Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 18 (2.5.1902)
- Date
- 1902-05-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Ar. 18 Dr Bloch's Wochenfchrifk. Seite 295 Forum bilden werden. Er und seine Partei seien in unerhörter Weise provocirt worden, was diese sich nicht gefallen lassen werde. Dr. Bloch mahnt zur sachlichen Discussion zurückzukehren. Die Unterstützung von Studentenvereinen sei wohl auch discuffionsfähig, allein es stehen doch wichtigere Angelegenheiten in Frage. Wenn Herr Dr. Herzl aus dem verlesenen Jahresbericht, welcher von dem „jüdischen Stamme" spricht und an das Gefühl der Stammesgenossenschaft appellirt, einen zionistischen Einfluß herauslesen will und es begrüßt, daß „zionistischen Anschauungen Rechnung getragen werde", so erinnertDr. Bloch daran, daß schon derGründer der Wiener Israelitischen Allianz, der unvergeßliche Josef Ritter von Wertheimer eine Schrift publicirt hat unter dem Titel: „Die Gesinnungstüchtigkeit des jüdischen Stammes", und der Prediger Adolf Jellinek, welcher das Entstehen der Allianz von der Kanzel begrüßte, hat ebenfalls ein Werk verfaßt in zwei Theilen unter dem Titel: „Der jüdische Stamm" — viele Jahrzehnte, ehe der moderne Zionismus erfunden war. Die Israelitische Allianz ist ihrer Tradition treu geblieben, allein nach einer Richtung wäre eine Ausdehnung und Ergänzung ihrer Wirksamkeit erwünscht. Die Allianz hat den Zweck, den Juden überall dort helfend beizustehen, wo sie um ihres Glaubens oder um ihrer Abstammung willen verfolgt werden. Zur Zeit der Gründung des Vereines hatte man zunächst die Juden imDrient ins Auge gefaßt; nun ist aber eine Zeit der Verfolgungen auch für die Juden in Oesterreich hereingebrochen. Thut nicht Hilfe im eigenen Lande Roth? Ein Fall aus der jüngsten Zeit zeigt, was selbst in Oesterreich geschehen kann — wenn es sich um Juden handelt. In Amerika hat eine große Versammlung stattgefunden, weil dort ein Fall aus Oesterreich zur Keuntniß gebracht wurde, von dem hier noch nichts in die Oeffentlichkeit gelangt ist. wiewohl er sich in Oesterreich — in Galizien — ereignet hat. Fünf jüdische Familienhäupter sind seit sechs Wochen in Haft, verdächtigt, einen Knaben, der sich taufen ließ, ermordet zu haben. Fünf Juden sind seit sechs Wochen im Kerker, hier aber weiß kein Mensch etwas davon. Erst ein amerikanischer Delegirter bringt uns Kunde. Der a n g e blich ermordete Knabe i st nämlich nachAmerika ausgewandert. Die Angehörigen der Verhafteten haben sich an das ö st e r r. - u n g a r. C o n s u l a t in New - Aork gewendet, um die Anwesenheit des Knaben zu constatrren. Das Consulat telegraphirt an das Gericht, daß der Junge sich in New-Iork befindet. — Die Verhafteten werden nicht freigelasseu. Aus Amerika wird die Photographie des angeblich Ermordeten, der sich aber ganz wohl befindet, eingesendet und der Identitätsnachweis geführt. Thut nichts, die fünf Juden schmachten nach wie vor im Kerker in Dombrowa bei Tarn ow. Die New- Iorker Juden haben deswegen den Jungen — Schnur — mit emem Delegirten hieher gesendet — er befindet sich in der Wohnung des Dr. Bloch — und nun muß es sich doch endlich zeigen, ob der Justizminister eine solche Handhabung der Rechtspflege in Galizien noch weiter dulden wird. Es ist mit hohem Danke anzuerkennen, was die Allianz für die verfolgten Juden im Auslande und speciell für die in Rumänien thut, allein es gilt auch für uns in Oesterreich einzutreten — Fälle wie der erwähnte zeigen, daß wir völlig rechtlos dastehen. Redner appellirt an den Vorstand der Allianz, in der Angelegenheit Schnur beim Ministerium zu interveniren. (Allseitige Bewegung und lebhafte Zurufe.) Dr. Alexander Münz unterstützt die Anfrage des Herrn Dr. Theodor Herzl und gibt derselben folgende Formulirung: In welcher Weise der Vorstand der Allianz auf gesetzlichem Wege die Juden in Rumänien schützen wolle, wenn die Gesetze selbst judenfeindlich sind. Dr. Marmorek hält eine Rede sind gelangt zur Forderung, daß die Allianz sich mit der zionistischen Bewegung befreunden solle. Vice-Präsident Dr. Alfred Stern cvnstatirte, daß die Einladungen rechtzeitig ergangen sind, allerdings haben aber jene Herren, die erst am letzten Tage ihre Mitgliedschaft angemeldet haben, nicht schon acht Tage vorher Anträge überreichen können. Die unter Form von „Resolutionen" eingebrachten Anträge können statutengemäß nicht zur Abstimmung gebracht werden. Der Vorstand wird sie in Erwägung ziehen und sehen, was davon zur Ausführung gelangen kann. Der Vorwurf, daß antisemitische Vereine unterstützt werden, ist unbegründet. Unfehlbar ist zwar Niemand und es kann vielleicht einmal ein Jrrthum unterlaufen, allein es wird aufs Sorgfältigste jede Unterstützung geprüft. Was die Unterstützung der Studentenvereine betrifft, erkläre er ganz offen, von dem Momente, wo einzelne solcher Vereine es als ihre Aufgabe betrachteten. Streit unter den jüdischen Studenten selber anzufachen, mußte ihnen die Subvention entzogen werden. Wir haben heute eine würdigere Aufgabe, als uns gegenseitig zu zerfleischen. (Rufe: Namen.) Dr. Stern: Ich kann das thun — wenn ich will! Was die Beantwortung der gestellten Anfragen betrifft, wird der Vorsitzende am besten wissen, ob auf dieselben zu antworten angemessen sei. Man kann sehr viel fragen — aber es wäre zum Mindesten nicht geschickt, Alles zu beantworten. Daß Vorschläge verschiedener Art gemacht wurden, können Sie sich vorstellen. Es würde aber der Sache der allerschlechteste Dienst erwiesen, wenn auf alle gestellten Fragen bestimmte Antworten gegeben würden. (Lebhafter Beifall.) Präsident David R. v. Gutmann: Die Allianz, die seit 30 Jahren besteht, hat iinmer die von ihren Gründern W^rtheimer, Kuranda u. A. festgesetzte Tendenz verfolgt, sich der unterdrückten Glaubensgenossen anzunehmen. Die Lage der Juden ist seit diesen 30 Jahren in gewissen Ländern nicht bester geworden. Ich erinnere Sie, welche umfaffende Thätigkeit wir 1882 entfalten mußten, als die furchtbaren Verfolgungen unserer Brüder in Rußland eintraten. Wir haben damals in Oesterreich allein über 7, Millionen Gulden aufgebracht. Aber die Judenverfolgungen haben seither nicht aufgehört. Sie treten immer periodisch auf und jetzt sind sie wieder in Rumänien in crassester Weise zuni Vorschein gekommen. Wenn Sie sich nun gegenwärtig halten, wie unsere Finanzen beschaffen sind — Deficit 96.000 Kronen — und welcher Noth wir zu begegnen haben, dann werden Sie wobl erkennen, daß wir unsere Mittel knapp Zusammenhalten müssen. Unsere Einkünfte sind ja sehr gering. Wir haben im Ganzen etwa 3000 Mitglieder — in Wien 1000 — und die Ansprüche an uns sind riesengroß. Wer ein Herz hat für seine Glaubensgenoffen, und wäre er der Aermste, müßte sich den Kreuzer täglich absparen, um unseren Mitglieder stand und unsere Einkünfte zu vergrößern. Wir können Ihnen die Versicherung geben, daß wir nach jeder Richtung hin unsere Pflicht gethan haben (Beifall) und die uns die Mittel zur Verfügung gestellt haben, sind auch mit unserer Thätigkeit zufrieden. (Zustimmung.) Damit können auch Sie sich begnügen. Ihre Fragen werden wir nicht detaillirt beantworten. Dr. Herzl ist selbst so verfirt, daß er weiß, man kann nicht Alles sagen. Er gibt auch nicht auf jede Frage, die an ihn gerichtet wird, eine Antwort. (Heiterkeit.) Seien Sie überzeugt, daß nichts verabsäumt wurde, um die Lage unserer unglücklichen Mitbrüder zu bessern. Allein an die große Glocke wollen wir nicht Alles hängen. Die Allianz ist kein Reclameverein. Wer sich für unsere Actionen intereffirt. kann sie auch von uns erfahren, aber publiciren werden wir sie nicht. Haben Sie eine Idee, was wir seinerzeit für die Juden in Bulgarien unternommen und welche Gefahren wir dort abgewehrt haben? Es genügt, daß unsere Hilfe eine wirksame war. Daß wir vertrauliche Angelegenheiten öffentlich bekannt machen, können Sie nicht verlangen und wir thun es auch nicht. (Zustimmung.) Blvs weil einer gestern drei Gulden eingezahlt hat, ist er noch nicht unser Vertrauensmann für discrete Mittheilungen. Jedes Mitglied muß sich damit zufrieden geben, daß es durch seinen Beitrag zum Guten mitgewirkt hat. Statt Streit und Zank in die Versammlung zu tragen, hätten Alle Zusammenwirken müffen, damit der Verein gestärkt werde, dann wird auch die Thätigkeit eine umfassendere sein können. In manchen — selbst wohlwollenden — Kreisen glaubt man immer noch das Märchen, wir hätten Millionen. Sie wiffen, wie gering unsere Mittel sind und mit diesen haben wir gethan, was wir konnten. Die von Dr. Herzl erwähnte C o n f e r e n z hat in Köln stattgefunden, es waren Paris, London. Frankfurt, Berlin, Budapest, Wien vertreten. Wenn sich Dr. Herzl für die Beschlüsse interessirt, werde ich sie ihm privatim mittheilen. Er wird sehen, daß wir nicht unthätig sind. (Lebhafter Beifall.) Herr Dr. Herzl ergreift nochmals das Wort. Er findet, daß die Israelitische Allianz der rumänischen Noth gegenüber vollständig versagt hat (Lebhafter Widerspruch), wenigstens, daß die Ereignisse ihr über den Kopf gewachsen find. Er bedauert, daß die Hilfe, welche er und seine Freunde zur Lösung des rumänischen Problems angeboten haben, eine Ablehnung erfahren. Präsident David R. v. G u t m a n n : In der Hilfsaetion der rumänischen Juden haben wir Außerordentliches