Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr 22 Dr. Blocb s tKHocbenscbrift. Telle 357 Dem ersten Mikloser Rabbiner, eigentlich nur more zedek, Rabbinatsverweser, namens Moses Kohn, begegnen wir in einem Responsum vom Prager Oberrabbiner Landau vom Jahre 1774. (Siehe Noda bjhudu L 11.) Dessen Nachfolger war Rabbi Löb Kunitz. Er war aus stiner Vaterstadt Kanitz in Mähren, weil er im Geheimen mit Kabbala eifrig sich beschäftigte, unter dem Verdachte, ein Anhänger des Sabbathai Zewi zu sein, schimpflich verjagt worden und kam als f l ü chtiger Wandergelehrter nach Miklös, wo man ihn in Würdigung seiner Gelehrsamkeit zum Rabbiner wählte. Auch diesem Manne begegnen wir in der obenerwähnten Responsensammlung. (I. 84 und 85.) Er wirkte segensreich beinahe vierzig Jahre. Fünf Jahre vor seinem 1813 erfolgten Tode war er erblindet und Rabbi Sinai Lamdan vertrat ihn im Rabbinate. Nach siebenjähriger Sedisvakanz wurde der rühmlichst bekannte Trietscher Rabbiner E l e a s a r L ö w, allgemein unter dem Namen Schemen rokeach — nach seinem Hauptwerke — genannt, zum Mikloser Rabbiner gewählt. Rabbi Löw war 1759 in Pilz (Rußland) geboren und entstammte einer Gelehrtenfamilie, die ihren Stammbaum bis hinauf zu R a f ch i führt. Er war Verfasser mehrerer halachischer und agadischer Werke und die Mikloser Gemeinde begrüßte seine Wahl als eine ebenso ehrende wie vortreffliche Akquisition, obschon er bereits — 1820 — die Grenze des Greifenalters überschritten hatte. R a b b i L ö w sah sich hier auf dem Höhepunkte seiner Wünsche. Sein reiches Wissen konnte in dieser verständnisvollen Umgebung sich erst recht entfalten und zur Geltung gelangen; eine Schar lernbeflissener Jünger strömte herbei, um seine Vorträge zu hören; aber nach wenigen Jahren fühlte er auf seinem Sitze sich nicht mehr behaglich. Die mächtige Bewegung im Judentume, die von Moses Mendelssohn ausgegangen und wie ein gewaltiger Strom unaufhaltsam seine Wellen fortwälzte und die alten Dämme niederriß, hatte auch die Geister in Miklös ausgerüttelt. M e n d e l s s o h n's Bibelübersetzung, mit der eine neue Aera in der Kulturgeschichte der Juden beginnt, lehrte sie die deutsche Sprache und bahnte ihnen den Weg zur deutschen Literatur; Schiller's Dichtungen übten einen unwiderstehlichen Zauber auf die Jugend, und die „Alten" griffen gierig nach den „Measzfim“ und den „Bikure huittim", den von der „Mendelssohn'schen Schule" herausgegebenen Jahrbüchern und erweiterten ihren Gesichtskreis. Ein scharfer Luftzug war durch die Judengasse gezogen. Wohl war es erst nur ein Dämmern der neuen Zeit, der erste schmale Lichtstreifen, der das Morgenrot ankündigte, aber so wie auf den Bergen der Sonnenaufgang schon sichtbar wird, wenn tief in den Tälern noch alles in Nacht und Finsternis liegt, so begann es in der Mikloser Gemeinde, welche auf einer geistigen Höhe stand, von der aus sie alle anderen Gemeinden überragte, zu tagen und sich zu regen, während andere Gemeinden von dieser Bewegung noch ganz unberührt geblieben waren. Dieser Flügelschlag der Zeit, diese freie Regung des Geistes mußte den „Lebomen" rokeaeb tief betrüben und beunruhigen. Seine Vergangenheit und seine ganze Denkweise wies ihm seinen Platz an der Seite jener Rabbiner an, welche über Mendelssohn das Anathema aussprachen und dessen Schriften in den Bann legten. Er ahnte und fürchtete den Kampf, dem er auf seine alten Tage ausweichen wollte, und so verließ er 1827 die Gemeinde und ging nach Szantö, wo er 1837 sein der Thora und der Frömmigkeit geweihtes Leben beschloß. Mit den Agenden des Rabbinats wurde R. Sinai und nach dessen 1828 erfolgten Ableben sein Sohn R. Bär betraut. Fünf Jahre später wurde derselbe zum Rabbiner gewählt. Als ich 1858 nach Miklös kam, war er bereits ein Greis. Eine hohe, imposante Gestalt, von der Last der Jahre noch ungebeugt, flößte er schon durch seine äußere Erscheinung Ehrfurcht ein. Sein Leben war ein streng asketisches; jeden zehnten Tag machte er zum Fasttage, er gab also gleichsam Zehent von seinen Lebenstagen. Seine ausschließliche Beschäftigung war das Talmudstudium, ja, er legte den Schrifrvers „Forschen sollst du darin (im Buche der Thora) Tag und Nacht" (Josua!. 8) dahin aus, daß man in der Zeit, wann Tag und Nacht zugleich ist, d. h. in der Morgen- und Abenddämmerung, wo Tag und Nacht sich begegnen. Thora lernen müsse, und so konnte man ihn im Hochsommer schon um 2 Uhr morgens vor den Folianten finden, und abends wurde im Bet-Hamidrasch vom Schwiegervater R. Mendel Kirz Mischna vorgetragen. Ueberhaupt war der Talmud das ausschließliche Leitmotiv seiner Handlungen, der Angelpunkt, um den sich sein ganzes Denken und Fühlen bewegte; ja selbst rein menschliche Gefühle hatten für ihn i n s o f e r n e Berechtigung, als sie im Talmud und dessen Kommentaren ihre Begründung finden. So motiviert er in dem Vorworte zu seinem - halachischen Werke: „Minchas-Oni" (Gabe des Armen) die Pflicht der Dankbarkeit mit folgenden Worten: „daß der Mensch die Pflicht hat, für erhaltene Wohltaten dankbar zu sein, das finden wir — im Iraktars Baba kama, Seite 92, und im S <: h i 11 a mek u b e z e s zur Stelle und im Midrasch J a I k u t zum V. B. M. (XXLIL 8). Also nur d a r n m, weil es „dort" steht, darf man die schwere Schuld des Undankes aus sich nicht laden! Das ist bezeichnend für den Mann. Hingegen war er in der Auslegung und Anwendung der religiösen Gesetze sehr liberal. Als die Zucht der sogenannten OoLbiuekiua-Hühner 1857 auch aus dem Kontinent heimisch wurde und dieselben allerorts als religiös verboten galten, weil ihre „Reinheit" durch die Ueberlieserung nicht festgestellt war, war Miklös vielleicht die einzige Gemeinde, wo der Genuß dieser Hühner anstandslos gestattet war. Eine ganze Flut von rabbinischen Fragen und Responsen überschwemmte die Länder; R. Bär Mikulasch wendete sich zu R. Mendel, seinem Cousin, den er als eine ihm ebenbürtige Autorität anerkannte und sagte: „Hast Du schon einen ungarischen Ochsen gesehen und daneben ein Polnisch „Oechsel"? Nun, die große Henne ist ein ungarischer Ochs und unsere Henn' ist das polnische Oechsel." Und er hat recht behalten. Denn Dr. Nathan Adler, Großrabbiner von England, erklärte, daß diese aus Indien, das zu seinem Rabbinate gehörte, stammenden Hühner auch durch die Tradition als koscher bestätigt werden. Kenntnis der hebräischen Sprache und Grammatik, Exegetik, und Homiletik, waren dem Rabbi Bär ganz fremde Gebiete; die Schriftverse kannte er nur aus dem Talmud, wo dieselben zitiert werden; deutsch lesen und schreiben konnte er nicht, so daß einmal eine böse Zunge den Witz machte: „Seine Gelehrsamkeit ausgenommen, kann es keinen „schöneren Amhorez" geben als unfern Rabbiner." Von seinen Predigten, deren Zahl er aus das möglichst geringste Maß reduzierte, konnte man kaum hie und da ein Wort verstehen. In seiner sichtbaren Verlegenheit, ja wahrhaften Angst vor dem Auditorium, überhastete er sich so sehr im Sprechen, um schneller fertig zu werden, daß man kaum ein Wort verstand. Sein Vortrag dauerte auch nicht länger als fünf Minuten, nur wenn er bei besonders feierlichen Gelegenheiten auf die „Halacha"') überging, dauerte es etwas länger. Ich erinnere mich an eine Rede, die er zu Kaisers Geburtstag hielt. Er sagte wörtlich: „Rebossai!') Heute ist der Malchus') geboren worden, und es steht geschrieben: „Bete für das Wohl des Malchus". Das haben wir getan." Und nun begann er ohne allen Uebergang über ein talmudisches Thema zu sprechen und glaubte damit der Feier des Tages am würdigsten entsprochen zu haben. ') Talmudische Abhandlung. *) Meine Herren. 3) König.