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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-26 · 9 (26.2.1904) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9 Dr. Dlocb s Mocbenscbrltt, Sette 133 daraus zu erkennen, daß die Juden keinerlei Vorteil davon haben, während sie allerhand Vorteile gewinnen könnten, wollten sie russische Patrioten werden.Herr von Plehwe irrt in der Annahme, daß der Zionismus ein unschädliches Substitut für den Sozialismus sein kann. Beides sind Auswüchse tiefeingewurzelter politischer Unzufriedenheit und werden sich für das Land verderblich erweisen, in deni sie existieren." Ueber den letzten Punkt habe ich mit Herrn von Plehwe ernst und rückhaltlos gesprochen, obgleich ich zur Z it noch nicht viel Positives über den Stand der revolutionären Bewegung unter den russischen und polnischen Inden wußte. Die mir von Herrn von Tatistschew, einem der vertrautesten Mitarbeiter des Ministers, gegebene Auskunft, daß 40 Perzent der jüdischen Jugend zu den Revolutionären gehörten, kann nicht zutreffen. Die Majorität der Juden sind die fanatischen Chaffidim und Misnagdim, zu deren Glaubensartikeln die Ueberzeugung gehört, daß die Unbilden der Gefangenschaft nur durch die direkte Intervention der Vorsehung aufhören werden; eine große Anzahl anderer Juden leben in so tiefem Elend, daß sie nicht einmal politischer Agitation fähig sind. Die organisierte Bewegung unter der gebildeten Jugend und der Arbeiterbevölkerung der großen Städte ist allerdings sehr bedeutend, aber die Anhäufung unorganisierten Mißvergnügens ist ungeheuer groß. Als Herr von Plehwe mir diese Zustände als Ursache für sein strenges Vorgehen angab, machte ich ihn darauf aufmerksam, daß erfahrungsgemäß Unterdrückung niemals die Unzufriedenheit des Volks geheilt hat. Gerade in Bezug auf die Juden hat die Erfahrung Westeuropas gelehrt, daß derselbe Jude, der unter bedrückenden Gesetzen ein Revolutionär gewesen, unter der Gleichberechtigung ein gemäßigter Konservativer wird. Lord Beaconsfield war im Jahre 1852, wo die starke Beteiligung der Juden an den Aufständen von 1848 noch in frischer Erinnerung war, kühn genug, auf diese Erfahrung hinzuweisen, und die Entwicklung der englischen inneren Politik hat die Wahrheit seiner Behauptung bewiesen. Ich führte weiter aus. daß der Jude nach seiner natürlichen Anlage und nach seinen Gewohnheiten Individualist ist; wenn er in Rußland Sozialist wird, so geschieht es, weil das für ihn das einzige Mittel ist, seiner politischen Unzufriedenheit angemessenen Ausdruck zu geben. Nach meiner Meinung treiben die russischen Staatsmänner ein gefährliches Spiel, wenn sie die jüdische Intelligenz in das Lager des Nihilismus treiben. Da unter den Russen selbst schon so viel Unzufriedenheit besteht, würde nach meiner Meinung die russische Regierung in ihrem eigenen Interesse handeln, wenn sie den angeborenen konservativen Sinn der Juden kultivierte und aus ihnen ein Element der Stetigkeit im Reiche machen würde. Das einzig wirksame Mittel gegen die Revolution besteht meiner Meinung nach darin, daß man ihr ihre Rechtfertigung nimmt. — Herr von Plehwe hörte alle diese Reden aufmerksam und geduldig an und verabschiedete sich von mir auf das freundlichste. Das offizielle Organ des zionistischen Aktionskomitees schreibt aus Anlaß dieser Publikation: „Beim Lesen dieses Berichtes fragt man sich unwillkürlich, was mehr zu bewundern sei, die staatsmännische Weisheit des Herrn Wolf, der einem russischen Minister rät, an der gefährdetsten Grenze des Reiches die bedrücktesten Untertanen statt der Militärkolonisten anzusiedeln, oder der Mut des Leidens, den Herr Wolf mit diesem Vorschläge — für die russischen Juden an den Tag legt. Es wäre sehr erfreulich, wenn Mr. Wolf selbst sich in Südsibirien ansiedelte und auf seine Berechnung die Probe machte. Leider bekommt er aber nur einen Paß bis Petersburg und auch den nur durch Verwendung einflußreicher Freunde. Er wird also der englischen Judenheit erhalten bleiben. Der Mann, der diese Vorschläge vorzubringen wagte, ist derselbe Mr. Wolf, der unsere Bewegung so oft in unfairer Weise angegriffen hat. Mit seinen Ansiedlungsplänen mag er vielleicht den Leuten in London imponieren. Wir, die wir Mr. Wolf und die Verhältnisse kennen, brauchen unseren Freunden wohl nicht erst zu sagen, was wir von beiden halten." Gin Inbilimrir. Von Dr. A. Hammeran-Frankfurt a. M. Im kommenden Frühling begeht die jüdische Gemeinde in Frankfurt die Jahrhundertfeier ihrer Schule, des Philanthropins. Edelrost der Vergangenheit liegt auf ihrer Entwicklung. Aber die Fähigkeit einer so großen Gemeinde wird in Generationen Tag für Tag aus dem Kleinen geboren. Aus den Dörfern des ganzen Rheinlandes und der Wetterau sehen wir die Elemente zusammenwachsen, die hier fruchtbar geworden sind. Wenn ich nicht irre, hat der unversiegbare Kulturdrang des Judentums einen alten und einen jugendlichen Zug. Das Alte ist die gute strenggläubige jüdische Familie mit ihrer Rechtschaffenheit und ihrer engen Sphäre, wie sie der Maler Oppenheim aus der Judengasse schildert. Sie hat den alttestamentlichen Zug der Größe. Neu und jugendlich ist die Ausdehnung, der Amerikanismus, die Ellenbogen-Logik. Wer ein wenig Geschichte kennt, der weiß, daß es nur das Wiederaufleben des phönikischen Geistes ist, der um ein Haar die Welt gewonnen hätte. Rom war die Clio, es war männlicher als Carthago und hat das Abendland davongetragen. Es gibt etwas Anmutiges, Familiär-Naives in der Naturgeschichte der Juden: das dörfliche Zusammenleben mit unseren deutschen Bauern in alter Zeit. Psychologisch tief und ergreifend analysiert Bogumil Goltz dieses seelische Umfassen im deutschen Westpreußen und Polen, er weiß aber auch wie kein anderer den Wert der Rasse zu taxieren. Fast sprichwörtlich ist die Ueberlegenheit der Landjuden über den sublimsten Bauer. Jener ist meines Erachtens geistiger. Ich bin erstaunt, daß man den Grund nicht erkennt. Hier liegt das Geheimnis der Erhebung der Rasse und ihrer Stellung in unserem Volksleben; es ist kein soziales, sondern ein anthropologisches Problem. In seiner Reisetasche hat dieser Ahasver, der Semite, eine Kultur von vielen Jahrtausenden, der Germane kennt nur eine solche von zweien — ein Kindheitsalter für eine Rasse. Nun ist das Gehirn ein Erbe, eine Summe von Erfahrungen und Bildungen der Generationen. Unbewußt seinem Träger ist es hier der Bewahrer eines uralten Schatzes von Weltverstand. Wir Deutsche sollten stolz darauf sein, daß wir in unserer Jugend diesen Wettbewerb so gut bestanden haben. Die kleine Gruppe hat uns zwei Fürsten oktroyirt: Spinoza und Heinrich Heine. In der Politik ist Johann Jacoby der über das Jahrhundert Leuchtende. Sicherlich find sie Verwandte des deutschen Geistes und merkwürdig nahe steht die ganze Rasse diesem Geist, näher als Romanen und Slaven. Goethe, Beethoven und Bismarck kann sie uns nicht nachmachen. Zu solchen Meisterwerken gehört Bodenständigkeit und geschlossener Nationalcharakter, jede Rasse hat auch eine Grenze des Vermögens. Aber der geknechtete Exilierte hat etwas geleistet. Bor meinem Auge steht ein deutsches Landschaftsbild, das den Wanderer gewöhnlich kalt läßt: der Judenkirchhof auf freiem Felde. Es gibt nichts Ergreifenderes als dieses Exil orientalischer Grabsteine auf deutscher Erde, diese Landfremdheit im Tode. Weit hinaus vor die Dörfer find sie gewiesen. Helles Tageslicht vertragen sie nicht. Wie schön präsentiert sich aber diese malerische Unordnung, der patriarchalische Steinkultus, wenn man, zu mitternächtiger Stunde des Hochsommers oder vor Sonnenaufgang durch rheinhessische und mainische Dörfer gehend, bisweilen unversehends auf solch' eine Todtenstätte stößt. Lautlos und menschenleer ist dann die Dorsstraße, aber die tiefste Melancholie — unsere Maler kennen die Gelegenheit nicht — atmet der Todtenhof der fremden Gemeinde und er liegt oft ganz ohne Mauerumzäunung (wie hinter Niederursel) in der herrlichsten Landschaft. Er ist eine ausgeglichene warme Schattierung der Landschaft. Eine merkwürdige Scheu vor dem Tode hält die Angehörigen fern von den Bestatteten, die Verlassenheit ist dauernd und nirgends werden die Gräber mit Blumen geschmückt. Aber jeder Leichenstein hat doch etwas ganz heimatlich Apartes, ein Pietätszeichen: die kleine hebräische Sippe im Dorf hat das dazu gehörige Grab selbst bereitet, den Todten selbst bestattet. Neben dem uralten Judenfriedhof an der früheren Judengasse in Frankfurt liegt eine ganz moderne Schule, das Philanthropin. Sie liegt nicht mehr an derselben Stelle wie zur Zeit, da sie gegründet wurde. Aber als sie 1804 ins Leben trat, war der Schauplatz jeder Tätigkeit der jüdischen Gemeinde noch ausschließlich das Ostviertel der Stadt. Deren Dasein war nicht mehr ganz unftei, doch durch die Oertlichkeit der Judengaffe begrenzt. Auch das war schon eine zweite Station. Denn in ältester Zeit gruppierte sich ihr Anbau und ihre Kultusstätte ausschließlich um den Dom bis zum Fahrtor, sie waren dem Königspalast angeschlossen, der südliche Teil der Fahrgaffe sogar war vorzugsweise von Juden bewohnt. In der späteren Judengasse war zu Ende des 18. Jahrhunderts der Geist der Auf-

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