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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-08-26 · 35 (26.8.1904) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 568 Dr. Dlocb's Mlocbenscbrm. Nr. 35 fragt und in lustiger Naivität in den deutschen Dialog russische und hebräische Sätze hineinstellt und ganze Lieder in jüdischem Jargon. Primitiv wie das Schauspiel ist auch seine Wiedergabe. Deutsch-jüdische Dilettanten aus der verschiedensten Herren Länder spielen es ungelenk, dafür aber auch ohne alle falschen Prätensionen und mit ungezwungener Natürlichkeit und Wärme herunter. Irgend eine schauspielerische Begabung war unter den Darstellern nicht zu entdecken. Dagegen machten sich die Herren Lipiner und Schmulewitz durch den gewandten Vortrag jüdischer Jargonlieder in nationalen Melodien bemerkbar und Herr Lipiner zeigte dabei noch eine auffallend kräftige, wenn auch gänzlich ungeschulte Tenorstimme. Die Eintrittskarten zur Vorstellung trugen die Bemerkung, daß bei gntem Besuch diese Aufführungen bis auf weiteres alle Sonnabende stattfinden werden. Der Besuch war sehr stark und auch der Beifall war groß, trotzdem die Zuhörer auch ihr Mißfallen über den unglücklichen Anfang und die laugen Pausen nicht still im Busen verschloflen. Eine künstlerische Erhebung darf sich aus der Schicht großstädtischer Theatergänger niemand von diesen Vorstellungen erwarten; doch sie besitzen Interesse als die Aeußerung eines heutigen Tages in unseren Regionen nur noch spärlich vorhandenen einfachen volkstümlichen Kunstempfindens und künstlerischen Strebens. Kopenhagen. (Enthüllung des Grabsteines von Dr. H. G o i t e i n.) Ein Jahr liegt hinter uns/seitdem uns der unerbittliche Tod den herrlichen, ausgezeichneten Mann, den treuen, von aufrichtiger Frömmigkeit beseelten Rabbiner und. im wahren Sinne des Wortes, Seelsorger entriß, ein Jahr das uns diesen herben Verlust recht zu empfinden gelehrt und uns Gelegenheit geboten, den Teuren zu vermißen und seine hervorragenden Eigenschaften voll und ganz zu schätzen. Unverwüstlich lebt er noch in der Brust all derjenigen, die das Gluck hatten, ihn nicht nur als den Rabbiner, großen Gelehrten und glänzenden Prediger, sondern auch als den milden, herzensguten und wohltätigen Menschen zu verehren und zu lieben, der zu jedem Opfer bereit war, wo es galt, Hilfe. Trost und Freude zu schaffen und jedem seiner Brüder, ohne Unterschied, ein wahrhafter Bruder zu sein. D i e Anerkennung und den Nachruf verdient er, und von diesem Bewußtsein, daß wir an ihm viel, viel verloren haben, ist die Gemeinde erfiillt, deshalb konnte sich auch kurz nach leinem Hinscheiden ein Komitee getrost zusammenfinden, um die Mitglieder unserer Gemeinde aufzufordern. Beiträge zu leisten, um ein seinen Namen tragendes Legat zu stiften und auf sein Grab einen Denkstein zu setzen. Schnell und bereitwillig von allen Seiten liefen diese Beiträge ein, denn selbst die Dürftigsten unter uns wollten die Befriedigung haben, auch ihr Scherflein zu seinen Ehren mitbeigetragen zu haben und gleichfalls auch ihren Theil an seinem Grabstein zu leisten. Am 18. August, an seinem Jahrzeitstage, wurde also derselbe enthüllt, nachdem bereits in ftüher Morgenstunde O'vni rbü V>K von dem Kantor rezitiert worden war. In Anwesenheit einer großen Menschenmenge, mit den Repräsentanten und Synagogen-Vorstehern an der Spitze, vollzog sich dann die Enthüllung und Uebergabe des Denksteines an die Gemeinde. Das älteste Komiteemitglied Herr Gemeinde- Repräsentant Fr. E. Salomon gedachte in seiner Ansprache des teuren, allgemein beliebten Seelsorgers und Freundes mit warmen Worten, gab an Hand der Textworte: „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit sollst du folgen" ein treues Bild von dem verstorbenen Rabbiner, schilderte die innige Sympathie, die zwischen der Gemeinde und ihrem Führer gewaltet während seiner — leider nur fünfjährigen Tätigkeit, und erinnerte an mehrere Predigten, die der Verewigte hier gehalten. Predigten, die sowohl an den Gedanken als an das Herz sprachen. Der Wortführer hob besonders hervor, daß Dr. Goitein sich zur Aufgabe gestellt, in allen Juden das Bewußtsein zu wecken, sich freudig und stolz als dem Judentume angehörend zu fühlen, und in diesem Sinne vor Allem auf die Jugend — die kommende Generation — einzuwirken gestrebt; sein Unterricht wie seine Rede glichen nicht dem brausenden, kalten Strom, sondern vielmehr dem ruhigen, wohltuenden fließenden Bach und auf solche Weise gelang es ihm, den Samen des Glaubens in viele Herzen zu säen. Liebe und Anhänglichkeit zu erwerben und sich einen unvergeßlichen Namen in unserer Mitte zu schaffen; als Zeichen dieser Liebe stehe nun dieser Stein in seiner ernsten, würdigen Einfachheit da. Der fungierende Gemeinde-Präses Herr Bankier Ad. Lewin dankte dem Komitee sowie den Spendern für dieses Zeichen auftichtiger Liebe und Pietät und gab das Versprechen, daß die Repräsentanten es stets als eine Ehre ansehen wollen, diesen Denkstein zu schützen und zu bewahren! Unter lautloser Stille trat darauf der Onkel des Verstorbenen, Herr Rabbiner Dr. H. B a n e t h aus Gablonz hervor und sprach im eigenen, sowie in der Familie Namen tiefbewegt seinen Dank aus. In einer schön geformten, mit treffenden Zitaten aus Bibel und Talmud belegten Rede schilderte er, häufig von Tränen unterbrochen, seinen Schmerz, an dem Grab seines geliebten Neffens stehen zu müssen, den schweren Verlust der Witwe und Verwandten, denen es jedoch ein kleiner Trost sei, diese allgemeine Teilnahme seitens der Gemeinde, die sich hier kundgab, zu sehen und der Familie volle Erkenntnis dieser Liebestat möge uns wiederum als ein Teil des Lohnes gelten, den der Mensch doch nie im Leben voll empfängt. Auf die zahlreichen Zuhörer machten seine Worte einen tiefen Eindruck. Möge das Andenken d-s Frommen, des Gerechten uns zum Segen werden!-el. Feuilleton. Glanzende Kähnen. Skizzen aus dem Leben unbedeutender Menschen. Von R. M. CH in. Uebersetzt von Malw ina Blumberg. (Fortsetzung.) „Höre", begann Dymkin, „ich habe Dir vorhin meine Erfolge, meine Zufriedenheit, meine Kenntnisse geschildert. Wenn Du wüßtest! Dies alles ist Blague, Uebertreibung, Lüge! Diese Teppiche, diese weichen Kanapees, die Samt- und Seidenstoffe, um die Du mich beneidest — leugne nicht, ich habe gesehen, daß sie Deinen Neid erweckten! — alles dies ist um einen Preis erkauft, daß, wenn nicht die menschliche Gemeinheit und Feigheit, ich heute noch auf diesen ganzen „Sil" spucken und lieber Steine auf der Fahrstraße klopfen würde. Nein, auch das ist eine Lüge! Ich würde es nicht tun . . . Hast Du das dicke Weib gesehen, das mich „John" nennt? (Voll Zorn kopierte er den zärtlichen Klang der Stimme seiner Frau.) Sie hat mich als ihren Gatten gekauft, ist mit mir. ins Ausland gefahren, hat einen „Gelehrten" aus mir gemacht und mir sofort eine Stellung gegründet, was doch heute als höchstes Glück betrachtet wird. Ihr verdanke ich alles und ich kann sogar nicht klagen, sie pflegt und hegt mich, wie einen ihr gehörenden Gegenstand, und obgleich ich ihr alles, was sie für meine Person verausgabt hat, seit Langem zurückerstattet habe, betrachtet sie mich als ihren Schuldner. Wenn ihr nur scheint, daß ich von meinem Joch nicht genügend entzückt bin, sogleich und in aller Ruhe — denn schreien und überhaupt sich aufregen mag sie nicht — erinnert sie mich daran, daß ich trotz meiner Fähigkeiten, ohne ihre Hilfe, ein unbedeutender Arzt geblieben wäre. Sie zählt zehn Jahre mehr als ich und verlangt — mit diesem Aeußeren! — daß ich nicht nur ein verliebter, sondern sogar ein eifersüchtiger Gatte sein soll. Obendrein ist sie eine schreckliche Egoistin. So bat ich sie zum Beispiel, daß sie ein Kind annehmen solle, dann wäre doch wenigstens ein unverdorbenes Wesen im Hause. Voriges Jahr starb nämlich eine meiner Patientinnen, eine unglückliche Frau, und ließ eine dreijährige Waise zurück. So schön war das Kind — ein kleiner Engel. Keineswegs wollte sie sich dazu entschließen. „Genüge ich Dir nicht?", fragte sie, „ich bin Dir Kind und Gattin ..." Wie gefällt Dir das? Du kennst mich seit Langem; ich bin eine sanfte und verträgliche Natur. Manchmal jedoch — wirst Du's mir glauben? — wünsche ich ihr den Tod. Ich mache mir Vorwürfe darüber, schäme mich und träume; wie ein unreifer Jüngling träume ich von Freiheit und Selbstständigkeit ... Nein, mein Lieber, wenn ich auch nicht weiß, in welchem Loch Du vegetierst, im Vergleich mit mir bist Du glücklich." Worobiejczyk lächelte und begann, die Hände auf dem Rücken kreuzend, das Zimmer der Breite und Länge nach zu durchmessen. „So verhält sich die Sache!", sagte er langsam. „Es ist also wahr, daß in den saftigsten Früchten ein Wurm sich birgt! Weißt Du, Herzensfreund, wir haben voreinander die Rolle der Burschen in der Komödie gespielt! Sage mir doch auftichtig, für welche Summe hast Du Deine Seele verkauft?" „Für fünfzigtausend Rubel . . . kein großes Vermögen!", rief Dymkin erbittert, „es ist nicht das, was eine Moskauer Kaufmannstochter besitzt, die Millionen für ihre Launen zahlt." „Ja, ja!", brachte Worobiejczyk zwischen den Zähnen hervor. „Nun, Bruderherz, ich habe die meinige umsonst weggegeben und nicht etwa aus Edelsinn, nein! ich wurde einfach betrogen. Und auch das würde noch nicht schaden", fuhr er fort, „das Unglück ist aber, daß wir Juden sehr unvernünftige, leichtsinnige Leute sind und nur Narren können an unseren Verstand glauben. Nimm zum Beispiel meine Geschichte. Doch ich will lieber der Reihe nach erzählen. Wärest Du ein Falke, wie ich anfänglich glaubte, ich würde Dir diese Geständnisse nicht machen, nun aber, nachdem ich weiß, daß Du, gleich mir, nur ein gerupfter Gänserich bist, warum soll ich meinem Freunde die Wahrheit vorenthalten ..."

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