Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 34 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 622 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 34 erscheinen mußte, die Ausweisung der Juden nach dem festgesetzten Programm durchzuführen, so wurde doch in dieser Beziehung nicht die geringste Rücksicht genommen. Zur Verfügung eines Teils der Bevölkerung wurden 26 „Sonderzüge" bereitgestellt, die im Laufe von 30 Stunden denn auch tatsächlich gegen 40.000 Personen beförderten. Welchen Anblick aber boten diese „Sonderzüge"! Sie bestanden aus je 40 bis 70 Güterwagen, die ein unerträgliches Bild furchtbarsten Jammers boten. Männer und Frauen, Kinder und Greise, Gesunde und mit ansteckenden Krankheiten Behaftete, Wohlhabende, Arme und alle möglichen Vagabunden — sie alle wurden als lebende Fracht in unübersehbaren Massen irgendwohin in ferne, unbekannte Gegenden geschafft. Die Züge hielten nur selten; hielten sie jedoch, so stets mindestens einen Kilometer vom Bahnhof entfernt, so "daß es den zahlreichen Hilfskomitees, die sich in aller Eile gebildet hatten, in zahlreichen Fällen unmöglich war, die Flüchtlinge auch nur mit den allernotwendigsten Lebensmitteln zu versehen; in vielen Fällei: glückte dies nur, indem man zu dem in Rußland ja keineswegs unbekannten Mittel der Bestechung griff. Zu all dem Jammer, den diese Transporte als Gesamtbild boten, kamen nun die Hunderte und Tausende von Einzelfällen: in der Hast und Eile, mit der sich der Fortzug hatte vollziehen müssen, waren viele Familienmitglieder voneinander getrennt worden, so daß mar: nun überall auf klagende Menschen stieß, auf Mütter, die ihre Kinder suchten, auf Kinder, die nach ihren Müttern schrien, und auf Familienväter, die chre sämtlichen Angehörigen verloren hatten. Nur der allergeringste Teil der Ausgewicsenen konnte in den bereitgestellten Zügen untergebracht werden: Tausende und Abertausende waren gezwungen, auf Leiterwagen dävonzufahren, für die oft geradezu märchenhafte Preise (80 bis 100 Rubel) bezahlt wurden; andere wiederum, die keinen Wagen aufzutreiben oder den hohen Fuhrpreis nicht zu erschwingen vermochten, eilten, mit ihren wenigen Habseligkeiten beladen, so schnell wie möglich auf den Landstraßen von dannen. Es war ein grausiges Bild: auf allen Wegen, die von Westen, Südwesten und Norden nach Wilna führten, zogen endlose Karawanen von hochbeladenen und vollbesetzten Wagen dahin, und die Leute, die auf chnen saßen, wußten einer so wenig wie der andere, wohin. So kam es, daß die Wandernden und Fahrenden binnen kurzer Zeit die kleinen Städte und Marktflecken .überschwemmten, in denen sie Erlaubnis hatten, einen kurz bemessenen Aufenthalt zu nehmen, so daß plötzlich Orte wie Schosli, Jewje, Schirwonty usw. anstatt einer Einwohnerschaft von. 800 bis 1000 Seelen eine solche von 5000 bis 6000 auf* zuweisen vernrochten. In der Synagoge von Schosli waren einige Zeit hindurch über 800 Personen auf engem Raum zusammengepfercht, und trotzdem die Mdische Bevölkerung den' Flüchtigen bereitwilligst alle nur zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten überließ, verschlug dies doch alles nichts, so daß der größte Teil der Äusgewiesenen gezwungen war, in den umliegenden Wäldern unter freiem Himmel zu übernachten. Als die befohlene Räumung der genannten Gouvernements einsetzte, bestürmte eine große Anzahl von Vertretern des Handels und der Industrie den Finanz- und Handelsminister, mit der Bitte, daß man doch zum mindesten das Besitztum der Ausgewiesenen vorläufig unter staatliche Bewachung nehmen möge, desgleichen wurden Abordnungen der Petersburger jüdischen Gemeinde, mit dem Dumaabgeordneten Friedmann an der Spitze, beim Premierminister Goremykin und dem Minister des Innern Maklokow vorstellig mit der Bitte, die Unschuldigen vor den furchtbaren Prüfungen zu bewahren. Erst am 22. Mai, als das Unglück bereits geschehen und die jüdische Bevölkerung ausgewiesen war, wurde der Ausweisungsbefehl zurückgezogen, wenn auch unter den deutbar entwürdigendsten Bedingungen: der Militärgouverneur Fürst Tumanow, dem die betreffenden Gouvernements unterstellt waren, erklärte einer jüdischen Abordnung, die bei ihm vorstellig wurde, daß er die Erlaubnis zur Rückkehr der Juden nur geben werde, falls diese sich damit einverstanden erklärten, eine Anzahl von Geiseln, bestehend aus Rabbinern und anderen angesehenen und wohlhabenden Juden, zu stellen. Er fügte hinzu, die Abordnung möge im Falle ihres Einverständnisses der Bevölkerung in deren eigenem Interesse einschärfen, daß die Geiseln, falls der geringste Fall vor: Verrat festgeftellt werde, ohne alle Umschweife auf der Stelle an den Galgen gehängt würden. Nach langwierigen Verhandlungen wurde man sich dahin einig, den Vorschlag des Fürsten abzulehnen, da er einen Fleck auf der jüdischen Ehre bedeuten würde, und mit diesem Augenblick tvurden etwa 200.000 Juden heimatlos. . . . Es hat fast den Anschein, als sollte die jüdische Bevölkerung von Wilna von dem Los ihrer unglücklichen Glaubensgenossen einstweilen verschont bleiben, und zwar auf Grund der Fürsprache des Stadtkommandanten, der sich für sie in weitgehendstem Maße verbürgte. Dies hat jedoch nicht zu verhindern gemocht, daß in diesen Gegenden in den letzten Tagen neuerdings eine riesige Völkerwanderung eingesetzt hat: Während der Kämpfe im westlichen Teil von Polen war bereits eine große Anzahl von Juden, die nicht selbst geflüchtet waren, ausgewiesen unch nach Warschau verbracht worden, wo .die jüdische Bevölkerung dieser Stadt.natürlich nach Möglichkeit bemüht war, das Los ihrer schwergeprüften Glaubensbrüder zu mildern. Nun jedoch haben die Militärbehörden von Warschau den Befehl erlassen, daß die gesamte Bevölkerung von Warschau, die seit dem 1. Juli 1914 in diese Stadt zugewandert ist, sie unverzüglich zu verlassen und sich in die östlichen Gouvernements zu begeben hat. Wenn dieser Befehl nun auch nicht gerade unmittelbar gegen die Juden gerichtet ist, so liegt die Sache doch so, daß er in allererster Linie einmal diese trifft, da sie den größetn Teil der seit dem 1. Juli 1914 Zugewanderten ausmachen. Wie aber müssen sich, alle die anderen russischen Juden fühlen, die innerhalb der Grenzen des russischen Reiches leben, und die man nun, nachdem sie in opferwilligster Weise unsagbare Opfer an Gut und Blut gebracht haben, schlechthin als Spione und Vaterlands- Verräter bezeichnet, und wann endlich soll dieses entsetzliche Drama des jüdischen Volkes einmal enden. —?! Kriegsdekoralionen jüdischer Hffiziere und Soldaten. Se. Majestät der Kaiser hat verliehen: das Militär verdien st kreuz 3. Klasse mit der Kriegsdekoration jotr tapferes Verhalten vor dem Feinde dem Hauptmann d. R. Heinrich Sokal, Kommandant der 9 Zentimeter-Kanonen-Abteilung; der: Leutnants d. R. Emil Kalmus, Feldkanonenregiment Nr. 33, Emil Salz, Feldkanonenregiment Nr. 22, Alexander Stieglitz, Infanterieregiment Nr. 71; die silberne Verdienstmedaille am Bande des Militärverdienstkreuzes (neuerliche kaiserliche belobende Anerkennung) für tapferes Verhalten dem Oberleutnant d. R. Josef Glaser, Infanterieregiment Nr. 64, dem Leutnant d. R. Isaak B a r b a g, Jägerbataillon Nr. 30;