Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 18 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 18 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 333 Nürnberg. Das Bayerische Militärverdienstkreuz zweiter Klasse erhielten Jakob Emden, Vizewachtmeister bei einer Munitionskolonne des 3. bayerischen Armeekorps; Feldmagazinsinspektor Hechinger; Feldmagazinsinspektor Leo Sturm, bereits Inhaber des Eisernen Kreuzes, und Albert Schloßheimer, Offizier-Stellvertreter im 7. bayerischen Landwehr-Infanterieregiment, bereits Inhaber des Eisernen Kreuzes. Chemnitz. Fritz K o h n k e, Sohn des hiesigen Fabrikanten Paul Kohnke, ist mit der Sächsischen König Friedrich-Medaille am Bande des Militär-St. Heinrichs-Ordens ausgezeichnet worden. Oberdorf-Bopfingen. Unteroffizier Sänger, Sohn des Herrn Jakob Sänger, Inhaber des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse, erhielt nunmehr die Württembergische Silberne Medaille für Tapferkeit und Treue. ' Friedberg (Hessen). Unteroffizier Siegfried Rothschild erhielt die Hessische Tapferkeitsmedaille. Berlin. Unteroffizier der Landwehr Rechtsanwalt Dr. Arthur C o h n, Inhaber des Eisernen Kreuzes, ist das Mecklenburg- Schwerinfchr Militärverdienstkreuz verliehen worden. Leider ist er inzwischen seiner schweren Verwundung erlegen. Dem Landwehrmann Friedrich Wilhelm Lev y, Inhaber des Eisernen Kreuzes, zurzeit im Vereinslazarett Lankwitz bei Berlin, wurde das Mecklenburgische Verdienstkreuz verliehen. Levy ist Mitinhaber der Firma Otto Levy, . Berlin. Cöthen. Musketier D.. G l ü ck, Sohn des Herrn S. Glück, hat das Anhaltische Verdienstkreuz erhalten. Die Aehandtung jüdischer Kriegsgefangener in Keulschtand. Mit Erlaubnis des Kommandanten fand im Kriegsgefangenenlager zu Par -ch i M eine jüdische Theatervorstellung statt. Die Vorstellung begann nachmittags um 31/2 Uhr und wurde eröffnet durch die Ouvertüre ,,Der Schwur im Tempel", „ausgefüHrt von dem Virtuosen Gavenkö". Solist Glewitzki fang dann, von einem Chor begleitet, zwei Arien aus der Oper „Barkochba" und schließlich wurde aus dieser Oper auch noch das dramatische Bild „Der Prinz Ismail" dargestellt. Nach eurer Pause folgte der zweite Teil. Einer der Gefangenen sang drei deutsche „komische Couplets". Eine gedrückte Stimwung kaim in dem Lager kaum herrschen, denn ein ko'mifches Stück — „Zwei Lumpen" -- bildete den Mittelpunkt auch des dritten Teils. Drangsalierung der Juden in Rußland. Der- Sonderberichterstatter der „Bossischen Zeitung" unternahm in den letzten Wochen eine Reise durch das Innere Rußlands und seine Reiseschilderungen bieten ein trauriges Bild vou der Lage der Juden. Er kain Vriife den vornehmsten Führern des russischen Judentums zusammen und diese äußerten sich sehr düster über die Zukunft des jüdischen Volkes iw russischen Reich. Unter anderem erzählt er: „Dieselben Herren wurden beim Kriegsminister wen.'ge Tage vorher vorstellig, weil von gewis'er Seite für die Oste.fssttage große Ostereier an die Truppen in Polen versendet worden waren, bei denen als Verzierung auf den oberen Teil ein Bild .angebracht war, das eine junge weibliche Gestalt darstellte, die auf einen Tisch geschraubt ist, jund um die herum vier polnische Juden sitzen, die durch Sauginstrumente dem Körper Blut entziehen, das für die Zubereitung von jüdischen Osterkuchen verwendet werden so'.l. Auf der Reversseite des Eies wird die Soldateska in polnischer Sprache zu Eewaltmaßregeln aufgere'zt. Ich habe eine Photographie dieser Eier mitgebracht. Der russische Kriegsminister soll Abhilfe zwar versprochen haben, aber jedenfalls war es viel zu spät, um die daraus entstehenden Gewalttätigkeiten verhindern zu können. In Rußland darf ein Jude als Handwerker nur das verkaufen, was er auch selbst herstellt. Ein Schuhmacher beispielsweise, dem nachgewiesen wird, daß er Schuhe, die er nicht selbst verfertigte, in den Handel gebracht hat, kann dadurch seines Wohnrechts verlustig gehen und setzt sich obendrein noch der Gefahr aus, daß die Ware vom Staat konfisziert wird. . So wurde mir auch folgender Fall erzählt. Eine jüdische Frau, Besitzerin eines kleines Gütchens, ließ durch ihre Schwester, die, ohne das Wohnrecht - an dem Orte zu besitzen, bei ihr lebte, Milch an dir Baurrn verkaufen. Die Milchverkäuferin wurde verhaftet, die beiden Kühe konfisziert, und die das Wohnrecht nicht besitzende Schwester aus dem Orte verwiesen. Gegen dieses Urteil wurde beim Appellgericht in Petersburg Revision eingelegt, das Urteil erster Instanz jedoch bestätigt. Hunderte von derartigen Fällen sind mir 'mitgeteilt worden. Ich führe nur den einen an, um darzulegen, mit welch »grausamer Konsequenz die armen Verfolgtenüberall drangsal'ert werden." - Eine Photographie jenes Ritualmord-Hetzbildes hat auch der Redaktion der „Österreichischen Wochenschrift" Vorgelegen. Bei den russische Juden. Von einem Solinger Landsturmmann lesen wir folgenden Brief in der „Arbeiter-Zeitung": Lieber Freund! Wie ich Dir bereits auf einer Karte mitgeteilt habe, habe ich die Senne am 1. April um 3 Uhr nachmittags verlassen. Gestern (also am 4.) sind wir nun hier in Suwalki um 8 Uhr morgens angekommen. Ich habe mir den russischen Dreck gewiß nicht klein gedacht, daß er aber so haarsträubend groß sein könnte, hätte ich nie erwartet. Trotzdem die Lagerverwaltung schon alles getan hat, indem sie die gefangenen Russen vor ihren eigenen Dreckwagen spannte, bleibt doch noch unendlich viel zu wünschen übrig. Und wie bei uns im Kasernenhof, so sieht es auch in der Stadt selbst aus. Heute ist der Marktplatz gesäubert worden, auf dem der Dreck über einen halben Meter hoch an einzelnen Stellen tag. Du kannst Dir lebhaft denken, daß das Aufrühren solcher Misthaufen viel Gestank verbreitet. Die Stadt ist zum größten Teil von Juden bevölkert, die alle etwas Deutsch sprechen und sich freuen, einstweilen mit den Russen nichts mehr zu tun haben zu müssen. Die Männer sind teils charakteristische Typen des Judentums, die sich die Rassenreinheit vollständig bewahrt haben, anderenteils findet man aber auch ganz moderne Europäer unter .ihnen. Unter der weiblichen jüdischen Bevölkerung findet man wirkliche Schönheiten. Ich sah gestern Mädchen und junge Frauen mit sehr schönen Gesichtszügen und einem Teint wie Milch und Blut. Daß die Kleidung dieser Frauen hochmodern ist, ist selbstverständlich. Die Bildungsbestrebungen der hiesigen Juden scheinen mir sehr lebhaft und erfolgreich zu sein, denn auf Befragen konnte mir gestern ein fünfzehnjähriges Mädchen über alle Größen der Weltliteratur Auskunft geben! Hierüber war ich natürlich außerordentlich überrascht. Die Tätigkeit der Juden liegt auf dem Gebiet des Handels. Augenblicklich sind allerdings nur wenig Handelsobjekte vorhanden, da die Linkaufsquellen versiegt sind. Was wir hier kaufen können, ist höchstens Tee, Kaffee und Limonade. Für alle Lebensmittel sind von der deutschen Kommandantur Höchstpreise festgesetzt, die an allen Straßenecken durch gedruckte Anschläge kundgemacht sind. Bei Gelegenheit will ich solche Anschläge einschicken. Sven Kedin und das Iudenmädcheu. Sven Hedin, der weltberühmte schwedische Forschungsreisende, hat auf Einladung der deutschen Heeresleitung die Kriegsschauplätze im Westen und Osten besucht. Folgende Episode aus diesem Besuche, ki: sich in Lozdzieje (Gouvernement Suwalki) abspielte, erzählt der Kriegsberichterstatter der „Bossischen Zeitung": Andern Morgens, als wi: beim Frühstück saßen und standen, kamen di: Besitzer unseres Quartiers, die vor vier Tagen aus Furcht vor cinem Straßenkampfe geflohen waren. Sie stapften durch all den herumgeworfenen, zertretenen Kram, durch den engen, winkligen Flur, in den kleinen Kaufladen und aus den Boden, wo ci-.l größerer Posten Kupsergeschirr stand. Ls waren Juden. Wir hatten es schon am Türpfosten gesehen, an dem ein helles Stroischen die Stelle zeigte, an welche der Bibelspruch angehestet gewesen war. Ein hagerer jüngerer Mann, seine Frau und ein junges Mädchen in einem kurzen engen Rock und abgetragenen Mantel. Ueber den Mantel hingen zwei wohlgepflegte, blonde Zöpfe herab, als Kopfbedeckung timte ihr ein dreizipfeliges Tuch, wie es auch di: polnischen Frauen tragen. Sie fragte mich, ob wir di: Wohnung auch in diesem Zustande vorgesunden hätten. Ich bejahte und sagte ihr, daß unsere Truppen Lozdzieje erst gestern genommen und sicher keine Zeit gehabt hätten, die Wohnung aus den Kops zu stellen. Ohne Zwcisel hätten die Russen ihre Abwesenheit dazu benutzt. Darauf fragte sie, ob es wahr sei, daß die Russen ihre Niederlage wieder an den Juden auslassen würden. Sie hätten schon hie und da die polnische Bevölkerung zu Pogromen aufgehetzt. Si: nannte einige Ortsnamen und die Zahl der verübten Morde und Graufamktiten. Auf ihrem jungen, klugen Gesicht stand deutlich die Sorge vor solchen Greueln, falls die Russen wi:derkehren sollten. Ob das anzunehmen sei, oder ob si: die Eltern und die mitgenommene Habe wieder herbringen könnten. Ich sprach polrisch mit ihr, ein Kollege deutsch, und Sven Hetir russisch. Er betrachtete das Mädchen mit dem gleichen Naturforscherbiik, mit dem er am Abend die Europäer im Stroh an-