Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 41 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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»r. 4i Qp, Bloch’s **»■** ™ Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. -n—- Wien, 10. Oktober 1913 : Lrscbetnt jeden Lrettag. i Brief-Adresse: Wien, ll/if Praterstraße 9 Telegramm-Adreffe: Bloch'S Wochenschrift, Wien. Befugoprzi* für VzsterreKH: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Busl»rrd: Halbjährig 10 Kronen. Eanzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die «algespal» tene Petttzeile 48 Heller. M. k. PostsxarktmffrnLmr Sleartns-Verkebr «r. 810.976. Siedattion und Administration: r Wie» tt/i, Praterstraße 9 'Telefon 14847 Inhalt: Leitartikel: Jom Kippur. — Protestversammlung gegen die Blutlüge. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die Tätigkeit der Bnai B'rith in Amerika. Zur Ritualmordlüge. Der portugiesische Gesandte in Wien über das Angolaprojekt. General Savoff über die Juden. Italien anerkennt die hebräische Sprache. Das »metrische" System bei den alten Hebräern. Ein deutscher Jude als Pionier der Zuckerindustrie. Die Juden als Pioniere der Schokoladeindustrie m Europa. — Die Juden im statistischen Jahrbuche der Stadt Wien für das Jahr 1911. — Die Predigt in den Wiener Synagogen. — Korrespondenzen: Einweihung des neuerbauten Heimes zur Ausspeisunq armer israelitischer Schulkinder für den 16. und 17. Bezirk. Die Gründung einer jüdischen Kultusgemeinde in Tirol. Der Präsident der Kultusgemeinde Brünn, Dr. Fialla, gestorben. Die Kriminalität der Juden. Freistadt oder Freihafen? Die Geflüchteten für die Zurückgebliebenen. Endlich! — Vermischtes. — Feuilleton: König und Rabbiner. — Literatur. — Briefkasten — Notiz. — Inserate. I»«l Kippur. Israel feiert das Versöhnungsfest, die Gemeinde weilt den ganzen heiligen Tag im Gotteshause, erflehet Versöhnung nicht nur für sich, sondern auch für die Fremden, in deren Mitte sie weilen. Verfolgt vom Haß der Völker, flüchtet sich Israel zu seinem Gotte und betet um Frieden und Versöhnung für seine Hasser. Es begab sich einst, so erzählt eine talmudische Legende, daß der fromme Rabbi Chonia in einer Höhle von einem wunderbaren Schlaf befallen wurde; als er erwachte, sah er die ganze Welt um sich verändert. Er ging nach Hause, aber er fand sein Haus nicht mehr. Und die Menschen kannten ihn nicht. Er ging ins Lehrhaus, und wie er eintrat, hörte er den Lehrer sagen: „-Also hat der fromme Chonia gelehrt." Er trat vor und rieffj: „Ich bin es, von '§dem Ihr sprechet, ich bin Chonia". Ah er sie antworteten: „Chonia ist vor 70 Jahren verschwunden und gestorben", und sie wiesen ihm höhnend die Tür. Da warf er sich verzweifelt zur Erde und betete: „Herr Gott, laß, mich sterben, ich kann's auf Erden nicht mehr ertragen!" Ist es nicht, als ob uns in dieser Legende Israels Geschick gezeichnet würde? In allen Kirchen und Tempeln der Völker werden Israels Psalmen gebetet, Israels Pröpheten zitiert, unsere Heiligen und Patriarchen angerusen, wir selber aber, deren Eigentum und Erzeugnis jene heilige Literatur bildet, wir werden gehöhnt, verfolgt und zurückgestoßen. erleiden namenlose Zurücksetzung in allen Ländern. Von Israel sprechen sie wie von einem Verstorbenen, dessen Erbschaft sie angetreten. i Dennoch betet der Jude zu seinem Gotte: „Es sei verziehen dem gesamten Volke und den Fremden, in deren Mitte sie weilen." kVon dem deutschen Dichter Klopstock, der in der christlich-theologischen Literatur als eine Art Spezialchrist gilt, existiert ein alter Aufsatz „Das versöhnlichste Volk der Welt",*) in welchem es von den Juden heißt: „Ich bekenne es offen, so sehr man es auch bezweifeln und verhöhnen möge, die Juden haben stets nach Eintracht und Frieden gestrebt und allen Hader . und Mißverstand zu vermeiden gesucht. Wer so viel von Unwissenden und schlecht Gebildeten gekränkt wurde, als die Juden — und trotzdem ihr Inneres mächtig zerrissen und erschüttert war davon, so haben sie doch ihren Feinden immer neue Versöhnung geboten. ,Mber es ist der Torheit und Bosheit immer wieder gelungen, den Juden die Ruhe des Gemütes zu stören, sie durch Beleidigungen zu kränken und dennoch haben die Juden alles ertragen und geschwiegen. Das ist ein Unrecht. Jeder Angegriffene muß sich tüchtig wehren. Die Juden haben das Vergeltungsrecht nie zu weit ausgedehnt und waren nie so rachsüchtig, wie man sie schildert: sie haben erlittene Beleidigungen oft vergeben und vergessen müssen. „Aber wer hat die Juden beleidigt? Schwache, voreilige, verführte Christen, welche oft es gar nicht so übel meinten. Die Juden haben deshalb stets edel gehandelt und ihren ärgsten Feinden die Hand zum Frieden geboten. Vergeben und vergessen soll man erlittene Beleidigungen gern — und in der Tat, die Juden erwiderten sie mit Wohltaten — und sind — man suche, wie man will, in den Blättern der Geschichte das versöhnlichste Volk der Welt! Auch der christlichste Mann muß dies einsehen: ja, es ist unedel von uns Christen gehandelt, die guten Eigenschaften des jüdischen Volkes zu verleugnen. Kleine Seelen sind es, welche die Wahrheit nicht erkennen wollen und mit Dünkel und Stolz alles dies ableugnen, was der jüdischen Nation rühmlichst nachgesagt werden muß, wie auch den Juden in unserer Mitte." *) Ermähnt wird dieser Aufsatz Klopstocks auch bei Karl Gutzkow: „Am -häuslichen Herd" und in Wertheims Jahrbüchern.