Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Blocb s Mocbenscbrttt. Seite 245 Radlerin, Lieschen Katz, kann als Muster aller singenden Damen dieser Art gelten, endlich die einzige Tochter, Frl. Eben, und der liebebedürftige Backfisch, Frl. Wettet, spielten und sangen flott und graziös ihre Partien. Zum Schluß versammelten sich alle Teilnehmerinnen und sangen mit Begeisterung die Bolkshynine. Nun tanzten die Kleinen unter Anführung der Vorsteherinnen eine Polonaise. Die darauf folgende Tombola erregte viel Heiterkeit. Ein flottes Tänzchen der Großen beschloß das animierte, wohlgelungene Fest, um dessen Gelingen sich nebst den beiden Vorsteherinnen, die durch zahlreiche Blumenspenden geehrt wurden, die Damen E. Felsmann, Miß Mackenzie, Mlle. Julien, Frl. v. Ehrenberg und Herr Kaldarar besonders verdient gemacht haben. 60 Kronen konnten dem Ferienheim übermittelt werden. Feuilleton. Alle Rechte Vorbehalten Indische Kultnrbilder. Bon Dr. Armin Schnitzer, Oberrabbiner in Komärom. (Fortsetzung.) IV. Zuhause. Mit welch' freudigen Empfindungen ich den heimatlichen Boden und das Elternhaus betrat, das kann nur derjenige ermessen, der dieses beseligende Gefühl jemals selbst empfunden hat. Es lvar mir, als würde jeder Baum, jeder Strauch mir den Willkommgruß zurusen. Im Elternhause, da gab's ein Fragen und Antworten ohne Ende, selbst das Unbedeutendste, was in diesen drei Jahren vorgefallen, hatte für mich ein hohes Interesse. Während dieser Zeit wurden mir drei Schwesterchen geboren, darunter ein Zwillingspaar, wovon nur meine Eltern gar keine Kunde gegeben hatten. Offenbar hatte der Vater dieses nicht mehr freudige (?) Familienereignis für eine nicht genug interessante Neuigkeit gehalten, um sie mir mitzuteilen. Abends kamen die Verwandten, mich zu begrüßen. „Mit Lieb' soll Dir dein Orach (Gast) fein", war der Gruß, den jeder beim Eintritt an Vater und Mutter richtete. „Mit Lieb' sollst Du leben!" war der Gegengruß. Da saßen sie alle der Reihe nach: Obenan die alte Großmutter, in der „guten" goldenen Haube, die sie mir zu Ehren aufgesetzt hatte, ein wahres „alt Babele", wie sie Kompert in seinen „Ghettogeschichten" so meisterhaft gezeichnet. Wenn ich etwas — nach ihrer Ansicht — besonders Gescheidtes gesagt hatte, trippelte sie auf mich zu und — spuckte mich zärtlich an. Das war ein untrügliches Präventivmittel gegen das „Beschreien", gegen „Ajin horo“'). Denn es war in der Gesellschaft auch die „Muhme Channe", deren Blick man die Macht zuschrieb, ein „Ajin horo" zu geben, und darum, so oft sie bei uns zu Besuch war, wendete die Großmutter regelmäßig nach deren Weggehen auch noch das Geheimmittel des „Ueberwischens" an. Sie „überwischte" uns Kinder alle — da half kein Schreien. Worin das Ueberwischen bestand? Begehre das nimmer und nimmer zu schauen . . . ., was sie da wischte, war Nacht und Grauen .... Wenn ein Kind gähnte oder über Kopfschmerzen klagte, da wurde sofort die Probe gemacht. Man nahm ein Glas Wasser und warf glühende Kohlen hinein; sank eine auf den Grund, so war's ganz gewiß ein „Ajin horo" — ein „böses Auge" hat's dem Kinde angetan — es war „beschrieen" — und das Kind mußte das Glas Wasser austrinken. Das half. Neben der Großmutter saß ihr ältester Sohn, die wichtigste Persönlichkeit im Zipser Komitate, denn er war der Notar der jüdischen Komitatsgemeinde, der infolge des Umstandes, daß weder der Rabbiner, noch der Gemeindepräses deutsch lesen und schreiben konnten, die ganze Verwaltung der Judengemeinde in seiner Hand hatte. Da saß er im stolzen Bewußtsein seiner hohen Würde und nickte gnädig mit dem Kopfe zu meinen Erzählungen. An seiner Seite saßen die Gattin, „die Muhme Channe" mit dem gefürchteten Blick, unter deren Szepter der Allgewaltige in unterwürfiger Demut sich beugte — und die anderen Geschwister der Mutter: der „Vetter Berl" und „Vetter Selig", Tuchhündler in Kompagnie; der erstere ein kluger Kopf, freigeistig angehaucht, der letztere ein strenggläubiger Jude, der die Gewohnheit hatte, in kleinen Zeiträumen einen lauten Seufzer auszustoßen, ohne daß man wußte warum — wahrscheinlich hat er über die Zerstörung Jerusalems oder über die Verderbtheit der Welt geseufzt. Als charakteristisches Merkmal feiner seltsam frommen Eigenart erzählte man von ihm, daß, wenn er auf Jahrmärkten seine Ware in einer Hütte feilbot und ein Käufer kam, er zuerst sich umdrehte und, die Hände gefaltet, dem lieben Gott dankte, daß er ihm einen Käufer zugeschickt, aber, sich umwendend, schwer enttäuscht sehen mußte, daß — der Käufer mittlerweile zur Nachbarbude gegangen war. Mit vorwurfsvollem Blick starrte er fortwährend, wie hypnotisiert, nach meinen Ohren hin, wo mir die „Peos" ') fehlten, die ich hinter die Ohren gekämmt hatte, was ihm als ein Zeichen meiner laxen Religiosität galt. Da saßen auch die beiden Onkel, an ihrer Seite ihre Frauen, die nichts zu sagen hatten, und in der Ecke der „Vetter Sofer"-), ein kleines, mageres Männchen mit spitzigem Bart, der Philosoph der Familie, und lauschten mit gespannter Aufmerksamkeit auf das, was ich ihnen erzählte: von dem deutschen Rabbiner ohne Pelzmütze, von dem Wagen ohne Pferde und von dem deklamatorischen Verein, dessen Mitglied ich war. „Deklamatorischer Verein? Was ist das?" war die allgemeine Frage. Ich konnte ihnen das nicht deutlicher erklären, als indem ich sofort etwas vortrug. Ich wählte „Die Kindesmörderin", die ich mit kraftgenialem Pathos und mit verwegenster Mimik nun deklamierte. „Weißt Du, Schwager, mir scheint, das Jüngel ist m e s ch u g g e g e w o r d e n." Ich brach ab - ich sah, daß meine Kunst kein Verständnis fand, und hatte die Gewandtheit, der etwas peinlichen Situation rasch eine freundlichere Wendung dadurch zu geben, daß ich der Mutter sagte: „Liebe Mutter, zeige doch mein Mitgebrachtes unseren Gästen". Die Mutter konnte dieser direkten Bitte nicht ausweichen, sie nahm das Packet Brausepulver hervor, holte die paar Gläser, die sie hatte, und dazu den Zucker, und jedem Einzelnen wurde nun ein Glas Brausepulver feierlichst gereicht. Das söhnte die Gesellschaft mit der „Kindesmörderin" aus; aber als Alle sich entfernt hatten, da sagte mir die Mutter: „Mein liebes Kind, es ist sehr gut, was Du mitgebracht hast, aber ein zweitesmal werde ich kein Brausepulver unseren Gästen „verehren". Mehr als ein Pfund Zucker ist aufgegangen, damit hätte ich zwei Wochen auskommen können". Des anderen Tages nahm sie die zwei Päckchen und trug sie auf den Dachboden hinauf, wo sie vielleicht noch jetzt liegen. So finden die besten Absichten keine Würdigung auf Erden. Und ich hatte es doch so gut gemeint! In Hunsdorf hatte sich nichts verändert. Selbst die Pfütze auf dem Hauptplatze, welche Berl Baß zum roten Meere gemacht hatte, war noch immer nicht trocken gelegt worden; auch das Halseisen stand noch immer als warnendes Zeichen, obschon die jüdische autonome Jurisdiktion mit der neuen politischen Ordnung außer Kraft gesetzt wurde. Es wurde noch immer „in Schul" geklopft und die Menschen waren dieselben geblieben mit ihrem breiten jüdischen Jargon und ihrem kleinlich wichtigen Getue. Nur ich hatte mich verändert. Die Hunsdorfer Größen waren für mich so unendlich klein geworden: mein Horizont hatte sich erweitert und ich konnte mich in die Verhältnisse zu Hause nicht mehr hineinfinden. Einer meiner ersten Besucher war HarschelTemerls, mein gewesener „Rebbe": er hatte viel von seiner behäbigen Breite und seiner Selbstzufriedenheit verloren. Der Arme hatte sein „Cheder"* 2 3) aufgegeben, oder vielmehr dieses ihn, und er ') Ecken des Kopfhaares 2) Thorarollenschreiber 3) Schule. ') böses Auge