Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 52 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 836 wc. Lwcb's Mocvenscvrttr. 'Nr. 52 der autochthonen Bevölkerung des Landes, geschieht dies deshalb, weil er beide eines Stammes hält, nur mit dem Unterschiede der verschiedenen Religionsangehörigkeit, oder meint er damit nur, daß diese beiden Völker aus einem gemeinsamen Gebiete des fernen Ostens hierher eingewandert seien. Jedenfalls ist aber aus dieser Stelle ersichtlich, daß diese hier im Slavenlande an der Adria lebenden Chalisen noch im Hl. Jahrhundert sich zum Judentum bekannten und hervorragenden Anteil am politischen Leben, wie an den Kriegen dieser Völker nahmen. Danach zu urteilen, läßt sich denken, welchen Einfluß sic da erst hatten, als der sklavenische Staat noch unabhängig und selbständig war und durfte es überhaupt schon gar nicht Wunder nehmen, wenn wir un X. Jahrhundert gewahren, daß eine Gesandtschaft dieses Sklaveneukönigs an den Khalifen in Kordova aus Juden bestand. Sollte also, muß man fragen, von alldem in den hebräischen Schriften jener Zeit nichts erwähnt worden und keine Spuren hievon zurückgeblieben und daselbst vorhanden sein, die über diese in vieler Beziehung io gewichtigen Momente wenigstens einigen Aufschluß geben könnten? Bei einer genauen Prüfung des etwa darauf bezughabenden Materials muß man zur lleberzcuguug gelange», daß nur Mißvernändnisse diese Spuren verwischten und verkannten, dagegen werden viele Umstände, wenn sie ins richtige Licht gestellt, manchen Aufschluß über dieses Thema bieten können. Von den alten jüdischen Touristen würde hier in erster Reihe Eldad der Danite in Betracht kommen, da er im IX. Jahrhundert lebte und selbst von der Gegend des Kaspischen Meeres herstammt, wie Rapoport (Kerem Chemed V, p 200, 226) uachgewieseu hat. Seine Relationen sind aber derart konfus gehalten und überall überwiegt die Dichtung in solchem Maße die Wahrheit, daß man selbst nach Entfernung des phantastischen Beiwerkes nur wenig von solchen profitiert. An der Westseite verlegt er die Stämme Dan, Naftali, Gad und Ascher und nördlicher um das Land der Chasaren Simon uud Manasche. cm nmro pK2 ntMö C2V pLCV C2V ■pn f*K *7# Aehnliches fabelt vom Hörensagen Benjamin von Tudela. nznbzb cobim cm bu? cmby pn j^ist p CV2X CV Lnncnon pn rvo p*6 Aus diesem Märchen läßt sich nur eines mit Sicherheit deduzieren, daß dort im IX. bis zum XII. Jahrhundeit außer den Chasaren noch mehrere politisch unabhängige Volksstämme wohnten, die sich zum Judentuuie bekannten. Etwas mehr Konkretes läßt sich schon aus -einer Mitteilung R. Potachias (gegen 1175) in seinem Jtinerarium (6ibub) oder seines Ediiors entnehme-', die lautet: „Als R. Potachia in Bagdad weilte, sah er dorr Boten der Moscovltischcii Fürsten und des Landes Megog (313ö pKi -sDC *cbc) mit Megog wird gemeint ein Land im Norden, etwa zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer), entfernt von dort zehn Tagereisen und erstreckte sich solches brs zu den „finsteren Bergen" (pn nn, Kaukasus) .... Diese erzählten, daß sieben Fürsten, die im Lande der Moskoviter regierten, einst ein Engel im Traume erschien und ihnen befahl, ihre Religion zu laßen und sich dem Judentnme zuzuwenden, indem er ihnen in diesem Falle einen großen Sieg über ihre Feinde verhieß. Diesem Gebote folgend, haben sie das Judentum angenommen. Jetzt schickten sie einen Boten an das Schuloberhaupt in Bagdad mit dem Ansuchen, ihnen Religionslehrer zu schicken, und zogen auch arme Gelehrtedorthin, um dieKinder dort m der Thora und im Talmud zu unterrichten. Potachia hat diese Boten selbst gesehen." Allgemein wollte man dies auf die Chasaren beziehen, was aber entschieden unrichtig ist, da die Chasaren zu dieser Zeit nicht mehr existierten, und abgesehen davon, darf nicht außer Acht gelassen werden, daß hier von mehreren Stämmen die Rede war. Mau sieht hier, daß diese Sage vom Wundertraume in späterer Zeit allgemein verbreitet sein mußte, und als sowohl bei ihnen, als auch bei den Chasaren späterer Zeit die wahre Ursache ihres Uebertrittes zum Judentume im Laufe der Zeit in Vergeffenheit geraten war, nahmen sie dann zu dieser Sage Zuflucht und gaben diese als Erklärung und Motiv ihres Schrittes an. Aus diesem Umstande ist auch zu schließen, daß zu gleicher Zeit mit dem Uebertritt der Chasaren zum Judentum auch der der anderen Völkerstämme erfolgen mußte, nämlich anfangs des achten Jahrhunderts. Die Bekehrung so vieler Volksstämme zum Judentume daselbst, nach dem Zerfalle des großen Hunnischen Reiches, dürfte durch ihre steten Berührungen mit den dortigen und ver chiedenen anderen Juden, die schon in frühester Zeit auf der dort durchgehenden Handelsstraße, die Asien mit Europa verband, verkehrten, wie der arabische Schriftsteller Jbn- Khordadbeh etwas später erzählt, verursacht worden sind. Wann die Chalisen sich an der Adria niederließen, läßt sich nicht mit Bestimmtheit feststellen; nur soviel ist sicher, daß sie gegen Ende des IX. Jahrhunderts bereits da angesiedelt waren, da sie schon der damals in Italien lebende Verfasier des Josippon (ibiä.) als hier lebend anführt. Von Interesse sind auch seine Mitteilungen, daß dieses sklavenische Land sich von Bulgarien bis Venedig und seeseits bis ans Mittelländische Meer erstreckte. Dies da lebende Volk belegt er mit einem aus der Bibel entlehnten Namen K-m. Die Südseite des Landes oder die dazu gehörigen Inseln hat das oströmische Reich gewaltsam seiner Herrschaft unterworfen, während der andere Teil am Meere, bestehend aus den dort aufgezählten verschiedenen Volksstämmen, die auch dieser Völkergruppe zuzuzählen sind, (ictrm cm ':zn2) unabhängig ist, z) Diese verschieden gelesene, aus den biblischen Völkernamen entlehnte Benennung wird auch in der Bibel bald cm Gen. X, 4 und betont er weiter: ct mrö cn p p22 '22C cntt’ cnnx cnoKi D'm vzb, d. h.: „Manche behaupten, sie seien Slaven, sie gehören aber doch den cm '22 an". Dies bietet einen Aufschluß, waruni Jbn-Khordadbeh 3) (gegen IX. Jahrhundert) die von hier kommenden jüdischen Kauflente msnnba nennt, wie er wörtlich sagt: “j^Cö mm-ibK m,T2K mnbs, d. h.: „DieHaudelswege der jüdischen Kaufleute, die mm Radanitten genannt werden", weil sie aus diesem Lande oder über dasselbe gewöhnlich Herkommen, und so nennt auch die von daher kommenden Juden Dunasch b. Tamim (gegen 900— 950) inn *>32 (Vergl. weiter unten). Ob der aus der Bibel entlehnte Namen cm deshalb auf diese hier in Frage kommenden Landeseinwohner angewendet wurde, weil ein Teil dieser Bevölkerung von Gegenden am Don gelegen^), wo schon im Altertum ein berühmtes Handelsemporium am Tanais (Don) europäischer und asiatischer Völker war, das Strabo erwähnt, und auch im Mittelalter einen Hauptstapelplatz auf den« Warendurchzuge aus Europa und Asien bildete, herkamen Ä), oder ob sie damit nur in weiterem Sinne des Wortes (wie Jesaias 21, 13) als Handelsvolk bezeichnet, was etwa soviel wie die damals für solche Völler übliche Bezeichnung „Warengi" („Warengänger"—Kaufleute) bedeuten sollte, lasse ich jetzt dahingestellt sein. Es genügt die Konstatierung, daß zu jener Zeit dieses Land,, wie auch dessen Einwohner und die hierher vom fernen Osten kommenden oder durchreisenden Kauflente so genannt wurde» und liegt demnach die Annahme auf der Hand, daß auch der Reisende Eldad 'rnn genannt wurde, weil er gewiß aus jener Gegend, und wie er selbst augibt, in Handelsangelegeuheileu kam; nur gefiel diesem Abenteurer und Prahler die Rolle besser, feinen Namen vom Stamme Dan herzuleiten und sich als direkten Nachkommen der Erzväter und des Dan den Jacob auszugeben. Zreht man einen Vergleich zwischen den zwar nur kurzen Mitteilungen Cinnamus über die Religion der Chalisen und denen Eldad's über die seiner angeblichen zehn Stämme, drängt sich die Vermutung förmlich auf, daß diese identisch sein müssen. Schon Rapoport (ibiä.) hat nachgewiesen, daß noch während der Talmudzeit die jüdischen Bewohner der Länder um das Schwarze und Kaspische Meer von den Rabbinen gering geschätzt worden waren, weil die dortigen Juden ferne von den Heimstätten jüdischer Wissenschaft und Lehre lebend, dem jüdischen geistigen Leben mit der Zeit langsam entfremdet, von den barbarischen Völkern ihrer Umgebung aber sich vieles in Sitten und Gebräuchen aneigneten und darum bei ihnen stets als minderwertiges Element gegolten hat Auch in frühem Mittelalter in mehr ungebundener Freiheit dort unter Barbaren lebend, Viehzucht, Ackerbau und Handel treibend, von den Zentren. jüdischen Lebens losgerissen, von der immer mehr wie ein Strom in seinem Laufe stets weiter sich entwickelnden, jüdischen Lehre entrückt, konnten sie nicht gleichen Schritt mit ihren Glaubensgenossen in kultiviert'eri"Länd?rll halten und sind gegen die letzteren auf geistigem Gebiete in jeder Hinsichr zurückgeblleben. Sic waren auch darum exotischen Einflüssen leicht zugänglich und hat das Judentum dort verschiedene fremde Elemente ausgenommen und ist mit der Zeit einem religiösen Synkretismus anheinigefallen. Wohl pflegten raddinische Gesandte von Zeit zu Zeit hinzukommen, ihnen talmudische Schriften zu bringen und sie in denselben zu unterweisen (handschriftliche Notiz in Pinsker's Likute Kadmouijoth p. 17). Diese vorübergehende Berührung mit den rabbinischen Missionen konnte aber nickt von nachhaltiger Wirkung sein uud blieb das traditionelle Judentum dort auf halbem Wege stehen uud von anderen Bestandteilen auch durchsetzt, bildete es eine Melange von mancherlei heterogenen Elementen. Lo ungefähr dürfte das Judentum der Chalisen beschaffen gewesen sein, nnd war es mit dem Eldad's ebenso bestellt. Es ist demnach kein Wunder, wenn die jüdischen Gelehrten in Kairuan über die ihnen von Eldad in einem Lügengewebe umsponnen vorgebrachten Ritualien, angeblich als die der zehn Stämme Israels, ganz verblüfft waren, sich an Zemach Gaon mit der Anfrage wendeten, wieso eigentlich diese Abweichungen von der mündlichen Lehre mit dem Talmud in Einklang zu bringen seien und was davon und bald cm I. Ehr. I, 7 gelesen. Das Sam. Targum und die Septuaginta haben auch Gen. X, 4 die Lesart cm. -') Vergl Oesterr. Wochenschrift Nr. 46. •*) David Klmchi führt in seinem Kommentar zu Gen. X, 4 eine Lesart des Josippou an: m nra bv '22V Cn "2. Es scheint, daß dies auch auf die Völkergruppe Chasaren re. Bezug haben sollte. °) 'Nachträglich sehe ich, daß die Juden damals die nördlich vom Kaukasus gelegene Gegend zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer, wo damals die Völkerstämme der Alanen, Abasgen, Zicheu, Kaschaken rc. wohnten bis zum Don pnpK nannten. Am Ende seines Buches zählt Jbn-Dand (1100—1150) alle Wohnorte der Juden zu seiner Zeit auf, und u. A. auch pau nK“ip3i 'V222.N pw pn pKi woraus unwiderleglich hervorgeht, daß die Gegend nördlich von Georgien, am Kaukasus, bis zum Don von den Juden zu jener Zeit pnp« genannt wurde und mußte noch damals dort auch eine beträchtliche Anzahl derer leben, und demnach wurden unter cm die von dort kommenden Juden gemeint. Deshalb nennt auch der zeitgenössische Verfasser des Josippon (gegen Ende des,IX. Jahrhunderts) (ibiä.) die von dort in das Sklabenenland am adriatischen Meere eingewanderten Juden cm und desgleichen alle oben angeführten Zeitgenossen.