Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 32 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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töcut 522 Dr. Blocb's MLocbenscbnn. Str. 32 dauern bis Du wieder nach Hause kömmst und darum schreibe ich Dir diesen Brief. Säume nicht länger und komme gleich, denn ich weiß mir nicht mehr zu helfen, ich bin in gar zu großer Not! Du weißt ja, daß ich mit den fünf Kindern nichts mehr zu leben habe; aber seit drei Tagen sind es sechs. Ja, wenn Du wieder hier bist, werde ich ein gesundes, starkes Söhnchen in Deine Arme legen, das Du noch nicht gesehen hast, womit der Vater im Himmel uns beschenkte. Ich und Deine Kinder haben großes Verlangen nach Dir; ich weiß jedoch nicht, was ich anfangen soll, denn das Rebeckchen ist krank geworden und das Mordche auch. Sind Deine Geschäfte nicht gut gegangen, wie ich befürchten muß, weil Du so lange bleÄst, so laste ab mit weiteren Versuchen, es hilft ja doch nichts und vertraue mit mir auf den Allbarmherzigen, der eine ganze Familie nicht wird verderben lassen, die immer seine Gebote gehalten und Niemand wissentlich beleidigt hat. Es grüßt Dich mit den Kindern von Herzen Dein treues Weib Riefte Rothschild." „Der Brief ist offenbar an die unrichtige Adresse abgegeben worden", sagte Goldschmidt, nachdem er denselben durchgelesen und die Aufschrift gesehen hatte. „Ich halte es für eine Fügung des Himmels", erwiderte der Banquier, „und deshalb halte ich es für meine Pflicht, zu beweisen, daß der Brief allerdings an den richtigen Mann gelangte, wenn ich auch nicht Joseph heiße. — Schicken Sie doch unverzüglich auf die Polizei und lassen Sie nachforschen, wo dieser Josef Rothschild aus Preßburg eingekehrt ist; sollte er, wie zu vermuten ist, noch hier sein, dann soll man ihn zu mir schicken, ich will ihn sprechen." Der Buchhalter eilte fort, um den erhaltenen Auftrag zu besorgen; der Banquier aber ergriff eine Feder und schrieb nachstehenden Brief: „An Frau Riefte - Rothschild^ :ii 2 in Preßburg. Da Du so fest auf Gottes Gnade und Gerechtigkeit vertraust, so soll Dir geholfen werden, und weil Du und Dein Mann immer Gottes Gebote gehalten und Ihr mit Wissen Niemand beleidigt habt, so hat der liebe Gott Euch einen Freund erweckt; der schickt Dir hier eine kleine Unterstützung für den ersten Augenblick. In drei Tagen wird Dein Mann zurückkommen und das Weitere mitbringen. Lebe wohl — Gott sei mit Dir! Erziehe Deine Kinder in der Furcht des Herrn, daß auch sie die göttlichen Gebote halten und brav werden, wie ihre Eltern. S. v. R." Goldschmied kam zurück und berichtete, der erhaltene Auftrag sei vollzogen. „Gut", sagte der Banquier, „legen sie eine Banknote von fünfzig Gulden in den Brief, adressieren Sie ihn an Frau Joseph Rothschild in Preßburg und schicken Sie ihn zur Post, sobald wir sichere Nachricht erhalten, daß der Mann noch hier ist." Nach einer Stunde kam der Bediente zurück und sagte, der Gesuchte sei noch in Wien, aber in dem Wirtshause, in dem er logiere, nicht anzutreffen gewesen; da habe er den Auftrag hinterlassen, ihn sogleich herzuschicken, sowie er nach Hause komme, was wahrscheinlich um die Mittagszeit der Fall sein werde. So war es auch. Etwa um die angegebene Zeit kam Joseph Rothschild eilig in das Komptoir und fragte ängstlich, was man von ihm begehre, worauf er alsbald in das Kabinett des Banquiers geführt wurde. Er war erschrocken, als man ihn zu dem reichen und vornehmen Banquier bestellte, indem er. sich durchaus nicht denken konnte, was das zu bedeuten habe und was der mächtige Mann von dem armen Joseph Rothschild verlangen werde. Darum war er in seinem ärmlichen Anzuge zagend zu chm hingegangen und blieb, sich tief verbeugend, an der Tür stehen. Der Banquier ging fteundlich auf ihn zu und redete ihn mit größter Leutseligkeit an. Erst fragte er ihn nach Namen, Stand und Herkunft und über die Geschäfte, die ihn nach der Residenz gebracht hätten, dann erkundigte er sich genau nach seinen Familienverhältnissen und wie der Arme nach und nach Mut bekam, da er sah, wie zutraulich und teilnehmend der reiche Banquier war, verlor er zuletzt alle Furcht und schilderte ihm in aller Weitläufigkeit seine verzweiflungsvolle Lage. „Fasset nur Mut, mein Freund", sagte nun der Banquier, „und seid überzeugt, daß der Allmächtige gewiß noch Alles zum besten lenken wird. So kann ich Euch jetzt gleich eine freudige Nachricht mitteilen. Eure Frau ist nämlich glücklich mit einem Sohne beschenkt und trägt großes Verlangen nach Euch. Hier ist ein Brief von ihr, der aus Versehen bei mir abgegeben und von mir erbrochen wurde, weil wir Beide den Namen Rothschild führen." Joseph ergriff hastig den ihm dargereichten Brief und las ihn mit zitternder Hast, indem Tränen über' seine Wangen träufelten. „O Gott!" rief er dann, „die arme Frau! die armen Kinder! Ich kann mir recht gut denken, daß sie ein großes Verlangen nach mir haben! Aber wie kann ich Ihnen helfen! — Doch will ich gleich auf der Stelle fort, ich kann ja doch keine Geschäfte hier machen. Ich danke Ihnen, Herr Baron, daß Sie mir den Brief so schnell haben zukommen lassen. Leben Sie wohl!" „Nur nicht so eilig, mein Freund!" unterbrach Jenen der Banquier. „Wir haben erst noch etwas miteinander auszumachen. Wie ist es denn, habt Ihr schon einen Gevatter für Euer neugebornes Söhnlein?" „Daran habe ich noch gar nicht gedacht", erwiderte Joseph. „Es wird mir schwer fallen, Jemanden zu finden, der uns diesen Liebesdienst erweist. Eines reichen Mannes Gevatter möchte Jeder gern sein und gar viele Unberufene drängen sich herauf bei. -.einen!.„armemManne zicht. sich..Jedermann..zurück und Keinem fehlt es an einer Entschuldigung, sie mag passend sein oder nicht." „Nun", sagte der Banquier mit großer Freundlichkeit, „wenn ich Euch recht bin, so will ich gern diese Stelle bei Eurem Söhnchen übernehmen." Man kann sich das Erstaunen und den fteudigen Schrecken des armen Mannes denken; er traute seinen Ohren nicht, als er das hörte, er glaubte zu träumen und zupfte an seinem Barte, um sich zu überzeugen, daß er wache; es war ihm nicht möglich, ein Wort hervorzubringen. Das sah der Banquier; er wiederholte deshalb fein Anerbieten und fügte, ohne eine Antwort abzuwarten, hinzu: „Ich nahm es als gewiß an, daß Ihr meinen Antrag nicht zurückweisen würdet und habe bereits meiner zukünftigen Gevatterin etwas geschickt, das wohl für die erste Zeit hinreicht, jede Not von ihr fern zu halten. Hier sind hundert Gulden, die ich meinem Namensvetter schenke, damit er sich ein wenig helfen kann; meine Frau wird ein Paket mit allerlei Gegenständen, wie die Frau Riefke sie für sich und ihre Kinder wird gebrauchen können, zurecht machen und in Euer Wirtshaus schicken. Hier endlich sind 500 Gulden als Pathengeschenk für den Neugebornen. Diese könnt Ihr in Euer Geschäft nehmen und die Zinsen für die Erziehung des Kleinen verwenden; das Kapital bleibt aber dessen Eigentum und Ihr müßt es ihm einmal auszahlen, wenn er selbständig wird. Ich mache Euch übrigens für eine tüchtige Erziehung des Kleinen verantwortlich und erwarte mit Bestimmtheit, daß Ihr mir wenigstens einmal im Jahre selbst Nachricht gebt, wie es Euch und ihm ergeht. Wird er mit Gottes Hilfe einmal so alt, daß er eine Schule besuchen kann, dann werde ich weiter für die Zukunft des kleinen Weltbürgers sorgen. Und nun Gott befohlen, lieber Namensvetter! Kauft heute und morgen die nötigen Waren ein und habt wegen Eurer Frau keine Sorgen. Ich habe ihr geschrieben, Ihr würdet erst in drei Tagen zurückkommen." Joseph wurde bald blaß, bald rot vor innerer, stets zunehmender Aufregung und konnte keine Worte finden, um seinen Dank auszudrücken.