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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-03-25 · 13 (25.3.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 198 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 13 zusieht, wird man finden, daß auch Herr Lueger sich nicht au dieses von ihm verkündete Parteiprogramm gehalten hat. Zahlreich sind.die Fälle, in denen er als oberster Vermalter des Wiener Gemeindevermögens bei Juden ohne Zwischenhändler gekauft hat, und seine bürgermeisterliche Herrlichkeit wäre längst beim Teufel, wenn er dies nicht getan hätte. Es ist auch nicht wahr, daß das antisemitische Programm in seiner ursprünglichen „Reinheit" den Verkauf an Juden gestattet hätte. Da Herr Lueger eine „christliche" Partei anführte, so durfte er allerdings keine. Uebervorteilung der Nichtjuden seitens der Juden dulden, er durfte aber auch nicht eine Uebervorteilung der Juden durch seine Christen zulassen. Was Herr Lueger heute verkündet, und zwar im bewußten Widerspruch mit Art. 6 des Staatsgrnndgesetzes über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger, das ist unchristlich und antisozial, steht aber auch im direkten Gegeusatze zu dem radikalen antisemitischen Grundsätze, daß mau mit Juden keinerlei Verkehr pflegen, mit ihnen kein Geschäft machen, ihnen zu keinerlei wirtschaftlicher Position verhelfen darf. Antisemitisch ist und bleibt nur der von Lueger ausgestoßene Ruf: „Kauft nicht bei Juden!", obgleich auch hier, wie schon bemerkt, das Wort im Widerspruche mit den Taten des Herrn Bürgermeisters steht. Nichtsdestoweniger ist es eine Ungeheuerlichkeit, die nur in Oesterreich ungeahndet bleiben kann, daß das Oberhaupt der ersten Stadt des Reiches die Mehrheit der Bevölkerung dazu anreizt, aus konfessionellen Gründen eine ganze Klasse ehrlicher und fleißiger Staatsbürger und Steuerzahler wirtschaftlich zu boykottieren. In jedem anderen Staate der Welt — vielleicht mit Ausnahme Rußlands — würde ein solcher Mann mit Schimpf und Schande von seiner Stelle gejagt werden. Bei uns hat man es für angemessen gefunden, seine^Eidbrüchigk^it durch die Ernennung zum Mitgliede des Judustrierates zu belohnen. Man stelle sich nun vor, daß Herr Lueger im österreichischen Judustrierate den Grundsatz: „Kauft nicht bei Juden!" durchs setzen wollte. Man stelle sich vor, daß die Industrie einer solchen Lockung des christlich-sozialen Rattenfängers Folge leisten würde, und wir überlassen es nicht nur der Phantasie unserer Leser, sondern auch jener des Herrn Handels Ministers und nicht in letzter Linie des Herrn Finauzmiuisters, sich auszumalen, auf welche Stufe der Produktions- und Konkurrenzfähigkeit die österreichische Industrie mit der Betätigung eines solchen Grundsatzes herabsinken würde. Die christlich-soziale Partei ist morsch und brüchig geworden, aber morscher und brüchiger noch ist ein Staatswesen, welches für die Bedingungen seines wirtschaftlichen Bestandes so wenig Verständnis hat, daß es bedenkenlos die antisemitischen Schlagworte auch in die industrielle Produktion hineintragen läßt. Gesellschaft und Geselligkeit in Wien. Einst nnd Jetzt. Bortrag gehalten am 15. Februar 1904 im Bereine zur Abwehr des Antisemitismus von Josef v. Doblhoff, I. Vizepräsident des Vereines. V. Kneipe und Musentempel. „Haben Sie über Politik gesprochen im Auslände", fragte mich ein Wiener. „Natürlich habe ich im Auslande viel über dieses Thema gesprochen. Hier sei der Aeußerung eines Amerikaners gedacht, der sagte: „Bei uns, wo alles arbeitet, ist der Antisemitismus gar nicht zu finden. In Oesterreich, wo die ärgsten und apathischesten Gewerbsleute ohne jeglichen Spirit of enterprise zu finden sind, ist der Jude verhaßt, weil er fleißig ist und intelligent. Wir in Amerika brauchen ihn deshalb, bei Ihnen wird er deshalb verfolgt. Die Ursache dieser ganz niedrigen, der Kultur hohnsprechenden Bewegung hat ihren Ursprung in dem Lieferen Bildungsgrade. Wer hat das gemacht? Sehen Sie die Bundesgenossen an, das sind die Schwarzen." Bücher sind erschienen mit Aussprüchen gefüllt pro und contra Antisemitismus. In einem dieser Sammelwerke las man des großen Ariers Mommsen vernichtendes Wort: „Der Antisemitismus ist die Gesinnung der Canaille." Was ist „Canaille?" „Plebs" schlechtweg? Hochnäsige Hasser der Diktatur des Volkes nennen einfach die unteren Schichten Canaille. Canaille ist aber hier eher relativ aufzufassen Das Wort stammt von „Canis“, chien, und ist ein Ausdruck der Verachtung. Bei Noöl et Chapsal heißt es: „Des gens sans;probite, hoaneur sans delicatesse, enfants bruyants.“ Also gar nicht Pöbel Lat exochen, sondern überhaupt geistig tiefstehende, verblendete, rohe Menschen aller Klassen, in der Kindheit verblieben; sucht man einen deutschen Ausdruck, so könnte man übersetzen „Verbildete". Mommsen meinte also die Gesinnungs-Canaille, die „Nomina stultorum“, die sich überall vordrängen und von denen das ftanzösische Sprichwort sagt: „L168 fendtres et les murailles sont le papier de la Canaille“ — Wien ist leider ein guter Boden für Agitationen geworden. Die alte „Hetz", die Tier-Arena aus der Landstraße, war einst der Ausdruck höchster Volksbelustigung. Jetzt noch sagt der Wiener: „Da gibt's a Gaude, da gibt's a Hetz". Hetz: Circenses. Wenn die Agitatoren zu der Unterhalmug noch Verdienst versprechen: „Panem et Circences“ — Erwerb — dann haben sie die ganze Gesellschaft im Sack. Das Hungerleiden für eine gute Sache ist nicht des Wieners Brauch. Dem Genüsse, wenn er auch nur versprochen ist, wird die Gesinnung geopfert. Die Politik hat den herzlichen, gutmütigen Wiener zum harten Egoisten gemacht, der um des Besitzes willen Alles opferte, selbst die Reputation. „Das Kannegießen" wurde in die Vororte getragen und erlangte ungeahnte Bedeutung. Eben hatte man Groß-Wien gegründet, da machte sich Klein-Wien breit, durch die Reden der Agitatoren. Jeder, der sich eine Kleinstadt augeschaut, weiß, daß dort die Bildungsstätte der gewöhnlichen Schichten das Wirtshaus, die Kneipe und das Orakel für jede Frage die Tischgesellschaft ist. So manche Wiener, die es nicht nötig hatten, sind zu Nachbetern geworden, gaben die Höflichkeit auf, das verbindliche, urbane Wesen; Behäbigkeit und Menschenfreundlichkeit, einst berühmt unter den Wiener Bürgern, sie verschwanden. Ein giftiges Geschlecht ist an ihre Stelle getreten, voll Ingrimm ließ es sich leiten, von Dunkelmännern. Manch gutmütiger Wiener ist so tief gesunken, daß er jubelte, als man die Rettuugsgesellschaft beschimpfte, weil sie „verjudet" sei, als man den Volksbildungsverein in seinem Wirken behindern wollte! Was nützte das Alles? Es kamen doch Gelegenheiten, bei denen die „weiße Nelke" Minerven huldigen mußte (Nansen-Vortrag. wissenschaftliche Exkursionen, Empfang wissenschaftlicher Kongresse), was so wenig zu den Hetzreden paßte, die bis vor Kurzem noch von der Partei gebilligt wurden. Wie soll der friedliche Teil der Intelligenz Vertrauen fassen zu jenen Männern, welche heute der Wissenschaft den Ehrenzoll anbieten, um morgen als Vertreter des Landes die Gelehrten zu besudeln, den Bildungskeim im Volke zu ersticken? Die Verantwortung ist eine große! Sie arbeiten allmählich, kämpften zuerst gegen das Kapital, da aber zu große Interessen getroffen wurden (die tote Hand, die Staatsgläubiger rc), suchte man ein anderes Schlaowort: Auti-Korruptlon. Was ist Korruption? fragte man sich. Protektionswesen, Stellenjägerei, Lieferungsperzente sind auch Korruption. Wieder kein Resultat. Da mußte man etwas finden und man wählte die Geduldigsten! Die Menschen nach der Abstammung einzuteilen, dazu gehört schon eine Kühnheit, die an die üppigsten Zeiten des Urzustandes und an dessen Wiederkehr in der Epoche des Faustrechtes erinnert. Der Geduldigste, seit Jahrtausenden ans Dulden Gewöhnte, wurde gewählt; da konnte mau sich ohne Gefahr, ohne in Verlegenheiten zu kommen, betätigen.

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