Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 9 Dr. Llocb's MlocdenscbrM. Sette 137 Gemeinde Stefaneschti 400 Francs als einmaliger Beitrag zum Bau der dortigen jüdischen Schule, ferner 600 Francs als Beitrag zur Linderung der Not zahlreicher Familien bewilligt. Subventionen erhielten ferner für das laufende Jahr die akademischen Vereine „Bar Kochba" (galizische jüdische Studierende), „Erez Israel" (rumänische jüdische Studierende), „Leo Pinsker" (russische jüdische Studierende) in Wien und „Charitas" in Graz. — Herr Dr. Kaminka berichtete ferner über eine in Budapest stattgefundene Konferenz zur Regelung der Rückwanderung, bei der er die Allianz vertreten hat, und über verschiedene literarische Publikationen, denen Beiträge zu den Druckkosten bewilligt werden. Endlich werden über seinen Antrag die Herren Moriz K r a s n y in M.-Ostrau und Dr. Emil Farkas in Budapest zu korrespondierenden Mitgliedern gewählt. Der Anlisemilismus als Erzieher. Der „Pester Lloyd" berichtet: Mitte Juli vorigen Jahres verirrte sich das vierjährige Söhnchen des Gemischtwarenhändlers Jakob Blau in Apanagyfalu aufs Feld. Die 15jährigen rumänischen Hirten Jakob Zigrean und Martin Darloczi, die es dort fanden, führten mit dem Kinde die grausamsten Scherze auf. So gaben sie ihm den Kot der Schafe zu essen, setzten den Kleinen auf einen Ameisenhaufen, steckten ihm Glasscherben in den Mund und steckten schließlich den schwer verletzten Knaben in ein Dachsloch. Die verzweifelten Eltern suchten überall ihr Kind, bis Darloczi den Aufenthalt des Kleinen verriet. Der kleine Blau wurde aus dem Dachstoch wohl noch lebend ausgegraben, ist aber schwer krank. Jakob Zigrean wurde vom Deeser Schwurgerichtshof, mit Rücksicht auf seine Jugend, wegen Versuches der vorsätzlichen Tötung zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Der andere Hirte wurde freigesprochen. Die von der Verteidigung eingebrachte Nichtigkeitsbeschwerde wurde von der Kurie verworfen. Czernowitz. (Zu den Judeuexzessen bei Zablotow.) Vor dem Erkenntnissenate des hiesigen Landesgerichtes' hatten sich heute mehrere Insassen des Ortes Piedekuts bei Zablotow wegen Hausfriedensbruches und Verbrechens der öffentlichen Gewalttätigkeit zu verantworten. Die Anklage schildert die bekannten Exzesse in Zablotow als typische Judenexzeffe, bei denen Hab und Gut vieler Juden vernichtet wurde. Der Staatsanwalt forderte des warnenden Beispiels wegen doppelt strenge Bestrafung der Exzedenten. Der Gerichtshof unter Vorsitz des Landesgerichtsrates Olinski sprach alle Angeklagten schuldig und verurteilte Pruszkowski zu einem Jahre schweren Kerkers, verschärft mit einem Fasttag monatlich, Bednar zu siebzehn Monaten, Charina, Fedoczek und Szokan zu je acht Monaten schweren, verschärften Kerkers. Dresden. Der antisemitische Reichstagsabgeordnete Graefe, bekanntlich der einzige sächsische „Ordnungsvertreter" noch im Reichstag, hat auf die Rede hin, in welcher er die sächsischen Behörden wegen ihres Verhaltens im Crimmitschauer Streik in Schutz nahm, folgendes Telegramm des Prinzen v. Schwarzburg aus Dessau erhalten: „Freudigst berührt durch Ihre eben gelesene glänzende Rede, spreche ich Ihnen meinen herzlichsten Glückwunsch aus in der Hoffnung auf schnelles Wachsen der Zahl JhrerbegeistertenAnhängerdes Wahlspruches„iu hoc signo yinces“. Große geistige Ansprüche scheint dieser Prinz nicht zu machen. Berlin. Sehr geehrter Herr Redakteur! Vor einigen Monaten brachten Sie in Ihrem geschätzten Blatte eine Zuschrift des Herrn Dr. C. gegen die Verwendung der europäischen Briefmarken durch jüdische Absender in Jerusalem. An diese Zuschrift knüpfte sich eine lebhafte Polemik und diese Polemik veranlaßte mich, bei meiner Anwesenheit in Palästina im letzten Dezember und Jänner eine Probe auf das Exempel zu machen. Ich sandte durch die türkische Post 60 Briefe und Karten und ungefähr die gleiche Zahl durch die österreichische resp. deutsche Post. Ich kann nunmehr konstatieren, daß von den 60 Sendungen, für die ich die türkische Post benutzte, nur die Hälfte angekommen ist, während die durch die deutsche und österreichische Post expedierten Briefe und Karten fast ausnahmslos ihr Ziel erreicht haben. Ihre Leser, sowie der Herr Dr. C. selbst werden sich demnach ein Bild davon machen können, inwieweit es zweckmäßig ist, die türkische Post zu benützen, wenn man Wert darauf legt, daß die Sendungen ankommen. Hochachtungsvoll gez. W. Bambus. Der polnische Aeskulap. In Warschau besteht seit Jahrzehnten eine Aerzte-Gesellschaft, die etwa 300 Mitglieder zählt. Aufnahmebedingung ist, daß der Neuling mindestens eine wissenschaftlich-medizinische Arbeit vorlegen kann. Im Jänner findet die regelmäßige Aufnahmesitzung statt. Sie ist die einzige besuchte. Zu dieser erscheinen die polnischen Mitglieder mit religiösem Eifer, um darüber zu wachen, daß kein jüdischer Medizinmann zur Aufnahme gelange. Er mag gelehrt und tadellos sein — er darf nicht herein. Das ist nicht Satzung, aber seit Jahren fester Brauch. Um auszugleichen, daß man etwas stetig übt, was nicht Satzungsvorschrift ist, läßt man die Satzungsbestimmung außer Brauch, daß das neueintretende Mitglied wissenschaftlich etwas geleistet haben muß. Darauf wird verzichtet, sobald der Kandidat in der Wissenschaft des Rassenhasses sich praktisch erprobt hat. Die Gesellschaft hat noch fünfzig jüdische Mitglieder aus früherer Zeit. Den protestantischen Aerzten geht es wie den jüdischen. Petersburg. Im Bethause der Talmud-Thora-Schule von Kischenew wurde in Anwesenheit von 3000 Personen ein Bittgottesdienst für den Sieg der russischen Waffen abgehalten. Cultusvorsteher Lipschützhielt eine patriotische Rede, in welcher erausBibel und Talmud nachwies, daß es Pflicht aller Juden sei, für das Wohl des Vaterlandes das Leben einzusetzen. Die Kriegserklärung des russischen Kaisers wurde vor der Bundeslade verlesen. Der Gouverneur von Befsarabien Fürst Uruffow hat die Vertreter der jüdischen Gemeinde Dr. Mutschnik und Doktor Slazki zu sich beordert und ihnen vorgehalten, daß in der jüdischen Bevölkerung eine zu geringe Begeisterung für den Krieg gegen Japan bemerkbar sei. Er belehrte sie, daß es ihre Pflicht sei, sich mit großen Spenden an den Sammlungen zu militärischen Zwecken zu beteiligen, und daß die Juden nicht patriotisch handeln, wenn sie — wie es im ganzen Reiche von Kaufleuten aller Konfessionen vielfach geschach — ihre Guthaben bei der Reichsbank zurückziehen. Aehnliche Mahnungen richtete er auch an die Rabbiner in Kischenew. Die patriotischen Straßendemonstrationen in St. Petersburg, die nach Ausbruch des Krieges wirklich imposant waren, wiederholen sich noch immer, sind aber jetzt zu wüsten Szenen ausgeartet, an denen nur mehr die Hefe des Volkes, Straßenjungen und Arbeitslose, allerdings auch Studenten mit ihren Liebchen teilnehmen. Es sieht in den Straßen wie zur Zeit der Studenten- und Arbeiterunruhen aus, nur daß die nationale Flagge an Stelle der roten Fahne getreten ist und an Stelle des revolutionären Liedes das patriotische gesungen wird. Es sieht mehr einer grotesken Parodie auf den Patriotismus gleich, wenn diese Aufzüge immer einen großen Schwarm allen möglichen Ulk treibender Leute im Gefolge haben, die durch die Musikbande, welche an der Spitze marschiert, angelockt werden. Die Polizei weiß nicht, wie sie sich verhalten soll. Sie wagt nicht einzuschreiten, um nicht Widerstand und Krawalle zu provozieren, und fürchtet sich andererseits lächerlich zu machen, wenn sie Leute verhaftet, die vorgeben, den Segen Gottes für den Zaren erflehen zu wollen, wenn dies auch gerade nicht in ftommster Weise geschieht. Am Abend werden diese Aufzüge gewöhnlich so lärmend und turbulent, daß man in Regierungskreisen bereits lebhafte Beunruhigung empfindet. In diesen Volksansammlungen werden Zirkulare aufrührerischen Inhaltes unter den Massen verteilt. Die Polizei verdoppelt daher ihre Vorsicht in der gerechtfertigten Befürchtung kommender Unruhen. Bei der Vidierung und Ausfolgung von Pässen wird vermehrte Wachsamkeit beobachtet, Hausdurchsuchungen sind wieder zur Regel geworden und zahlreiche Verhaftungen werden vorgenommen in der Hoffnung, die sich wieder ankündigende revolutionäre Bewegung im Keime zu ersticken.