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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-11-01 · 44 (1.11.1907) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
44 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ur. 44 Dr. Bloch’s Jahrgang XX1Y Zentraloroan für die gesamten Ilnteressen des Audentums. Wien, 1. November 1907. - Lrscbelnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Miten, IX/ä, Lerggasse 39. Telegramm-Adresse: Llocd's Mocbenscbrttt, Mien. G--« A. ft. Pofispsrftsssrn-Amt Lleartng-Verkebr Mr. 810.976. Lrdaklion und Administration: Wir» IX/l, Werggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847 %-* »---- Velugsxrris für Vrstrrrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzetle 24 Heller. *-* Inhalt: Leitartikel: Adeliger und klerikaler Patriotismus in Oesterreich. — Die Juden in den „Urkunden der Stadt Wien". — Die Wiener „Talmud-Thora" in ihrem neuen Heim. — Generalversammlung der Chewra-Kadischa. — Vom Jahrmarkt des Lebens: 0svrs3 xbilsntroxiguks. Golusblüten. Das Testament eines Sonderlings. — Korrespondenzen: Baurat Theodor Ritter von Goldschmidts siebzigster Geburtstag. Wiener Spar- und Kreditgesellschaft. Wien. Preßburg. Prag. Erste galizische zionistische Landeskonferenz. Budapest. Einweihung der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Wahl des Großrabbiners von Frankreich. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Wien. Die Wiener jüdische Toynbee-Halle. Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler in Wien. Israelitischer humanitärer Verein zur Ausstattung heiratsfähiger Mädchen. Baden. Prag. St. Pölten. Alsv-Kubin. Oderberg-Bahnhof. Radnitz. Israelitische Kultusgemeinde Podersam. Vorträge des Zerubabelvereines in Virovitica für den Wintersemester 1907/8. Petersburg. Feuilleton: Der Baalteschuwoh. — Briefkasten. — Inserate. Adeliger und klerikaler Patriotismus in Oesterreich. Bor einigen Wochen wurde auf dem Kahlenberge ein kirchliches Fest mit Reden, Umzügen u. s. w. gefeiert, wie deren hier jetzt so häufig, nicht aus echter Religiosität, sondern mehr zu Agitationszwecken gefeiert werden. Den Anlaß oder Vorwand dazu bot die Aufstellung der Kopie eines Heiligenbildes, welches Papst Jnnocenz XI. anläßlich des Sieges über die Türken und der Befreiung Wiens am 12. September 1683 hatte anfertigen lassen. Dies gibt uns Veranlassung, einen Blick in jene weit zurückliegende Zeit zu werfen und sie von einem neuen Gesichtspunkte zu betrachten. Wir wollen nicht die Geschichte der Belagerung nochmals erzählen, nicht die weise Umsicht und geschickte Kriegführung des Herzogs von Lothringen, die Tapferkeit und Frömmigkeit des Königs von Polen, den Mut und die Ausdauer des Stadtkommandanten Grafen Rüdiger von Starhemberg und der Wiener Bürger schildern, wir wollen auch die wertvolle, moralische und materielle Hilfe, welche Papst Jnnocenz gewährte, nur in Kürze erwähnen. Ihm ist auch hauptsächlich die Mitwirkung der Polen beim Kriege gegen die Türken zu verdanken. Seinen Ermahnungen sowohl als seinem Gelde. König Sobieski war ein frommer Katholik, auf ihn und wohl auch auf manche andere Polen mögen die Worte des Papstes, die Ueberredungskraft seines Nuntius von großem Einfluß gewesen sein, und der König setzte, trotzdem er mit dem Benehmen des Kaisers nach der Entsatzschlacht höchst unzufrieden war, doch den Krieg fort, eingedenk des Eides, den er dem Papste geleistet hatte. Aber die Republik Polen gab keinen Kreuzer für Ausrüstung ihres Hilfskorps aus, es wurde alles vom Gelde des Papstes bestritten. Ja noch mehr, die polnischen Großen, die Senatoren und Landboten, mußten vom kaiserlichen Gesandten mit barem Gelde erkauft werden, um in den Abschluß der Allianz mit dem Kaiser einzuwilligen. Aber warum sollen wir nur die Polen tadeln, wenn wir sehen, daß diejenigen, welche am meisten zu verlieren hatten, welche am ersten zur Verteidigung des Vaterlandes und seiner Hauptstadt berufen waren, sich am lauesten verhielten, ihre Pflicht nicht taten, nur auf ihren Vorteil bedacht waren, ja sogar die Verteidigung erschwerten. Es waren die vornehmsten, mächtigsten und reichsten Stände des Reiches, die damit gemeint find — Adel und Geistlichkeit. Ihr Benehmen in jener schweren Zeit der Türkennot hat vor mehr als zwei Jahrzehnten ein gewissenhafter Forscher, Johann N e w a l d, auf Grund amtlicher Dokumente in seiner Schrift „Beiträge zur Geschichte der Belagerung von Wien durch die Türken im Jahre 1683" geschildert. Seine höchst interessante und verläßliche Schrift ist durch die Vorgänge im letzten Jahrzehnt wieder, wie man sagt, „höchst aktuell" geworden, und es erscheint daher geboten, sie aus ihrer Vergessenheit herauszuziehen. Auf ihr beruht auch ein großer Teil des hier Folgenden. Zum Kriegführen braucht man sehr viel Geld, und das Geld befand sich damals in Oesterreich nicht in den Händen reicher Bankiers; das „Uebel des Kapitalismus" existierte damals noch nicht, der Reichtum des Landes befand sich in den Händen des Adels und der Geistlichkeit. Diese beiden Gesellschaftsklassen waren auch an der Ruhe und Sicherheit des Landes am meisten interessiert, sie hatten bei einer türkischen Invasion das Meiste zu fürchten, sie schrieen auch am lautesten um Hilfe, als die Gefahr des Türkenkrieges herannahte. Die Geistlichkeit und namentlich die Jesuiten hatten aber auch viel zur Herbeiführung dieser Gefahr beigetragen, die Bedrückungen der Protestanten, die sie sich zu Schulden kommen ließen, trugen viel zum ungarischen Aufstande bei, waren also indirekte Ursache des Türkenkrieges. Am 29. Juni, vierzehn Tage vor Beginn der Belagerung Wiens, als die Türken schon vor Raab.standen, predigte ein Jesuit in Wien: „Wenn man die Evangelischen oder Akatholischen nicht totaliter wie die Baalspfaffen ausrotteu würde, könnte der Kaiser kein Glück haben." Zu anderen Zeiten, auch zu solchen, die uns sehr nahe liegen, hätte man wahrscheinlich die Juden für alles verantwortlich gemacht, sie der Ausbeutung, der Spionage und dgl. beschuldigt, zur Ablenkung eine kleine Judenhetze veranstaltet. Dies konnte leider damals nicht geschehen. Es gab keine Juden in Wien und Niederösterreich. Man hatte sie im Jahre 1670 vertrieben, ihre Synagoge in der jetzigen Leopoldstadt niedergerissen und an deren Stelle eine Kirche erbaut, wie eine damals geprägte Medaille sagte: „Die Diebeshöhle der perfiden Juden in einen reinen Tempel Gottes umgewaudelt."

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