Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-08-26 · 35 (26.8.1904) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021583--13855-3038530
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 35 Dr Blocb's TKHocbenscbrtft Seite 569 „Ich muß Dir also sagen", begann Worobiejczyk langsam seine Wanderung im Zimmer fortsetzend, „daß ich nach dem Beendigen der Universität fünf Jahre lang meinen Wohnort in einemfort wechseln mußte. In Ermanglung anderer glänzender Eigenschaften besitze ich wenigstens die eine, daß ich nicht dumm bin und bezüglich meiner selbst mich keiner Illusion hingebe. Das bedeutet nicht etwa, daß ich einen zn geringen Begriff von meiner Persönlichkeit habe. Warum denn auch? Aber ich wußte vorzüglich, daß, obgleich kein schlechter Arzt und nicht ohne Fähigkeiten, ich das bin, was man gemeiniglich einen Dutzendmenschen nennt. Dabei sind Wuchs, Gestalt und Maske", (er fuhr sich mit der Hand über's Gesicht), „Dinge, die nicht nur auf den „Brettern, welche die Welt bedeuten", sondern auch im reellen Leben von Wichtigkeit sind. Mit einem Wort, an den Beruf eines in der Hauptstadt praktizierenden Arztes war nicht zu denken, dessen war ich mir sofort bewußt. Und im „Zentrum" am Hungertuche nagen, weil dort in der Fastenzeit Mafini singt.. dazu muß man ein ganz besonderer Musikfreund sein... Stünde in meinem Diplom neben Simon nicht en parenthese der Name „Symcha", dann freilich wäre es etwas anderes. Dann wären wir Prosektoren, Bakteriologen und tüchtige Kliniker. . . So aber . . . Doch wozu davon reden... es ist nichts Neues.. Und doch hatte ich nicht den Mut, sofort mit dem Sichvergraben in irgend einem Nest zu beginnen, und schleppte mich mehrere Monate mit der wehmütigen Hoffnung, daß doch ... daß vielleicht.. ein Wunder geschehen könne. Zu jener Zeit starb mein Vater. Das Vermögen, das er mir hinterließ, bestand ausschließlich in beweglichen Gütern; meine Mutter, eine Schwester, einen Bruder. Die bekannte jüdische Erbschaft. Da gab es kein Nachdenken mehr. In der Meinung, daß ich bei meinen Glaubensgenossen Förderung finden würde, versuchte ich mein Glück in Mocyr, Sluck und Pinsk — vergeblich. So quälte ich mich ungefähr vier Jahre lang, bis mich das Schicksal nach Zagnansk verschlug. Hier habe ich Erfolg; d. h. wenn ich vom Morgen bis in die Nacht angestrengt arbeite, habe ich mein Auskommen, kann meiner Mutter schicken, was sie braucht, und vor kurzem habe ich sogar meine Schwester verheiratet. (Mein Bruder ist nach Amerika ausgewandert.) Zagnansk lange zu beschreiben, ist nicht der Mühe wert. Es ist eben solch' eine Provinzstadt wie viele andere. Es liegt an einem sumpfigen Flüßchen, das selbstverständlich einen äußerst malerischen Anblick bietet, und besitzt einen öffentlichen Garten, ein gemauertes Gefängnis, ein Kloster, ein Progymnasium, ein Bankhaus und sogar einen Korrespondenten. Die Einwohnerschaft besteht aus Polen, aus armen Juden und aus Russen, die fast sämtlich Beamte sind. Die „Creme der Gesellschaft" bilden die Offiziere der daselbst stationierenden Garnison. Im Allgemeinen jedoch leben die Elemente getrennt von einander. Als ich in Zagnansk eintraf, wütete dort die Cholera. Angesichts des Allen drohenden Feindes verschwand die Nationalitäts-, Rassen- und Ständetrennung. Nichts bildete solch' ein Bindeglied zwischen „herrschaftlichen" und „Bauernblut" wie Furcht und Geldmangel. So ward ich denn auf einmal überall und bei Allen eingeführt, und als der Sturm vorüber, war ich in der ganzen Stadt und bei allen Gutsbesitzern fünftig Werst in der Runde ein gern gesehener Gast. Also blieb ich in Zagnansk. Ich mietete eine Wohnung bei einem Uhrmacher, einem Juden, und zahlte für drei Zimmer monatlich zehn Rubel. Der Uhrmacher, namens Wolf, war Witwer und seine einzige Tochter Dinah führte des Vaters bescheidenen Haushalt. Als ich meinen Ausenthalt bei ihnen nahm, zählte Dinah achtzehn Jahre. Unendlich scheu war sie, nichtsdestoweniger jedoch wunderbar schön. Die Rose von Saron in ihrer ganzen Herrlichkeit . . . Großgewachsen, schlank wie eine Palme, mit dunklem Teint und kameeartigem Profil; über der niedrigen Stirn ein Wald blauschwarzer Haare, samtene Brauen, eine kleine Nase, dunkle, längliche, feuchte, von dichten Wimpern beschattete Augen, blühende Purpurlippen. Manchmal wenn ich sehe, wie sie im Zimmer auf- und abgeht, kocht, den Samovar aufstellt, wenn ich die flinken Bewegungen ihrer kleinen, geschickten Hände sehe, muß ich unwillkürlich denken: „wieso ist es gekommen, daß Du, reizendes Wesen, anstatt am Ufer des Jordan zu blühen, hier in dieser Sandwüste verkümmern mußt?" „Aber Du bist ein Dichter, Worobiejczyk" rief Dymkin entzückt, „das hätte ich nie vermutet." Worobiejczyk" blies eine dichte Rauchwolke von sich und fuhr zu sprechen fort. Diese Poesie, mein Bruder, ist mir teuer zu stehen gekommen. Höre weiter. Das ist nur die Einleitung zur Fabel. Jetzt kommt die Fabel selber. Um Dich aber nicht zu ermüden, will ich sagen, daß Dinah bald ihre Scheu überwand und daß wir Freunde wurden. Sie nannte mich nicht mehr „Herr Doktor", wie sie es anfänglich getan, sondern kurzweg: Simon. Auch der Umstand, daß ich ihren Vater kurierte, brachte uns einander näher. Wolf war ein sympathischer, sanfter, alter Mann, der überzeugt war, daß alle Leiden Israels ein Ausfluß der zärtlichsten Liebe des Allerhöchsten für sein auserwähltes Volk sei. Dabei glaubte er unerschütterlich an die frühere oder spätere Ankunft des Messias. In Erwartung jedoch dieses glückseligen Tages interessierte er sich für Politik, und wenn ich des Abends die Zeitung las, sagte er lächelnd: „Nun, Herr Doktor, bitte, sagen Sie uns doch, was man in der Welt hört." Er selber las russisch, jedoch nicht ohne Schwierigkeit. Nun, und stell' Dir vor, ich schloß mich an den Alten und an sein liebes Mädchen so innig an, als wären's meine nächsten Verwandten. Aus einer Entfernung von zwanzig Werst nach Hause kommend, weiß ich, daß man mich erwartet, daß Dinah mit einer Laterne auf den Balkon hinauseilen und hastig fragen wird: „Sind Sie nicht sehr hungrig? sind Sie nicht sehr müde?" und selber wird sie mir den Mantel abnehmen, das Mittagessen bringen, Thee aufbrühen. . . Nicht der leiseste Schatten eines Romans war in unserem Verhältnis. Mir kam das nicht in den Sinn und sie war zu unverdorben; und obendrein schien ich ihr ein höheres, unerreichbares Wesen. In meinen freien Augenblicken lehrte ich sie lesen und schreiben, und Du hättest sehen sollen, mit welchem Entzücken, mit welcher Andacht dieses erwachsene Mädchen Grammatik lernte und Fabeln abschrieb. Nahezu zwei Jahre währte diese Idylle, und war ich diese Zeit über sehr zufrieden. Ich arbeitete viel, in meiner Wohnung herrschte musterhafte Ordnung. Nach und nach begann ich mich einzurichten, ich kaufte Möbel, abonnierte mehrere medizinische Blätter, begann an das Doktorexamen zu denken, versah mich mit einem Frack. . . Meine Wäsche war immer ausgebessert, die Socken gestopft, das Taschentuch an Ort und Stelle. Ich wußte, daß dies alles die lieben, geschickten Hände Dinah's taten, und dachte, daß es so sein müsse. Wenn ich in „die Welt" ging, d. h. in den Klub der Edelleute oder zum Ball in's Ofsizierskafino oder zu einem Familienfest bei einem meiner reichen Patienten, plauderte sie mit einem fteundlichen Lächeln. Sehen Sie nur, wie blütenweiß und glänzend Ihre Wäsche ist! Ich habe sie selber geplättet. Der vornehmste Herr kann keine schönere haben. Nun, viel Vergnügen!" Ich lachte, und tags darauf erzählte ich ihr, wie es dort gewesen, mit wem ich getanzt und mit wem ich mich am meisten unterhalten hatte. Daß hin und wieder ein kleines Intermezzo mit einer der Provinzdamen mit unterlief, ist wohl selbstverständlich; indeffen ist Dir bekannt, daß diese Frauen ihre Geheimniffe gut zu wahren verstehen, und was mich anbetrifft, so hütete ich mich, irgend etwas vor Dinah verlauten zu lassen. Sie atmete solch' tugendhafte Keuschheit, daß mir in ihrer Gegenwart nicht nur ein fteies Wort, sondern ein freier Gedanke sogar unstatthaft schien. „Kurz und gut, Du hast Dich über Kopf und Kragen in Dein Aschenbrödel verliebt", unterbrach Dymkin. „Nein, das war es nicht. Stell' Dir vor, daß ich gar keine Frau in ihr sah, d. h. keine solche, in die man sich verlieben und die man heiraten könnte. Und Warum? Weil sie nicht ftanzöfisch radebrechen konnte, nicht wußte, was Physik und Pädagogik ist (zu welchem Teufel auch mir das notwendig war!) und weil ihr, obgleich sie selber eine personifizierte Symphonie,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.