Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 19 (1902)
- Issue
- 1 (3.1.1902)
- Date
- 1902-01-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Dr. Bloches Wochsnfchrifk. Seite 9 langten in der Eröffnungssitzung noch zahlreiche Telegramme und Sympathieadressen aus allen Ländern zur Verlesung. Eine Huldigungsdepesche an Seine Majestät den Sultan wurde abgesendet, worauf aus Constantinopel eine Dankeskundgebung eiutraf. Am 26. December wurden nicht weniger als drei Sitzungen abgehalten, deren letzte Abends um 8 Uhr begann und bis weit über Mitternacht dauerte. Aus dem Jahresbericht trage ich nach, daß die zionistische Bewegung heute in die entlegensten Länder gedrungen ist. Neue Vereine sind in Canada, Chile, im brasilianischen Staate Amazonas, in Khorassan (Persien), Rangoun, Birma, in Taschkent, in Nord- und Südafrika (Tetuan und Mvgador) und anderen Orten entstanden. Für die Ueberzeugungstreue der Zionisten spricht der Umstand, daß einer der hier anwesenden 276 Delegirten von der russisch-mandschurischen Grenze nach Basel gekommen ist und vierzehn Tage in der Eisenbahn zugebracht hat. Selbst aus Neuseeland ist ein Vertreter. anwesend. In Italien und Frankreich haben sich die zionistischen Vereine zu Föderationen zusammengethan. Ein solcher Bund wird demnächst auch in Scandinavien entstehen. Ueber die russischen Berhältniffe sprach Dr. Bernheim-Kohan (Moskau). Die Zahl der Vereine ist dort von 830 auf 965 gestiegen. In Mittelasien und Sibirien sind Centren für die zionistische Agitation geschaffen worden. Ueber die englischen Verhältnisse berichtete Dr. Haas. Die Zahl der Zionisten beträgt dort heute 7500, die 72 Vereine bilden. Auch im südafrikanischen Rand faßt die Bewegung Wurzel, wie Ingenieur Keßler (Johannesburg) mittheilt. Weitere Berichte folgten über Italien, Ungarn, Rumänien und andere Länder. In Rumänien bildet eine ernste Gefahr das neue Handwerker- und Ruralgesetz, das zu einer Emigration der Juden führen dürfte. Ueber die jüdische Colonialbank berichtet Sir Francis Montefiore aus London. Sie wurde gegründet, um die finanziellen Mittel zu beschaffen, die zur Durchführung des Basler Programms nothwendig sind. Sie ist seit zwei Monaten actionsfähig. Von allen Spekulationen wird sie sich fern halten, ihre Aufmerksamkeit aber der Colonisation in Syrien und Palästina widmen und dort Handel und Industrie zu beleben suchen. Das sei für Banken kein ungünstiges Gebiet. In den Sitzungen des 27. December wurden die Fragen betreffs die körperliche, geistige und wirthschaftliche Hebung der Juden behandelt. Als Hauptreferent hielt Dr. Max Nordau- Paris eine anderthalbstündige glänzende Rede, worin er darthat, daß der Hebung der Judenschaft auf die ihr gebührende Culturstufe die wirthschaftliche Hebung vorausgehen müsse. Dazu sei vor Allem die statistische Durchforschung des jüdischen Volkes nothwendig. »Die Heuchler und Schwätzer, die von der Mission der Juden unter den Völkern faseln, brauchen sich nicht um die jüdische Statistik zu kümmern; sie wissen genug, wenn sie wissen, wie viel Gehalt sie beziehen und wie viel reiche Leute sie noch in der Gemeinde haben." (Lachen und Beifall.) Die Millionäre sind für alle Völker ein Glück, nur für uns Juden ein Unglück. Denn der jüdische Millionär hält es für seine erste Pflicht, ein schönes Beispiel von Vorurtheilslosigkeit und Toleranz zu geben, daß er für christliche Kirchen Baugelder beisteuert (großer Beifall), öffentliche ‘ Krankenhäuser stiftet, in denen mit der strengsten Unparteilichkeit jüdische Krankenpfleger und jüdische Aerzte ausgeschlossen sind. (Anhaltender Beifall.) Und selbst wenn der jüdische Millionär einmal so parteiisch, so vorurtheilsvoll, so intolerant ist, daß er auch für jüdische Brüder etwas thun will, so thut er es unfehlbar so, daß es dem jüdischen Volke nicht zum Segen, sondern zum Fluche gereicht! (Lauter Beifall und Zustimmung.) Er vertheilt Almosen und züchtet Schnorrer, oder gründet Colonien mit solcher Geschicklichkeit und so glücklicher Hand, daß er die Colonisten, die ursprünglich tüchtige Arbeiter und es bleiben wollten, .in Berufsbettler verwandelt; oder er hinterläßt dem jüdischen Volke Hunderte von Millionen und umgibt dieses in der Geschichte des jüdischen Volkes beispiellos großartige Vermächtniß mit solchen Bestimmungen, daß die Schenkung, die das Werkzeug der Erlösung werden könnte, zur tückischen Bekriegung und Auflösung des jüdischen Volkes verwendet wird, und wir Juden in diesen Millionären den schlimmsten Feind des jüdischen Volkes erblicken müssen! (Hört! Hört! Tosender Beifall. Große Unruhe.) Die Rede wurde von wiederholtem stürmischem Beifall unterbrochen. Nachdem noch verschiedene Referenten das Wort ergriffen hatten, wurden die Verhandlungen um 4 Uhr abgebrochen. Schriftsteller Martin Buber (Wien) sprach über jüdische Kunst und wies insbesondere auf die Nothwendigkeit einer jüdischen Verlagsanstalt hin, für deren Gründung bereits eine Subvention eröffnet wurde. Ferner wurde beschlossen, das Actions-Comitö möge die Nationalbibliothek in Jerusalem subventioniren, die Frage der Gründung einer jüdischen Hochschule einem sorgfältigen Studium unterziehen und die Herausgabe einer jüdischen Encyklopädie vorbereiten. In weiterer Verhandlung wird die Organisation durchberathen, welche für jedes Land eine besondere Förderation vorsieht. Ebenso wurden die Grundzüge für die Sammlung des Nationalsonds festgesetzt, der zum Theil für Landankauf in Palästina bestimmt sein soll. Die Fonds sollen in der Stadt Basel domicilirt werden. Der Congreß ist für alle zwei Jahre in Aussicht genommen. Die Regierung der Stadt Basel entbot dem Congreß ihre Grüße und Glückwünsche. In das engere Actions-Comit« wurden gewählt: Dr. Theodor Herzl, Dr. Koke sch, Architekt Mamorek, Dr. Leopold Kahn und Herr Krementzky (sämmtliche in Wien). In seiner Schlußrede warf Präfident Dr. H e r z l einen Rückblick auf die Errungenschaften des zu Ende gehenden Congresses, welchen er als den wichtigsten bezeichnet in der Neuorganisation der jüdischen Nationalbank, die bereits actionsfähig geworden sei. und hauptsächlich bezüglich der Schaffung des Nationalfonds. Brünn. (Wohlthätigkeitsvorstellung.) Am 18. December 1901 fand in den prachtvollen Sälen des Grand Hotel zu Gunsten verschiedener jüdischer Wohlthätigkeitsanstalten, insbesondere zu Gunsten des »Kaiser Franz Josef Ferienheimes in Tischnowitz", unter dem Titel »Theater zum blauen Dunst", eine im Rahmen des modernen Ueberbrettls gehaltene Wohlthätigkeitsvorstellung statt, zu der sich ein überaus zahlreiches, der besten Brünner Gesellschaft angehöriges Publicum eingefunden hatte. Das Programm, welches zum großen Theile Arbeiten des jungen vielversprechenden Brünner Schriftstellers I. U. C. Fritz Grünbaum aufwres, bot das Bild eines veritablen autochthonen Ueberbrettls und umfaßte kecke Chansons. Couplets, Duoscenen, Comödien, Pantomimen und — last not least — den ewigen Begleiter menschlicher Fröhlichkeit, den Tanz! Die Mitwirkenden, Damen und Herren der Brünner Gesellschaft, boten weit über den Rahmen des Dilettantismus hinausgehende Leistungen, welche das überaus animirte Auditorium zu stürmischen Beifallsbezeugungen hinrissen. Fräulein Steffi Langer war eine ebenso geistvolle wie schöne und bezaubernde Confäranciere; Fräulein Rudy Schindler ergötzte sowohl in einer heiteren satirischen Duoscene wie im Theaterstück durch ihren quellfrischen Humor. In der parodistifchen Pantomime »Der Fuß (le pied)" fiel Fräulein Elsa Langer durch ihr degagirtes Spiel allgemein auf. Fräulein Olla Kellner, entzückend in der Tracht einer Tochter Italiens, erfreute die Zuhörer durch berückende Mandolinenklänge, Fräulein Elsa Ziegler recitirte mit viel Humor und Schalkhaftigkeit als köstlichen Aufsitzer drei Gedichte von Bürger »eines nicht genannt sein wollenden Ueberbrettldichters". Frl. Olga Austerlitz brillirte durch den Bortrag seriöser Lieder, die Damen: Grete Deutsch. Mizzi Fischer, Elsa L ö w, Dora Spitzer und allen voran die bezaubernde Bortänzerin Frl. Frida Schwarz bereiteten den Anwesenden durch die Aufführung eines kleinen Ballettes »Secession" genannt, eine erquickende Augenweide. Zu dieser Veranstaltung war auch Frl. Olga Lenk-Löwenstein aus Wien herbeigeeilt, um durch den Bortrag französischer Lieder ihre große Gesangskunst in den Dienst der Wohlthätigkeit zu stellen. Und es war auch ein hoher künstlerischer Genuß, dem einschmeichelnden Wohlklang ihres schmiegsamen Organes sich gefangen zu geben, mit dem sich exacte Schulung (die sich besonders in einem prächtigen Parlando zeigte) und ein angeborenes, eigenes — wir möchten sagen künstlerisches Tactgefühl verband. Um das Gelingen der Veranstaltung machten sich auch noch Frau Mathilde Schindler, sowie die Fräuleins Melitta Bauer und Fränzchen Kürschner, weiters die Herren A. L. R u s s o, Dr. Josef Heller und Dr. Jacob P o l l e n z, dessen in lustigen Versen gehaltenes originelles Programm viel belacht wurde, verdient. Mit besonderer Befriedigung kann darauf hingewiesen werden, daß der Erfolg dieser Veranstaltung auch in materieller Beziehung ein geradezu glänzender war, so daß den Wohlthätigkeitszwecken ein Reinerträgniß von 1000 £ zugeführt werden konnte. Man schreibt uns aus Brünn: Auf den Bericht „Zur Rabbinerwahl in Brünn" in einer der letzten Nummern der Wochenschrift wurde in einem Wiener jüdischen Blatte mit der Bemerkung reagirt, daß die Wahl der beiden Rabbiner in G. u. Pr. trotz Verweigerung der Autorisation durch das Landesrabbinat erfolgte. Diese Bemerkung muß, wie documentarisch nachgewiesen werden kann, als grundfalsch bezeichnet werden. Gerade in beiden Fällen wurde der Einfluß des Landesrabbinates bei der Anstellung von Rabbinern in eelatanter Weise constatirt. Dr. L