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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-01-07 · 2 (7.1.1916) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
2 (7.1.1916)
Date
1916-01-07
Page
– (sequence 15)
Language
German
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jftr. 2 Lr. Bloch's Wochenschrift Seite 3b Samstag, den 1. Januar, wurde der Herr Rabbiner vom Eesamtvorstande aus seiner Wohnung geholt und in den Tempel geleitet, wo er wieder mit einem von Herrn Oberkantor Nürnberg und einem tüchtigen Chor mit einem Boruch haboh begrüßt und einer Ansprache ausgezeichnet wurde. In seiner Antrittspredigt, die allgemeinen Beifall fand, und der die ganze hiesige Gemeinde nebst vielen Offizieren und israelitischer Mannschaft beiwohnte, erörterte der Herr Rabbiner die neuen Aufgaben und Pflichten, die dem Rabbiner in dieser großen Zeit erwachsen und die er nach Abschluß des Weltkrieges zu lösen haben wi.d. Wir hoffen voll Zuversicht, daß die Wirksamkeit des Herrn Dr. Rachmuth, dem der beste Ruf aus seiner früheren Gemeinde vorausgeht, wo er 13 Jahre lang in definitiver Stellung wirkte, auch in unserer Gemeinde eine segensreiche sein wird. Lipto-Rosenberg. (Todesfall.) Am 27. Dezember 1915, abends, starb hier Herr Herz Philipp Wir im hohen Alter von 88 Jahren, der nach kurzem Krankenlager sanft entschlief. Der Verblichene, der über ein halbes Jahrhundert im genannten Orte wohltätig und ehrlich wirkte, genoß die vollste Wertschätzung aller, die ihn kannten. Das Leichenbegängnis fand am 29. Dezember 1915 unter zahlreicher Beteiligung der Bevölkerung aller Konfessionen statt. Eine sehr geachtete, weitverzweigte Familie. ist durch diesen Trauerfall in Trauer versetzt. Feuilleton. Das Irrdenstnck „Onkel Krrnhard'*. Auf der Neuen Wiener Bühne in der Wafagaffe wird jetzt ein Lustspiel in drei Akten gegeben, das! „O n k e t B e r n h a r d" betitelt ist. Zwei Wiener Schriftsteller, Armin Fried mann und Haus K o l r o w, haben es gemeinsam verfaßt. Die Komödie ist am ersten Abend sogleich mit ungeteiltem, lebhaft zustimmenden Beifallc begrüßt worden, und die freundlichste Aufnahme ist ihr an allen Abenden zuteil geworden. Seit sehr langem rvar kein so starker Theaterersolg in Wien zu verzeichnerr gewesen. Die maßgebende Wiener Presse war sich einig darüber, daß hier eine ehrliche und talentvolle Arbeit vorliege, ein unterhaltendes, reinliches, absolut zotenfreies Stück, das wirkliche Menschen wahrhaftig auf die Bretter stellt, keine agierenden Puppen, keine am Schreibtisch müßig zusammenkonftruiereen Probleme, keine psychologischen Ueberspitztheiten. Ein Stück ohne ungesunde Erotik, ohne Hysterie, ohne Ehebruch, ohne Blutschande — ein kerngesundes, geradaus und vernünftig gebautes, echtes Theaterstück, das von der ersten vis zur letzten" Szene durch seinen fröhlichen Realismus fesselt! 'Es wird viel und herzlich gelacht. Und man har sich beim Verlassen des Theaters nicht zu schämen oder vor sich selbst zu genieren, daß man lachte. Und ein Judenstück ist es, ein Stück, in dem fast ausschließlich Juden die Szene beleben. Diese Juden sind mit der größten Liebe und Treue nach der lebendigen Natur gezeichnet. Man glaubt ihnen hundertmal auf der Straße und im Kontor begegner zu sein, so echt sind sie in Sprache, Ton, Denken, Fühlen und Handeln. Da ist der vornehme,' grundgütige Großkaufmann, der Onkel Bernhard, ein vereinsamter Witwer, der sich ein neues Glück an der Seite der jugendlichen Matchen, Tochter seines ewig brummigen Prokuristen Adolf Rosenberg, aufbauen möchte, der aber doch 'zuletze zugunsten seines ersten Reisenden, des kreuzbraven Herrn Eduard Landshuter, der nur etwas linkisch ist, entsagt, lächelnd verzichtet. Die Familie Rosenberg in ihrer Negerlegasse ist prachtvoll geschildert, jede Type überzeugt und keine ist Zerrbild, meilenweit ist alles von häßlicher Karikatur entfernt. Ein Prachtmensch ist der 81jährige Großvater aus Pohrlitz, Herr Samson Ellinger, eine Elieser-Natur, ein treuer Diener, der sich nicht überheben mag. Die Gestalt ist aus Urväterweisheit und..Drolligkeit des hohen Atters gewoben. Sie hat ihre eigene aparte Anmut, einen Witz, der nur ihr allein zugehörl. Dieser altü Ellinger yt heute schon ein erklärter Liebling des gefaulten Publikums und ungemein populär. Die Leute erlaben ftch ordentlich an jedem seiner klugen Worte. Gesellschaftsmensch im modernen Sinne ist Samson Ellinger gewiß nicht — ganz im Gegenteil, aber der Geist des alten Judentums belebt ihn und strahlt sonnig aus ihm aus. Neben ihm verblaßt alles gefühlsleere, hohle, nichtige, assimilierte Protzentum mit seiner Halbbildung, Unkultur und Uebertultur. Diesen Gegensatz herausgestellt zu haben, ist eines von den vielen großen Verdiensten dieses redlicheil Stückes um das Judentum. Es zeigt den Zauber des echtjüdischen Familienlebens, von Lichtern treuherzigen Humors liebreich umsponnen und umgaukelt. Man lächelt ivohl mitunter über diese braven Menschen da vor uns, aber man muß sie doch respektieren in ihrer Tüchtigkeü und Rechtschaffenheit. So wie Bernhard Würzburger, der reiche Kommerzialrat, das hinaufgelangte Judentum in einem Prachtexemplar darstellr, pnd ganz Noblesse, Großmut und Herzensgüte ist, so ist Samson Ellinger, der arme, ohne seine Schuld zugrunde gegangene bescheidene Handelsmann, ein ebenso wertvoller Mensch, wenn er auch noch seinen Pfefferfisch mit dem Messer ißt. Die Frauen und Mädchen sind nicht minder wahr gezeichnet, die aus der Negerlegasse wie jene vom Cottage und Opernring. An satirischer Schärfe -fehlt es der im allgemeinen gutartigen und sanftmütigfröhlich.n Komödie keineswegs, aber die Satire trifft nur die lächerlich sich spreizenden entjudecen Juden, nicht die ihrer Stammesarc treu verbliebenen. Vom jüdischen Standpunkte aus i st gegen das Stück „P it 1 e [ Bernhar d" auch nicht das a l^ l e r g er i n g st e e i n z u w e n d e n. Es ist sogar als eine lite-. rarische Tat herzlich zu begrüßen, die Gutes stiften will und hoffentlich auch wird. Hier wird den Nichtjuden ein Einblick in das jüdischst Familienleben erschlossen, in seine trauliche Behaglichkeit, in seine von Liebe und Respekt erfüllte und durchwärmte Atmosphäre. In einem durchaus moralischen, eminent sittlichen Stück auch dem Unterhaltungsbedürfnisse soviel zu bieten, ist bisher wenigen neueren dramatischen Autoren geglückt. Sonst pflegt dozierende Moral undramatisch zu wirken — hier ist die tüchtige Tendenz kein Hemmnis der Vorgänge, das ihren raschen Ablauf zurückhält. Hätten wir nur recht viele solcher Stücke, die dem Judenrum so wie diseses zur Ehre gereichen, die ganz in seinem tiefsten Sinn und aus seinem innersten Geist und Herzen heraus empfunden und geboren sind! Nicht mur von der Kanzel, auch von der Bühne herab kann es nicht oft genug gesagt sein, daß eine Zeit verständnisvoller Verhöhnung und beiderseits entgegenkommender Ausgleichung bestehender Gegensätze, eine beharrliche Aufhellung etwa noch vorhandener Mißverständnisse herangebrochen ist. Und wenn nun der Humor nach Maßgabe seiner Kräfte mittun will, so ist dieser launige Bundesgenosse nicht nur nicht abzuweisen, som dern vielmehr freudigst und freundlichst zu begrüßen! Die Darstellung des „Onkel B e r n h a r d" an der Neuen Wiener Bühne ist eine durchaus meisterhafte, unbedingt erstklassige. In vorderster Reihe stehen die Herren Ludwig Stärk, I e n s e n und Morgan, ihnen reihen sich die Herren Jwald, Po in kn er und v. Hendrichs höchst würdig an. Sehr zu loben sind auch die Damen Liebenthal, C o st e, Förster und das schöne Fräulein S a g a n. Eine seine Klasse für sich bedeutet die ewig besorgte Mama Rosenberg der Frau Ellen Neustädter-Geyer. Der „Onkel Bernhard" und sein Sensationserfolg haben sich rasch herumgesprochen. Alle Welt will

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