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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-10-27 · 43 (27.10.1905) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 43 Dr. JBlocb’s MocdenscvrM. Seite 683 zum zweitenmal zur Wahlurne gerufen. Diesmal siegte die republikanische Liste mit einer Majorität von 1000 Stimmen über die antisemitische, so daß die republikanischen Kandidaten im ersten Wahlgang gewählt worden sind. Durch die Wahlen in Oran sind die Antisemiten endgiltig aus Algier vertrieben worden. Ein Dreyfus als Abgeordneter. Wer hätte es noch vor sieben Jahren, da in Frankreich jeder minderwertige Mensch sich nur als echter Franzose zu gerieren und tüchtig auf die Juden und Dreyfus zu schimpfen brauchte, um in die Deputiertenkammer einzuziehen, gedacht, daß jemals ein „richtiger Dreyfusard" Mitglied der Deputiertenkammer werden wird. Und doch ist am 1. Oktober in Florac (Departement Lauzerre) Mr. Louis Dreyfus im ersten Wahlgang mit einer enormen Majorität von 3639 Stimmen auf ein radikal-sozialistisches Programm gewählt worden. Der neue jüdische Deputierte ist ein junger Bankier und Sohn des Leopold Louis Dreyfus, des Chefs der weltberühmten Getreidefirma. Er studierte Jura auf der Pariser Universität und zeichnete sich ganz besonders durch den Mut, mit dem er sich bei jeder Gelegenheit als Angehöriger des Judentums vorstellte, aus. Louis Dreyfus ist auch Mitglied des Zentralkomitees der Pariser Alliance. Uebrigens hatte der neue Abgeordnete für Lauzere in der Deputiertenkammer schon zwei Vorgänger gleichen Namens gehabt. In der letzten Deputiertenkammer gab es nämlich einen Ferdinand Dreyfus, der Vertreter für Seine et Oise war, sowie Mr. Camille Dreyfus, der das Departement Seine vertrat. Im ganzen zählt die französische Deputiertenkammer 6 jüdische Mitglieder. Davon sitzen 3, nämlich der neugewählte Louis Dreyfus, Raphaels Bischofsheim für Alpemaritimes und L. L. Klotz für Somme in der Deputiertenkammer. Ferner sitzen 3 Juden im Senat. Es find das die Herren: Paul Straus, Präsident des höchsten Rates für öffentliche Wohltätigkeit, Mitglied des Senats für Seine, der frühere Minister für öffentliche Arbeiten, M. Milliaud, jetzt Senatsmitglied für Rhone, sowie endlich der junge Ferdinand Cremieux, Rechtsanwalt und Mitglied des Senates für Guard Der erste jüdische Privatdozent in — Rußland. Aus Petersburg meldet man uns: Das Professorenkollegium der medizinischen Fakultät in Moskau hat die erledigte Stelle eines Privatdozenten für Ohrenheilkunde dem Dr. Albert Braunstein verliehen und der Unterrichtsminister hat diese Ernennung genehmigt, trotzdem der neue Privatdozent mosaischen Glaubens ist. Dr. Braunstein ist in Lodz geboren und hat seine medizinischen Studien an der Wiener Universität zurückgelegt. Seit russische Universitäten bestehen, ist er der erste jüdische Privatdozent in Rußland. Petersburg. In Rußland genügt es nicht, vor dem Feind aufopferungsvolle Tapferkeit bewiesen zu haben, in blutigen Schlachten verwundet worden zu sein, man muß auch das Glück haben — kein Jude zu sein. Das Vaterland ist nur gegen seine christlichen Verteidiger dankbar; dem Juden gegenüber glaubt das heilige Reich des großen Zaren frei zu sein von jeder Verpflichtung. Eine Geschichte, die so recht deutlich das beklagenswerte Los der Juden im russischen Reich illustriert, ist die des Gemeinen Schwarz vom 22. ostsibirischen Schützen-Regiment. Dieser Mann — den ein für ihn widriges Geschick als Juden in Rußland geboren sein ließ — nahm an allen großen Kämpfen während des ganzen Feldzuges teil, trug elf Wunden davon und wurde mit drei Orden ausgezeichnet. Er erhielt das Georgskreuz für die Rettung des Lebens von Kameraden, die Rettungsmedaille dafür, daß er seinen Leutnant vor dem Ertrinken im Jalustrom rettete, und das goldene Kreuz für Zerstörung eines japanischen Pulvermagazins unter Einsetzung seines Lebens. In der Schlacht von Mukden blieb Schwarz für tot unter einem Leichenhaufen liegen. Eine japanische Sanitätskolonne rettete ihn jedoch. Er wurde wieder hergestellt und nach Matsuyama als Gefangener geschickt. Es gelang ihm indeß, zu entfliehen, und mit hoffender Seele wandte sich der vielgeprüfte, brave Soldat seinem Heimatslande zu. Er erreichte nach vielen Mühen Moskau, woselbst er Aufnahme bei Verwandten fand. Nun sollte man meinen, daß ein Mann, der fürs Vaterland Gut und Blut eingesetzt, auch das Recht hat, in diesem seinem Vaterlande, das er verteidigen geholfen, sich ein Ruheplätzchen auszusuchen. Ja, das Recht hat er schon — als Christ, nicht aber als Jude. Es gibt im Zarenreich einen jüdischen Anfiedlungsrayon, dorthin möge er sich wenden. Die Moskauer Polizei hat dem dreifach dekorierten Schwarz erklärt, er dürfe nicht in einer der Hauptstädte des Landes wohnen. Diese „Erklärung" kommt einem Ausweisungsbefehl gleich. Was soll der arme Jude machen? Das dankbare Vaterland stößt ihn aus, wie man ein lästiges Tier aus dem Hause jagt. Er kann hingehen, wohin er will, seine drei Dekorationen auf der Brust. Er kann in den Anfiedlungsrayon ziehen oder die Schande des heiligen Rußland ins Ausland tragen, des heiligen Rußland, das für seine verdienstvollen Soldaten nicht einmal ein Plätzchen hat, wohin der Invalide sein müdes Haupt zur Ruhe legen kann . . . Fürwahr ein dankbares Land, das Land des großen Zaren. — Ueber die Ausweisung des Dr. L u ri e aus Mohilew wird in russischen Blättern nachstehendes mitgeteilt: Dr. Lurie hat sich dadurch bei der Polizei mißliebig gemacht, daß er nach dem Krawall in Mohilew lebhaft gegen die Vorgänge protestiert und unzweifelhafte Beweise dafür beigebracht hatte, daß die Polizei den Krawall angestiftet hat. Nicht genug damit, forderte er die Behörden auf, ihn wegen Verleumdung und falscher Denunziation in den Anklagezustand zu versetzen. Selbstredend hüteten sich diese, den Wunsch Dr. Luries zu erfüllen. Dagegen warfen sich die Angeklagten selber zu Richtern auf und verschickten ihn aus administrativem Wege für fünf Jahre nach Archangel. Die Judenfrage in Rumänien. Dem rumänischen „Tara" entnehmen wir: Auf direkten Wunsch des Königs C a r o l waren zur königlichen Tafel in Dorohi auch mehrere jüdische Notabilitäten, darunter der bekannte Philanthrop, Großgrundbesitzer MarcuFischer, geladen. Herr Marcu Fischer war während des Cercles Gegenstand wiederholter auszeichnender Ansprachen Sr. Majestät des Königs, der, als er von Herrn Fischer hörte, er sei österreichischer Staatsangehöriger, wissen wollte, warum man denn diesen „altangesehenen Israeliten" noch nicht naturalisiert habe und sich mit der diesbezüglichen Frage an den Minister zu seiner Seite wendete. Der König sprach sich ferner Herrn Fischer gegenüber in Worten besonderer Anerkennung über die glänzende Ausschmückung seines Hauses anläßlich des Empfanges aus und erkundigte sich, ob der langanhaltende Regen der Landwirtschaft nicht geschadet habe und ob die Landleute genügend Mais besitzen. Herr Fischer erwiderte, daß der Regen geradezu ein Segen sei, da die Leute infolge der Dürre kein Wasser mehr für die Viehstücke hatten und daß die Maisernte eine so günstige war, daß die Leute noch 40 Perzent des Erträgnisses zum Verkaufe bringen können. Mit huldvollen Worten dankte der König und wandte sich sodann an andere Persönlichkeiten, während Kriegsminister.Manu das gleiche Thema im Gespräche mit Herrn Fischer noch lange Zeit festhielt. Gegen arme und notleidende Juden wird umso grausamer vorgegangen. So hat der Präfekt des Kreises Botoschani jetzt die Ausweisung aller jüdischen Einwohner seines Kreises vom flachen Lande verfügt; eine Eingabe christlicher Bürger, diese Verfügung aufzuheben, war erfolglos. 230 Familien mußten nun ihren Wohnsitz verlassen und in die Städte ziehen, ohne daß ihnen Zeit gelassen wurde, ihre Geschäfte regulär zu liquidieren. Wer nicht freiwillig ging, wurde gewaltsam auf Wagen sortgeführt.

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