Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 27 (1910)
- Issue
- 1 (7.1.1910)
- Date
- 1910-01-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 16 Dr. Blochs Wochenschrift. irr. 1 Grott, eines gebürtigen Pragers, der seine -Studien in Wien absolvierte und von dem auch die Pläne zu dem vor zwei Jahren eingeweihten Posener jüdischen Mädchenwaisenhause herrühren. Die französischjüdischen Reisenden in Rußland. Debatte in der französischen Kammer. Bei Beratung über den Etat des französischen Ministerimns des Aeußern richtete der Deputierte Hipolyte Laroche au den Minister Pichou die folgende Interpellation : „Der Vertrag vom Jahre 1874 enthielt die Bestimmung, daß die Franzosen in Rußland und die Juden in Frankreich freien Zutritt genießen unter der Bedingung, daß die diesbezüglichen Gesetze in beiden Ländern konform sind. Trotzdem hat die russische Regierung, nachdem der Vertrag abgeschlossen war, Unterschiede zwischen den französischen Bürgern gemacht, indem sie gewissen Kategorien ihre Tore verschloß, namentlich dm Mitgliedern des Klerus, den Freidenkern und den Juden. (Zwischenruf und Gelächter.) Diese Gesetzesverweigernngen haben in Frankreich lebhafte Bewegung hervorgerufen und im Jahre 1905 hat die französische Regierung der Regierung des Zaren von dem schlechten Eindrücke, den chre Instruktionen in unserem Lande gemacht, verständigt. Unsere Vertreter hatten mit ihren Rekrimiuationeu Erfolg, und in dem Artikel 4 des neuen Ueoereinkommeus, das damals getroffen wurde, wurde ausdrücklich erklärt, daß „hinsichtlich der Religion des Reisenden in keiner Beziehung eine Ausnahme gemacht werden dürfe/ Trotzdem besteht diese Mißdeutung des Abkommens in Rußland noch immer fort, und Laroche beklagt sich auch darüber, daß Clemenceaus Verfügung an die Präfekten, in den Pässen die Religion des Paßinhabers anzugeben, noch immer befolgt werde, wodurch unsere Behörden den russischen direkt in die Hände arbeiten. . . . Es sei kein Zweifel, daß es Rußland frersiehe, bei sich die Judm und Freidenker nach eigenem Gutdünken zu behandeln und ebenso den Franzosen, die ins Land kommen, gewisse vexatorische Formalitäten aufzubürden, wie z. B. in gewissen Intervallen im Polizeibureau zu erscheinen, Fremdentaxen zu zahlen rc. Die Verträge von 1874 und 1905 geben jedoch Rußland nicht die Macht, die Giltigkeitsdauer der Pässe einer bestimmten Kategorie unserer Mitbürger zu reduzieren oder gar ihnen den Eintritt in russisches Gebiet unter dem Vorwände zu verweigern, daß deren Konfession nicht dieselbe sei, wie diejenige des russischen Volkes. Würde man diese Theorie ruhig hiunehmen, so könnte die russische Regierung morgen auch denjenigen Franzosen den Eintritt ins Land verwehren, deren politische Ueberzeugung nicht mit der ihrigen übereinstimmt. Minister Pichon stellt in seiner Antwort zunächst fest, daß die bestehenden Verträge zwischen den beiden Staaten tatsächlich eine Unterscheidung der Franzosen nach ihrem Religionsbekenntnisse vollständig ausschließen und er werde daher Schritte unternehmen, um den Bestimmungen des Uebereinkommens auch Respekt zu verschaffen. „Sie kennen mich zur Genüge", schloß Pichon seine Ausführungen, „um zu wissen, daß ich nicht zu jenen gehöre, die eine Maßregel gucheißeu, durch welche die Oeffnung der Grenzen von der Konfession des Reisenden abhängig gemacht wird." Konzessionen in der Türkei. Die englischen und französischen Amtsblätter veröffenüichen die folgende Warnung, die mit Rücksicht auf die jüdischen Bestrebungen in der Türkei auch für Juden von Interesse ist. „Alle diejenigen Personen, welche die Absicht haben, nach Konstantinopel zu gehen, um mit der türkischen Regierung Geschäfte anzukuüpfen oder vonihr Konzessionen zu erlangen, werden hiemit aufmerksam gemacht, daß das türkische Ministerium des Auswärtigen uns ein Intimät zukommen ließ, in welchem dasselbe vor skrupellosen Personen warnt, welche unter der Angabe, Zwischenhändler und Vertraute der türkischen Regierung zu sein, bloß aus der Unkenntnis der wahren Verhältnisse im Lande Nutzen zu ziehen bestrebt sind. Da jedoch diese Personen nicht das geringste Verttauen der türkischen Regierung genießen, sind, ihre Dienste auch vollständig wertlos. Die türkische Regierung empfiehlt daher hiemit allen Ausländern, die den Wunsch haben, mit ihr in geschäftliche VerbinHmg zu treten, sich direkt mit den kompetenten Departements in Verbindung zu setzen, die stets bereit sind, die gewünschten Informationen zu erteilen und mit allen Aufklärungen an die Hand zu gehen. Uebertritte zum Judentum in Rußland. Laut der soeben ausgegebenen offiziellen Statistik sind im vorigen Jahre 400 Personen von der russischorthodoxen Kirche zum Judentum übergetreten. Es handelt sich* hier natürlich zum größten Teil um Rücktritte von Juden, die vor dem Manifest über die Glaubensfreiheit unter dem Drucke der Verfolgung zur russischen Kirche übergetreten waren und seitdem ein Marännenleben führten. Bukarest. Es regt sich im rumänischen Blätterwalde Alle Tageszeitungen beschäftigen sich mit den Juden. Die im. Parlamente vorgelegten Gesetzesprojekte, welche die Zukunft der jüdischen Aerzte, Arbeiter und Industriellen bedrohen, haben einen Sturm unter den Juden hervorgerusen. Bon Braila aus wurde die Anregung zur Abhaltung eines Judenkongreffes gegeben. In den jüdischen Zeitungan „Kevista Israelita", „Egalitatea“, „Curierul Israelit“, „Cronica Israelita“, „Viota Israelita“ wird für und wider einen Judentag diskutiert. Die Tageszeitungen „Dimiucata“, „Universal“, Minerva“ u. s. w. publizieren Interviews mit angesehenen Juden über verschiedene Punkte der Judenfrage. Die „Minerva“ brachte eine Unterredung mit Dr. I. Niemirower über more judaico, mit dem spaniolischen Chacham Bejirano über den jüdischen Dultus; über einen rumänischen Judenkongreß — zumeist für — äußerten sich in den verschiedenen Tageszeitungen Dr. Stern, Präsident der „Bnei Berith", Großrabbiner Dr. Beck, Dr. Blumenfeld, Katz-Bukarest, Moritz Wachtel Blechmann und Dr. Burstin- Jaffy, Samitka-Craiova, Luiden-Focsani, Bring-Roman, Campianu-Braila. I. B. Brociner agitiert für die Gründung eines Ordens für rumänische Juden. Die jüdischen Sozialdemokraten veranstalteten Versammlungen, andererseits halten die Notabeln in Bukarest, in Jassy und in Braila Beratungen ab. Man erwartet, daß die anfangs Jänner unter dem Präsidium des Großpräfidenten Dr. Adolf Stern stattfindende Generalversammlung der B. B. Logen zu diesen Fragen Stellung nehmen wird. Inzwischen nimmt die Bewegung bei den Juden und Antisemiten im Lande zu. In Bukarest und in Jaffy meiden viele Juden das rumänische Nationaltheater, weil antisemitische Motive die Theaterleitung zurückhalten, das Meisterwerk des jüdischen Dramatikers Roueti Roman „Manaffe" aufzuführen. Die antisemitische Studentenschaft „Solidaritatea" wollte in Jaffy den Juden den Kauf von Billetts zu einer von ihnen veranstalteten Theatervorstellung aufdrängen. Ein würdiger und energischer Aufruf junger Leute hielt die Juden vom Kaufe dieser Theaterbillets ab. Ein jüdischer Gymnäsialschüler, der die jüdischen Auftufe verteilt hat, wurde aus der Schule gewiesen. Die jüdischen Opfer des Ehrenbeleidignngsprozeffes Sumileanu, der unter dem Einflüsse der antisemitschen Advokaten Cuza Und Buiclin damit endete, daß die jüdischen Schankwirte verurteilt wurden, dem antisemitischen Chemiker Sumileanu, der sie verfolgt hatte, für ihre Verhältnisse enorme Summen zu entrichten, müffen jetzt die Strafgelder aufbringen. Die Verhandlung beim Kaffationshof wegen more judaico hat stattgefünden. Großrabbiner Dr. Niemirower-Jaffy war anwesend, die Advokaten Exminister Disescu und Oswald Theodoreünu plädierten, und wiederum konnten sich die Richter nicht einigem,