Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-12-03 · 49 (3.12.1909) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
49 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021868--18841-3043791
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Dr. Bloch« Wochenschrift. Nr. 48 Seite 846 Der neue Studiendirektor des Pariser Polytechnikums. Das bisherige Mitglied der Prüfungskommission des Pariser Polytechnikums, M. Carvallo, wurde zum Studiendirektor dieser Anstalt ernannt. I. S. Poljakow. Fern von der Heimat, in Biarritz, ist am 24. v. M. der Geheimrat Jakob Salomonowitsch Poljakow, einer der bekanntesten Finanzmänner Rußlands, im Alter von 77 Jahren gestorben. Ganz besondere Verdienste hat er sich um die Entwicklung des Agrar- und Handelskreditwesens in Rußland erworben. Er ist. der Gründer der Tonischen Agrarbank, deren Präsident er bis ans Ende seines Lebens gewesen ist, und vieler anderer. Ebenso bekannt wie als Finanzmann war I. S. Poljakow als Wohltäter und Förderer humaner Unternehmungen. Mehr als drei Jahrzehnte hindurch ist er in seiner Vaterstadt Taganrog, um die er sich überhaupt in mannigfacher Weise verdient machte, Präsident der Gesellschaft des Roten Kreuzes gewesen. Durch diese seine Tätigkeit hat er alle Vorurteile entwaffnet. Obwohl er Jude war, dem Glauben seiner Väter treu blieb und sowohl in Taganrog wie in Petersburg in energischester und fruchtbarster Weise für das Wohl seiner Glaubensgenossen arbeitete, wurde er von der Regierung in den russischen Adel erhoben, und Fürst Meschtscherski, dieser eingefleischte russische Aristokrat, begrüßte damals in seinem „Graschdaniu" dieses ohne Präzedenzfall dastehende Ereignis als ein erfreuliches. Die Regierung bestätigte auch die Wahl PoljakowS zum Ehrenfriedensrichter^und Ehrenbürger der Stadt Taganrog. Professor Daniel Chwoksons 90. Geburtstag. Am 4. Dezember d. I. begeht der bekannte Semitologe und Professor an der Petersburger Universität seinen 90. Geburtstag. Professor Chwolson wurde noch unter Kaiser Nikolaus I. als Professor für semitische Sprachen an die Petersburger Universität berufen.Arotz. seines hohen Alters und der großen Not, die er in seiner Jugend gelitten, erfreut sich der Jubilar auch heute noch einer bewunderungswürdigen geistigen und körperlichen Frische, dieses ihm möglich macht, auch heute noch seine Vorlesungen an der Universität zu Hallen. Professor Daniel Chwolson hat unter vielen wissenschaftlichen Arbeiten auch ein Werk über die Blutlüge geschrieben, die seinerzeit viel Aussehen erregt hat. FeuMeton. Kk»jj«« a«s dem jüdische« Lebe«. __ Von Dr. D. Feuchtwang. H. Der Sched&.*) Benjamin war ein fleißiger Talmudjünger. In der ganzen Gemeinde war er als solcher bekannt. Die vornehmsten Hausväter sahen ihn gerne an ihrem Tische. Namentlich an Sabbaten und Festtagen war er ein gern gesehener Gast. Er würzte das Mahl durch treffliche Worte und Betrachtungen aus Talmud und Midrasch. Auch der Rabbiner schätzte ihn und zeichnete ihn beim „Schiur" vor allen anderen aus. Und das war keine Kleinigkeit. Denn Rabbi David Oppenheimer, so hieß der Rabbi, war eine hochberühmte Autorität. Er war im Jahre 1689 zum Rabbiner von Nikolsburg und Landesrabbiner von Mähren gewählt worden. Das ist derselbe David Oppenheimer, von welchem die weltberühmte, jetzt in Orford stehende Bibliothek herrührt und der durch seine verwandtschaftlichen Beziehungen mit den vor- *) Bgl: Azoloi „Schern hagg. Schlagwort: Wajekkhel Moscheh. nehmsten jüdischen Häusern Europas mächtigen Einfluß gewann. War doch Genendel, die Tochter des Oberhoffaktors in Hannover, Elieser Lipmann Kohen, Lefmann Behrens genannt, seine Frau. Er war ein Schüler des Rabbi Gerson Ulif Aschkenasi, der von Nikolsburg aus nach Metz gekommen war, Nun wurde sein Schüler sein Nachfolger in der berühmten Hauptgemeinde von Mähren. Fünfundzwanzig Jahre alt und schon berühmt, bestieg er den Stuhl des Landesrabbinates. In Nikolsburg hatte er sein Augenmerk darauf gerichtet, die Talmudschule in altem Glanze zu erhalten. Er spendete und sammelte zu diesem Zwecke Gelder, kaufte einen Häuserkompler, der zu Talmud-Thora-Schulen adaptiert wurde und errichtete Fonds zur ewigen Erhaltung seiner Gründungen. Unter seiner Führung blühte die Gemeinde ungemein empor. Der Glanz seines Namens zog viele Gelehrte an. Aus allen Mittelpunkten jüdischen Lebens in ganz Europa kamen Jünger und Meister, um eine Zeit in Nikolsburg zu verleben. Aus Metz, Worms, Fürth, Hanau, Hamburg, Bamberg, Mainz, Prag und vielen anderen Städten. Im Jahre 1697 waren daselbst neben Oppenheim der einflußreiche und bei der Regierung hochangesehene Rabbi Wolf Fischhof-Auerbach, Nastali Hirsch- Spitz und der Kabbalist Moses Sohn Menachsms aus Prag. Dieser war sein Lieblingsgenosse. Obzwar er selbst nicht als Kabbalist gelten wollte, scheint er doch von tiefster Ehrfurcht für die Kabbalah erfüllt gewesen zu sein. Moses ben Menachem verfaßte unter seinen Augen ein kabbalistisches Werk, das er auf das wärmste empfahl und das auch Samson Wertheimer, auf Oppenheimers Empfehlung befürwortete, der große Schtadlan und Rabbiner, der für Kaiser und Reich so unausgesetzt und uneigennützig wirkte. In diesem auserlesenen Kreise verkehrte Benjamint Der Prager Kabbalist hatte einen eigenen Reiz auf ihn ausgeübt. Immer schon war seine Sehnsucht, in die Tiefen der religiösen Mystik einzudringen. Der Verkehr mit Moses steigerte dieses Verlangen. In seinem Dachstübchen saß er und verbohrte sich in die kabbalistischen Schriften. An Stelle des Talmud trat nun der Sohar. Düster und verstört kam er des Morgens in die Schiurstube: erwiderte kaum einen Gruß. Sein ganzes Wesen war verändert. Der so inniglich fromme Jüngling erschien oft nicht beim Gebete der Gemeinde und mied den Umgang mit Altersgenossen. Sein frisches, freundliches Gesicht wurde blaß und mager: das Auge trüb. Sein „Baalbos" hatte diesen Wandel gemerkt und versuchte, den Grund zu erforschen. Er war ein gottesfürchtiges, kleines, possierliches Männchen, das überall gern gesehen wurde. Seine guten Witze namentlich waren berühmt. Er fehlte bei keinem freudigen Anlasse. Glücklicherweise hieß er „Jokl", was so recht zu ihm paßte. Sehr beliebt war er auch am fürstlichen Hofe Öderer von Liechtenstein, die damals in Nikolsburg residierten: er wurde öfter 'ins Schloß berufen und man nannte ihn allgemein „Jokl Hofnarr". Er war aber durchaus kein Narr, sondern ein sehr kluger Mensch, der die Meyschen und ihre Schwächen kannte und es verstand, jedem in witziger Weise die Wahrheit zu sagen. Bei diesem Jokl wohnte Benjamin. Er gab ihm Kost und Wohnung: dafür mußte er täglich mit ihm „lernen": insbesondere die Aggadah, der Midrasch war ihm eine Fundgrube für seine so beliebten „Moschelich", „Gleichnisreden", die er so gerne anwendete. Benjamin war sein Liebling. Er sah in ihm eine zukünftige Leuchte Israels und, das war ihm sehr wichtig, einen Schwiegersohn, der Zipperl, sein Töchterlein, heimführen sollte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.