Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 17 (28.4.1916)
- Date
- 1916-04-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mr. 17 Dr. Bloch’s Jahrgang XXXIII Zentralorgan für die gesamten Ifnteressen des Judentums. Wien, 28. April 1916 Brscbeint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wie», II/i, Praterstraße 9. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie». 0 0-- — =00 P Drxugsprei» für Vesterreirh: Halbjährig 3 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für das Ausland: Halbjährig lO Kronen. Ganzjährig 20 Kronen.. Anzeigen: Dis 2mal gespal» tene Pctitzeile 48 Heller. oO ■ On O Cr ■ -- —Q Q P A. ft. Postsparftaffenamt C Gleartng V>erfcebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien ' U/1. Praterstraße 9. j, Telephon 45.859. <£ oP —--—-On Inhalt: Leitartikel: Karl Eötvös. — Kriegsdekorationen jüdischer Offiziere und Soldaten. — Neuerliche Kriegsauszeichnung des Oberleutnants Freiherrn von Rothschild. — Bürgermeister Dr. v. Weisselberger beim Kaiser. — Indische Ehrentafel. — Das Gebet der Frauen. — Bier Auszeichnungen. — Für Heldentaten bei Rarance. — Die dritte Auszeichnung. — Sieben Söhne. — Pharmazeut Max Pollak. — Der Sohn des Neusatzer Oberrabbiners. — Ausgezeichnete Brüder. — Weitere Auszeichnungen. — Auszeichnungen vom Roten Kreuz. — Ein zwölfjähriger Kriegsheld. — Belobung des Armen-Oberkommandos. — Auszeichnungen im Kriegsverkehrsdienst. — Auszeichnungen jüdischer Krieger mit dem Eisernen Kreuze. — Eisernes Kreuz für einen österreichischen Krieger. — Der Papst und die Inden. — Korrespondenzen: Oeffentliche Plenarsitzung der Wiener israelitischen Knltusgemeinde. — Die Beteiligung der Juden am Kriege. — IX. Tätigkeitsbericht des Armee-Ambulatoriums des zionistischen Zentralkomitees für Kriegsflüchtlinge. — Generalversammlung der Brockensammlung für jüdische Arme. — Errichtung eines Kriegswaisenheimes. — Unsere jüdischen Künstler. — Juden Oesterreichs! — Kriegswaisenhaus — Jnvalidenstiftung. — Auszeichnung eines vrth od oxen Kultusvizepräsidenten. — Wahl eines Oberrabbiners für Straßburg. — Vermischtes. — Feuilleton: Ter Golem. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen.— Inserate. Karl Eötvös. (Gestorben am 13. April 1916 in Budapest.) »Ghasside ummaus hoaulom jesch lodern chelek loaulom haboh!« In dem großen, am 13. April in Budapest nach langem ^Siechtum verstorbenen Parlamentarier und Publizisten weil. Karl Eötvös ist ein Epigone ungarischer Weltgrößen, ein Paladin des Rechts, ein Stück ungarischen Genius, ein flammender Kämpe der Freiheit, ein hinreißender Redner von demantenem Charakter dahingegangen. In ihm betrauert seine Nation einen „Repräsentanten seines Volkes in europäischer Prachtaus-. gäbe", einen Denker und Gelehrten, einen glühenden Schätzer und Schützer der Menschenrechte, der an der Neugestaltung eines liberalen Ungarns seinen Löwenanteil hatte. Vom „Weisen des Vaterlandes", von Franz D e ä k, erbte er das große Gut schwärmerischen Liberalismus, war er der Hohepriester des liberalsten Gedankens während der Kämpfe und Siege S z i l ü g y i s und W e ck e r l e s . ans Anlaß der Neugestaltung der kirchenpolitischen Reformen in seinem geliebten Vaterlandc. Lückenlose Logik vereint mit rhetorischer Meisterschaft gaben seiner blendenden Beredsamkeit die Schärfe und Treffsicherheit. Dem gesamten Judentume auf dem weiten Erdenrunde wurde der Name Karl E ö t v ö s geläufig und lorbeernmkränzt, denn in Millionen jüdischer Herzen bleibt der Triumph unvergessen, den der Meister der Rede und der Beweisführung, der Heros liberaler Gesinnung in der Tragikomödie in Tisza-Eszlar feierte/als er die unselige Blntbeschuldigung, von den Häuptlingen derer, die den Judenhaß auf ihrer Fahne trugen, angezettelt, titanenhaft niederrang und den aus den Zeiten finsterer Hexenprozesse in die Gegenwart verirrten Wahn heldenhaft bezwungen hatte. Erinnern wir uns dieses denkwürdigen Prozesses, in dessem Mittelpunkte Karl Eötvös stand, und versetzen wir uns um 34 Jahre zurück. Damals konnte blindwütiger Haß von Personen, die längst verdorben, gestorben sind, das folgende düstere Drama aufführen. Im Lenz des Jahres 1882 lief in dem kleinen Dorfe Tisza-Eszlar ein junges Bauernmädchen zum Händler, um Farbe für Ostereier zu kaufen. Sie kam von diesem Gange nicht zurück. Es war Pessachzeit, die Juden waren zur Andacht im Tempel versammelt. Hiezu gesellte sich die Anwesenheit dreier Probekantoren und Schächter, welche der Phantasie des Pöbels Gelegenheit gab, das Verschwinden deS Bauernmädchens Esther S o l y m o s i als einen Ritualmord zu verzeichnen, und das Gerücht, das aufschwirrtc. wuchs, von antisemitischen Politikern, lvie Onodi, Lerhovav und Jstoezy, angefacht, lawinenhaft an. Ein elfjähriger Sohn des Tempeldieners wurde mit allen Mittel präpariert und der berüchtigt gewordene Knabe Moriz S ch a r f gab an, er habe beim Fenster des Tempels die Inden belauscht, als sie das Mädchen in den Tempel lockten: die drei Schächter durchschnitten den Hals der Solymosi, das Blut wurde in irdenen Gefäßen aufgefangen. Das Geständnis des famosen Jungen trug die Unterschrift: „Ich habe das alles -ohne Zivang gestanden. Moriz Scharf." Die spätere Untersuchung stellte die Art fest, wie dieses „Geständnis" zustande kam. Doch was mußte geschehen, bis fünfzehn verhaftete Juden sich von der Anklagebank erheben konnten. Da trat Karl Eötvös als Verteidiger ötiT armen Juden auf den Plan. Unbeirrt von einer Hochflut von Drohungen und Verleumdungen aus dem Lager der erbittertsten Großfaifeure der Schandkomödie von Tisza- Eszlar. Das Auftreten Eötvös ward zum monumentalsten Ereignis seines an Liegen und Erfolgen überreichen Lebens. Die Kunst seiner Verteidigung /st unvergeßlich. In der Geschichte der wochenlang währenden Hauptverhandlung leuchtet Eötvös gleich einer legendarischen Gestalt, und die Blätter jener Tage wußten zu berichten, „wie Eötvös als scharfsichtiger Kenner