Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 32 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. JSlocb’s Mlocvenscvrm. Leite 519 Alliance bedeutet dort eine Bürgschaft für die Sicherheit der oft bedrängten Juden, die den Plackereien der Muselmänner ausgesetzt sind. Dank der Vermittlung der Direktoren wird den Gewaltakten dieser fanatischen Leute ein Ende gemacht. Infolge der neulich mit Marokko geschlossenen Verträge darf man einer Veränderung zu gunsten der dortigen Juden entgegensetzen. Seit Jahren ist die Alliance bestrebt, die jüdische Jugend Marokkos derart auszubilden, daß sie, sich am wirtschaftlichen Leben des Landes zu beteiligen, befähigt werde. Aus den Ereignissen geht hervor, daß die Alliance in die Verhältnisse Marokkos richtig hineingesehen hatte. Nun heißt es, das begonnene Werk fortzusetzen und in verschiedenen geistig noch zurückstehenden Gemeinden neue Schulen zu gründen. Zum Schluß sprach Redner von den höchst befriedigenden Resultaten der Gewerbe- und Ackerbauschulen und gab er den Mitgliedern bekannt, daß vor kurzem vom Zentralkomitee der Ankauf eines Landgutes in der Nähe von Algier beschlossen wurde, dessen Gesamtfläche 1800 Hektar beträgt. Es ist zur Pacht für ehemalige Zöglinge der von der Alliance in Tunis und im Orient unterhaltenen Ackerbauschulen bestimmt. Sodann verlas der Schatzmeister, Herr Machiels, den finanziellen Bericht. Er beklagte es, daß die Zahl der Mitglieder der Alliance nicht zunehme, namentlich in Paris, und erklärte es als erforderlich, die Propaganda wieder aufzunehmen. Herr Konsul Simon-Hannover sprach einige Worte des Dankes an die Alliance für ihre eifrige und segensreiche Tätigkeit und brachte in ergreifender Weise die Anerkennung zum Ausdruck, welche die Gesellschaft ihrem Präsidenten, Herrn Narcisse Leven, schuldet. Herr Leven ergriff das Wort. Die Fortschritte der Alliance seien auf alle Mitarbeiter zurückzuführen, die ihr stets treu zur Seite standen und die heute wie früher ihre Kraft in den Dienst der Alliance stellen. Ferner gedachte der Präsident aller derjenigen, die sich der Alliance als Helfer zugesellt, besonders der bewährten Männer, die es ihr ermöglichten, die schöne Bibliothek zu gründen, in der man tage und die man an diesem Tage einweihe; vor allem müsse der Verewigte L. M. Rothschild genannt werden, dem es zu verdanken sei, daß die Allianz heute eine der reichsten jüdischen Büchersammlungen besitze. Auf das allgemeine Werk der Alliance zurückkommend, betonte Herr Leven zum Schluß, daß dieselbe ihr Ziel noch nicht erreicht habe und daß es sich immer weiter ausdehnen müsse zum Besten der unglücklichen und bedrückten Juden und zur Ehre der gesamten Judenheit. Noch lange Jahre muß die Alliance ihre Tätigkeit entfalten, energisch wirken und auf das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Juden, die ihr zur Seite stehen können, rechnen dürfen. Reichenberg. (EineAbsage an die radikale T u r n e r s ch a f t.) Die „Reichend. Ztg." schreibt: Nächsten Sonntag hält der antisemitische Aupa-Elbe-Turngau ein Bergfest auf der Wiesenbaude ab. Zu demselben wurde auch der preußische Riesengebirgsgau eingeladen, jedoch mit der Bemerkung, daß die Einladung nur für arische Turner gelte. Der Gaurat des preußischen Riesengebirgsgaues beschloß, die Teilnahme an diesem Feste abzulehnen und der Männerturnverein Wüstegiersdorf schickte den Aupa-Elbegau ein Schreiben, in welchem mitgeteilt wird, daß die Mitgliederversammlung des Vereines einstimmig beschlossen habe, an dem Feste nicht teilzunehmen. Das Schreiben schloß mit folgendem Satze: Feiern Sie Ihr Fest unter sich, und lassen Sie uns hier in Frieden und ungeschoren; den wir verabscheuen Ihre Handlungsweise und erbitten uns auf das Strengste, das Hineintragen Ihres Streites in unsere Reihen zu unterlassen. Lemberg. In Soklipchin (Galizien) wurden einige Juden und Christen wegen Ruhestörung vor den Richter gebracht. Die Angeklagten wurden schuldig erklärt, die christlichen Beschuldigten zu je fünf und die jüdischen zn zehn Kronen Geldstrafe verurteilt. Als einer der Juden den Richter fragte, warum die Juden das Doppelte zu zahlen hätten, da doch ihre Schuld die gleiche ist, als die der Christen, antwortete der Hüter des österreichisch-galizischen Gesetzes: „Weil die Juden mehr Geld haben, müssen sie auch mehr bezahlen!" — In Peczenisu (Galizien) stationiert jetzt schon Militär. Allabendlich kommen die Offiziere im Wirtshaus zusammen und unterhalten sich über — Tagesfragen. Zu den Tagesfragen gehört in Galizien in erster^Reihe — der Jude. Bei vorgerückten Krügel» kam man auch richtig auf die Juden zu sprechen. Der Herr Major führt das Wort, und zwar das Schimpfwort über die Juden. Ein jüdischer Offiziersstellvertreter aus Wien hört die gemeine Rede seines Vorgesetzten, er fühlt es, daß es mit seiner Soldatenehre unvereinbar wäre, wenn er die Verunglimpfung der Ehre seines Volkes wortlos über sich ergehen ließe. Unerschrocken schreitet er auf den Major zu, stellt sich ihm als Jude vor und fordert ihn zum Duell. Die anwesenden Offiziere erschrocken über diese „jüdische Dreistigkeit", suchten die Sache zu applanieren, der Jude beharrte auf seinem Standpunkte. Erst ans Intervention des Oberst K. wurde die Angelegenheit durch eine durchaus befriedigende Ehrenerklärung seitens des Majors beigelegt. Delbrück über den politischen Mord in Rußland. Berlin. Professor Hans Delbrück, bekanntlich der Nachfolger Treitschke's auf dem Lehrstuhl der Geschichte an der Berliner Universität, äußert ffch in einem Artikel, den er aus Anlaß des Königsberger Prozesses im Augustheft der „Preußischen Jahrbücher" veröffentlichte, folgendermaßen über den politischen Mord in Rußland: „In Rußland gehört der politische Mord sozusagen zur Verfassung; der alte Satz, der Zarismus sei die absolute Monarchie, gemildert durch den Meuchelmord, besteht auch noch heute in ungeschwüchter Kraft. Wenn der Despotismus schlechthin unerträglich geworden ist oder die Gewalttat so furchtbar, daß alle Gesetze der Menschlichkeit aufgehoben find, wie mit Geßler's Forderung des Apfelschusses, so erscheint als letztes und äußerstes Hilfsmittel, das Menschentum zu retten oder wenigstens zu rächen, der Mord. Alle Gesellschaftsklaffen in Rußland sind an derartigen Mordtaten beteiligt, von dem Hof, der die Palastrevolutionen machte und die Zaren ermordete, bis zu den aus der demokratischen Masse hervorgegangenen Nihilisten, die sich auf die Gouverneure und Minister stürzen. Sofort mit der beginnenden Russifizierung Finnlands ist dort auch als unvermeidliche Begleiterscheinung der politische Mord importiert worden. Die ganze Entsetzlichkeit des russischen Regierungssystems, wo das Knuten und Totknuten in den Gefängnissen noch immer herrscht und wo Gouverneure wie der General v. Wahl, die durch solche Greueltaten bekannt geworden sind, in die höchsten Regierungsstellen berufen werden, ist durch die Königsberger Verhandlungen so recht vor aller Welt ausgebreitet worden. Mit allem Fug haben die Verteidiger auch daran erinnert, daß ja sogar die russische Regierung amtlich in Bulgarien mit Attentat und Meuchelmord hat arbeiten lassen." Plehwe's Schuld an Kischenew. Der dirigierende Senat in Petersburg selbst hat die aktive Teilnahme v. Plehwe's an der Inszenierung der Massenmorde von Kischenew festgestellt. In der Verhandlung über die Beschwerde der Juden vou Kischenew gegen den ehemaligen Gouverneur von Beßarabien, General v. Raaben, erklärte der Senat in den Gründen der Zurückweisung der Beschwerde wörtlich: „Der Senat findet sich inkompetent, über die Handlungen zu urteilen, welche der Leiter der inneren Angelegenheiten aus Gründen der Staatsraison beging..." Selbst die scheinbar menschlicheren Verfügungen Plehwe's in der letzten Zeit find zweideutiger Art. Er verordnete, die Juden in ihren bisherigen Wohnorten im Innern des Reiches bis auf weiteres zu belassen, ein geheimer Erlaß aber verfügt, daß die Belafsung der Juden in ihren Wohnorten von dem Gutdünken der Behörde abhänge.. Russische Judenpolitik. In dem „Berliner Tageblatt" vom 30. Juli berichtet Dr. Hugo Gans die Konstatierung eines „Russischen Konservativen": „Die Ersten, die nach Asien geschickt wurden, waren die Polen, Juden und Armenier. Unter unseren Kriegstruppen sind die Polen, aber insbesondere die Juden, fünfmal so stark vertreten» als sie nach ihrer Bevölkerungsziffer vertreten sein dürsten. Und unter den einberufenen Reserveärzten können Sie die Christen suchen. Warum das alles? Um die wichtigsten Elemente der Unzufriedenen — natürlich haben ja Polen, Juden und Ruthenen am meisten Ursache zur Unzufriedenheit — hinauszuexpedieren, auf Jahre hinaus, vielleicht auf Nimmerwiedersehen. Derweil ist zu Hause Ruhe."