Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 39 (28.9.1915)
- Date
- 1915-09-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 714 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 39 am Flusse war verbrannt, nur Kamine ragten hervor, als wollten sie die einzelnen, einst so friedlichen Heimstätten bezeichnen. Ein altes Bauernweib, das schluchzend am Brunnen ihres zerstörten Bauernhofes stand, wird mir stets in Erinnerung bleiben; doch was gilt des Einzelnen Schicksal in diesem gewaltigen Ringen, die neue Zeit, die wir nach diesem Weltkriege erhoffen, muß in Schmerzen geboren werden. Wir gingen an den russischen Stellungen vorbei und wer diese in ihrer Stärke gesehen hat, der mußte im Herzen die tiefste Dankbarkeit für unsere todesmutigen Truppen, lvie auch für deren Führer empfinden, vor allem aber dem Allvater Dank wissen, daß er uns Kraft verliehen hat, diese Heldentaten zu verrichten. (V- Moses, 8, 1.8.) Auf dem Wege begleiteten uns die freudigen Nachrichten von den großen Erfolgen der übrigen Armeen, die nach der überraschenden Wiedereroberung der durch ihre lange, heldenmütige Verteidigung so berühmt gewordenen Festung Przemysl sich unaufhaltsam 0er Landeshauptstadt näherten. Unsere Division befand sich auf einem anderen Wege. Wenn es uns also auch nicht gegönnt war, an der Befreiung unseres Heimatsortes unmittelbar teilzunehmen, so freuten wir uns doch, daß unsere Truppen vielleicht bald in die Lage kommen würden, Rußland in seinem eigenen Lande zu schlagen, wovon ich mir viel Heilbringendes für das russische und die anderen in diesem Reiche wohnenden Völker versprach. Am 19. Juni, um 7.30 Uhr früh, überschritten wir die russische Grenze. Neugierde übermannte nlich, wie es wohl in diesem an Gegensätzen so reichen Lande zugehen mag, das wie ein Anachronismus in die Lanze Kulturwelt hineinragt. Ich wollte die Lage der Polen unter russischer Herrschaft kennen lernen, vor allem aber die der Juden studieren, die so viel leiden müssen und trotz unmenschlicher Unterdrückung und Verfolgungen den jüdischen Geist in seiner ungetrübten Frische erhalten haben, daß sie bis nun in der jüdischen Kultur die Schrittmacher sind. Nach einem längeren Marsche in frischer Waldesluft erreichten wir Tarnogrod, wo wir im schönen Pfarrhause des russischen Popen unser Quartier bezogen. Es ist eine kleine polnische Stadt, jedoch mit vorwiegend jüdischer Bevölkerung, letztere beziffert sich auf etwa 600 Familien. Es befinden sich dort zwei Synagogen, mehrere kleinere Bethäuser und ein sehr alter Friedhof, auf welchem mir das Grab des angeblichen polnischen Eintagskönigs Saul Wahl gezeigt wurde. Die Bevölkerung ist zumeist arm, man findet Getreide-, Woll- und Flachshändler, auch Geldvermittler. An der Spitze der Gemeinde steht ein Vorsteher, aber das eigentliche Haupt ist der Rabbiner, der ein sehr kluger Berater seiner Brüder ist. Eine äußerst sympathische Gestalt mit feinen, durchgeistigten Gesichtszügen, die das unverschuldete Judenleid widerspiegeln, .eine Märtyrergestalt, immer bereit, sich für seine Gemeinde zu opfern. Ich ging zunächst in die Synagoge, wo gerade der Sabbatgottesdienst stattfand. Ein trauriges Bild bot sich meinen Augen. Koffer, Kleider, Bettzeug und Hausgerät lagen herum und bleiche, angsterfüllte Gesichter bewegten sich, Gebete murmelnd, zwischen diesen Gegenständen. Die Juden aus Sieniawa und Umgebung fanden hier ihre 'Zuflucht, als sie von den Kosaken nach Rußland getrieben wurden. Auch viele Ortsjuden verbargen sich in der Synagoge, teils um Wicht auch mitgeschleppt zu werden, teils, weil ihnen die Russen Angst vor der Mord- und Raublust des „German" eingeflößt haben. In einem Meierhof erzählte der Besitzer, daß zu ihm zwei Kosakenoffiziere gekommen seien und erklärten, sie müßten auf höheren Befehl die Gebäude verbrennen. Der Besitzer lud die Offiziere zu einem reichlichen Wendessen ein und hieß während der Mahlzeit die Dienerschaft melden, daß die „Germans" kommen; daraufhin flohen die Offiziere mit den Kosaken und der Meierhof war gerettet. : | > [ ■ -. i t? f In jedem Juden sah man einen Spion, daher wurden sie regelmäßig von Haus und Hos verjagt, wobei immer die verlassenen Wohnungen von den Kosaken, zum Teil auch von Ortsbewohnern geplündert wurden. Totenstille herrschte in der Stadt, als wir einzogen. Die verschüchterte Bevölkerung wagte sich nicht auf die Straße. Um jede Befürchtung zu zerstreuen, kündigte ich für 6 Uhr abends einen Militürgottesdienst in der Synagoge ßix, zu dem auch die Zivilbevölkerung .zugelassen würde. Die Synagoge war lange vor der angekündigten Stunde bis auf das letzte Plätzchen besetzt, auch die Frauengalerie. Wir verrichteten zunächst das Minchagebet, wobei Soldaten zur Thora aufgerufen wurden. Dann besprach ich in einer Predigt die Bedeutung des Augenblickes, in welchem wir die russische Grenze überschritten, diesmal um hier dauernd zu bleiben. Völkerbefreiung hat Rußland vorgeheuchelt, als es, von seinen Verbündeten unterstützt, gegen die Monarchie in den Krieg zog, doch mordend und sengend brachen sie in das Land ein, das sie befreien wollten. Sie benützten die niedrigsten Instinkte der Bevölkerung, um dieselbe gegen die Juden auszuhetzen. Dieses gottlose Beginnen durfte nicht glücken. Wir haben mit Hilfe unserer treuen Bundesgenossen die heranflutenden Massen zum Stehen gebracht, ihren Ansturm in den Karpathen gebrochen und hoffen, sie bald aus unserem Heimatslande hinauszudrängen. Hier aber wollen wir Befreiungsarbeit leisten, denn unsere Heere kämpfen für Recht und Gerechtigkeit. Die russischen Juden sollen ihre Menschenrechte erlangen, aus jahrelanger Knechtschaft erlöst werden. Man merkte eine freudige Bewegung in der versammelten Menge, , aller Augen leuchteten heller und auch mein Herz bebte vor Freude, da ich meinen unglücklichen Brüdern die Freiheit verkünden konnte. Nach dem Gottesdienste verblieben die Juden noch längere Zeit am Marktplatz, ergingen sich in eifrigen Diskussionen über das Gehörte und waren dem Ortsrabbiner sehr dankbar, daß er sie bewogen hatte, nach dem Wzuge der Kosaken in der Stadt zu verbleiben. Nun betrachteten sie mich als ihren Anwalt und wendeten sich mit jeder Angelegenheit an mich. In vielen Fällen gelang es mir, für ihre Wünsche mit Erfolg einzutreten. Auch das erste Begräbnis, bei dem ich in Tarnogrod fungierte, gestaltete sich zu einer großen Manifestation. Es war die Bestattung eines tapferen Offiziers und nahmen an derselben der gesamte Divisionsstab mit vielen Offizieren, ferner die Ortsjuden mit dem Rabbiner an der Spitze teil. Diese einem jüdischen Offizier zuteil gewordene Ehre machte auf die Gemeinde großen Eindruck. Als ich mit dem Rabbiner vom Friedhof zurückkehrte, sagte er zu mir voll Rührung: „Sie haben einen sehr guten Kaiser, wie wären wir glücklich, wenn auch wir sagen könnten, , unser lieber, guter Kaiser"." Am selben Abend verbreitete sich in der Stadt die frohe Nachricht, daß unsere Truppen in Lemberg eingezogen seien. Ein Freudentaumel erfaßte alle. Wenn es mir auch leid tat, nicht dort weilen zu können, so wurde ich doch von der allgemeinen Freude mitgerifsen. Der Abend wurde durch einen Fackelzug mit Musik gefeiert, der Wein machte mehrmals die Runde, sogar Champagner kam auf den Tisch. Ich dachte an den Herzenswunsch unserer Dreißiger und kündigte einen Festgottesdienst für die jüdischen Soldaten des Regimentes an. Ueber den Verlaus dieser Feier, an der der Divisionär mit dem ganzen Stabe teilnahm, habe ich Ihnen bereits früher berichtet. Des Todestages des ermordeten