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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-04-28 · 17 (28.4.1916) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
17 (28.4.1916)
Date
1916-04-28
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 17 Tr. Bloch's Wochenschrift Seite 231 spricht Äber kabbalistische und andere Dinge recht gescheit, aber alldies rechtfertigt nicht das Werturteil, er sei über alles Menschliche hinausgewachfen. Auch seine Tochter- Mirjam wird als Ideal hingestellt, aber ihr weltfremdes Gebaren sowohl, lvie auch ihre Besuche bei einem christlichen Junggesellen, dem Meister Pernath, und nicht zuletzt ihre Theorie Don Hermaphrodit sind höchst unwahrscheinlich bei einem Mädchen aus dem Ghetto. Neben zwei Engeln zwei Ungeheuer. Bor allem ein mauschelnder Kobold. Wassertrum, ein Trödler, im Nebenberuf Millionär, richtet Existenzen zu Grunde. -Leine Käufer behandelt er barsch, denn einerseits ist er eine Spinne und andererseits ein Hanrster, der nichts von seinem Kram hergeben will. Er wird urrgemein mißtrauisch, wenn jemand an sein Herz rührt. Seine Geliebte verschachert er an ein Freudenhaus, aber nachher kauft er eine Wachspuppe, weil sie ihr ähnlich sieht. Zeitlebens kümmert er sich nicht um den Sproß jenes Verhältnisses, aber weil dieser ihn verflucht, setzt er ihn zum Universalerben ein. Seine Liebe zu seinem legitimen Sohne ist so selbstlos, daß er es ihm zur Pflicht macht, den Vater, der ihn zum Schurken erzieht, zu verleugnen. Eine solche Spotlgeburt der Phantasie kann nie und nimmer als jüdische Type gelten. Wassertrum ist häßlich und aus dem Bewußtsein seiner Häßlichkeit sollen alle seine Schandtaten entspringen. Aber um ein häßliches Aussehen hat man sich ini Ghetto nicht gekümmert. Alle Betrachtungen, die daran geknüpft werden, entstammen einem fremden Gedankenkreis. Eine ganz unmögliche Gestalt ist die des Tr. Wassory. Sohn des Wassertrum, Facharzt für Augenkrankhciten, nimmt er aus schnöder Gewinnsucht unnötige Operationen vor, bis er entlarvt wird und Selbstmord begeht. „Nur so heißt es, „der mit allen Fasern im ein Ghetto wurzelte, konnte jahrelang solche Scheußlichkeiten begehen." Gerade das Gegenteil ist wahr. Alle Aerzte, die im Ghetto wirkten oder aus ihm hervorgingen, hatten ausnahmslos eine ideale Auffassung von ihrem Berufe. Jeder Versuch, jüdischen Aerzten eine so niedrige Gesinnung zuzumuten,' muß an der Lchutzmauer der Tatsachen kläglich scheitern. Freund und Feind haben bisher die Innigkeit anerkannt, mit der jüdische Verwandte aneinanderhängen, und mit einemmale steht es geschrieben im „Golem": „Unter den Judengestalten kann man deutlich, verschiedene Stämme unterscheiden, die einen Ekel und Abscheu voreinander hegen, der sogar die Schranken der engen Blutsverwandtschaft durchzieht. Aber sie verstehen ihn geheim zu halten vor den Augen der Welt, so daß kein einziger ihn durchblicken läßt." Freilich, für diese Be»° hauptung ist nicht der leiseste Schatten eines Beweises erbracht worden. Von diesem gegenseitigen Widerwillen sickert nichts in die - Außenwelt, denn die Beteiligten hüten das Geheimnis wie ein Heiligtum. Woher weiß man es denn? Nun, es steht in den „Judengesichtern". Schon der Altmeister deutscher Dichtkunst hat von Lavater, dem begeisterten Physiognomen, gesagt, er hätte das Zeug zu einem Schelm. All seinen Nachfolgern dürste die Deutung der Gesichtszüge einen Schelmenstreich spielen. Ferner wird in diesem Roman das Allzumenschliche-der Adamssöhne als besonderes Kennzeichen jüdischer Männer hingestellt. Aber ist nicht die Reinheit des jüdischen .Familienlebens die schlagendste Widerlegung? Es gehört jedoch zu den beliebtesten Kunstgriffen, Juden erhöhte Sinnesluft anzudichten. Sie „treiben sich willenlos durchs Dasein". Dies trifft nicht zu. Die Schilderung im „Golem" bezieht sich teilweise auch aus eine Zeit, in der noch die Religion ein bestimmender Faktor war. Warum wird nicht die H e m m u n g, die das Leben und Weben in der Religion erzielt hat, in Betracht gezogen? Im theoretischen Teil des „Golem", gleichsam im System des Verfassers, gipfeln feine Anschauungen in der Geistigkeit. Darunter ist wohl die Ueberwindung des Trieblebens zu verstehen. S o m b a r t hält die Geistigkeit als ein hervorstechendes Merkmal der Juden. Obh schon sein bekanntes Buch sonst sehr anfechtbar ist, darin hat er recht. Das Lungern im Ghetto wird in diesem Roman mit Lauern verwechselt. Tie armseligen Trödler, in Berlin hießen sie früher im Volksmunde „Mühlendammer Lords", deren ganzes Warenlager nicht viel wert ist, bereichern sich selbstredend. Sie gelten als Vampyre der wehrlosen Käufer und wenn sie dennoch nur bürgerliche Preise verlangen, dann sind sie eben „entartete, zahnklose Raubtiere, denen es an Mut und Krafr gebricht". Köstlich^ ist die Bemerkung: „Eine zwar jüdische, aber arme Familie/' Dieses „aber" spricht Bände. Als ob jüdisch und reich identisch wären! Daß die Prager jüdischen Großindustriellen, deren lautere Gesinnung und großzügige Opferfreudigkeit bekannt ist, einer unsauberen Manipulation mit Briefmarken beschuldigt werden, ist ein trauriges Zeichen dafür, wie kühn die Verleumd düng ihr Medusen Haupt zu erheben wagt. Daß viele Häuser in der alten Prager Judenstadt verkommen aussehen, verleitet den Verfasser zur Annahme, auch ihre Bewohner müßten verkommene Individuen sein. So werden, losgelöst von der Wirklichkeit. Zerrbilder entworfen. Man könnte den Verfasser um die Geschwindigkeit beneiden, denn der Held des Romans „begriff mit eineni Schlage diese rätselhaften Geschöpfe in ihrem innersten Wesen". Es dauert in der Regel ziemlich lange, wenn es überhaupt gelingt, in das Seelenleben einer Einzelperson, geschweige denn eines ganzen Stammes einzudringen. .Ein restloses Ausschöpsen erscheint dabei fast ausgeschlossen. Gerade die gründliche Oberflächlichkeit, mit der man Juden und Judentum gegenüber zu verfahren beliebt, ist so betrübend. Gleich jenem geheimnisvollen Gemach in der Altschulgasse, ohne Zugang, nur mit einem vergitterten Fenster, gilt den Außenstehenden die jüdische Volksseele. Man wirft einige Blicke hinein, wie in ein Zimmer durch das Fenster, und» glaubt alles gesehen zu haben. Aber es genügt durchaus nicht, die „Sippurim" studiert und vielleicht auch einige Jahre in Prag verlebt zu haben, um das Ghetto „mit einem Schlage in seinem innersten Wesen" zu begreifen. Wir erweisen nicht einem jeden antisemitischen Skribenten die Ehre einer Widerlegung. Mer was ein begabter Schriftsteller in glänzender Darstellung bietet, darf nicht unwidersprochen bleiben. Je weniger ein Autor, wie Meyrink, eine judenfeindliche Tendenz zur Schau trägt, umso tiefgehender ist seine Wirkung. Viele gegnerischen Gesetze haben unserer Stellung und' unserem Ansehen nicht so geschadet wie Gustav Frey tags „Soll und Haben". Eine billige Ausgabe des „Golem" wurde eigens für die im Felde Stehenden veranstaltet. Der Sache der Wahrheit und Gerechtigkeir wird dadurch kein guter Dienst erwiesen. Die Erfahrungen der Soldaten, die in den jüdischen Mitkämpfern im Schützengraben und an der Front gleichgesinnte und gleichgestimmre Kameraden schützen gelernt haben, werden durch die Lektüre solcher Bücher, die schiefe Vorstellungen über jüdisches Wesen verbreiten, sicherlich beeinträchtigt. So mancher ivird aus diesem Kriege sich eine Körpernarbe holen. O, möchten doch durch dieses gewaltige Erlebnis die Seelennarben verschwinden! Die läuternde Wirkung dieser großen Zeit sollte sich auch wohl darin zeigen, daß an Stelle des früheren oberflächlichen Aburteilens lein gegenseitiges besseres Verständnis trete. Wer wäre hierzu so berufen wie die Dichter und Schriftsteller, denen im Sinne Schillers nach wie vor auf hoher Warte ein köstliches Kleinod anvertraut ist, die Würde der Menschheit.

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