Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 10 (6.3.1914)
- Date
- 1914-03-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ei 10 Dr. Bloch’s Zentralorgan kür die gesamten Ilnteressen des Juden tun. 3. Wien. 6. März 1914 : Erscheint jeden Freitag, i Brief-Adresse: Wien, ll/i, Praterstraße 9 Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift. Wien. Inhalt: Leitartikel: Antisemitismus und öffentliche Moral. — Ein Briefwechsel. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Kardinalfürstbischof Dr. Kopp. Hohe Auszeichnung des Senatspräsidenten Dr. Baumgarten. Ern akl per Staatssekretär Präsident einer jüdischen L teratur-Gesellschaft. Die Jerusalemer Rente. Griechischer Terror. Jüdisches iw chnstlichen Leben. — Korrespondenzen: Franzi Güdemann. Emigranten-Fürsorge der Israelitischen Allianz zu Wien. Eröffnung der zweiten Anstalt der Freiherr von Rothschildschen Stiftung. Wilhelm Danhauser. Das Wahlrecht der bosnischen Juden. Klattau. Für die Waisen der jüdischen H4den. Demonstration gegen die Rothschildschen Ausgrabungen in Jerusalem. Eine Warnung der Jca. Beilis — Mazoch. Die Lorxore Delicti des Beilisprozeffes dennoch gerettet. — Vermischtes. — Feuilleton: Ein Dichter des Vormärz. — Literatur. — Briefkasten. — Notiren. — Inserate. o o — 1 —~~~o O? Aexugsprri« für ßtSrrrrttfj: Haldjä^rtg 8 Kronen: Einzelexemplare 56 Hellem. Für'» Ausland: Halbjährig 16 Kronen. . Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die nal gelpal» tene Pelilzeile 4*- HeUer. C PO . flo O ■ —O o p k PoB(parhapr*»tantt Q Sleartug-verkebr «r. 810.970. Redattion und Administration. Wien H/i, Praterstraße 9 L, Telefon 14847 nO - . - ■ -üo Antisemitismus und öffentliche Moral. Unter diesem Titel hielt am 26. Februar a. c. im Verein zur Abwehr des Antisemitismus der Gemeinderat Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Robert Granit sch vor einer distinguierten Zuhörerschaft einen . hochinteressanten Vortrag, den wir im Nachstehenden wiedergeben. Als Vorsitzender fungierte das Vorstands Mitglied Regierungsrat Löhner, welcher die Grüße des Alterspräsidenten Prof. Dr. Szeberiny übermittelte und in dessen Verhinderung — er feierte vor 10 Tagen den Eintritt in sein 99. Jahr*) — den Vortragenden vorstellte und begrüßte. Herr .Dr. Gra n i t sch (mit lebhaftem Beifall empfangen' führte aus: „ Meine sehr verehrten Anwesenden l Ich finde es begreiflich, daß ein Vortrag, welcher lautet: „Antisemitismus und öffentliche Moral" deswegen kein allzuweit reichendes Interesse erwecken kann, weil man das Gefühl haben muß, daß inan da über zwei Dinge spricht, die eigentlich miteinander gar nicht in Zusammenhang gebracht werden können. Wenn wir sagen, Antisemitismus ist die Verfolgung des Juden um seiner Religion und Abstammung willen, so ist diese Definition allein schon ein direkter Gegensatz zum Begriffe der öffentlichen Moral. Unter öffentlicher Moral verstehen wir doch wohl alles das, was für das Gemeinwohl unternommen wird, was um des Gemeinwohles willen geschieht, unabhängig von persönlicher Neigung und persönlichen Interessen. Je mehr wir es für notwendig finden, daß die öffentliche Moral jede Handlung für das Gemeinwohl beherrscht, um so sicherer müssen wir sagen, daß die Bekämpfung eines Volkes oder einer Konfession bloß seiner Abstammung und seiner Religion willen, ein Schlag ist, der gegen die öffentliche Moral geführt wird. Die Juden blicken auf eine vielhundertjährige, ich kann sagen, auf eine mehr als tausendjährige Geschichte des Antisemitismus in den verschiedenen Formen zurück. Als im Jahre 70 nach Christi Geburt die Einnahme Jerusalems durch die Römer erfolgte und die Juden in die ganze Welt zerstreut wurden, hat eine lange, lange Reihe von Bedrückungen des Judentums begonnen uno merkwürdigerweise hat die Herrschaft des Christentums, der „Religion der Nächstenliebe", gerade diese. Bedrückung gefördert, und jene Länder, in welchen sich das Christentum durchgerungen har, die sogenannten christlichen Reiche, gerade diese haben ganz im Widerspruche mit den Satzungen und mit den Grundsätzen ihrer Religion an dem Judentum die schwerste und empfindlichste Be- *s) S. Nr. 9 der „Oesterr. Wochenschrift": „Der Nestor des Altliberalismus." drückung verübt. Der Stifter des Christentums hat seine Religion auf dem Grundsätze ausgebaut: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst;" er sprach die Worte: „Liebet Euere Feinde" uno „mein ist die Rache". Und gerade die Bekenner dieser Religion haben den Juden zum rechtlosen Menschen gemacht; der Glaubensfanatismus ist der Schöpfer des Ghetto geworden. Glaubensfanatismus ist eine Empfindung, eine Bestrebung, welcher wir von vorneherein die Achtung nicht versagen können. Wir sehen, daß um des Glaubens willen viele Menschen das Teuerste, was schließlich jeder Mensch hat, das Kostbarste, das wir besitzen, das eigene Leben geopfert haben, daß um des Glaubens willen die Märtyrer ihre Duldungen auf sich genommen haben und daß solcher Glaubensfanaiismus in vielen Richtungen gewiß edlen und vornehmen Empfindungen entspringen kann. Aber dieser Glaubensfanaiismus hat eine Rache auf seine Fahne geschrieben, die mit der christlichen Religion in direktem Widerspruche steht. Wir dürfen uns nicht darüber täuschen, daß das Christen-; tum in der Haltung gegenüber dem Judentum Rache hat üben wollen an dem, was in Jerusalem dem Stffter der christlichen Kirche angetan wurde, eine Rache, die aber mit den Grundsätzen des Christentums gewiß nicht in Einklang zu bringen ist; denn Nicht auf dieser Welt ist Rache zu üben, die Rache hat sich der Schöpfer des Christentums selbst Vorbehalten, damit er ihr jene Formen geben kann, die sich mit seinen Grundsätzen der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit vereinen lassen. Wir sehen, daß im Laufe der Jahrhunderte Vorwände gebraucht worden sind, um dem Juden das erste Recht, das Menschenrecht zu nehmen. Die Gleichberechtigung mit den Bekennern des Christentums wurde den Juden oorenthalten und man hat erst im Laufe der Zeit Gründe dafür gesucht, was sich vor dem Menschenrechte, vor dem Gesetz der Liede zum Nächsten nie rechtfertigen läßt. Die Geschichte lehrt uns, daß im '4. Jahrhundert nach Christi Geburt die Juden beispielsweise in Jllyrien, in Spanien, in Gallien, in einigen Städten am Rhein keineswegs eine einseitige wirtschaftliche Betätigung geübt haben; sie haben Ackerbau getrieben, ja auch Gewerbe und Handel, sie besaßen Grundstücke und wurden zu Aemtern und zum Militärdienst berufen. Zu Beginn der christlichen Zeit, als die Macht des Christentums sich nicht durch den Kampf gegen Andersgläubige betätigen wollte, sind die Juden in ihrer Beschäftigung keineswegs engherzig gewesen und haben sich zu allen jenen Berufen geeignet, welche dann das Christentum und die christliche Bevölkerung für sich allein in Anspruch genommen haben. Nicht die Religion, sondern die steigende Macht des Priestertums hat eine immer dichtere und höhere Wand zwischen Christentum und Judentum aufgerichtet und das ist der Grundstein des Antisemitismus, von dem man gemeint hat, daß er mit der Nivellierung der Volksschichten enden müsse unv der in unserem armen reaktionären Oesterreich zu einer Zeit wieder aufgelebt ist, die man wahrhaftig für eine solche Strömung nicht mehr geeignet halten mußte. Die Religion hat damit nichts zu tun, aber der Mißbrauch