Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 15 (7.4.1916)
- Date
- 1916-04-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Settc 246 Tr. Bloch's Wochenschrift Nr. 16 lich Rechtsgelehrter werden; seine musikalische Veran-, lagung aber und seine Energie brachen sich Bahn und er saßte den Entschluß, sich ganz der Musik zu widmen. Er hat wie keiner int gleichen Umfange die textlichen Stoffe der Heiligen Schrift entlehnt und schildert mit Meisterschaft und dabei in einfacher, natürlicher Form das heldenmütige Auflchnen des ganzen Volkes gegen das Joch der Fremdherrschaft. Seine Werke sprechen die ercrgreisende Sprache von der Not des Volkes Israel, aber c<id) von seinem Ausjauchzen nach dem Niederwerfen des Feindes, von dem dankerfüllten Preisen Gottes und der sieggekrönten Führer. Den Schwerpunkt verlegte H. in die Chöre, die großartig entworfen und zahlreich vorhanden sind. Die bekanntesten Oratorien, von denen H. der Kürze der Zeit wegen nur sprechen konnte, sind Josua, Samson, Saul und Judas Makkabäus. Händel hat den größten und erfolgreichsten Teil seines Lebens, durch Enttäuschungen gezwungen, in England zugebracht, das ihn seitdem als einen der Seinigen betrachtet und ihm an geweihter Stätte, in der nationalen Ruhmeshalle der Westminster-Kathedrale ein Denkmal errichtehat. Mer er ist sich im Herzen seines Deutschtums be-i mußt geblieben bis zum letzten Atemzuge. Dem Vortragenden, der seine Ausführungen teils durch fünfte lyrisches Klavierspiel, teils durch Gesang erläuterte und dem Verständnis der Zuhörer näherbrachte, dankte das Publikum lebhaft für den rhetorischen und musikalischen Genuß. Nachdem der Vorsitzende, Prof. Dr. Brann, an-> knüpfend an den Vortrag, mit Begeisterung die Tapferkeit der antiken Helden mit dem Heldenmut unserer heutigen Jugend verglichen hatte, die ihrerseits von gleicher Opferfreudigkeit beseelt, sich im Kampfe fürs Vaterland glänzend bewährten, schloß er mit warmen Dankesworten an den Vortragenden die Versammlung. Tic Mischen Kriegsflüchtlinge in Rußland. 300,000 Opfer der Rückzugsstrategie des Großfürsten Nikolaus. Aus Kopenhagen schreibt man: Die in Moskau erscheinende Zeitschrift „Jewreiskaja Nedelja" veröffentlicht erschütternde Einzelheiten von den Leiden der jüdischen Kriegsflüchtlinge, die von der russischen Regierung gewaltsam aus den Gebieten entfernt wurden, die nun von den siegreichen deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen besetzt sind. Die Zahl dieser Flüchtlinge beträgt etwa 300.000. Ihre materielle Lage ist mehr als trostlos, da sie nur auf die private Unterstützung angewiesen sind und die jüdischen Gemeinden in Rußland nicht so reich! sind, um die Kosten zu bestreiten. Wenn man rechnet,, daß die Flüchtlinge bloß 20 Kopeken pro Person täglich erhalten, so benötigt man hiezu ein Tageskapiral voll mehr als 100.000 Rubel oder jährlich! 36 bis 37 Millionen Rubel! Und woher diese Riesensumme nehmen? Gewiß haben diese Evakuierten und Flüchtlinge, wie die andere Bevölkerung, die durchs den Krieg gelitten hat, Anspruch auf die staatliche Unterstützung, aber bei der besonderen Lage der Juden in Rußland ist es schwer an-, zunehmen, daß die reaktionäre russische Regierung eine größere Aktion unternehmen wird, um diesen Bedauernslverten unter die Arme zu greifen. Ein Mitarbeiter der „Jewreiskaja Nedelja" schildert ergreifend die Ankunft solch eines Transportes jüdischer Flüchtlinge in einer kleinen südrussischen Stadt. Schmutzig, in zerfetzte, abgerissene Kleider gehüllt, drängen sie sich auf dem dunklen Hof der alten Synagoge. Die Armen stehen dicht einer neben dem anderen, als ob sie sürch-> teten, daß man sie wieder auseinanderjagen würde. Der Mitarbeiter schaute in das Frauenabteil der Synagoge hinein, wo das Nachtlager für die Flüchtlinge hergerichtet war. Trotz der späten Stunde schlief niemand. Mühe von der langen Reise in Viehwaggons, zermürbt von den seelischen Leiden, saßen die Evakuierten, hauptsächlich Frauen und Kinder, auf den Strohsäcken und Bänken und sähen düster vor sich hin. Eine junge Frau, die von vielen Kindern umringt war, schluchzte laut auf. Man erzählte mir, berichtet der Journalist, daß sie aus Slobodka sei. Sie hatte eine große Fleischhauerei-. Ihr Mann führ in die Dörfer und kaufte bei den Bauern Vieh ein. Er hatte einen Kompagnon und die Leute lebten gut. Eine Stunde vor der Abreise der Familie des Kompagnons starb plötzlich seine Frau. Der Mann erschrak darüber so sehr, daß er das einzige Kind ergriff und das Haus verließ und seit der Zeit ist er spurlos verschwunden. Als die Nachbarn hievon erfuhren, eilten sie zu Hilfe. Aber die Leute hatten wenig Zeit, denn Großfürst Nikolai Nikolajewitsch hatte den Befehl erteilt, daß die jüdische Bevölkerung bis zu einer bestimmten Stunde die Stadt verlassen müsse, und wer nach dein festgesetzten Termin noch angetroffen würde, sollte schonungslos niedergeknallt werden. So mußten die Leute fort und die russische Polizei gestattete nicht einmal, die Leiche der Frau zu beerdigen. Die christlichen Parteien des Hauses haben dann die Tote zur ewigen Ruhe auf den jüdischen Friedhof gebracht. Was mit dein plötzlich zum Witwer gewordenen Manne geschehen ist, konnte nicht festgestellt lverdcn, und deshalb grämt sich die Frau so sehr. Da die meisten der Evakuierten Frauen und Kinder waren, fragte der Korrespondent, wo denn die Männer wären, und erhielt die Antwort, die russische Regierung verwende die Männer zwangsweise zu militärischen Zwecken. Mit uns führ im Viehwaggon, erzählte eine junge, abgehärmte Frau, ein Soldat, welcher von der Front kam. Er war verwundet und durfte auf kurze Zeit auf Ur-i laub gehen. Doch als er in seinem Städtchen eintraf, da wurden gerade auf Befehl der russischen Regierung alle Juden, aus dem Orte,"üer in der Etappe lag, ausgewiesen und er fand seine Frau in Tränen vor; sie saß auf ihren gepackten Koffern zur Abreise bereit. Obwohl der Mann, der für Tapferkeit mit dem Georgskreuze ausgezeichnet war, bei der Behörde bat, seine Familie nicht auszuweisen, wurden seine Angehörigen mit Gendarmen zur Bahn gebracht und mußten fort, und „ausnahmsweise" gestattete man dem Manne, seine Familie zu begleiten. Eine andere Frau erzählte mir, sagt der Korrespondent weiter, folgenden Fall: Im Gouvernement Poltawa sollte in einer Stadt eine Partie Flüchtlinge eintreffen. Ms die jüdische Bevölkerung dies erfuhr, wurden sofort die notwendigen Vorbereitungen zur Ausnähwe der Flüchtlinge getroffen. Die „Prawoslawnyje" (echten Russen), welche von den monarchistischen Organisationen aufgereizt wurden, drohten darauf mit einem Pogrom und sagten: „Wir brauchen keine Verräter." Als der Ortsrabbiner dies erfuhr, weigerte er sich, die von der Semstwoverwaltung angebotene Unterstützung im Betrage von 2000 Rubel für die Flüchtlinge anzunehmen und erklärte: „Wenn die christliche Bevölkerung uns für Verräter hält, so brauchen wir vom Semstwo keine Unterstützung." Da verkündeten der Vorsitzende des Semstwo und der Jsprawnik (Polizeichef) öffentlich? daß die Juden keine Verräter seien, sondern aus militärischen Gründen evakuiert würden, und trafen Maßregeln, so daß de^Pogrom unterblieb. Dann prst pähm der Rabbiner die staatliche Unterstützung an. Braucht man diesen Fällen noch einen Kommentar hinzuzusügen? Werfen sie nicht ein grelles Licht auf die russische Regierung? Aber das Unglaublichste ist, daß ein solcher Artikel in einem russischen Blatte erscheinen konnte, daß die Zensur ihn stillschweigend durchließ und daß das Blatt, das diese furchtbare Anklage gegen die russische Regierung wagte, nicht bestraft wurde. ....