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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-12-23 · 52 (23.12.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
52 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 62 Dr. Llocd's MocdenscbrM Seite 835 quickend wirkt! Und welch' ein Mann, welch' ein Mensch, welch' ein Sohn. Bruder, Freund, welch' ein Lehrer ist mit ihm dahingegangen! Wann werden wir seinesgleichen wieder sehen? Als Lehrer vereinigte S z n n t 6 beide Vorzüge in sich, die leider zum Nachteil der Schüler so selten nebeneinander gehen: eine durchsichtige Klarheit des Vortrages und die tiefste Gründlichkeit in Beherrschung seines Themas. Er war weit davon entfernt, seinen Hörern unter dem Titel der Historie eine trockene Datensammlung, ein mechanisches Aggregat von Notizen zu bieten, wie es so vielfach auch in der modernen Geschichtswissenschaft noch heute üblich ist. Sondern er umspannte reichere Zusammenhänge, er appellierte an das Verständnis und bot dem Geiste Anregungen, anstatt das Gedächtnis mit dürrem Material zu füllen. Dabei wahrte er strenge Objektivität, maß die Bedeutung, den Wert historischer Geschehnisse nicht an seinem eigenen subjektiven Dafürhalten, sondern spielte eine Auffassung gegen die andere aus, um sie auf diese Art gleichsam an einander zu korrigieren, von extremen Ueberspannungen zu befreien. So lehrte er zunächst griechische, späterhin auch römische Geschichte. Und so gewann er sich das weitgehendste Vertrauen und die Sympathien seines großen Hörerkreises, die sich in diesen traurigen Tagen so glänzend bewährt haben. Und keiner geringeren Beliebtheit erfreute er sich bei seinen Kollegen. Hier war es insbesondere sein bescheidener, vornehmer Charakter und der ernste Forschersinn, der ihm ihre Freundschaft und Hochachtung sicherte. Niemals hat ihm seine hohe soziale Stellung zu irgend einer Ostentation verleitet, niemals ist er anders, denn als Gelehrter, als reifer Gelehrter in die Oeffentlichkeit getreten. In einer Zeit, wo auch die Forschung so vielfach zur Magd der Politik entwürdigt, den Zwecken des Marktes und des Strebertums dienstbar gemacht wird, muß ihm dies besonders hoch angerechnet werden. Wie groß müssen seine wissenschaftlichen Verdienste gewesen sein, wenn er, der unsagbar anspruchslose, von einer an Demut grenzenden Bescheidenheit erfüllte Mann, der niemals in seinem Leben sich irgendwie vordrängte, sondern in edler Resignation wartete, bis man ihn rief, es dennoch in verhältnismäßig kurzer Zeit bis zum ordentlichen Universitätsprofessor gebracht hatte! Und wahrlich, sie war ihm nicht sehr leicht gemacht, seine Karriere. Ich erinnere mich noch ganz genau — es war in Hacking bei Wien — daß er vor etwa zwanzig Jahren, als er sich anschickte, die akademische Laufbahn zu betreten, zu mir kam und mir in der ihm eigenen resignierten Weise, ohne jeden Groll, erzählte, eine sehr maßgebende Persönlichkeit habe ihm nahe gelegt, sich lieber dem G e s ch ä f t e, wo bessere Lorbeeren für ihn zu pflücken wären, zu widmen. Nun, Szünto hat diesen „wohlgemeinten" Rat nicht befolgt. Sein hohes Ziel vielmehr unentwegt vor Augen, arbeitete er aus allen Kräften und zeigte schließlich, daß der Jude nicht blos für das Geschäft die Eignung, die ihm vielmehr von den Verhältnissen aufgenötigt wurde, ins Leben mitbringe, sondern daß er an allen hohen und idealen Bestrebungen der Menschheit hervorragend sich zu beteiligen veranlagt sei. Und so heilte er zuletzt auch jene christlichen Gelehrten, die vielfach glauben, daß der reichere Jude auch der „bessere" sei, von diesem ihren Vorurteil, so daß sie an seinem Grabe die erschütternde Klage erhoben, daß mit dem Hinscheiden dieses jüdischen Gelehrten der Wissenschaft eine schwere Wunde geschlagen worden fei. Szänto hat sehr früh den Ernst des Lebens zu kosten bekommen. Ein halber Knabe noch, sah er seinen vielgeliebten und vielbewunderten Vater, den gelehrten und geistessprühenden Simon Sznntö, noch nicht an der Schwelle des Greisenalters angelangt, dahinsiechen. Und als endlich der Tod diesen unvergeßlichen, braven, von tief idealem Sinn erfüllten Mann von langem Siechtum befreite, da blieb die Familie nahezu unversorgt zurück. Und in diesen jungen Jahren zeigte Emil Sznntö, was ein liebender Sohn und Bruder der Familie in Zeiten der Verlassenheit zu sein vermag. Was Emil Szäntö seiner verehrungswürdigen, so innig geliebten Mutter und seiner Familie gewesen, getraue ich mich nicht zu schildern, weil ich befürchten muß, diese große Liebe und fast beispiellose Anhänglichkeit damit zu profanieren, und weil ich nicht in diesem Augenblick in der noch offenen, brennenden, wohl kaum je ganz verharrschenden Wunde, die der Tod dieses Wackern dem Mutterherzen geschlagen, wühlen will. Es kommen einmal ruhigere Tage, wo auch in uns der Schmerz kein so schreiender sein wird, und dann wird es wohl gestattet sein, ein Mehreres davon und über anderes zu sprechen. Hier nur noch im Vorbeigehen ein schwaches Beispiel seiner unglaublichen Selbstlosigkeit und Anspruchslosigkeit und seiner Fürsorge für seine Mutter. Als er mich im letzten Sommer im Hochgebirge besuchte, lenkte ich nach einer längeren Unterhaltung über verschiedene uns beide interessierende literarische Erscheinungen feine Aufmerksamkeit auf die uns umgebende erhabene Natur. Ach ja, meinte er, ich kenne sie und habe sie oft bewundert und in vollen Zügen genossen; aber offen gestanden, wäre mir in den heurigen Ferien, wo ich soviel zu arbeiten hätte und zu arbeiten beabsichtigte, der Aufenthalt — das sagte er in halb scherzenden Tone — in Wien, „am Bergel" — dort wohnte nämlich die Familie Szüntü's vormals, als der Vater noch lebte, — lieber gewesen. Dort wäre man in diesen abnorm heißen Sommermonaten, wo die Stadt verödet, ganz ungestört und hätte seine Bibliothek zur Hand, während man hier zum pflichtvergessenen Bummler wird. Und auf meine Bemerkung, daß die Erholung nach einem Jahre angestrengter Arbeit ihm wohltun und der Aufenthalt in der himmlischen Natur feine Schaffenskraft erhöhen würde, antwortete er: „Ich bin nicht im mindesten erholungsbedürftig, und was diese großartige Natur betrifft, so werde ich sie in nicht minderer Schönheit in den nächsten Monaten zu genießen Gelegenheit haben, und zwar unter der Sonne Homers, da ich bald wieder auf eine längere Studienreise nach Griechenland gehe; aber die Mutter, die Mutter hat nach einem längeren Unwohlsein der kräftigenden Hochgebirgsluft zu ihrer vollständigen Genesung nötig!" Möge die gütige Vorsehung den unsagbaren Schmerz dieser schwergeprüften Mutter und ihrer Töchter lindern! M. Friedländer. Der Uollrsstarnw der Chalisen als Jade«. Der Volksstamm der Chalisen, der im IX und X. Jahrhundert die Westseite des Kaspischen Meeres bewohnte, nach und nach die Chasaren von dem Gebiete, wo die Wolga in das Kaspische Meer einfließt, verdrängte, und nach ihnen dieses Meer anstatt des bis dahin geführten Namens „Meer der Chasaren" den „der Chalisen" annahm und Chalisisches Meer hieß, bekannte sich, wie nunmehr geschichtlich fast zweifellos feststeht, zum Judentum. Mit dem Vordringen der anderen verwandten Völkerschaften aus den Gegenden des Don und des Kaspischen Meeres in das Donaugebiet, hat auch, nach Uebereinstimmung mehrerer Historiker, ein großer Teil dieses Chalisenstammes sich von seinem Ursitze losgelöst und ließ sich zu dieser Zeit mit anderen slavischen und tartarischen Stämmen an den Gestaden des adriatlschen Meeres nieder. Ein in Italien lebender hebräischer Schriftsteller des IX. Jahrhunderts gibt schon in seinem Buche „Josippon"') (Cap. 1) in der Völkertafel unter den verschiedenen Volksstämmen des damaligen Königreiches Sklavenien an dem adriatischen Meer auch u. A. einen mit Namen an, womit pur der der Chalisen, wie er auch anderweitig genannt wird, gemeint sein kann. Nun wurde von verschiedenen Seiten auf eine Stelle des byzantinischen Historikers Johannes Cinnamus, des Geschichtschreibers der byzantinischen Kaiserfamilie der Komnenen im XIi. Jahrhundert, in seiner Geschichte (der Meinekeschen Ausgabe III, 107) aufmerksam gemacht, wo er nach Angaben Meinekes als Augenzeuge über den Krieg des byzantinischen kaiserlichen Heeres mit dem der Dalmatiner u. A. berichtet, die wörtlich übersetzt lautet, wie folgt: „Das Heereskontingent der Dalmatiner stellte nicht nur das Land allein, sondern auch die bundesgenossischen Volksstämme, Hunnische Reiter und die daselbst wohnenden andersgläubigen Chalisen (X«X:Äa>'-). Die Hunnen sind christlichen Glaubens, aber diese (Chalisen) leben nach den Vorschriften Mosis und anderen von diesen variierenden Gesetzen bis heutigen Tages." Wenn dieser Autor also hier die Chalisen mit den erwähnten Hunnen in eine Reihe stellt, wobei selbstverständlich nur an Stämme, die mit den Hunnen verwandt oder Nachkommen derselben, zu denken wäre, im Gegensätze zu ') Zlinz, Gottesdienstliche Vorträge der Juden, p. 158—160.

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