Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette ln8 Dr. Blocb’s TKUccbenscbrlft. »Ja. 10 meinem Bündel meinen Weg zu Fuß immer weiter. Da kam mir eine glückliche Idee. Wenn große Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen, sagte ich mir, warum sollte ich denn nicht — mein Bündel vorauswerfen können? Das tat ich; ich warf es immer einige Schritte vor mir hin und ging ihm nach, um es wieder weiter zu werfen. So trieb ich das ungewohnte Ballspiel einige Zeit, ohne recht vorwärts zu kommen. Doch Gott erbarmte sich uleiner. Es kam ein Vehikel mir nachgefahren, es war ein von einem Esel gezogenes, zweirädriges Wägelchen, das ein einäugiges altes Weib, aus einer kurzen Tabakpfeise dampfend, lenkte. Sie nahm grade eine Prise Schnupftabak. Ich sprach sie an. Wir wurden bald Handeleins und solcherart hielt ich als „fahrender Scholast" meinen Einzug in die Stadt meiner Bestimmung. Da stand ich nun, ich dreizehnjähriger Junge, am Ziele meiner sechstägigen Reise, mit dem Bündel in der Hand, allein, weltverlassen, und wußte nicht, wohin mich wenden. Zunl erstenmalc seit meiner Abreise überkam mich jetzt das volle Bewußtsein der schweren Aufgabe, die meiner harrte, und der Ernst des Lebens trat in seiner ganzen Bedeutung an mich heran. Doch ich hatte keine Zeit zu unfruchtbaren Reflexionen. Ich fragte einen vorübergehenden Juden, wo ein Bochur (ein Talmudjünger) wohne, und er wies mich zu einem gewissen Grünbaum, wo ich gleich eine ganze Schar Talmudbeflissener fand. Das Grünbaum'sche Haus war so eine Art Kasino der Bochrim, wo jeder frei ein- und ausging. Nach kurzer Begrüßung legte mir einer der Anwesenden nahe, daß ich vor allem ein „Plett" mir verschaffen müsse. „Ein Plett?" fragte ich, zitternd vor innerer Erregung, und Schamröte bedeckte mein Gesicht. „Ja wohl, ein Plett! und tummeln Sie sich, denn es ist bald zwölf Uhr und nach zwölf bekommen Sie keines mehr." „Aber um Gotteswillen mir ein Plett! Bin ich denn ein Schnorrer?" Aber der gute Junge faßte mich resolut an der Hand und zog mich fort. „Kommen Sie, ich werde Ihnen das erklären." Ich muß das aber auch meinen Lesern erklären, von denen wohl die wenigsten wissen werden, was ein „Plett" ist, und warum das Wort eine solch niederschmetternde Wirkung auf mich übte. Ein „Plett"/ eigentlich B i l l e t, . war eine . Anweisung auf einen Freitisch für den Sabbat, die ein zugereister jüdischer Armer — und in Gemeinden, wo eine Talmudschule war, auch ein Bochur erhielt, welche Anweisung er in dem bezeichneten Hause abgab und sich damit die drei Sabbat-Mahlzeiten sicherte. Auf jedes Gemeindemitglied, das auf den Ehrennamen „Balbos" Anspruch erhob, wurde nach Maßgabe seines Vermögens eine gewisse Anzahl solcher „Pletts" pro anno repartiert. In Hunsdorf, wo es keine Talmudschule gab, bekam nur ein durchreisender Schnorrer einen Plett, und darum meine aufwallende Entrüstung über die Zumutung — mich selber zum Schnorrer zu degradieren. Auf dem Wege beschwichtigte mich mein Begleiter, indem er mir erklärte, daß ein großer Teil der Jeschiwa von dieser Munifizenz der Gemeinde Gebrauch mache, und ich ging ins Gemeindehaus, wo der Vorbeter, Schächter, Sekretär in einer Person, ein winzig kleines Männchen, dessen Zylinder, den er nur im Schlafe ablegte, fast so hoch war wie sein Träger selbst, mir mit freundlichem Entgegenkommen den erbetenen Plett ausfolgte. Er lautete auf Reb Jtzig Presser, zu dem ich mich sofort begab, um mich ihm vorzustellen. Schüchtern trat ich ins Zimmer und blieb an der Tür stehen. Eine ganze Schar zum Teil überreifer, schwarzer Mädchen umringte mich und gesenkten Blickes übergab ich das Zettelchen. Man lud mich zum Sitzen ein. Eine flüchtige Umschau im Zimmer überzeugte mich, daß nichts weniger als Wohlstand hier zuhause sei. Dementsprechend brachte man mir auf einem Teller zwei Schnitte Schwarzbrot, gleichsam als „Angabe". In wohlhabenden Häusern wird Backwerk gereicht. Nachdem ich das auch schon hinter mir hatte, ging ich ins „Kasino", wo ich mein Bündel abgelegt hatte. Dort fand ich zu meiner lebhaften Freude einen Landsmann, Leo Polluer, den Sproß einer frommen, vornehmen Gelehrtenfamilie, der, um einige Jahre älter, in Hunsdorf von meiner Existenz gar keine Notiz genommen hatte, hier aber mich warm begrüßte. Die Gesellschaft las eben Schiller's „Räuber", und als ich einige Stellen, insbesondere aber den großen Monolog Franz M o o r' s, in welchem er die Pflicht der Kindesliebe zerfasert und negiert (dessen leitender Gedanke sich übrigens merkwürdiger im Midrasch rabba zum III. Buche M., Kapitel 14 findet) auswendig hersagte, da war ich mit einem einzigen kühnen Satze in die Reihe der „großen Buchurim" hineingesprungen, die .mich, den Knirps, als ebenbürtig aufnahmen. Nachdem P o l l n e r mich bei einer armen Witwe für einen Gulden monatliche Miete einquartiert hatte, gab es für mich nichts dringenderes zu thun, als zum Bahnhof zu eilen, wo eben der Zug ankommen sollte. Diese Teilstrecke der Nordbahn von Leipnik bis Lundenburg war damals, im Jahre 1850, schon inl Betrieb. Ich wollte nun endlich eine Eisenbahn sehen! Wie mich da das Dampfroß überraschte, das ohne sichtbar treibende Kraft mit Windeseile dahinbrauste, läßt sich wol denken, besonders wenn man es mit dem Gespann vergleicht, mit dem ich den Einzug in Leipnik hielt. Abends ging ich nach dem Gottesdienst zum Nachtmahl. Es war das erstemal, daß ich an einem fremden Tische von „Pletts" Gnaden saß. Was Wunder, daß ich, vom Heimweh erfüllt, meiner Lieben in der weiten, weiten Ferne gedachte und mein Auge mit Tränen sich füllte? Das merkten die guten Leute und sie bemühten sich, meine trübe Stimmung aufzuhellen. Am Sabbatmorgen vor 9 Uhr sah ich den Tempeldiener, der an Wochentagen als jüdischer Polizeimann in einer Uniform, ähnlich der unserer Finanzwächter, mit einem Degen an der Seite, über die öffentliche Ruhe und Ordnung in der Gemeinde wachte, durch die Judengasse schreiten, natürlich diesmal, des Sabbats wegen, ohne Waffe. Er rief die Gläubigen in die Synagoge. Das war mir nichts Neuxs, das geschieht auch in. Hunsdorf; aber während dort der „Schames" in jedes Fenster kurz und sprachrichtig: „in S ch ü l" rief, schrie der in Leipnik aus Leibeskräften „in der Schüüül". Das verletzte mein grammatikalisch geschultes Ohr so sehr, daß ich unwillkürlich lauter als ich wollte und sollte, rief: Auf die F!age „wohin" — in die Schul. Der Mann drehte sich um und maß mich vom Kopf bis zum Fuß, was freilich nicht lange dauerte, denn das, was er maß, war gar zu klein, und ging gravitätisch weiter. Ich aber folgte ihm, um mich zu überzeugen, ob meine Belehrung auf fruchtbaren Boden gefallen. Er blieb unverbesserlich; unentwegt schrie er weiter „in der Schül". Ich korrigierte wieder und das ging so eine Weile fort, bis ihm endlich diese unerbetene, beharrliche Korrektur doch zu bunt wurde und der Polizeimayn in ihm sich regte. Er griff nach — der Stelle, wo sonst sein Degen hing, begnügte sich aber mir zuzurufen: „M'schirst (pack dich), sog ich Dir". Ich sah ein, daß dem Mann nicht zu helfen sei und daß ich doch endlich nicht als Sprachreiniger von Hunsdorf nach Leipnik gekommen, und so ließ ich ihn ferner unbehelligt, umsomehr, als eine neue Erscheinung meine Aufmerksamkeit fesselte. Von den Tempelbesuchern, die aus den Häusern kamen, waren die älteren mit einem langen schwarten Talar bekleidet, von dem rücklvärts eine seidene Schärpe herabhing, die sie über den Arm geschlagen trugen; ihr Haupt schmückte ein „Häubelbrettl" (Barett), eine Kleidung, wie sie der Richter im Amte in allen romanischen Ländern, auch in Deutschland und Oesterreich trägt. Der Rabbiner hatte eine hohe, gelbe Pelzmütze, die mich an — Harschet Temerls erinnerte. Von dem Erhabenen zum Lächerlichen ist ja nur ein Schritt. - Nach dem Gottesdienste stellte ich mich dem „Rebbe" vor. Der Empfang war kurz, kalt und beschränkte sich auf einige Fragen. Ich sah ein, daß der Gedanke, mich zu adoptieren, so urplötzlich ihm doch nicht kommen konnte. (Fortsetzung folgt.)