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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-26 · 9 (26.2.1904) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 134 Dr. Mocb's MllocbenscbrM. Nr. 9 llärungsperiode recht fühlbar eingezogen; man reckte die Glieder nach langem Schlaf und das betriebsame Völkchen, das stets in regem Verkehr mit der lauten Bevölkerung der Stadt stand, durch eine gewisse Prominenz des ärztlichen Wissens vielseitig Ansehen genoß, war nunmehr von einer wahren Begierde des Lernens, der geistigen Expansion, der Aufnahme neuer, und zwar deutscher Bildungselemente erfüllt. Konrektor Mosche, Hufnagel und Gründerrode hatten in in Frankfurt ein Vorbild gegeben, die Musterschule wurde gegründet. In der Judengasse selbst hatten schon Mayer Amschel Rothschild, sowie der Vater Ludwig Börne's, Jakob Baruch, Hausunterricht für ihre Kinder eingerichtet; aber noch im Jahre 1794 war der Versuch, eine deutsche Schule zu gründen, an dem Widerstand der strengen Altgläubigen, der Talmudisten, gescheitert. Gleichwohl hatte der Hauslehrer Baruch's Jakob Sachs aus Schlesien, bereits 1804 eine Privatschule für Vermögende ms Leben gerufen. Deutsche Bildung proklamierte auch das sogenannte „Brunnenkolleg" der Judengasse, das Lektüre und Vorträge zum Ziel hatte. Nun traten am 1. Jänner 1804 einige Mitglieder der Gemeinde (Geisenheimer, Reis, Stiebe! und Kulp) zusammen, zunächst um einen Einzelnen, dem Waisenkind Moses Weintraub aus Polen zur Erziehung und Ausbildung zu verhelfen, weitere Mittel aber für Schulzwecke zu verwenden. Sigismurü) Geisenheimer war ein aktiver Mensch. Er war 1775 in Bingen geboren, früh nach Frankfurt gekommen — dieser Magnet zieht mit Sicherheit so viele fähige Köpfe des Rheinlandes an — und war im Alter von zwanzig Jahren erster Buchhalter bei Mayer Amschel Rothschild geworden. Man könnte den letztgenannten merkwürdigen Mann fast als den intellektuellen Gründer des Philanthropins bezeichnen. Denn er war es, der seinem Buchhalter jenen armen Schüler Weintraub zuführte und ihm sagte: „Nehmet Euch dieses Knaben an, er lernt ebenso gern, wie Ihr lehrt! Seht zu, was Ihr aus chm macht!" Einige Kinder, die man zur Lehre annahm, wurden der kaum erstandenen Musterschule zugewiesen. Gleichzeitig mietete man Wallgraben 14 im Spritzenhaus eine Stube und richtete sie (unter einem Lehrer Lambert aus Metz) zum Schulzimmer ein. Den Liebhaber interessieren stets die Anfänge mehr als der Fortgang, wenn es sich um geistige Unternehmungen handelt. Aus chnen kann man das Wesen erkennen. Hier läßt sich rühmen, daß alsbald der Sinn jener Gründer auf eine höhere Sphäre, auf außerkonfessionelle Erweiterung gerichtet war. Pestalozzi's und Basedow's Ideen waren in voller Blüte. „Man ahmte die Einrichtungen des Basedowschen Philanthropins nach", sagt Baerwald in seinem geschichtlichen Rückblick auf die Schule. Schon 1811 hatte ein Christ um Aufnahme seines Sohnes gebeten. Da zogen die Vorsteher den vornehmen Basedowschen Titel „Philanthropin", die allumfassende Tendenz des Unterrichts, in Betracht und gewährten (als Grundsatz der Zukunft) die Aufnahme. Simon Moritz v. Bethmann hatte sich im Jahre 1807 persönlich tatkräftig, auch mit namhaftem Beitrag für die Schule verwandt. Bei der Gründung war Geisenheimer nicht nur mit Rothschild, sondern auch mit den Börne und Heine in Werktätigkeit zusammengetroffen. Es waren die Väter der Pariser feindlichen Brüder, Frankfurt war allezeit für die ganze rheinische Judenschaft Metropole der Fortschritts- und Befteiungsgedanken. Der junge Heine hat in späterer Zeit in der hiesigen Loge verkehrt. Interessant ist es, daß „Dr. Ludwig Börne" (Baruch) sich 1811 auf der Subskribenten-Liste eigenhändig einzeichnet. Der Konrektor Mosche half alsbald die Schule bei der Erweiterung auf eine feste Basis stellen, und vor allem hat dann Dalberg, der Fürstprimas der napoleouischen Episode, mit wirklicher Liebe chre Interessen gefördert. Er hatte 1807 eine neue Judenstättigkeit ausarbeiten lassen und damit der Gemeindeverwaltung neue Regeln gegeben; ein tüchtiges Mitglied in der Schulsektion des freisinnigen Gemeindevorstands war Süßkind Stern und dieser wurde auch für den Plan einer vom Fürsten zu begründenden „Karlsschule" gewonnen, die im Compostell untergebracht werden sollte. Stern starb aber 1811 und inzwischen hatte sich das Philanthropin kräftig entwickelt, daß man den Mut gewann, die Behörden des neuen Großherzogtums Frankfurt um Beihilfe für die Schule anzugehen. Sie hatte bereits 229 Schüler. Der Generalkurator des öffentlichen Unterrichtes begutachtete die Schule im günstigen Sinne, und so wurde sie als Grundstock einer öffentlichen israelitischen Schule, als Bürger- und Realschule mit Staatsunterstützung anerkannt. In der obersten Schulbehörde saß Dr. Oppenheim, eine hervorragende Kraft und ein tüchtiger Schulmann; Michael Heß wirkte als Dirigent seit 1806 in dem Sinne, das Philanthropin Richtschnur werden zu lassen und den großherzoglichen Plan einer Volksschule abzuwenden. So war das Philanthropin siegreich aus den schwierigen Reformbewegungen hervorgegangen. Seine erste größere Unterkunftsstätte hatte es in dem von der projektierten Karlsschule gleichsanr vererbten Compostell-Hof gefunden, den Dalberg der Gemeinde käuflich überließ. Eine Mädchenschule wurde 1810 eröffnet. Nach der napoleonischen Zeit und der erklärten Selbstständigkeit der Stadt Frankfurt wurde, wie bekannt, die Primatische Gleichstellung der Juden aufgehoben, die städtischen Zuschüsse wurden infolgedessen der Schule entzogen; Gemeindevorstand und Schulrat harmonierten außerdem nicht und die strenggläubigen Elemente verlangten wieder die Herrschaft des Talmud. Durch alle diese Umstände wurde der Fortbestand der Schule nicht wenig gefährdet. Von 1816 bis 1819 gelang es auch finanziell nur mühsam, die alte Leistungsfähigkeit zu erhalten. Schöff Ihm war im Senat ein trostreicher Helfer in der Not. Er war unter Dalberg Generalsekretär der Präfektur und hatte seinen Uebergang in den städtischen Dienst leicht bewerkstelligt. Anhänger der Aufklärungs-Prinzipien, setzte er sich alsbald mit Heß in Verbindung und stellte die primatischen Verfügungen über die Stiftungen wieder her, den Finanzen der Schule half er bereitwillig nach. Geordnete Zustände wurden auch in der inneren Organisation hergestellt. Im Jahre 1823 trat Geisenheimer aus dem Schulrat aus; er starb 1828. Tüchtige Lehrer wurden jetzt in der Folge berufen: M. Creizenach aus Mainz, der Historiker Jost. Im Jahre 1845 konnte die Schule ein neues geräumiges Schulhaus beziehen, das am 13. November eröffnet würde, und 1855 trat an Stelle von Heß der ausgezeichnete Schulmann Stern, der heute noch in gutem Gedächtnis lebt. Er starb 1867; nur ein Alter von 55 Jahren hatte er erreicht. Fast ein Jahr später ward Hermann Baerwald zum Direktor gewählt, damals, 40 Jahre alt, aus Berlin berufen. Ein feiner historischer Kopf, Schüler Ranke's, hat er dann 31 Jahre lang die Leitung gehabt. Als er am 3. August 1868 in Frankfurt in sein Amt eingeführt wurde, mußten gerade die Verhandlungen beendet werden, die die Eingliederung der Schule in die preußische Schulordnung zum Ziele hatten. Die Anerkennung als Realschule zweiter Ordnung folgte, es wurde freilich nur ein sechsjähriger Kursus zugestanden, wie bei den preußischen lateinlosen höheren Bürgerschulen. Es drohte sogar eine Degradation, weil der siebenjährige Kursus Norm war. Aber die Leistungen wurden bei kommissarischer Prüfung als gleichwertig anerkannt. Die Oberprima konnte jedoch bei der Abneigung der Eltern lange Zeit nicht besetzt werden. Ich folge in der Darstellung dieser neueren Entwickelung einer umfangreichen Uebersicht, die das jetzige Direktorium aus Anlaß des Jubiläums vorbereitet hat. Sie nimmt auch auf die Errichtung der städtischen Schuldeputation Rücksicht. Die Schule wurde stark davon berührt, daß von nun an ihre Lehrer eine Versetzung an andere städtische Schulen gewärtigen mußten. Das Lehrziel war mit der Zeit etwas verrückt worden, der Lehrplan ging auf das Praktische und hatte ein zu großes Nebeneinander der Unterrichtsgegenstände. Das wurde korrigiert. Die neuen Lehrpläne von 1892 brauchten nicht sonderlich berücksichtigt zu werden, da die meisten Forderungen in der Schule schon erledigt waren. Neue und bessere Lehrerbesoldungen wurden schon 1874 eingeführt, 1890 Erhöhung der Witwenpensionen. Im August 1870 starb ein hervorragender Lehrer, Lazarus Geiger, der Sprachforscher. Er war an der Schule seit 1861 tätig, mild und geistvoll im Unterricht; mit Recht wird er eine

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