Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 30 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 484 Dr. Llocb's MocbenscbrM. Nr. 30 sprungen, ihr wirtschaftliches und damit zugleich ihr geistiges und sittliches Niveau gehoben und ihnen eine glücklichere Zukunft eröffnet werden. Schon hat der Hilfsverein seine Absichten zu verwirklichen begonnen. Er hat die Haarnetzindustrie in Galizien eingeführt, in der in fast 100 Ortschaften mehrere Tausend jüdische Frauen und Mädchen als Heimarbeiterinnen einen verhältnismäßig lohnenden Erwerb finden; andere Exportindustrien, die einer weiten Ausbreitung fähig sind, wurden bereits eingerichtet oder sind zur Einführung ins Auge gefaßt: gerade jetzt wird mit der Unterbringung von Absolventen der Baron Hirsch-Schulen in Galizien bei Handwerksmeistern angefangen und eine schriftliche Enquete über die Frage der Zuführung galizischer Juden zur Landwirtschaft ist im Zuge. Aber die Mittel des Hilfsvereines sind viel zu klein, als daß damit in absehbarer Zeit ein fühlbarer Erfolg erzielt werden könnte. Wohl hat er derzeit 6 Wiener und 36 Provinzial-Ortsgruppen mit rund 3500 Mitglieder; allein, an seinen großen Aufgaben gemessen, ist die Zahl seiner Mitglieder und sind seine Einnahmen viel zu gering. Eine halbe Million verhungernder und verkommender Juden ruft um Arbeit, um Verdienst; darf es da einem Vereine, der sich die Aufgabe gestellt hat, diesen bejammernswerten Menschen Brot zu verschaffen, an Mitteln fehlen? Jede jüdische Kultusgemeinde, jeder jüdische Verein, dessen Satzungen es zulaffen, jeder Jude. Inländer oder Ausländer. Manu oder Frau, Jüngling oder Mädchen, muß es als Pjl'cht erachten, dem Hilfsverein als Mitglied anzugehören; jeder Jude, dem Tatkraft innewohnt, muß sich gedrängt fühlen, falls in seinem Wohnorte eine Ortsgruppe schon besteht, im Kreise seiner Verwandten und Freunde neue Mitglieder zu werben, falls aber eine solche Vereinigung noch mangelt, deren Gründung mit allen Kräften anzustreben. Bei jeder Gelegenheit, sei's eine freudige oder traurige, muß des Hilfsvereines für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien durch Spenden gedacht werden; Zuwendungen in Testamenten sind besonders willkommen. Und nicht bloß Unterstützung durch Geld erwartet der Verein von den jüdischen Glaubensgenossen, sondern auch die Mitteilung von Anregungen zur Einführung neuer Industrien in Galizien. Nur wenn alle zusammenwirken, wenn die gesamte Jndenschast mit Rat und Tat an dem großen Werke des Hilfsvereines mitarbeitet, kann und wird es gelingen, die galizischen Juden einer besseren Zukunft zuzuführen, zum Wohle der gesamten Judenschaft. Der Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung iu Galizien Die Vereinsleit u n g: Sigmund Mayer. Gottlieb Lederer. Vizepräsidenten: Adolf Baer, Wien. Dr Max Böhm, Mähr.-Ostrau. Dr. Emil Byk, Lemberg. Professor Dr. S. Ehrmann, Wien. Dr. Elias Fischler. Stanislau. Dr. M. Hammerschlag, Prag. Dr. Leon Horowitz. Krakau. S. Edler v. Horowitz, Lemberg. Dr. Josef Jerusalem, Wien. Dr. Adolf Kapralik, Wren. Dr. Edmund Kohn, Wien. Dr. Gustav Kohn, Wien. Kais. Rat Paul Lemberger, Wien. Kais. Rat Dr. Theodor Lieben, Wien. Dr. Ludwig Lustgarten, Krakau. Dr. Wilhelm Pappenheim, Wien. Adolf Pick, Wien. Dr. Alois Pollak, Wien. Heinrich Pollak, Wien. Dr. Adolf Ringelheim, Tarnow. David Rotter, Wien. Ludwig Samek, Wien. Dr. Theodor Sonnenschein, Troppau. Baurat Wilhelm Stiaßny, Wien. Die Obmänner der Ortsgruppen: Aussig: Dr. Wilhelm Wittenberg. Bielitz: Salomon Pollak. Brody: Hermann Landau. Brünn: S. Perlhefter. Budweis: Dr. Gustav Hesky. Friedek-Mistek: Hermann Löw. Gablonz a. N.: Dr. Hermann Baneth. Hermann-Mestec: Theodor Pokorny. Jglau: Gustav Hellmann. Jungbunilau: S. Haas. Karlsbad: Ludwig Moser. Komotau: Dr. Karl Thieberger. Kön. Weinberge: Adolf Löwenbach. Krakau: Dr. Hermann Hirsch. Leipa: Dr. I. Krengel. Leitmeritz: Dr. Heinrich Töpfer. Lemberg: S. Edler v. Horowitz. Linz: Bernhard Taussig. Lobositz: Georg Dubsky. Marienbad: Dr. Josef Steiner. Mährisch- Ostrau: Dr. Max Böhm. Melnik: David Stiansky. Nachod: Dr. H. Brody. Olmütz : Dr. Jakob Eben. Pardubitz: Wilhelm Hoch. Pilsen: Dr. Josef Schanzer. Prag: Michael Benies. Reichenberg: Dr. Emil Hofmann. Salzburq: Leopold Siccard. Smichow: Richard Petschek. Stanislau: Kaffiel Kiesler. Tarnopol: Dr. Marek Parnaß. Teplitz-Schönau: Felix Bruck. Teschen: Dr. Joachim Kleinberg. Trautenau: Josef Pfefferkorn. Troppau: Dr. Theodor Sonnenschein. Wien, 1. Bezirk: Dr. Gustav Langstein, 2. Bezirk: Dr. Wilhelm Knöpfmacher, 3. Bezirk: Dr. Leo Fenichel, 4. Bezirk: Dr. Jakob Bauer, 5. Bezirk: Julius Granichstädten, 6. Bezirk: Max Eibuschitz. Ciue Errquöte über die wirtschaftlichen Verhältnisse des I«. und XX. Bezirkes. Herr Redakteur! Wiederholt las ich in Ihren Spalten von der Notwendigkeit, dem Kreditbedürfnisse der kleinen Leute in der Leopoldstadt und Brigittenau zu Hilfe zu kommen. Dieses Bedürfnis ist ein eminentes, und zwar in solchem Grade, daß sicherlich schon Rettungsversuche unternommen worden wären, wenn unsere stets hilfsbereiten Glaubensgenossen über die tatsächlichen Zustände informiert wären. Dies ist aber nicht im Entferntesten der Fall. Man weiß, daß es den kleinen Leuten — nicht blos den jüdischen — recht schlecht geht, gibt wohl auch zu, daß die jüdischen Kleinhändler und Handwerker mehr als andere zu leiden haben, daß sie sich schwerer als andere Kredit und Kunden schaffen können und dergleichen Allgemeinheiten mehr. Allein über die Ursachen des Verfalls, über die Rapidität, mit der das Verderben fortschreitet, über die Art, wie etwaige Hilfsaktionen einzuleiten wären, ist man nicht allein nicht im Klaren, ja man hat überhaupt nicht darüber nachgedacht. Man kümmert sich — mit Recht — um Hilfe für Galizien, für Rumänien, aber nicht für die Bezirke jenseits des Donaukanales. Dieser unentschuldbaren Gleichgiltigkeit wäre sicherlich ein Ende gemacht, wenn man Mittel fände, die bedauerlichen Zustände im II. und XX. Bezirke wahrheitsgemäß und gemeinverständlich zu schildern. Den Weg hierzu hat die volkswirtschaftliche Methode der neueren Zeit seit langem gebahnt: es ist der Weg der Enquete. Natürlich kommt es bei der Enquete darauf an, daß die Fragestellung eine richtige sei und daß solche Personen um Aufklärung angegangen werden, welche geeignet sind, den wahren Sachverhalt auszudecken und der durch sie gebotenen Aufklärung den nötigen Glauben zu verschaffen. Eine solche Enquete dürfte sich nicht auf die Frage des Kreditbedürfnisses beschränken, sie sollte vielmehr die wirtschaftlichen Zustände der Juden in den betreffenden Bezirken ins Licht stellen, die seit zwei Jahrzehnten in ungeahnter Weise nach abwärts streben. Es werden dabei Dinge zur Sprache kommen, welche die besser gestellten Glaubensgenossen schamrot machen und sie zur raschen Hilfsbetätigung drängen werden. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß schon die Konstatierung selbst einen ersten Schritt zur Besserung bilden werde und sehr wahrscheinlich, daß im Zusammenhang mit den sich zweifellos einstellenden Enthüllungen Maßnahmen gefunden werden, welche zur wesentlichen Besserung führen. Es wäre Pflicht des Kultusvorstandes, eine solche Enquete ohne Säumen einzuberusen. J. M . . . z. Gedächtnisfeier für Dr. Theodor Herzl. Im Leopoldstädter Tempel in der Tempelgasse wurde Donnerstag den 14. d. M. um 5 Uhr nachmittags eine Gedächtnisfeier für Dr. Theodor Herzl abgehalten. Die Feier war vom Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde veranstaltet und nahm einen überaus würdigen Verlauf. Unter den Anwesenden waren zu sehen: der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern mit dem Vizepräsidenten kaiserlichen Rat Hirsch und den Vorstandsmitgliedern Hofrat Taussig, Fabrikanten Gottlieb Taussig, Dr. Mark. Spitzer, Dr. Maxim. Steiner, kaiserlichen Rat Wilhelm Pollak und Baurat Fleischer, die Mitglieder des Bethausvorstandes Dr. M. L ö w y, Adolf S ch r a m e k, kais. Rat Wilhelm, vom Vereine „Beth Israel" S. Meisels und Salo Landau, die Rabbinen Dr. G r u n w a l d, Dr. B a u e r, R e i ch, Kramer, Oberkantor Singer, Obcrkantor Bauer, erster Kantor Schiller, erster Kantor Don Fuchs, Kantor Pekarnik, Sekretär Dr. Adler: aus Baden Rabbiner W. Reich und Oberkantor Seifert; außerdem der Präsident des Journalisten- und Schriftstellervereines „Concordia" Edgar v. S p i e g el mit dem Vorstandsmitgliede Julius Stern, der englische Botschaftskaplan Rev. Hechler, Regierungsrat Dr. S ch l a g, das Aktionskomitee des Zionistenkongresses u. v. A. Die Feier wurde durch den Tempelchor eingeleitet, welcher unter der trefflichen Leitung Joseph Sulzer' s den Psalm 49, eine tiefernste, überaus stimmungsvolle Komposition Salomon Sulz er's, ungemein wirkungsvoll zur Geltung brachte. Das Barytonsolo sang Oberkantor Bola Guttmann mit künstlerischer Vollendung und innigster Wärme. Dann hielt Se. Ehrwürden Rabbiner Dr. S ch m i e d l die Gedenkrede. Hierauf folgte das Gebet für das Seelenheil des Entschlafenen, worauf der Sohn Herzl's das Kaddifchgebet sprach. Mit dem 16. Psalm, einer Komposition Salomon Sulz er's, den Professor Joseph Sulz er dirigierte, schloß die Trauerfeier.