Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette «78 Dr. Dlocb's MocbenscvrM. tti. 42 Juternatiorraler Kongreß gegen die unsittliche Literatur. Köln, 6. Oktober. Der zweite Kongreßtag war sehr gut besucht; den großen Saal der Lcsegescllschaft füllte ein zahlreiches Publikum, darunter viele Geistliche aller Konfessionen. Die Verhandlungen begannen heute mit einem scharfen Einspruch des Kölner Rabbiners Dr. Frank gegen einen in der gestrigen Eröffnungsrede mitgcteilten Brief des Dr.-Jur. Lautensack aus Montreux, worin von „inferioren jüdischen Elementen" die Rede ist. Der Rabbiner Dr. Frank ans Köln teilte dem Kongreß mit, daß er bei der Eröffnung verhindert gewesen sei zu erscheinen, und gab daun folgende Erklärung ab: Gestatten Sie mir, hier öffentlich und vor aller Welt zu erklären, daß nicht allein ich und meine Amtskollegen, sondern — ich rede hier im Namen des gesamten Judentums — daß wir alle Schulter an Schulter stehen mit denen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, gegen die Verbreitung unsittlicher Literatur zu kämpfen. Von allen orientalischen Völkern werden wir noch heute die Nation der Schrift genannt, und wir wiffcn es zu schätzen, welchen Nutzen die Schrift, das geschriebene Wort bringen kann, und auch, welche Wirkung das geschriebene Wort hervorzurufen imstande ist. Die heilige Schrift bringt uns unzählige Gesetze gegen die Unsittlichkeit. Wenn eine Tochter eines Priesters sich vergangen hatte, wurde sie vor der Türe des elterlichen Hauies gesteinigt. Wenn ich nun unsere Sympathie für die große Sache, die hier beraten wird, mitgeteilt habe, dann werden Sie es auch erklärlich finden, daß ich meine Betrübnis aussprcche über einen Satz, der in eineur gestern veröffentlichten Schriftstück enthalten, ist. Es handelt sich um eine Auslassung des Dr.-Jur. Laute »sack aus Montreux, in der es heißt: „Soviel dürste feststehen, daß die Dekadenz in Deutschland vielfach auf Einwirkungen von außen zurückzuführen ist — von Westen und von Osten; und zwar besonders vonOsten und das unter Miteinwirknng inferiorer jüdischer Elemente." Das hat meine Glaubensgenoffen überaus unangenehm berührt. Was soll dieses Betonen jüdischer Elemente? Bedenken wir doch: peccatnr extra et iutra rnnros, gesündigt wird bei allen Nationen und in allen Staaten. Da muß ich ganz besonders im Namen meiner' Konfession gegen jenes Verwahrung einlegen. Ich will nicht bestreiten, daß es verlumpte jüdische Journalisten gibt, aber sie sind in verschwindender Zahl. Ich führe für uns das Zeugnis an, daß unser Stamm gegen Unsittlichkeit immer vorgegangen ist, ich führe als weiteres Zeugnis unser sittliches Familienleben an. Unsere Feinde mögen uns vorwerfen, was sie wollen, unser Familienleben können sie nicht antasten. (Sehr richtig!) Gestern morgen wurde hier ganz richtig gesagt: „Der ganze Schwerpunkt der Bestrebungen liegt in der Ehe." Gehen Sie in unsere Synagogen, da find die Geschlechter getrennt, damtt nur nicht an geweihter Stätte ein unreiner Gedanke austaucht. Als im Jahre 1895 im großen Gürzenichsaale in einer großen Versammlung der Kölner Bürgerschaft das Wirken rm Verein für entlaffene Gefangene beraten wurde, da waren die Vertreter der drei Konfessionen anwesend, Weihbischof Dr. Schmitz, Pastor Koblinski und ich. Wir standen auf interkonfessionellem Bode». Damals sagte ich: Mögen wir auch draußen verschiedene Wege gehen, der Himmel gleicht der Stadt mit hundert Toren, und wir wollen das Wort unseres großen Strategen stets Hochhalten: Getrennt marschieren und vereint schlagen. (Zustimmung.) Der Vorsitzende, Pfarrer Weber, dankte Dr. Frank für seine Worte und bemerkte, er müsse zur Verteidigung Dr. Lautensacks sagen, daß dieser wohl gemeint habe, es gebe in allen Konfessionen inferiore Elemente. Das sei auch die allgemeine Auffassung gewesen. Berlin. (Der Schriftsteller Karl Wald), der sich vor einigen Jahren als eifriger Verfechter des Spiritismus und als Letter antisemitischer Versammlungen vielfach bemerkbar machte, hat sich in seiner Wohnung in der Ebersstraße erschossen. Als Motiv der Tat dürften mißliche Vermögensverhältnisse angenommen werden. Berlin. Das von dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde und der Großloge U. O. B. B. gemeinsam berufene Kuratorium für Herstellung eines Gesamtarchivs für die Juden Deutschlands hat beschloffen, zunächst einen mit der hebräischen Sprache und der jüdischen Literatur gründlich vertrauten jüdischen Fachmann mit Rundreisen durch die jüdischen Gemeinden Deutschlands zur Feststellung und Prüfung des bei ihnen vorliegenden archivalischen Materials zu beauftragen. Herr Archivar Dr. Zivier in Pleß ist zu dieser Aufgabe vorgesehen. Der Beauftragte wird über jede Reise einen zusammenhängenden wissenschaftlichen Bericht erstatten. Auf Grund desselben soll die Sammlung oder Kopierung des archivalischen Stoffes für das Gesamtarchiv veranlaßt werden. Zugleich ist die Photographierung der für die Geschichte des mittelalterlichen Judentums so bedeutsamen Memorbücher beabsichtigt. Das Kuratorium hat endlich beschlossen, einen jüngeren Historiker für den Posten des Archivars berufsmäßig ausbilden zu lassen. Professor Dr. Hamburger. Professor E. Lampe in Berlin widmet dem verstorbenen Professor der Mathematik an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg, Dr. Meyer Hamburger, einen längeren Nachruf, in dem nicht nur der hervorragende Gelehrte gefeiert wird, sondern — was aus dem Munde eines Nichtjuden besonders erfreulich ist — auch der charakterfeste Jude. In diesem Nachruf werden die Schwierigkeiten betont, die sich dem Verstorbenen als Juden entgegenstellten und die dieser mit seltener Charakterstärke ertrug. So wird unter Anderem darin gesagt: „Der Gewinn der bestandenen Oberlehrerprüfung war gering. Nach den gesetzlichen Bestimmungen jener Zeit mußte Hamburger als Jude beim Ablegen der Prüfung ein Schriftstück unterzeichnen, durch das ihm bekannt gegeben wurde, daß er durch die ihm zugebilligte Facultas doceudi keinen Anspruch auf Anstellung an einer höheren Lehranstalt Preußens erworben hätte. Um eine sichere Lebensstellung zu erhalten, sah er sich daher gezwungen, 1864 die Stelle eines Lehrers an der jüdischen Gemeindeschule zu Berlin anzunehmen. Dem Glauben seiner Väter getreu, hat er in philosophischer Ruhe und Würde diese Stellung bis zn seinem Lebensende bekleidet. Die wissenschaftlichen Leistungen Hamburger's waren derartige, daß der Wunsch entstehen mußte, seine Kraft für eine Hochschule zu gewinnen. Es ist das Verdienst Weingartens, den bedeutenden Gelehrten, der an ein Hinanstreten aus der Stille seines Sinnens und Forschens nicht gedacht hatte, zum Eintritt in den Lehrkörper der Technischen Hochschule zu Berlin aufgefordert zu haben. Durch Ministerialerlaß vom 15. Jänner 1879 erhielt Dr. Hamburger die Genehmigung zur Abhaltung außerordentlicher Vorträge über mathematische Gegenstände an der Bauakademie. Mit dem Lehrauftrage für niedere Analysis und Algebra betraut, erhielt er als Dozent 1885 sein Patent als Professor. Elf Jahre später wurde sein Lehrauftrag auf Funktionentheorie, Variationsrechnung und Potentialtheorie erweitert, ohne daß jedoch sein Einkommen auf eine solche Höhe gebracht wurde, daß er seine Stelle an der jüdischen Knabenschule hätte aufgeben können. In dieser Doppelstellung verharrte er bis Ostern 1903. Bei Beginn des Sommersemesters waren seine Kräfte bereits so weit geschwächt, daß er auf Anordnung seines Arztes Urlaub nachsuchen mußte. Am 9. Juni 1903 brach er in den Armen seiner Gattin plötzlich zusammen. Mit ihm ist ein Manu dahingegangen, dessen Ansehen bei allen Mathematikern feststand. Der Ernst, mit dem erals überzeugter Schüler Kant's in allen Dingen dem kategorischen Imperativ folgte, sein Beharren bei dem, was er für wahr erkannt hatte, dann aber auch sein Festhalten an alten Freunden,' seine Teilnahme an allem, was des Menschen Herz bewegt und erhebt, sind hervorstechende Züge eines ganzen Menschen, denn jeder lieb gewann, der mit ihm zu tun hatte. Das Ende eines jüdischen Geschlechtes. Die Pariser mondänen Blätter bringen die Nachricht vom Tode der Gräfin Gaston de la Rochefaucauld geborene Miß Emily Rumbold, aus dem Hause des gleichnamigen britischen Baronets. Und sie widmen der Verstorbenen, die ihre letzten Lebensjahre in Biarritz zubrachte, warme Nachrufe. Ihr Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer imposanten Feier. Außer ihrem Gatten, dem vormaligen bevollmächtigten Minister Grafen de la Rochefaucauld, schritten im Trauergefolge noch andere Verwandte, darunter der Fürst Ludovico Pignatelli, ihr Enkel, die Gräfin Ladislav Puslowska, ihre Enkelin, der Herzog von la Rochefaucauld, ihr Neffe, und Sir Horace Rumbold, ehedem englischer Botschafter, ihr Bruder. — Was der französischen Presse aber, so schreibt das „B. T.", nicht bekannt zu sein scheint, ist, daß mit dieser Gräfin die letzte Trägerin eines deutschen Adelsnamens dahingegangen ist, an den sich eine interessante Vorgeschichte knüpft. Ferdinand Moritz Levy Delmar, einer der bedeutendsten Berliner Bankiers, wurde am 13. April >810 von König Friedrich Wilhelm dem Dritten wegen seiner dem preußischen Staate in dessen schwersten Tagen geleisteten Dienste — deren das Diplom ausdrücklich gedenkt - zum Freiherrn erhoben, eine Erhöhung, die danials außerordentliches Aufsehen hervorrief. Denn sie bedeutete die erste Nobilitierung eines Israeliten in der preußischen Monarchie. Bezeichnend für die damaligen Anschauungen ist es, daß dem Freiherrn von Delmar ein Wappen verliehen wurde, dessen heraldische Formen absichtlich ganz anders als die sonst in Deutschland üblichen gestaltet waren. Baron Levy Delmar hinterließ nur eine Tochter, die die Gemahlin des dritten Baronets Rumbold und selbst Mutter einer Tochter wurde, die, nachdem ihre erste Ehe mit George Henry Cavendish, einem Sprossen des Herzogshauses von Devonshire, gelöst worden war, durch Kabinetsordre die Erlaubnis bekam, den Namen ihres Großvaters wieder aufzunehmen und sich, wie man in England zu sagen pflegt, „im eigenen Rechte" Freifrau v. Delmar zu nennen. Ein Jahr später schloß sie eine zweite Heirat mit einem dem ältesten französischen Adel angehörenden Diplomaten, dem Grafen Gaston de la Rochefaucauld. Odessa. (Der Zar in Südrußland.) Anläßlich der Truppeninspizierung in Südrußland ist der Zar vielfach mit den Juden in Berührung gekommen und der von letzteren ihm