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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-03-25 · 13 (25.3.1904) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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■ iw ■ lürwirm ■ \wm iBBBwyt NriS Dr. Dlocb's 'MocbenscbrM. Seite 201 zweiten Male ertönte der Pflichtruf: Hat jemand eine Beschwerde? Wieder trat einer der Armen vor und wieder wurde seine Beschwerde mit Kugeln beantwortet. Da fragte der Offizier zum dritten Male, niemand glaubt, daß noch einer den Mut haben würde, seinem sicheren Tode entgegen zu gehen. Da trat Mandelslamm Vor und rief: Jawohl, ich habe noch eine Beschwerde! Der Mut des Mannes bändigte selbst die Grausamkeit des Schurken und Mandelstamm entging dem sicheren Tode. Das ist Mandelstamm. Ich behaupte, der Zweig des Geschlechtes derer v. Bülow, dem der Kanzler angehört, hat seit den Tagen des Raubrittertums nicht so viel Heldenmut gezeigt, als der arme russische Jude Mandelstamm. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgejchichle. (Lueger als Retter. — Die Erweiterung der antisemitischen Moral. — Gleiches Recht für Alle. — Antisemitische A e st h e t i k.) Doktor Lueger ist wieder einmal als Retter aufgetreten, natürlich mit Erfolg. Er hat sein Publikum mindestens so sicher, wie es Girardi hat. Der Fall war ein schwieriger. Wie es Juden gibt, die mit aller Anstrengung „nicht zum dertausen" sind, so gibt es auch christlich-soziale Größen, die man selbst mit dem besten Willen nur sehr schwer reinwaschen kann. Es war in Margarethen, also auf klassischem Boden antisemitischer Erfolge. Bor dem hochnotpeinlichen Gericht der Margarethner Wähler standen der Bezirksvorsteher-Stellvertreter Porzcr und der Gemeinderat Hallmann, angeklagt des Hochverrates an den dreimal heiligen Grundsätzen des Antisemitismus. Die Sache stand sehr schlimm. Man denke nur, was die Angeklagten verbrochen hatten: Porzer war, so behaupteten die Ankläger, als Mitglied der Personaleinkommensteuer-Schätzungskoinmission für die Mindereinschätzung von Juden eingetreten, und Gemeinderat Hallmann soll sein Geschäft an einen Juden verkauft haben und außerdem noch jüdische Mieter in seinem Hause dulden. Man kann sich vorstellen, was sich da „getan" hat! Man sollte meinen, daß die Mitglieder der Steuerkommission nach Ehre und Gewissen vorzugehen haben und daß das auch ein Grundsatz und auch eine moralische Pflicht sei: Was null aber das bedeuten im Zusammenhalt mit der Heiligkeit des antisemitischen Grundsatzes, daß der Jude unter allen Umständen zu treten sei? Und daß einer gar sein Geschäft an einen Juden verkauft und lieber gegen gutes Geld Juden Obdach gewährt, bevor er die Wohnungen in seinem Hause leer stehen ließe, das muß doch die tiefe moralische Entrüstung insbesondere jener antisemitischen Sittenrichter Hervorrufen, die nicht imstande sind, ihre Geschäfte einem Juden anzuhängen und aus verschiedenen Gründen vielleicht noch weniger imstande sind, ihre Häuser an gut zahlende Juden zu vermieten. Es wäre uni die beiden Angeklagten sicher geschehen gewesen, wenn nicht Doktor Lueger als Retter eiugesprungen wäre. Und wie er da sich und seine beiden Schützlinge aus der Affaire gezogen hat, das fügt ein neues Blatt in den antisemitischen Ruhmeskranz, der sein Haupt umschlingt. Freilich, das ging nicht, daß er hinsichtlich der Steuereinschätzung ein Vorgehen wider Pflicht und Eid empfohlen hätte. Derlei tut man nicht, öffentlich nicht. Wohl aber hat er die Gelegenheit benützt, die antisemitische Moral mit einem neuen Lehrsatz zu bereichern. Der Fundamcntalsatz aller antisemitischen Ethik lautete bisher: Kauft nicht bei Juden! Das war ein Grund- und Eckstein des antisemitischen Programmes. Mit einer Logik, die er, wenn sie von einem Juden entwickelt worden wäre, wahrscheinlich als talmudische Spitzfindigkeit stigmatisiert hätte, zog er daraus den Schluß, daß man zwar beim Juden nichts kaufen, wohl nur an ihn verkaufen dürfe. Das sei durchaus ehrenvoll und gesund. Schön. So zieht man sich aus der Schlinge. Das Plaidoyer hat gewirkt, die Angeklagten wurden freigesprochen und sogar in den Vorstand des Wählervcrcines gewählt. Was ein richtiger Antisemit ist, darf also nach Doktor Lueger an Juden verkaufen. Spüren wir ein wenig den Motiven des neuen Moralgesetzes nach. Nach dem antisemitischen Mvralkodex steht das Eine fest; es ist erlaubt und geboten, dem Juden in jeder Weise zu schaden; es ist nicht erlaubt und es ist verboten, ihm in irgend einer Weise zu nützen. Da mag nun die naive Vorstellung den Ausschlag gegeben haben, daß jeder Verkauf dem Verkäufer Nutzen bringt, jeder Einkauf dem Einkäufer Schaden. Sonst dürfte man gewiß nicht an Juden verkaufen! Darin steckt aber neben anderen Jrrtümern auch der, daß Kauf- und Verkauf in dieser Weise nicht so scharf von einander abzugrenzen sind. Im weiteren Sinne ist jeder Verkauf auch ein Einkauf. Die Transaktion ist Geschäft, und Geschäft ist Güteraustausch. Wenn einer ein Haus verkauft und dafür ein Landgut erhält, dann hat er nicht nur verkauft, sondern auch eingekauft. Man darf also dem Juden ein Haus hingeben, aber man darf ihm nicht das bare Geld hintragen. Das ist also die neue Bereicherung der antisemitischen Geschästsmoral. Diese Moral ist aber immer noch nicht vollständig. Der richtige Antisemit soll bei Juden einkaufen, aber dann soll er nach dem antisemitischen Ehrenkodex wenigstens schuldig bleiben und überhaupt nicht bezahlen. Das erst ist die vollkommene befriedigende Lösung des Problems. Es gibt übrigens noch andere Lösungen: man entrechtet die Juden einfach. Einmal hat sich wieder einer gefunden, der in gerechtem Zorn sich dagegen aufbäumt, und die antisemitischen Blätter weit und breit sehen darin gar nichts anderes, als — jüdische Frechheit. Justizrat Feige in Breslau, ein Jude, hat an den deutschen Kaiser ein Gesuch gerichtet, in welchem er Beschwerde darüber führt, daß seinem Sohne, der fein Jahr abgedient hat, trotz tadelloser Führung und Pflichterfüllung das Offizierspatent vorenthalten werde. Es mag ja vorauszufehen gewesen sein, daß der Schritt keinen Erfolg haben werde, aber immerhin verdient der Mut anerkannt zu werden, mit dem da auf einen förmlich sanktionierten Brauch hingewiesen wurde, der eine Schmach für das ganze Judentum bedeutet. Der weitere Verlauf war dann der übliche „korrekte". Der Monarch sandte die Beschwerde zur Prüfung an das in Frage kommende Generalkommando und dieses verständigte den Beschwerdeführer, daß der Aspirant nicht befördert werden konnte, weil er den an einen Vorgesetzten zu stellenden Anforderungen nicht entsprochen hat. Mit dieser Antwort könnte man sich ja unter Umständen zufrieden geben, wenn sie nicht eine stereotype wäre. Sie liegt fertig für alle Fälle, wo einmal ein Jude auch sein Recht sucht. Seit Jahrzehnten hat es bei jenem Generalkommando kein Jude auch nur zum Reserveoffizier gebracht. Niemals ist es direkt ausgesprochen worden: wir machen einen Unterschied zwischen den Staatsbürgern, wir verteilen das Recht grundsätzlich nicht gleich, wir stellen einen Juden grundsätzlich nicht an. Sagen kann man derlei nicht. Das wäre ganz unmöglich — im zwanzigsten Jahrhundert, vor dem Volke der Dichter und Denker — ganz unmöglich so etwas zu sagen. Man tut es nur. Es geschieht ja ohnedies, was nur möglich ist. Man gestattet den Juden, ihre Steuer zu bezahlen, man gestattet ihnen, ihr Leben preiszugeben für das Vaterland, wenn es gilt, dieses zu verteidigen — mehr kann doch nicht verlangt werden. Und so wird geschürt, gehetzt, verfolgt von oben und von unten. Holen wir einmal etwas herauf von unten, von tief unten, tiefer geht es kaum noch. Das „Deutsche Volksblatt" veröffentlicht folgende Theater-Rezension: „Im Theater an der Wien gelangte Sonntag nachmittags die Operette „Die Fledermaus" zu Gunsten der Ferialkasse der Mitglieder dieser Bühne vor ausverkauftem Hause zur Aufführung. Als Gast debütierte Streitmann in der Rolle des „Eisenstein". Zu dieser Vorstellung schienen die Judeninsel, der Salzgries und der Quai sämtliche dort hausenden Juden ausgespieen und hingesendet zu haben. Die Jüdinnen, mit Schmuck überladen, dufteten nach den undefinierbarsten Parfumgerüchen mindester Qualität und es herrschte im Theater ein Gemauschel, ein Getue, ähnlich den: an der Börse. Die jüdische Claque, geschickt verteilt, arbeitete mit Volldampf. Die anwesenden Juden trugen dazu bei, ihren

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