Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 47 (26.11.1915)
- Date
- 1915-11-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 870 Dr. BLoch's Wochenschrift 'lir. 47 verstärkten Chore vortrug, wurde die Feier eröffnet. Rabbiner Dr. S. Funk würdigte die vielseitige, zielbewußte und ersprießliche Tätigkeit und den nie versiegenden Wohltätigkcftssinn des Verewigten. Bei der Plenarsitzung des Gesamtvorstandes hielt der Vizepräsident des Vereines, Adler, einen Nachruf, worauf im Namen der Familie Dr. Leopold Drucker für die dem An-,, denken des Verstorbenen gewidmeten ehrenvollen Worte dankte. '_ i ' f j | pf Ansiedlung der durch den Krieg um ihre Eristenz gebrachten jüdischen Familien aus Galizien in Bosnien. Der Krieg hat Taufenden indischen Familien in Galizien die Erwerbsmöglichkeit für die nächste Zeit genommen. Es genügt nicht die Feststellung dieser Tatsache, es muß Abhilfe geschaffen werden. Der Staat wird seine Pflichten erfüllen und den Geschädigten Ersatz leisten. Vielen wird es jedoch unmöglich sein, in Galizien ihre Existenz neu aufzubauen und muß heute damit gerechnet werden, daß eine sehr starke Auswanderung sofort nach dem Kriege beginnen wird. Die großen Auswanderungszentren werden voraussichtlich ihre Grenzen schließen und können -wir heute mit einer massenhaften. Auswanderung nach Palästina noch nicht rechnen. Diese Auswanderer seßhaft zu machen, ihnen Grund und Boden zu geben, sie der Landwirtschaft zuzuführen, um sie im entsprechenden Momente in Palästina anzusiedeln, ist unsere heutige große Aufgabe. Mft Genugtuung können wir fcststellen, daß diese Ansicht auch von anderer Seite geteilt wird. Herrn Dr. Heinrich F a st in Wien, 2. Bez, Große Sperlgasse 6/6, Tel. Nr. 46065, wurde von einem jüdischen Großgrundbesitzer in Bosnien der Vorschlag gemacht, er möge die indische Oesientlichkeit für die obgenannte Idee interessieren, er selbst sei bereit, 50 bis 60 iüdische Familien auf seinem Besitze in Bosnien anzusiedeln. Jede Familie würde 5 bis 6 Hektar Grund und die Mittel 'zur Bewirtschaftung desselben erhalten. Der Pachtzins wäre durch Beistellung eines Teiles des Reinertraaes an den Besitzer zu entrichten. Die Erwerbung des Eigentumsrechtes würde im Vertrage in Aussicht bestellt werden. In Betracht kommen natürlich nur Faunlien, die sich freudig der Landwirtschaft widmen wollen. 1! Bosnien und Herzegowina ist das einzige auf dem Gebiete der österreichisch-ungarischen Monarchie in Betracht kommende Land, welches mit aroßem Vorteile für die anzusiedelnden Familien kolonisiert werden könnte. Die dort durch die österreichisch-nnaarischen Verwaltung aereaeften Verhältnisse bieten besonders der füdischien Bevölkerung die besten Allssichten ans das Gelingen dieser Bestrebungen. Die einheimische Bevölkerung ist sehr tolerant und das erklärt uns, warum in Bosnien Juden so hohe amtliche Stellunaen bekleiden. Es gibt in Bosnien auch iüdische Berft-kshauptleute, die sich des größten Vertrauens der Bevölkerung erfreuen. Dr. Heinrich F a st hat nach Rücksprache mit den in Frage kommenden Faktoren die ihm anvertraute Aktion zur Durchführung übernommen, und ist es jetzt den jüdischen Interessenten gegeben, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Sie werden die nötigen Informationen und einen Entlvurs des Vertrages erhalten. Es ist auch Sache der jüdischen Gemeinden in Galizien, ihre Mitglieder über diese geplante Aktion aufzuklären. Die Kunst der Nadel. Mittwoch, den 10. November d. I., fand im großen Saale des „Hotel Continental" - eine von mehr als 200 Damen besuchte Versammlung statt, welche den Bericht über die Vorarbeiten der Ausstellung der Arbeitss chule der Frau Anitta Müller für Flüchtlinge aus Galizien und der;Bu kowina entgegennahm. Die Ausstellung, in welcher künstlerische Handarbeiten, Filetarbeiten, Weiß-, Bunt- und Brokatstickereien, Puppen, sowie Korbflechtarbeiten, Tassen, Körbe usw. zur Ausstellung gelangen, wird am 27. November d. I. eröffnet. Herr Professor Julius Klin g er (Berlin) hat sich bereit erklärt, die künstlerische Ausgestaltung der Ausstellung zu übernehmen. Karlsbad. Am verflossenen Sonntag, den 21. November, fand auf dem israelitischen Friedhof eine denkwürdige Beerdigung statt, und zwar wurde zum erstenmal ein im Felde gefallener k. u. k. Militärarzt in heimatlicher Erde bestattet. Der junge 27 jährige Arzt, welcher sein Leben für Kaiser und Vaterland opferte, war MUDr. Artur Weil, k. u. k. Assistenzarzt am südlichen Kriegsschauplätze, ein Sohn des hiesigen Kaufmannes Sigmund Weil. Die Leiche wurde nach Karlsbad überführt und gelangte verflossenen Sonntag unter Anwesenheit von wohl 1200 Personen der gesamten Bevölkerung zur Beerdigung. Aus Anlaß derselben waren das k. k. priv. Schützeukorps und das k k. patriotische Krie-i gerkorps Erzherzog Franz Ferdinand vollzählig ausgerückt. Auf dem Friedhofe waren ferner fast sämtliche in Karlsbad weilenden dienstfreie!: Offiziere und die hier weilenden invaliden Mannschaften anwesend, darunter k. u. k. Oberstleutnant Brudre vom 92. Infanterieregiment, ferner in Vertretung des Stationskommandanten Herr k. u. k. Major Hassen teufe! sowie Herr k. u. k. Hauptmann Karl Hiebel; ferner war auch der Vorstand des Karlsbader Wohlfahrtsvereines „Union" anwesend. Vor der Ueberführung der Leiche aus der Zeremonienhalle zur letzten Ruhestätte durch Mitglieder des deutschen Turnvereines in Karlsbad hielt Rabbiner Doktor- Ignaz Ziegler eine ergreifende Ansprache, ferner k. u. k. Militärarzt Dr. Max Popper aus Prag namens ver Aerzteschaft. Bei der Ueberführung zu dem von der israelitischen Kultusgemeinde gewidmeten Ehrengrabe machte es auf die Anwesenden einen tiefen und dauernden Eindruck, daß hinter der Bahre des Dahingeschiedenen neben dem Rabbiner Dr. Ignaz Ziegler der katholische Feldkurat des t k. Refervespitales in Karlsbad Gottfried Cikanek schritt, und es fei an dieser Stelle nicht unerwähnt, daß sich dieser katholische Seelenhirt nicht nur bei den Soldaten seines eigenen Glaubens, sondern bei den Angehörigen aller Konfessionen einer besonderen Verehrung und Beliebtheit erfreut. Salouron Schechter. Aus Newyork wird gemeldet, daß der Professor des Hebräische::, Dr. Salouron Schechte r, im Alter von 67 Jahren gestorben ist. Er war zuletzt Präsident des Jüdisch-Theologischen Seminars in Newyork, nachdem >er viele Jahre in Cambridge und London wissenschaftlich tätig gewesen war. Schechter gehörte zu den hervorragendsten Kennern der rabbinischen Literatur, über die er zahlreiche Untersuchungen und Abhandlungen veröffentlichte, und trat auch durch archäologische Studien, hervor. Am bekanntesten wurde seine scharfsinnige und scharfsichtige Wiedererkennung eines wichtigen Geniza- Fundes in Kairo. Dort hatten nämlich zwei für Bibelforschungen begeisterte Engländerinnen einzelne alte Handschristenstücke erworben und nach Cambridge gebracht. Schechter erkannte in den Resten sofort das hebräische Original des Jesus Sirach. S ch echte r war Rumäne von Geburt, hat auch in Wien mehrere Jahre seine Studien betrieben und hier seine erste hebräische Edition herausgegeben.