Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-10-16 · 42 (16.10.1908) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021807--17745-3042636
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. Mocv's MocvenscvrLN- Nr 42 Sette 742 erfolglos geblieben, haben die Gemeindedistrikts-Präsidenten in einer am 15. Juli d. I. stattgehabten Sitzung den Beschluß gefaßt, dem Kultus- und Unterrichtsminister Grafen Albert Apponyi abermals ein Memorandum zu unterbreiten, in welchem sie den Minister bitten, im Interesse der Schaffung der einheitlichen Organisation den israelitischen Kongreß ehestens einzuberufen. In dem Memorandum wird ausgeführt, daß die vom Kongreß zn erbringenden Beschlüffe sich auf die konfessionelle Organisation der Judenschaft beziehen sollen. Die einheitliche Organisation der Jndenschaft sei zugleich ein eminentes Interesse des Staates selbst/ weil es auch für den Staat vorteilhafter ist, wenn eine Spaltung des Judentums vermieden wird. Seit der Diaspora, das ist seit die Judenschaft anfgehört hat, einen besonderen Staat zu bilden, also seit mehr als zweitausend Jahren, ist cs nicht vorgekommen, daß eine Spaltung im Judentum auch n r versucht worden wäre. Die bisherigen, auf das Judentum bezughabenden Schöpfungen unserer Legislative haben immer nur eine israelitische Konfession anerkannt und die separatistischen Bestrebungen der Orthodoxen wurden seitens der Regierung niemals genehmigt. In allen Funktionen, welche das Glaubensleben mit sich bringt, zeigen sich bei der gesammten Judenschaft, bei Neologen und Orthodoxen, im wesentlichen der gleiche Ritus, die gleichen Zeremonien, und eine Grenzscheide, welche das Judentum in Sekten spalten würde, laste sich nicht finden. Das Petitum des Memorandums geht dahin, der Minister möge gleichzeitig mit der Einberufung des israelitischen Landes - Kongreffes auch aussprechen, daß bezüglich der gesetzlichen Jnartikulierung der vom Kongreß zu erbringenden Beschlüffe in absehbarer Zeit der Gesetzgebung eine entsprechende Gesetzesvorlage zugehen soll, welche auch die Jnartikulierung des autonomen Rechtes der einheitlich organisierten israelitischen Konfession enthalten möge. Das Memorandum, welches von dem Präsidenten der israelitischen Landeskauzlei Moriz M e z e i und Sekretär Dr. Franz M e z e i unterzeichnet ist, schließt mit der Versicherung, daß die Judenschaft mit Freuden bereit ist, den Minister in seiner,^ das Wohl der Judenschaft fördernden Arbeit nach Kräften zu unterstützen. Das Memorandum wurde deute vom Präsidenten der israelitischen Landeskanzlei Dr. Moriz Mezei und vom Sekretär Doktor Franz Mezei dem Kultusminister Grafen Albert Apponyi überreicht. Der Minister erklärte, daß er diese hochwichtige Angelegenheit, für die er sich wärmstens interessiere, mit besonderer Sorgfalt studiere und sodann mit den Vertretern der israelitischen Konfession persönlich in Berührung treten werde. Die Delegierten der Distriktspräsidenten machten später auch beim Ministerpräsidenten Alexander Wekerle und beim Staatssekretär Johann Toth ihre Aufwartung und überreichten denselben je ein Exemplar-des Memorandums. Es ist selbstredend, daß Graf Apponyi ohne Anhörung der Vertreter der Orthodoxie in dieser wichtigen Frage keinen entscheidenden Schritt tun wird. Ei» reformierter Lehrer als — Schächter. Die israelitische Kultusgemeinde der Gemeinde Felsö- SzeutivLuy im Bücs-Bodroger Komilate schrieb vor längerer Zeit eine Konkurrenz zur Besetzung der vakant gewordenen Stelle eines Schächters aus. Die Wahl fiel unter den zahlreichen Bewerbern auf einen 32—35 jährigen intelligenten, sympathischen Mann, der sein neues Amt auch sofort antrat. Der Gemeindevorstand stellte ihn an, da seine Schriften, nach denen er die jüdische Lehrerpräparandie mit bestem Erfolge absolvierte und auch schon längere Zeit hindurch die Stelle eines Schächters innehatte, in Ordnung waren. Man war mit dem neuen Schächter sehr zufrieden, umsomehr, als er auch im Tempel als Vorbeter verwendet werden konnte und an den großen jüdischen Feiertagen in der Synagoge die schönsten ungarischen Predigten hielt. Und doch wurde der talentierte junge Mann unlängst ganz plötzlich entlassen. Der Gemeindevorstand erfuhr nämlich, daß er zwar die Schächterqualifikation besaß und auch zwei Jahre hindurch als jüdischer Lehrer wirkte, sich aber später hatte taufen lasten und reformierter Lehrer wurde. Als solcher kam er wegen diverser Unkorrektheiten mit den Strafgesetzen in Kollision und hatte eine dreijährige Kerkerstrafe abzubüßen. Er kam direkt aus dem Kerker nach Szentivuny, wo man ihn als Schächter angestellt hatte. . Einweihung einer Synagoge durch einen reformierte« Seelsorger. Aus Komorn wird dem „Budapester Tagblatt" über folgenden Vorfall berichtet: Jy der Gemeinde Kamocsa sollte die neue Synagoge eingeweiht werden. Zur Vollziehung der Zeremonie wurde der Rabbiner der Nachbargemeinde Guta eingeladen, doch mußte dieser absagen, da er der ungarischen Sprache nicht mächtig ist. Die Kamocsaer Israeliten, ein patriotisch fühlendes Völkchen, wollten aber nicht, daß das neue Gotteshaus mit einer Predigt in fremder Sprache eingeweiht werde und ersuchten den reformierten Seelsorger Külmün B o r o s s, die Einweihungszeremonie vorzunehmen. Gleichzeitig überreichten' sie ihm den mit einem nationalfarbenen Band umwickelten Schlüssel der Synagoge. Der reformierte Seelsorger nahm die Einladung mit großer Freude an und vollzog auch die Zeremonie in Begleitung einer schönen ungarischen Predigt. Protest eines Juden gegen seine Taufe. Aus Nagy Mihaly wird gemeldet: Der jüdische Fabrikant Adolf Borgos wurde auf dem Krankenbette von dem katholischen Pfarrer Opitz getauft und mit den Sterbesakramenten versehen, weil es der Wunsch der Gattin Borgos war, die ihren Gatten auf dem katholischen Friedhof beerdigen wollte. Borgos ist nun aber genesen und protestiert gegen die Taufe, die er in bewußtlosem Zustande empfangen habe. Berlin. (Konfession und militärische Beförderung.) Ein interessanter Beleidigungsprozeß wurde dieser Tage vor dem Schöffengericht in Lahr verhandelt. Angeklagt war der Rentier Josef Kaufmann aus Lahr wegen Beleidigung des Hauptmanns v. Denicke vom Infanterieregiment Nr. 169. Der Angeklagte hatte behauptet, der Hauptmann habe einen Einjährigen, Dreyfus, seines israelitischen Glaubens wegen bei der Beförderung übergangen. Die Anklage wurde auf Antrag des Regiments erhoben. Die Verteidigung des Angeklagten lag in den Händen des sozialdemokratischen Rechtsanwalts Dr. Frank- Mannheim. In der Beweisaufnahme gab (wie die „Mannheimer Volksstimme" mitteilt) der als Zeuge vernommene Oberst v. Randow auf Befragen des Verteidigers zu, daß im Laufe des letzten Jahres eine kaiserliche Kabinetsorder durch den Kriegsminister den Regimentern zur Kenntnis gebracht worden sei, in der bestimmt wird, daß bei militärischen Beförderungen keinerlei Unterschied zwischen den Angehörigen der verschiedenen Konfessionen gemacht werden dürfe. Er — der Oberst — fasse. diese Kabinetsorder so auf, daß sich diese Order nicht nur auf die Beförderung von Katholiken und Protestanten, sondern auch auf die Beförderung von Juden beziehe, und er fühle sich schwer beleidigt, wenn ihm Jemand den Vorwurf mache, daß er einer Allerhöchsten Kabinetsorder zuwider handle. Tatsächlich wurde denn auch festgestellt, daß im Regiment Nr. 169 eine durchaus gleichmäßige Beförderung stattgefunden habe. Das Urteil des Gerichts lautete auf 50 Mark Geldstrafe. Der Staatsanwalt hatte Gefängnis beantragt. Das vor einigen Monaten in der Presse ausgetauchte Gerücht, daß eine solche Kabinettsorder erlassen sei, hat hier zum erstenmal eine authentische Bestätigung erfahren. Eine vollständige Aufklärung würde allerdings nur die Veröffentlichung des Wortlauts der Kabinetsorder bringen. Nimes. Am 4. Oktober wurde hier das Monument Bernard L a z a r e s enthüllt, der als einer der Ersten die Aufmerksamkeit der Welt auf den Justizmord Dreyfus gelenkt hatte. Die Nationalisten hatten große Vorbereitungen getroffen, um die Feier zu stören, aber Dank einem starken Militäraufgebot wurde die Ruhe nicht gestört. Es wurden mehrere Reden gehalten, darunter vom Vertreter der Reg-erung und dem Präsidenten der Liga der Menschenrechte. Diesmal mußten die Nationalisten abstehen, ohne ihre bösen Absichten ausgeführt zu haben. Ableben des Oesterreichisch-Ungarischen Konsuls in Tunis. Ende vorigen Monates starb in Tunis der österreichischungarische Konsul, Josef V a l e n s i im Alter von 60 Jahren. Der Verstorbene war ein Bruder des Generals Gabriel Valensi, der als- Kanzler des Bey großen Einfluß auf die Angelegenheiten des Staates hat. Das Leichenbegängnis des Konsuls Valensi gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung für den Heimgegangenen, der sich in allen Bevölkerungsschichten der größten Achtung erfreut hatte. Sämtliche jüdische Einwohner von Tunis, alle Honoratioren, sämtliche Konsule, die Vertreter des Bey und des Generalresidenten gaben dem Verstorbenen bis in den Friedhof das letzte Geleite. Der Sarg war mit der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.