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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-04-09 · 15 (9.4.1909) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
15 (9.4.1909)
Date
1909-04-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 270 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 15 Feuilleton. Der ,>chor«e;ige Korchu*'. (Eine kurze Skizze aus dem verflossenen Ghettoleben.) Von Dr. Leo Ehrenteil. „Was rennt das Volk, was wälzt sich dort Die „lange Gasse" brausend fort?" — — Nicht Rhodus ist es, das unter Feuersflammen stürzt, nein, ein anderes, minder festes und kunstvolles Gebilde ist es, das dem Tode durch „des Feuers Macht" geweiht ist. Und mitten in dem gröhlenden und johlenden Gewoge junger Burschen erscheint, von kundiger Hand gebildet und gezerrt, ein — Menschenleib, allerdings nicht von Fleisch und Blut, vielmehr aus Stroh und Gestrüppe geformt. Die Menge aber zieht vom oberen Ende der „Gasse" bis zu ihrem Ausgange und strebt, immer größer werdend, dem in der Mitte des „Judengartens" liegenden „Teichtl", dem an sonstigen Tagen als Pferdeschwemme dienenden Master, zu, wo sie Halt macht und sich rings um die niedere Umfassungsmauer gruppiert. . . . Der jüdische „Polizei" P i s k hat seiner sonstigen Würde ganz vergeffen; trotz des „Schwertes an seiner Linken", des alten Säbels, „den einst sein Vater trug", steht er ruhig und gelasten da, ohne mit einer Wimper zu zucken, weder dem Lärm und Getümmel zu gebieten, noch dem turbulenten Treiben Einhalt zu tun. Sind doch auch seine hoffnungsvollen Söhne mit in der Schar, die sich zusammengetan, den „Strohmann", den „chomezigen Borchu", nachdem er am letzten Tage des Pessachfestes durch die „Gaffe" getragen worden, unter allgemeinem Halloh dem Verbrennungstode zu weihen und das brennende Menschengebiwe alsdann in den Fluten des „Teichtls" zu versenken.... Aber, nachdem der „flammende Gischt" verprasselt, die letzten Spuren des Strohmannes vertilgt, geht es dann in ruhigerem, geordneten Zuge in „Schul", wo der erste „Borchu" nach den acht Tagen des Mazzosgenuffes, der sogenannte „chomezige", den Beginn der Wiederherrschaft des gesäuerten Brotes inauguriert, welcher „Sprinzeles der Bäck" seit frühem Morgen schon fleißig Vorarbeiten ließ. Denn der Genuß des gesäuerten Brotes steigert sich an diesem Abend ins Unermeßliche! Wie viel verdorbene Mägen, wie mancherlei Indigestionen infolge Genustes des noch warmen Brotes, aber der „chomezige Borchu" an diesem Abende gezeitiget, davon schweigt am besten „des Sängers Höflichkeit!" Am Peffach des Jahres 1662 fand man das zwölfjährige Söhnchen des Bürgermeisters von Danzig ermordet unter einem Düngerhaufen liegen. Sofort hieß es, die Juden hätten den Knaben geschlachtet, um sein BlM unter die Osterbrote zu mengen, und alsbald begann der Pöbel an die Plünderung und Ermordung der Juden zu gehen. In ihrer Angst wandten sich die Bedrohten an die Obrigkeit, und der Rabbi von Danzig machte sich anheischig, den Mörder binnen zwei Stunden so ausfindig zu machen, daß an seiner Schuld nicht gezweifelt werden könne. Der Herzog ließ nun der Plünderung Einhalt gebieten und zog mit seinem Hof auf den Marktplatz, damit der Rabbi den Mörder vor allen Einwohnern bezeichne und seine Schuld beweise. Der Rabbi ließ einen mit einem Tuch bedeckten Hahn bringen, wählte fünf Juden und fünf Christen aus dem umstehenden Volke und ordnete an, daß jeder dieser zehn Männer den Rücken des Hahnes streichle; dieser werde sofort, wie ihn der Mörder berühre, zu krähen beginnen. Die zehn Männer, unter welchen sich nach der Angabe des Rabbi der Mörder befand, streichelten einer nach dem anderen den unter dem Tuche befindlichen Hahn, ohne daß dieser jedoch einen Laut von sich gegeben hätte. Das enttäuschte Volk wollte sich nun auf den Rabbi stürzen, aber dieser bat noch um einige Augenblicke Aufschub und forderte die zehn Männer auf ihre Hände, in die Höhe zu heben. Die Fläche der rechten Hand war bei neun Männern vollkommen berußt und nur bei einem rein. Diesen mit der reinen Handfläche bezeichnet der Rabbi als den Mörder, weil er aus Furcht, der Hahn werde krähen, diesen, der über und über mit Ruß beschmiert war, nicht zu berühren wagte, während die anderen neun im Bewußtsein ihrer Unschuld den Hahn ruhig streichelten und so ihre Hand beschmutzten. Der Mörder gestand auch das Verbrechen und erlöste dadurch die Danziger Juden aus ihrer Bedrängnis. Er war der Bruder des Bürgermersters, der dessen einzigen Sohn und Erben aus dem Wege schaffte, um seinen greisen Bruder selbst zu beerben; das Manöver aber war vom Rabbi ersonnen, um den Mörder, der bei der Tat beobachtet worden war, unumstößlich als den Verbrecher bezeichnen zu können. Kunst und Kitrratur. Drei Stufen. Festspiel von Franz Frankl. (Aufgefühtt am 4. April d. I. im Wiener Bürgertheater zum Besten des Baufondes für den Kaiser Jubiläums-Tempel Wieden-Margaretheu.) Es war eine schwierige Aufgabe, die sich der Verfasser gestellt hatte, die hohe Wichtigkeit und den ethischen Wert der Förderung und Erhaltung des Gotteshauses und des Gottesdienstes zu erweisen. Daß ihm diese Aufgabe glänzend gelungen, bewies die lautlose Spannung mit welcher das den besten jüdischen Kreisen Wiens angehörende Publikum, welches das vollbesetzte Haus in allen Räumen füllte, dem in klaren Jamben gefaßten Festspiele folgte und am Schluffe mit nicht endenwollendem Beifalle lohnte. In dem Festspiele ist kurz und bündig alles gesagt, um die Bedeutung des „Usseschuwo, Ussefillo, Uzedoko“, diesen drei Stufen zu den Pforten des wahren Gotteshauses, klar zu machen, daß nicht das Gebet als solches, sondern die durch das Gebet ausgelösten Gefühle für Wohltun, Barmherzigkeit und Nächstenliebe, die hohe Ethik des jüdischen Glaubens begründen, in deren Pflege und Förderung die Erhaltung des Judentums zur Erfüllung seiner göttlichen Mrffion liegt. Die Rolle des Rabbiners fand in unserem Glaubensgenossen, dem Künstler Phil. Dr. Stefan Darnau des Bürgertheaters, einen geradezu idealen Interpreten, welcher die Verse mit hinreißender Beredsamkeit und einer Herzenswärme sprach, die es die Zuhörer vergeffen ließ, daß sie im Theater und nicht von der Kanzel eines idealen Kanzelredners dem Gottesworte lauschten. Auch die Rolle des Reichmann, des Mannes, welcher für Tempelbauspenden zu gewinnen war und welche durch Herrn Regisseur Rüthling in durchaus vornehmer Weise zur Geltung kam hätte viel größeren Erfolg erzielt, wenn die Aufführung in der Person und Maske, entsprechend der Absicht des Dichters, eine richtige gewesen wäre. Dem Dichter schwebte ein wohlhabender, kräftiger Mann im besten Mannesalter vor, während Herr Rüthling einen hochbetagten Greis gab, der sich wohl schwer zu dem geplanten Werke des Sammelns bei seinen Glaubensbrüdern, die in der Großstadt doch zumeist drei- und vierfach „verstockt" wohnen, eignet. Unter den Anwesenden bemerkten .wir: Den Präsidenten der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, die Vorsteher Steiner, kaiserl. Rat Wilhelm Pollak, Karl Lemberger, Ignatz Klein, die Vorsteher der Tempelvereine Dr. Jakob Engel, Hermann Eltbogen. Adolf Hofmaun, Architekt Modern, Josef Mittler, Gustav Marburg, Ignatz Tauffig, Schidrowitz, die kaiserl. Räte I. Feitler, Stembübl, Paul Lemberger, Gremialräte Bernhardt, Dreh, Kommerzialräte Wellisch, Baß, M. Hacker, Börserat Hermann Beer, Präsidenten Brod, Fabrikant Henry Hirsch, Bankdirektor Popper, Professor Simon, Baumeister Gieskann, Bczirksarzt Dr. M. Steiner und eine Fülle reizender Frauen und Töchter. Dem Dichter wurden am Schluffe der Vorstellung prächtige Blnmenspenden überreicht und die stürmischen Hervorrufe, welchen er von der Direktionsloge aus entsprach, waren wohlverdiente und vollberechtigte. Wir hoffen bestimmt, dieses Festspiel bei passender Gelegenheit wieder und immer wieder aufgeführt zu sehen, weil es ein wahrer „Kiddusch Haschem", eine echte und rechte Heiligung des Gottesgedankens darstellt, geeignet, das Judentum und seine Bekenner zu festigen und zu veredeln.

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