erfolg erledigt fein wirk), möge sie heiraten. Auf Namen und soziale Stellung möge sie dabei kein Gewicht legen." Schermann hatte geendet. Ter Hörer hatte sich eine gewisse Aufregung bemächtigt, denn ein Name schwebte auf vielen Zungen. Welche Erschütterung, als Regierungsrat Kunz ihn wirklich nennt: Helene Ries ist die Schreiberin! Ter Brief trägt das Datum vom 15. Dezember 1915, ist also mehrere Monate vor ihrem schrecklichen Ende geschrieben. Kein Wort der Erklärung vermag das Rätsel der Schermannschen Charakteristik zu lösen. Wollte nian an eine so ungeheuer rasch und scharf arbeitende Kombinatipnsgabe denken, dann wäre Vas Phänomen noch erstaunlicher. Nach dieser Deutung können mehrere andere, die alle nur wenig bekannte Personen b-etrefstm, nicht mehr interessieren. Man hat etwas erlebt, was Hamlets unsterbliche Worte von jenen Dingen zwischen Himmel und Erde wieder einmal wahr macht. Man sinnt dem Erlebten nach, und plötzlich überfüllt einen der entsetzlich quälende Gedanke: Was wäre geschehen, wenn Helene R i e s diese Deutung noch kennen -gelernt, den Rat Schermanns beherzigt hätte'? Schermann war nach der Sitzung ermüdet wie ein Medium und lehnte weitere Deutungen ab. Man muß sich wohl jeder Erklärung des eben Erzählten enthalten nnd die Tatsachen, für deren genaue Schilde rnng der Schreiber bürgt, für sich sprechen lassen. A. St.

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