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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-03-25 · 13 (25.3.1904) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ur. 13 BlOCh 8 Jahrgang XXI Centrslorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. A. k. P»stspa«»Isrn-A«ck Clearing-Verkehr Nr. 610.976. LrdarNon und Administration: Wir« IX/l, Vrrggaffr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. Wie«. 35. Mär; 1904. Erscheint jeden Freitag. - ■» 4- —4- - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Telegramm-Adresse: Dloch'S Wochenschrift» Wien. Vrpkgsprri» Me Srstrr rr i ch: Halbjährig 8 Lrouea. Einzelexemplare SO Heller, Für'M Ausland r Halbjährig 10 Arvnen. ganzjährig 20 , Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. M ~ t ~ : Inhalt: Leitartikel: Unser Bürgermeister! — Gesellschaft und Geselligkeit in Wien Einst und Jetzt. — Jüdische Soldaten vor dem Feinde. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Columbus der Sohn einer Jüdin? — Korrespondenzen: Centenarium Salomon Sulzer's. Wien, Olmütz, Agram, Oderberg, Berlin, Karlsruhe Die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien. Wien, Hohenems, Neutitschein, Berlin. — Feuilleton: Jüdische Kulturbilder. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Unser Bürgermeister! Vielen tapferen Kämpen ist es so ergangen wie Herrn Josef Greg orig, dem christlich-sozialen Tribunen vom Neubau, uu) vielen nach ihm wird es noch ebenso ergehen. In der Ballade liest es sich sehr hübsch, wie der fromme Held den Drachen tödtet. Im wirklichen Leben ist es jedoch meist umgekehrt, und so ist denn auch der unerschrockene christlichsoziale Ritter mit der weißen Hemdbrust nicht Sieger über den „Drachen Korruption" geblieben, sondern er ist von ihm vernichtet worden. Auch die Wählerschaft hat diese Woche ihr Scherbengericht über Josef Gregorig gehalten. Unser politisches Leben ist durch den so grausam Hingerichteten nicht sonderlich bereichert worden und es wird in Zukunft nicht sonderlich viel an ihm verlieren. Sein Schicksal ist nur deshalb interessant, weil es uns zugleich die Brüchigkeit und Fäulnis der christlich-sozialen Partei enthüllt. Als es galt, die Liberalen in den Sand zu strecken, da ertönte als die wirksamste Parole der Ruf: Nieder mit der Korruption! Arm in Arm mit dem Juden Dr. Ignaz Mandl hat Dr. Karl Lueger feine erneu Sporen verdient und die Begeisterung des kleinen Mannes erweckt. Der Kampf gegen gewisse Mißbräuche nnd Uebelstände, die schließlich in jeder alternden Partei zutage treten, bildete die erste Staffel zu der Ruhmesleiter des heutigen Bürgermeisters von Wien. Man sprach erst von der liberalen Unmoral und erst lange Zeit später sprach man von der sogenannten „Tarnopoler Moral"; der Sturm richtete sich zuerst gegen die privilegierten Schichten des Bürgertums und erst viel später, nach seinem Bündnis mit Schönerer, entdeckte Herr Lueger seinen Beruf: „das christliche Volk von Wien vor der jüdischen Ausbeulung zu schützen." Wie wenig ernst ihm die Erfüllung dieses Berufes war, wie sehr die von ihm angefachte Judenhetze nur als Aushängeschild diente, um den dummen Kerl von Wien einzufangen, das zeigen die Vorgänge der letzten Tage im Schoße der christlich-sozialen Partei. Herr Gregorig, der Freund Vergani's und des „Bluthundes" Schwer, als Märtyrer — das ist allerdings eine etwas komische Figur, und für uns hat sein Geschick wenig Tragisches an sich. Aber an ihm erfüllt sich die alte Wahrheit, daß die politische Ehrlichkeit nur dann ihren Lohn findet, wenn sie sich gegen andere Parteien richtet, daß aber der Ankläger rücksichtslos niedergetreten wird, wenn er die bessernde Hand an die eigene Partei legen will. Josef Gregorig ist aus der christlich-sozialen Partei hinausgeworfen worden, aber was er aufgedeckt hat, riecht nicht nach Rosenwasser, und die Fäulnis ist heute für alle Welt offensichtlich. Man weiß nun, daß verschiedene, mehr oder minder maßgebende Herren dieser Partei in ihrem öffentlichen Amte kein Hindernis sehen, ihre privaten Vorteile zu wahren, und daß nicht alle Geschäfte, für welche der öffentliche Einfluß einzelner Parteigänger aufgeboten wurde, um Gotteslohn unternommen wurden. Es ist nicht unsere Sache, zu untersuchen, wie weit die Vorwürfe auf Wahrheit beruhen, die da von bedenklichen Protektionen, von Geldverleihungen gegen Wucherzinsen, von Ueberzahlungen für geleistete Kommunalarbeiten u. s. w., sprechen. Wir erinnern uns dabei nur des Sprichwortes, daß dort, wo Rauch ist, auch Feuer sei, und überlassen es im Uebrigen den bewährten Korruptionsriechern der christlichsozialen Partei, Licht in diese Halbdunkeln Andeutungen zu bringen. Dagegen interessiert uns ein klassischer Ausspruch, den der auf die Beobachtung der Staatsgrundgesetze beeidete Bürgermeister der Stadt Wien vor einigen Tagen in einer öffentlichen Versammlung getan hat. Wir wollen diesen Ausspruch wörtlich nach dem Berichte des geaichten christlichsozialen Parteiorgans, der „Deutschen Zeitung", zitieren. Herr Lueger sagte: „Es wird in Flugblättern darauf hingewiesen, daß Gemeinderat Hallmann an Juden sein Geschäft verkauft habe. Das antisemitische Programm lautet: Kauft nur bei Christen, oder mit anderen Worten: Kauft nicht bei Juden; aber nie hat es gelautet: Verkauft nichtan Juden. Freilich gibt es merkwürdige Christen, die das Gegenteil tun. Wenn einer beim Juden kaufen will, braucht er keine christlichen Zwischenhändler. Das einzig richtige Programm ist, daß der Christ seinen Mitbruder in jeder Beziehung unterstützen soll, daß er nicht beim Juden kauf t." Das ist allerdings nicht „Tarnopoler Moral", aber es ist Wiener Antisemitenmoral. Freilich, wenn man näher

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