Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 762 Dr. Mocb's Mocbenscbrttt. 9fr. 47 Wlaschirrr. Für den armen kranken Mann sind beim Unterzeichneten folgende Gaben eingelangt nnd zwar spendeten: Dr. W. Klauber und einige Ungenannte in Wlaschim X 50.—, N. N., Patzau X 4.—, Rabbiner E. Klauber, Nnrschan, gesaunnclt dort X 21.—, Frau R. Riesz, Wien X 30.—, Werfel Böhm, Prag X 2.—, L. Feldstein, Wien, X 1.—, M. Lilling. Dentschbrod X 6.—, K. Stein, Zwittau X. 4.—, E. Back, Königsfeld X 5.—, L. Jcllinck, Limmerfach X 4.—, Kultusgemeinde Neudek X II. , Knltusgemeinde Koschetic X 6.-, N. N.. Käcov X 5.-, M. Heller. Amschelbcrg X 20.- , N. N., Köflach X 10.—, I. Lampl, Neu-Nansnitz X 5. , M. F., Wien X 2.—, Dores H. und I. Baruch, Wien X 20. , Knltusgemeinde Blovic X 12 —, N. N, Wien X 2. - , F. Lebenhart, Selöan X 3.—, A. Arnstein, Bndweis X 2. —, Dr. I. Ornstein, Wien X 10.—, N. N., Neulengbach X 4. -. Besten Dank den Spendern! Weiteres nimmt gerne entgegen Rabbiner Dr Klauber. Rom. (Der König von Italien über die Juden.) In seinem Schloß Racconigi hat König Viktor Emanucl kürzlich den Oberrabbiner der Stadt Casale, Signor Aldo Lattes, empfangen, der ihm die Glückwünsche seiner Gemeinde zur Geburt des Thronerben übermittelte. Während der halbstündigen Unterhaltung mit dem Rabbiner sprach der König seine Befriedigung aus über verschiedene jüdische Institute, die in Italien für das Studium der jüdischen Literatur eingerichtet finb, und erwähnte mit lobender Anerkennung verschiedene hervorragende Juden, die in Italien ihre Dienste dem öffentlichen Wohl gewidmet haben. Feuilleton. Warum? Darum? Von Martha Wolfenftein. Es gibt verschiedene Wege, in der „Gaß" zu Ansehen zu gelangen und einer der sichersten ist, zu sterben. Wenn man kein toter Mann sein kann, sei man zumindest ein kranker oder wenn man auch das nicht vermag, sei man mindestens seine Pflegerin. Solches Ansehen genoß jetzt das Haus von Hendel, dem Federnweib. Schaie „Sellner", d. h. Soldat war krank und Hendel selbst seine Pflegerin. Und Hendel hatte das Beste davon, denn wenn man krank ist und das Bett hüten muß und der Arzt nach der neuesten Methode alle Besuche verbietet, so kommen deren viele, da es — wie man weiß, nicht nur ein gutes Werk, sondern eine religiöse Pflicht ist, Kranke zu besuchen. So lag Schaie allein — und was? frage ich Euch, wäre die Freude der Berühmtheit, wenn man nicht damit stolzieren kann? Hendel aber spazierte umher und wenn sie es that, eilte die ganze Gaß aus sie zu, um sie zu begrüßen. ..Guten Morgen Hendel! Was sagt der Doktor?" „Wie steht's, Hendel, glaubst Du, daß er am Leben bleibt." Hendel warf den Kops zurück und streckte das Kinn in die Luft. Sie war nicht stolz, nein, Gott behüte! Niemand konnte sagen, daß Hendel Fed'rnschlcißerin — sie lebte vom Schleißen der Federn für die Betten der Reichen — stolz war, aber sie war ein Mensch; gewöhnlich von nicht mehr Bedeutung, als ein verlaufenes Kätzchen, war sie an diesem Tage aus dem Wege zum Fleischerladen der Gegenstand so höflicher Aufmerksamkeit, als ob sie der Rabbi selbst gewesen wäre. „Sieh, wie großartig!" „Hat Hendel das große Los gewonnen?" „Warum antwortest Du nicht, wenn man zu Dir spricht?" „Esoi!" sagte Hendel lässig und schüttelte sie ab wie Fliegen — alle außer einen kleinen Jungen, namens Schimmele, der sich an ihre Fersen heftete, denn Schimmele war der Neuigkeiten-Zuträger für seine Großmutter und ein Soldat und noch dazu ein kranker, ist ein zu fetter Bissen, um ihn so leichthin fallen zu lassen. Hendel trat in Mechel Katzev's Laden, Schimmele dicht hinter ihr. „Einen schönen Markknochen!" sagte Hendel. „Zur Suppe?" brummte Mechel? „Nein, Kraftbrühe!" Nun Mechel war kein Mann, den man verächtlich behandeln konnte, denn er hatte die Gewohnheit, Stücke Leber oder Wurst zerstreut in die Körbe der armen Weiber zu werfen, und als er fragte: „Nun, wie geht es ihm?" antwortet sie höflich, indem sie die Augen zu den Deckbalken emporhob, die Hände ausstreckte und kläglich stöhnte, woraus Mechel sagte: „ei wai!“ — hm, hm! und Schimmele rannte nach Hause um seiner Großmutter daß Schlimmste zu sagen. Und Schimmele's Bericht war ein wahrhaftiger. Schaie Sölner, ehemals ein Soldat, allzeit ein Sünder, mit 14 Jahren Dienstzeit, zwei Feldzügen, einer Ledermedaille und einem hölzernen Stelzbeine, lag im Sterben. Das bestätigte Hendel vollständig, als sie aus ihrem Heimwege vor Mendel Schuhflickers Laden anhielt, und die Gaß billigte Mendcl's diesbezüglichen Vorzug. „Mendel hat ein Recht zu wissen", sagten sie, denn so wie er Hendel fünf Gulden zwanzig für Miete schuldig war, schuldete er Mendel zwei Gülden ft'iufzig für mehrere Sabbat-Mittagessen ltnb Mendel wurde deshalb zu den nächsten Angehörigen gerechnet. „Bis hieher reicht das Wasser schon!", sagte Hendel, indem sie auf ihre umfangreiche Taille zeigte, „wenn es das Herz erreicht, dann — ist es aus! Jtzig Schulklopscr ist bei ihm und jeden Augenblick auf dem Sprunge, die Totenbruderschaft zu holen. Der Elende! Nur aus purer Bosheit stirbt er. Nicht einen Kreuzer hat er mir seit einem halben Jahre gezahlt. Glaubt er, daß ich das Geld auf der Straße finde. Eine Krankheit in sein Gebein, der Dieb!" Mit diesem frommen, wenngleich überflüssigen Wunsche wandte sie sich heimwärts, um den schönen Markknochen in Kraftbrühe für ihren kranken Mieter zu verwandeln, der, wenn auch ein großer Sünder, doch „ein jüdisch Kind" war, das man nicht zugrunde gehen lassen konnte. An der Straßenecke, wo die Gaß für einen Augenblick versucht, in sich selbst zurückzukehren, wie ein Klappmesser, wurde sie von einem Sturmstoß angefallen, in welchem sie, als er um die Ecke wirbelte, die braunen Rockschöße und grünen Pantoffeln Jtzig Schulklopfers erkannte. Hendel stand still und hielt den Atem an und im nächsten Augenblicke stieß sie mit ihnen zusammen: Reb Noah Fingerhut, Loser Pereles, Reb Schlome Weinhändler, und Loebeb Schlemiel, alle die Straße hinabeilend, wie in einem Wettlauf, das Ziel: eine gelvisse Oeffnung in einer Mauer, in welcher sie rasch verschwanden. „Die Chewraleut!", stieß Hendel bei diesem Anblick hervor, denn die Maueröffnung führte nur zu einem Orte und der war Hendel's Wohnung, und sie eilte ihnen nach, so rasch sie es vermochte. Als sie ihre Wohnung erreichte, war die heilige Bruderschaft schon mit den Vorbereitungen für die Sterbegcbete beschäftigt. Obgleich Schlome Weinhändler, ein Sachverständiger in Sterbesachen, während er eine Kerze anzündete, skeptisch brummte: „Für einen Sterbenden ächzt der viel zu kräftig." Der Kranke ächzte wahrhaftig kläglich, während Tränenströme über seine Wangen hinabflosscn. Als er Hendel erblickte, erheiterte sich sein Antlitz und er murmelte etwas. Hendel eilte an seine Seite. „Warum weinst Du Schaieleben?", sagte sie besänftigend, Möchtest Du nicht etwas essen?" Der Kranke nickte kräftig. „Einen Löffel Gries? Nein! Ich habe einen wunderschönen Markknochen zu Kraftbrühe? Auch nicht! Was denn?" Schaie sprach aber mit so schwacher Stimme, daß sich Hendel über ihn neigen mußte, um ihn zu verstehen. Plötzlich fuhr sie in die Höhe, ihre Augen rollten wild und sie zog sich angstvoll zur Tür zurück. „Was ist's?", schrie die Bruderschaft. „Höret, waih geschrien! Helft, ihr Leute!", war alles, was Hendel hervorstoßen konnte. Reb Noach, der Vorsteher der Bruderschaft, hielt es für feine Pflicht, den Fall zu untersuchen. „Was ist's? Schaie Soldat?", fragte er.