Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 224 Dr. Llocv's TKRocbenscbttft. JM. 14 hiesigen Juden im Mittelalter keinen Waarenhandel getrieben hätten. Wir haben Aufzeichnungen, aus denen hervorgeht, daß der Handel der Juden sich im 16. Jahrhundert auf Tuch und Seide, Kleider, die sie allerdings fertig von Christen kaufen mußten, Gold, Silber und Gewebe und endlich auf Vieh erstreckte. Ohne im Zusammenhang zu referieren, heben wir noch Einiges aus den Dietz'schen Mitteilungen hervor. Im Jahre 1514 war die Zahl der Juden etwa 2800 und hielt sich auf dieser Höhe etwa hundert Jahre; man kann nämlich Nachweisen, daß die Zahl der jüdischen Steuerzahler, etwa 340, in diesem Zeitraum nur geringen Schwankungen unterworfen war. Merkwürdigerweise hat das Pestjahr 1635 das enge Judenviertel weniger hcimgesucht, als die anderen Stadtteile, in denen die Sterblichkeit auf das Neun- bis Zehnfache stieg, bei den Juden nur auf das Dreifache. Bei dem Fettmilch'schen Aufstand war das Verhalten des Magistrats einwandfrei; er war „gerecht in Anbetracht der Verhältnisse". Die eigentlichen Urheber des Aufstandes erblickt Dr. Dietz in den eingewanderten ehrgeizigen, reformierten Niederländern. Sie wollten Anteil haben am lutherischen Stadtregiment und trugen darum die Unruhen ins Volk. Auch paßte ihnen nicht die Konkurrenz der Juden. Trotz der Beschränktheit der Gasse entwickelte sich dort ein reiches Kulturleben; als die Schranken fielen, zogen die Insassen hinaus als ein Kulturvolk. Auch die Judengasse hatte ihre sozialen Unterschiede: die Aermsten wohnten aus der südlichen Seite. Zu den Wohlhabenden oder Reichen ist die Familie zu rechnen, zu deren Hauswesen vier Mägde, zwei Knechte und ein — Hauslehrer gehörten. Diese Familie hatte also, so meinte Dr. Dietz, sieben Leute zu ihrer „Bedienung"! Etwa die Hälfte ist vom Mittel- und Niederrhein hier eingewandert, ein Viertel aus Hessen-Nassau. Elsaß-Lothringen ist bei der Einwanderung so gut wie nicht vertreten, Polen, Holland und Italien mit nur etlichen Familien, die Schweiz und das Hansagebiet gar nicht. Dr. Dietz hat vom Jahre 1848 nachgewiesen, daß damals die Vorfahren von 20 hiesigen jüdischen Familien vor 1500 sich in Frankfurt niederließen, ferner die Vorfahren von 100 vor 1560 und von 50 vor 1614. Aber nur zwei Frankfurter Patrizierhäuser haben einen alten Stammbaum: Holzhausen 1350, Lersner 1560. „Altfrankfurt wird also wesentlich durch jüdische Familien repräsentiert." Kant und Mendelssohn. Die „Königsberger Hartung'sche Zeitung" schreibt: Zu dem Thema „Kant und Mendelssohn" gehen uns aus dem Leserkreise noch interessante, dem August Lewald'schen Buche „Ein Menschenleben" entnommene Milteilnngen über eine persönliche Begegnung der beiden Philosophen in Königsberg zu. Moses Mendelssohn befand sich im August >777 auf der Durchreise nach Memel, wo er geschäftlich zu tun batte, und benützte die Gelegenheit, ein paar Kollegien Kant's zu besuchen. Lewald erzählt darüber: „Ein kleiner, verwachsener Jude mit Spitzbart und starkem Höcker trat, ohne sich viel um die Anwesenden zu kümmern, doch mit ängstlichen Schritten in den Hörsaal und blieb unfern der Eingangstür stehen. Wie gewöhnlich begannen Hohn und Spott, die zuletzt in Schnalzen, Pfeifen und Stampfen übergingen; aber zum allgemeinen Erstaunen blieb der Fremde auf seinen Platz wie festgebannt, mit einer eisigen Ruhe, und hatte sich sogar, um seinen Willen, den Professor zu erwarten, deutlich an den Tag zu legen, eines dastehenden Stuhles bedient und darauf Platz genommen. Man näherte sich ihm, man fragte, er antwortete kurz und artig, er wolle dableiben, um Kant's Bekanntschaft zu machen. Nur sein (Kant's) Erscheinen konnte endlich den Lärm beschwichtigen. Sein Vortrag lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf andere Dinge, und man ward so hingerissen, so versenkt in das Meer von neuem Leben, daß man der Erscheinung des Juden längst nicht mehr gedachte, als dieser nach beendigtem Kollegium sich mit einer Heftigkeit, die mit seinem früheren Gleichmut seltsam kontrastierte, durch die Menge drängte, um zum Katheder zu gelangen. Die Studierenden bemerkten ihn kaum, als wieder das höhnische Gelächter erschallte, das aber sogleich einer stumme» Bewunderung wich, da Kant, nachdem er einen Augenblick den Fremden bedeutsam betrachtet und dieser einige Worte gesagt hatte, ihm mit Herzlichkeit die Hand drückte und dann in seine Arme schloß. Wie ein Lauffeuer ging es durch die Menge: „Moses Mendelssohn! Es ist der jüdische Philosoph in Berlin!" und ehrerbietig bildeten die Schüler eine Gasse, als die beiden Weltweisen Hand in Hand den Hörsaal verließen." Ueber den Eindruck, den Mendelssohn auf Kant machte, schrieb dieser einige Tage darauf an seinen Schüler, den glühenden Kantianer Markus Herz, Arzt in Berlin: „Einen solchen Mann von so sanfter Gemütsart, guter Laune, hellem Kopf in Königsberg zu beständigem und.inniglichem Umgänge zu haben, würde diejenige Nahrung sein, deren ich hier so gänzlich entbehren muß und die ich mit der Zunahme der Jahre wesentlich vermisse. Ich habe es indessen nicht so einzurichten gewußt, daß ich von dieser einzigen Gelegenheit, einen so raren Mann zu gemeßcn, recht hätte Gebrauch machen können, zum Teil aus Besorgnis, ilnn etwa in seinen diesigen Geschäften hinderlich zu werden. Er tat mir vorgestern die Ehre, zweien meiner Vorlesungen beizuwohnen, ä Ia fortune du pot. wie man sagen könnte, indem der Tisch auf einen so ansehnlichen Gast nicht eingerichtet war." Auch hier leuchtet wieder die Bescheidenheit Kant's und seine selbstlose Anerkennung fremden Verdienstes glänzend hervor. Besondere Anerkennung bezeugte Kant der 1738 erschienenen Schrift Mendelssohn's: „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum". „Ich halte dieses Buch", so schrieb Kant am 18. August 1783 an Mendelssohn, „für die Verkündigung einer großen, obzwar langsam bevorstehenden und fortrückenden Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auch andere treffen wird. Sie haben Ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissenhaftigkeit zu vereinigen gewußt, die man ihr gar nicht zugetrant hätte und dergleichen sich keine andere rühmen kann. Sie haben zugleich die Notwendigkeit einer unbeschränkten Gewissensfreiheit so gründlich und hell vorgetragen, daß auch endlich die Kirche unsererseits daran wird denken müssen, wie sie alles, was das Gewissen belästigen und drücken kann, von der ihrigen absondcre, welches endlich die Menschen in Ansehung der wesentlichen Religionspunkte vereinigen muß; denn alle das Gewissen belästigenden Religionssätze kommen uns von der Geschichte, wenn man den Glauben an deren Wahrheit zur Bedingung der Seligkeit macht." Und indem er seiner Bewunderung für den sonnenklaren, gemeinverständlichen und anmutigen Stil Ausdruck gilt chließt er: „Es ist nur ein Mendelssohn."/ Amerikanische Juden tu Nußland. Rußland behandelt seine jüdischen Gäste nicht gerade höflich, wenn auch immerhin noch manchmal besser als seine eigenen jüdischen Untertanen. Einem jüdischen Bürger der Vereinigten Staaten wurde vom russischen Generalkonsul in Paris das Visum seines Passes verweigert, der betreffende Herr, Mr. Goldfogle, ist Mitglied des amerikanischen Kongresses und berief sich auch, freilich vergeblich, auf diese seine Eigenschaft. Er mußte die beabsichtigte Reise nach Rußland aufgeben. Kürzlich brachte er diese Angelegenheit im Parlamentsausschuß für auswärtige Angelegenheiten zur Sprache. Er erzielte auch in der Diskussion, an der sich der neugewählte Präsident des Ordens Bnei Brith, Mr. Simon Wolf, in hervorragender Weise beteiligte, eine einstimmige Verurteilung eines derartigen Vorgehens des russischen Generalkonsuls. Es wurde eine Resolution angenommen, die den Präsidenten beauftragt, dafür zu sorgen, daß amerikanische Pässe respektiert werden, gleichviel welcher Religion ihre Inhaber angehören. Mr. Goldfogle ist amerikanisches Parlamentsmitglied, kein deutscher Handlungsreisender jüdischen Glaubens. * -b * Wir entnehmen einer Statistik der Jewish Colonisation Association folgende Zahlen, die für sich selbst sprechen: Von 5,200.000 Juden in Rußland ernähren sich über 600.000 durch körperliche Arbeit. Zieht man die Kinder unter 14 Jahren und die 76.908 arbeitenden Frauen ab, so ergibt sich, daß 48 Perzent aller, russischen Juden im Handwerk beschäftigt sind. Von diesen sind 259.396 Meister, 140.528 Gesellen und 101.042 Lehrlinge. Die meisten der jüdischen „Meister" find zu arm, um sich Hilfe halten zu können. Im nordwestlichen Rußland sind bei 97.900 Meistern nur 18.400 Gesellen und 20.200 Lehrlinge. Juden im Londoner Stadtparlament. Bei den letzten Wahlen zum London County Council waren 6 Juden aufgestellt, von denen auch 4 gewählt wurden. Unter den Kandidaten waren 3 Moderates, 2 Progressisten und 1 Independent, unter den gewählten 1 Gemäßigter, 2 Progessisten und 1 Independent. Ein Jude, Mr. Gordon, war der einzige Independent, der bei dieser Wahl überhaupt gewählt wurde. Predigt eines englischen Geistlichen. Der gelehrte protestantische Geistliche Archidiakonus Black Scott hat kürzlich in der Kathedrale zu Dornoch eine Predigt gehalten über „Die Haltung der Christen gegenüber Israel",