Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 14 (2.4.1915)
- Date
- 1915-04-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 14 Dr. Bloch's Jahrgang XXXII Lentralorgan kür die gesamten Interessen des Judentums. 0(5= O - ■: - -::=--0o A. ft. Postsparftassrnsnit C o G= DO Slesrtng-VerKebr «r. 810.976. Redaktion und Administration: wir» H/1. Praterstraße 9. Telephon 45.359. j r>Q .Po Men. 2. April 1915 LrscdeLnr jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wie«, H/i. Praterstraße 9. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie«. "P Vrzngsprris für V«firrrrirtz: 9 Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. «ür da« Ansland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 2mvl gespal» tene Petttzeile 48 Heller. _ otv ■ ■ ■ . ■ > ■ Oo Inhalt: Leitartikel: Könige im Exil. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Kriegsdekorationen jüdischer Offiziere und Soldaten Beförderungen. Aus einem Briefe eines jüdischen Vaters. „Mein bester Offizier." Ein Feldpostbrief an den Präses der „Makkabäer" in Preßburg. Der Tod des österreichischen Fliegers Rosenthal. Brief eines russisch-jüdischen Soldaten. Jüdische Soldaten meiner Kompagnie. Auszeichnungen jüdischer Krieger mit dem Eisernen Kreuze. Befördert. Sonstige Auszeichnungen. Das bayrische Kriegs- Ministerium gegen antiseniitische Preßerzeugnisse. — Korrespondenzen. Pessach-Kartoffelbeteilung der „Weiblichen Fürsorge." Die Pessach-Kartoffelbeteilung der .Weiblichen Fürsorge '. Seder in der Flüchtlingsausspeisung XX., Wallensteinftraße. Seder in den israelitischen Volksküchen im II. Bezirk. Ein Wiener Straßenbild. Ein Bortrag im Bolksbildungsvereia. Klattau. — Vermischtes. — Feuilleton: Das weiße Tuch. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Könige im Lril. Brief aus London, über neutrales Gebiet an uns gelangt. Unsere gute City hat wieder einen Anlaß sich sittlich zu entrüsten. Es ist auch ein besonderer Anlaß dazu. Sie sollten sich einmal ansehen, wie die reichen Belgier sich aufführen, welche nach England geflüchtet find, speziell jene, die fich in London niedergelassen haben. Wie eine Ueberschwemmung strömten sie herein und erfüllten die Stadt. Sie mieteten sich in den feinsten Hotels ein und erscheinen täglich zur Table d'hote aufgeputzt nach der letzten Mode, die Männer in Frack und Lackschuh, die Frauen in Seide und Plüsche, dekolletiert nach den strengsten Forderungen und den genauesten Vorschriften, wie es in Belgien üblich war. Wir stauneu über dieses arbeitende, lustige, frohsinnige belgische Völkchen, es lebt heiter, als hätte es nicht durchgemacht die furchtbare Zerstörung von Brüssel und Antwerpen, als wäre die belgische Fahne noch immer hoch oben, flatternd über den Palästen jener reichen belgischen Städte; als wäre die reizende Schönheit Brüssels nicht zu Füßen des deutschen Siegers gesunken, als wäre ihre Heimat nicht nahezu zur Gänze vom deutschen Heer bewältigt. Die reichen Belgier leben sich bei uns in London einen guten Tag. man merkt ihnen kein patriotisches Herzeleid an, kein inneres Beklemmnis, keinen Seelenkummer. Man sieht sie auf allen öffentlichen Plätzen, sie beteiligen sich an allen öffentlichen Spielen, mit einem Wort, sie find guter Dinge. Darüber machen nun die Engländer ihre Glossen. Sie selber, die Engländer, sind über den Krieg ja auch nicht besonders traurig, denn sie machen dabei meistens ein gutes Geschäft. Der Krieg hat das überraschende Ergebnis gebracht, daß niemals der Umsatz so groß war und niemals das Gold so lustig auf den Zusammenkunstsplätzen rollte wie jetzt. Die Geschäftsleute, die großen Restaurateure und Hoteliers machen zufriedene Gesichter. Die Theater haben nach und nach fich ein neues Pariser Repertoire beigelegt, und die Damenschneider stellen Modelle aus, deren Dreistigkeit niemals auf dem Boulevard des Capucines ihresgleichen gesehen hat. Der Sport füllt mehr Raum in den Zeitungen als die Kriegsberichte, und es wird bei Frascati trotz aller offiziellen Vorschriften wacker gezecht. Der Meisterkoch - Escosfier ^macht bekannt, daß er einen neuen Salat komponiert hat und Paris geht nach London, um fich zu amüsieren. Ihr eigenes Tun finden die Engländer begreiflich, allein der Frohsinn der vornehmem Belgier erscheint ihnen beftemdlich. Für die arm e n belgischen Flüchtlinge hat man Gelder zusammenbetteln müffen, wurde die öffentliche Wohltätigkeit stark in Kontribution genommen. Wohltätigkeitsvorstellungen über Wohltätigkeitsvorstellungen mußen veranstaltet werden, die Teilnahme für diese armen Flüchtlinge zeigte fich in allen Städten Englands als eine allgemeine. Man bemühte fich überall ihnen Arbeitsgelegenheit und Verdienstmöglichkeit zu schaffen, aus Mitleid werden sie vielfach den Einheimischen vorgezogen, und wer arbeitsunfähig ist, erhält Unterstützung. Noch mehr zeigt fich diese Stimmung natürlich in Frankreich. Die Franzosen behandeln die Belgier wie Stammesgenossen, wie Landsleute. In Paris dürfen während der Kriegsdauer nicht bloß die Advokaten aus den vom deutschen Heere besetzten ftanzöfischen Provinzen, sondern auch die belgischen Advokaten ihren Berus ausüben, vor den Pariser Gerichtshöfen ihr Amt versehen, als wären sie Pariser Advokaten. Ich wiederhole: Die Teilnahme mit den armen Flüchtlingen ist in Frankreich und auch hier in London eine allgemeine. Umsomehr macht man abfällige Gloffen über das Verhalten der reichen Belgier, die so wenig Merkmale nationaler Trauer zur Schau tragen, die mitten im Krieg genau so sorglos dem Sport und Flirt huldigen, wie Old Englands hochgeborene Söhne. Diese belgischen Snobs unterfangen fich, fernab vom Schuß genau so seelensruhig ihr Geld zu verzehren, im Hydepark und an allen Stelldicheins der eleganten Welt so vergnügt in den Tag zu leben, wie die Einheimischen, Privilegierten. Keine Spur von nationaler Trauer, kein Mitgefühl mit den Brüdern, die für das Vaterland ihr Blut verspritzen kein Miserere ob des Zusammenbruchs des eigenen Volkes. Eine jüdische Stimme wies jüngst darauf hin, wie ganz anders der Fall Jerusalems von den Urenkeln seiner einstigen Bewohner noch heute betrauert werde, noch heute nach Jahrtausenden, während diese vornehmen Belgier noch ein Herz haben, Feiertagskleider anzulegen! Aber gab es nicht auch damals unter den Exulanten in Babel so manchen, der sein persönliches Behagen über das