Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 8 M. Mvch'S WvchrnML.llL Sette 121 sogar bis ins Ausland verfolgte Schrift nicht weniger als viermal vertreten. Drei dieser Exemplare enthalten hochinteressante Notizen von der Hand ihrer einstigen Besitzer, einmal sogar die Bemerkung: Stosch „leugnet ja gar nicht, sondern bestärcket vielmehr, daß ein Gott sey". Stosch hat den Boden Berlins für spätere Freigeister vorbereitet. In der That zieht auch der Materialismus aus dem Vehikel des Spinozismus in die preußische Hauptstadt ein, und zwar in den Meditationes pdilosopiiieae" des fürstlich kurländischen Staatsraths und Cabinetsdirectvrs Theod. Ludw. Lau (1717). Wir finden ihn in Hamburg gar fünfmal vertreten. An Hamburg knüpfen sich auch persönliche Beziehungen einiger in dem Geruch des Spinozismus stehender Geister. Trotz aller Beschimpfungen, die er ihm angedeihen läßt und die d« n Verwünschungen der erbittertsten Spinozafeinde nichts nachgeben, ist Joh. Chr. Dippel durchtränkt von der Lehre des Philosophen von Amsterdam, die er freilich in krauser und unklarer Form zum Ausdruck bringt. Bemerkenswerter als seine Schriften, die von dem Geiste der „Ethik" Spinoza's gar wenig verrathen, sind Dippel's abenteuerliche Schicksale. Aus verschiedenen Ländern verwiesen, wurde er als Kanzleirath nach Dänemark berufen. Unkluger Aeußerungen über den König wegen mußte er auch von dort wieder fliehen. Er wurde in Hamburg ausgeliefert und starb endlich nach vielen Irrfahrten 1734 auf Schloß Wittgenstein. Als Curiosum sei hier erwähnt, daß des Spinozismus auch ein Mann verdächtigt wurde, der lange Zeit einen Zankapfel zwischen Hamburg und Dänemark bildete und bei dem man spinozistische Anwandlungen gewiß nicht vermuthen kann. Den Altonaer Oberrabbiner Jonathan Eybeschütz klagen seine Gegner nach einer Urkunde des hiesigen Staatsarchivs 1753 an, „wegen etlicher unter seinem Nahmen herumgegangener Manuscripte, worinnen lauter epicureische und Spinosische Lehrsätze und wieder alle Religion laufende Gedanken von Gott und den göttlichen Wesen enthalten." Ist doch selbst Leibniz, von dem sich, wie von zwei anderen persönlichen Bekannten Spinoza'«, von Oldenburg und Tschirnhausen, in der Wolf'schen Sammlung Briefe, zum Theil von beträchtlichem Werthe. finden und der mit Wolf selbst solche gewechselt hat, dem Odium des Spinozismus nicht' entgangen! Ein würdiger und überzeugter Anhänger Spinoza's hingegen ja die lichteste Gestalt aus der ersten Periode des Spinozismus in Deutschland, ist Joh. Chr. Edelmann, der schärfste und kühnste deutsche Freidenker in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Erst David Friedrich Strauß hat, selbst von seinen Gegnern „Edelmannus redivivus“ genannt, diesen Geist aus dem Bann der Vergessenheit erlöst, dem er dank Censur und Kirchenbann schon bei Lebzeiten verfallen war. Besonders mit dem Unternehmen, „die alten Christen als gute Spinozisten" darzustellen, brachte er die Geistlichkeit in Harnisch. Wie er selbst als Anticipation Lessing's erscheint, findet er seinen Hauptgegner in dem Vorgänger Götze's, dem Hamburger Hauptpastor Wagner. Auch dem Propst Harenberg gelten einige seiner schärfsten polemischen Schriften. Das Gift seiner Lehren bedrohte Hamburg umso ernstlicher, als er selbst für einige Zeit hier seinen Aufenthalt genommen hatte. Sogar Brockes, der ja auch „Gott das Wesen aller Wesen" nenne, hatte Edelmann für seine Partei in Anspruch genommen, worauf sich sogleich Pratje in den „Historischen Nachrichten" für den Herrn Senator gegen eine solche Verdächtigung einsetzt. Edelmann hatte, wie uns sein Biograph berichtet, ganze Dorfschaften für seine Lehre gewonnen und, wie in Berlin, sicherlich auch in Hamburg Spuren seines Geistes hinterlafien.*) Es ist beachtenswerth, daß 1760 in einem gedruckten Auctionskatalog (im hiesigen Staatsarchiv) Spinoza's Schriften öffentlich ausgeboten werden. Geradezu in den Mittelpunkt der Spinozistischen Bewegung rückt Hamburg Mitte der Achtziger-Jahre des Jahrhunderts der Aufklärung. Hier stand das Forum, vor welchem der berühmte Streit zwischen Mendelssohn und Jacobi über Lessing's Spinozismus ausgetragen werden sollte. Wie in seinen Schriften, z. B. in seiner Ansicht über die Bestrafung des Bösen in der „Hamburger Dramaturgie", und in Unterhaltungen mit seinen Hamburger Freunden, hatte sich Leffing kurz vor seinem Tode Friedrich Heinrich Jacobi gegen¬ *) In einem Briefe vom Jahre 1732 (in der Wolf'schen Sammlung) meldet er sich zur Theilnahme an einer damals von der sächsischen Regierung geplanten wissenschaftlichen Expedition nach Ostasien. über offen zum Spinozismus bekannt. Wenn er überhaupt eine Philosophie bekennen sollte, so müßte es die Spinoza's sein. Jacobi, der „Glaubensphilosoph", wie er sich selbst nannte, oder das greinende alte Weib, „die Marketenderin in dieser Glaubensarmee", wie Heine, der begeisterte Verehrer Spinoza's, ihn bezeichnet, sollte nun gerade damals beweisen, daß unser Denken ohne die leitende Hand der offenbarten Religion unfehlbar zum craffen Atheismus führen müsse. Da kam es ihm freilich nur zu gelegen, daß sich ein Leffing zum Spinozismus, d. h. nach damaliger Auffaffung zum Atheismus bekannte. Als nun Jacobi unmittelbar nach Leffing's Tode mit seiner „Entdeckung" hervortrat, hatte er sofort dessen Freunde gegen sich, vor Allem den Mann, den Lessing selbst einen zweiten Spinoza genannt hatte und der doch am Besten um Leffing's Glaubensbekenntniß zu wissen meinte: Moses Mendelssohn. Mendelssohn konnte es nicht dulden, daß man den Spinozismus ohne weiteres zum Atheismus stempelte, und noch weniger, daß man „seinen" Lessing zum Atheisten machte. Eine Schrift gab die andere, und so sehen wir denn balo das gesammte literarische Deutschland jener Zeit in zwei Lager getheilt: Hie Mendelssohn! Hie Jacobi! Neben Herder und, wenigstens im Anfang, Goethe, neben Jean Paul, Stolberg, Johannes von Müller, Wieland, Lavater und Hamann finden wir auf Jacobi's Seite auch in Hamburgs unmittelbarer Nachbarschaft den „Wandsbeker Boten". Mathias Claudius, von dem, nach Gervinns, die Berliner sagten, er pflege nicht über seine Nase wegzusehen. schrieb gegen diese, als die Anhänger Mendelssohn's, 1786 seine „Zwei Rezensionen u. s. w.". Er findet es darin sonderbar, daß „manche Leute darüber aufschreien und sich wundern, daß Spinoza ein Spinozist gewesen", und warnt, man solle Leffing doch ja auf seinen eigenen Stuhl setzen, er sitze die gewöhnlichen — der Spinozisten und aller übrigen. . .isten — alle nieder. Jacobi schreibt 1785 an Goethe „Claudius schrieb mir vor einigen Wochen, er habe eine Anzeige meiner Schrift" — gemeint ist die Abhandlung „lieber die Lehre des Spinoza" — „gemacht für den „Ha mbur gisch e n Correspondenten", die aber nicht erscheinen sollte, bis die Neuen Hamburger ihr Wort gesagt hätten. Ich antwortete, er solle mit seiner Anzeige nur gleich herausrücken, weil das Wichtigste für mich wäre, daß mein Werk bekannt und gelesen würde, ehe die Berliner es verschrieen hätten. Darauf gab er seinen Aufsatz ab; erhielt ihn aber zurück nach ein paar Tagen mit der Nachricht: „Es wäre eine Rezension über Jacobl's Briefe eineingelaufen, die gegen den Verfasser sehr heftig gewesen wäre; diese hätte man nicht aufgenommen und könne deswegen nun auch die seinige nicht aufnehmen". Selbst Wieland, der übrigens Jacobi in seinem Verhältnisse zu Spinoza nicht ganz fernsteht, versagt Claudius die Aufnahme der Anzeige in seinen „Merkur". Goethe, der sich dafür verwendet zu haben scheint, wundert sich in seiner Antwort an Jacobi darüber. Sehr bedeutsam ist ein Brief, den Schelling später (1812) über den Gegenstand au Prof. Mayer in Hamburg richtet und der gegenwärtig in der hiesigen Stadt-Bibliothek ausbewahrt wird. Darin heißt es: „Was Sie mit einer Gewißheit, die keinen Zweifel verstattet, von Lessing's Denkart in Bezug auf Mendelssohn mir mittheilten, war mir insofern merkwürdig, als ich Jacobi'n nicht einmal von dieser Seite im Unrecht glaubte. Bedenke ich, mit welchen Künsten, wenigstens bey der gesammten nachgewachsenen Welt, jene Meynung hervorgebracht worden, die Sie bestreiten: so entsteht mir der Wunsch, den alten Mendelssohn noch in das ihm gebührende Recht auf Lessing's wissenschafliche Achtung wieder eingesetzt zu sehen, ehe die Meynung unwiderruflich auf ihm haftet. So wenig ich mit ihm sympathisire, so oft habe ich mir einen Mann seiner Klarheit zurückgewünscht, mit dem es doch möglich war. ins Reine zu kommen; um so mehr wünsche ich etwas zur Herstellung der Meynung über ihn in Ansehung jenes Punktes beyzutragen. Wollen Sie mit oder ohne Ihren Namen etwas über sein Berhältniß zu Leffing sacen (da sich sonst so bald nicht wieder Gelegenheit finden möchte), so biete ich Ihnen dazu eine Zeitschrift an, die ich demnächst herauszugeben gedenke und von der Ihnen Perthes das Nähere mittheilen kann." Aehnlich hat Goethe früh genug sein Urtheil über Jacobi berichtigt und seine Stellungnahme gegen Mendelssohn bereut. Jacobi stand außer mit anderen hervorragenden Persönlichkeiten Hamburgs — dem er übrigens 1811 einen längeren Besuch abgeftattet hat —. wie mit Reirhard, dem Gesandten Frankreichs bei den Hansestädten, mit Vlllers, dem Pionnier des