Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021561--13463-3038116- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 13 Dr. Llocb's Mocbenscbntt. Seite 199 Also war das christlich-soziale Programm der Schaar von Nachbetern, von der großen Herde sofort verstanden. Alle Streber, alle Charakterlosen sahen hier Liebesblicke für die Reaktion durchblitzen und auch die Begründer (vorerst „Demokraten" geheißen) entpuppten sich als Freunde der Reaktion. Man hat die Sonntagsruhe (diesen Schlag ins Gesicht des Konsumenten, diese Karrikatur des Geschäftslebeus einer Großstadt) auf die Post ausgedehnt, Feiertage dazu genommen, den Israeliten aufgezwungen und damit jede mögliche Konkurrenz unterbunden. Man hat die Gewerbe einseitig und vom Parteistandpunkte gefördert, ^.as sind einige Früchte des schwarzen Regimes, aber es war nicht genug. Es kam ein böser Augenblick für den Hausherrn. Es gab Israeliten, sehr tüchtige Beamte in städtischen Aemtern. Der Taufzwang war unmöglich! Was tun? Es gab nur ein Mittel: Entlassung. Brave, Tüchtige wurden aus Parteirücksichten entlassen. Alan gab ihnen gute Zeugnisse, ich sah so eines: Vorzügliche Dienstleistung, vortrefflich, ausgezeichnet las man darin. Man fragt sich: Wie kann mau da» Amt so schädigen? Wie kann mau gesunde Menschen pensionieren und neue dafür bezahlen? Gute Pensionen bekamen sie, weil sie gezwungen waren, zu gehen. Minder geübte Christen wurden also geschulten, tüchtigeren, vorzüglichen Arbeitern vorgezogen Der Bürgermeister sagte zu einem der Entlassenen : „Bleibend bei Jhrllt Glauben, ich hab's gern, wenn jeder bleibt, was er ist." Darauf wurden doch getaufte Juden angestellt. Ganz unnötig wurde auch der Fremdenhaß Hinaufgetrieben, indem man .in der Aera der Elektrizität eine Gas-Zentrale eigener Regie mit Millionen Geldaufwand ins Werk setzte; mich wundert, daß man nicht Petroleum oder Oel gewählt hat; mir war es, als ob man auf einer Linie, die Schnellzüge hat, Stellwagen-Verbindung einrichten wollte. Natürlich mußte ja das elektrische Licht auch kommen. Das Licht hängt ihnen aber jetzt zu hoch. Solch kostspieliger Parteisport, Judenenrtassung, Fremdenhaß auf Kosten ’ der Steuerträger ist den Wühlern nicht zur Erkenntnis gekommen. Den schönsten Erfolg des christlich-sozialen Regimes müssen wir auf dem Gebiete der Kunst verzeichnen: Wien als Kunststätte ist es gelungen, das Talent abhängig zu machen von dem politischen Strome oder wie es jüngst in einem phänomenalen Aktenstücke hieß: „Nachweis der zufriedenstellenden Verwendung im Schauspieldienst wurde erbracht". So ansgleichende Beziehungen zwischen Kunst und Bureaukratie böten natürlich den kunstgewandteu Stadtvätern neuen Anlaß, nebst dem Taufscheute nur die „zufriedenstellende Verwendung im Schauspieldienste" zu begehren, wenn nicht diese Sorte Legitimation für dramatisches Können unmöglich geworden wäre: Die christlich-soziale Schauspielkunst ist nämlich flöten gegangen und der Antljemitenhof der Musen bei der Stadtbahnstation Währing ist nicht mehr der Verbreitung von Kenntnissen der Partei-Tendenz gewidmet. (Schluß folgt.) Jüdische Soldaten vor dem Feinde *) Durch Edikt vom 11. März 1812 wurde den Juden zum ersten Male der Eintritt in das preußische Heer überhaupt erlaubt. Damals war Preußen, wie jeder weiß, so spärlich bevölkert und so heruntergekommen, besonders aber die kleine Zahl der Juden war infolge Jahrhunderte langer Unterdrückung in so elender Verfassung, daß man kaum hätte glauben sollen, sie würden sich freiwillig zum Eintritt in das Heer melden. Dennoch folgten unverzüglich 500 jüdische Freiwillige dem Ausruf des Königs: „An mein Volk!" Ueber die Führung dieser jüdischen Freiwilligen sagt ein Reskript des Staatskanzlers Fürsten v. H a r d e n b e r g folgendes: *) „An dos Gcwisien des deutschen Volkes" von G e o r g Wolff (Verlag Gebr. Gotthelft, Kassel.) „Auch hat die Geschichte unseres Krieges wider Frankreich bereits erwiesen. daß die Juden des Staates, der sie in seine» Schoß ausgenommen, durch treue Anhänglichkeit sich hervortun. Die jungen Männer jüdijcheu Glaubens sind die Waffengesährten ihrer christlichen Mitbürger gewesen, und wir haben unter ihnen Beispiele des wahren Hetdenniuts und der rühmlichsten Verachtung der Kriegsgefahren aufzuweisen, sowie die übrigen jnolschen Einwohner, namentlich auch die Frauen, in Aufopferung jeder Art den Christen sich anschlossen." lieber die weitere Führung der nunmehr in größerer Zahl in das Heer ausgenommenen Juden ist eine amtliche Denkschrift der königlich preußischen Regierung an den vereinigten preußischen Landtag von 1847 gelangt, welche den Juden in fast allen Armeekorps ein vorzügliches Zeugnis ausstellt und zu folgendem Schluß kommt: „Faßt man den Inhalt dieser Ermittlung zusammen, so darf man als erfahrungsmätziges Resultat anneymen» daß dre Juden des preußischen Heeres von den Loldaleu der christlichen Bevölkerung im allgemerneu nicht erkennbar unterschieden sind, daß sie im Kriege gleich den übrigen Preußen sich bewährt, tm Frieden den übrigen Truppen nicht nachgestanden haben, insbesondere die jüdischen Religionsverhallnisse nirgends alS ein Hindernis beim Kriegsdienste hervorgelreten sind. Kein Geringerer als Theodor Fontane, der Dichter der Mark, berichtet in seinem Werke: „Der deutsche Krieg von 1866" (Band i, Seite 143), an dem die Juden schon in ansehnlicher Zahl teilnahmen: daß sich vielfach die jüdischen Glaubensgenossen während des Feldzuges ausgezeichnet hätten. „Es war, als ob sie sich das Wort gegeben hätten, der alten Vorstellung von ihrer Kriegsunlust und -nnrüchtigkeit ein Ende zu machen." Von den zahlreichen Beweisen der 'Anerkennung ihrer Vorgesetzten sei hier nur ein Brief als Beispiel angeführt. Gras R a n tz a u, Oberleutnant im 2. Garderegiment v. Rosberitz, schrieb am 5. Juli 1866 an Heymann Hirschberg in Gnesen, dessen Sohn am 3. Juli bei Kvniggrütz, beim Sturm aus das Dorf Rosberitz, den Tod fand: „Leider habe ich die schmerzliche Pflicht, Ihnen anzuzeigen, daß Ihr Sohn .... als Held gefallen ist, wie er jecnen verwundeten Major — v. Erckert — aus dem hefllgiten Kugelregen forttragen wollte. Eine Flinienkugel in den Kopf tötete ihn sofort^ Er fiel als braver Soldat; treu seinem Kömg. Gott schütze «sie in Ihrem Kummer!" In dem Gedenkbuch an den deutsch-französischen Krieg von Prediger Dr. L. P h i l i p p s o n in Bonn wird eine bemerkenswerte Statistik über die Beteiligung der Juden an diesem Feldzuge gegeben. Daraus ist zu ersehen, daß die Zahl der jüdischen Soldaten 3 bis 10 Perzent, in einzelnen Fällen sogar bis 20 Perzent der gesamten jüdischen Bevölkerung ihrer Heimatsgememden betrug. Da haben zum Beispiel 134 solcher Gemeinden allein 2331 jüdische Soldaten in den Krieg gesandt, von denen 86 als Aerzte dienten, mehr als 200 befördert wurden und 83 das Eiserne Kreuz erhielten. Sämtliche Namen sind in dem angeführten Gedenkbuch genannt. Ein neueres Werk: „Die Juden als Soldaten" (zweite Auslage, Berlin 1807 bei S. Eronbach) führt eine An-» zahl jüdischer Gemeinden an, die 4700 Mitkämpfer ins Feld gesandt haben. Gerade die größeren Gemeinden ^darunter Berlin, Breslau. Hamburg, Posen und viele andere) sind in dieser Zusammenstellung leider unberücksichtigt geblieben, weil konfessionelle Kriegslisten nicht geführt lvurden und die Namen der ins Feld gezogenen Gemeindeniitglieder fast 30 Jahre nach dem Kriege nur von den Vorständen der kleinen Gemeinden, in denen jeder den anderen genau kennt, zuverlässig zu erfahren waren. Sandte also die kleinere Hülste der Gemeinden 4700 namhaft gemachte jüdische Mitküinpfer ins Feld, so wird man die Gesamtzahl der letzteren aus mindestens 10.000 schützen können. Eine zweite Liste deS angeführten Buches macht 483 jüdische Verwundete und Getötete namhaft, die dritte Liste nennt 373 jüdische Ritter des Eisernen Kreuzes, respektive der entsprechenden militärischen Auszeichnungen der Bundesstaaten. Keineswegs sind die durch das Eiserne Kreuz 'Ausgezeichneten „lauter Aerzte", wie ein antisemitisches Blatt meinte, sondern 224 Soldaten und 130 Doktoren, von denen auch noch nicht gesagt ist, daß sie