Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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«e»t<7S Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 5 und von dem Piedestal hinuntergestürzt werden, aus das er sich zu stellen wagt. Wir sind heute nicht mehr .das Volk in der Wüste Und Dr. Nordau will gewiß nicht das Kalb sein, um das wir tanzen sollen! Wenn Dr. Nordau mit dem Atheismus in seinen „Conventionellen Lügen" Modephilosoph, originell, paradox, confiscirt und deshalb gelesen sein und Geld verdienen wollte, so hat er seinen Zweck erreicht. Er mag als literarischer Missionär bei den christlichen Völkern oder meinetwegen bei den Indianern und ihren Medicinmännern in Nordamerika wirken, aber uns Juden, unser jüdisches Volk, das doch immer auch eine Religionsgmossenschaft ist und bleibt, soll der Religionsverächter in Ruhe lassen! Das sollen deine Führer sein, Israel? Schabatai Zewi verleugnete blos das Judenthum und führte seine Anhänger zur Taufe, — Dr. Nordau verleugnet Gott und verspott^ alle positiven Religionen und möchte seine Anhänger zum Atheismus führen! Dr. Nordau, der Führer in Israel, versteht aber so wenig die Bibel und das Mische Schriftthum, als irgend ein Vernünftiger deffen sogenanntes naturphilosophisches System zu verstehen vermag. Die Weltanschauung der Bibel soll kindisch sein. Und dennoch stimmt die Bibel in ihrer Lehre des Monismus heute noch und heute erst recht mit den Denkresultaten unserer und der ältesten größten Philosophen und Forscher überein. Die Moral unserer Bibel sei empörend, weil sich in ihr angeblich die nachtragende „Rachsucht Gottes" ausdrückt. Muß nicht Herr Dr. Nordau als Arzt, als Naturforscher und Geschichtskenner wissen, daß die Schuld der Väter sich an Kindern und Kindeskindern rächen muß, wenn die Väter sich an ihrem Körper oder auch nur an ihrem Geiste versündigt haben? Und daß ebenso auch Völker und Nationen in der Geschichte zu Grunde gehen, wenn ihre Erzieher und Leiter, ihre Religionslehrer und Staatenlenker sich an ihrer eigenen Moral und Gesittung versündigt haben? Das ist die „nachtragende Rachsucht Gottes" in der Geschichte, das ist die „empörende" Moral unserer Bibel und gerade deshalb leben wir noch heute und werden trotz Nordau immer leben und wird diese „empörende" Moral unseler Bibel nach wie vor und wie seit Vierthalbtausend Jahren allen Völkern der Erde voranleuchten, bis das Gotteswort erfüllt sein wird: „Einst wird die ganze Erde voll sein der Erkenntniß, wie die Gewässer die Meere Men!" Was weiß aber Dr. Nordau von der Moral und Ethik der Bibel und des späteren jüdischen Schriftthums? Was weiß er, der Knechtschastsheld, der uns wieder in das Ghetto sperren möchte, davon, daß Freiheit und Gleichheit ein Fundamput als atz unserer jüdischen Religion ist? Was weiß er vom 19. Cap. des 3. Buch Mosis, welches gleich Usit. den Worten beginnt: Kedoschim tiheju: Ihr sollt mir heilig sein? Was weiß er von den Pirke Aboth, in welchen der kategorische Imperativ Kant's schon von Rabbi Antzgouos dop Socho gelehrt ward. „Du mußt das Gute um des Guten willen thun, nicht um einen Lohn zu empfangen, wie em Knecht von seinem Herrn". Dr. Nordau sieht also, daß der Jude nicht.Ruihe und Gerstenzucker für seine Moral braucht und daß er den kategorischen Imperativ Kant's längst schon als Lehrsatz seiner Schulen kannte. Hier muß ich aber, nachdem Dr. Nordau selbst an Kant erinnert, ihm gerade diesen Kant gegenüberstellen, der ebenfalls Naturforscher wie er, vielleicht ein größerer als er, und ebenfalls ein Philosoph wie er, vielleicht ein größerer als er war, der aber denpoch den Glauben an Gott als ein Postulat der prakttschen Vernunft lehrte, vermöge deffen unser Denkvermögen uns zwingt, an Gott zu glauben, wenn wir auch dessen Dasein mathematisch und logisch Ms den Denkregeln der krittschen Vernunft nicht beweisen können. Dieser Kant war wirklich Naturforscher, er erkannte besser den großen Weltenbau als Dr. NordM, indem er gleichzeitig unt Laplace und unabhängig von ihm die Hypothese über dw wahrscheinliche Entstehung des Planetensystems aufgestellt hat. Und. da spottet Dr. NordM über die Bibel, die er als ein Sammessurium von Nibelungen, Civilproceß, Mirabeau's Reden und einer Loologie erklärt, ohne daran zu denken, wie wohlthätig auch., jenes zoologische Gebot der Bibel wirtt: „Du sol Ist denOchsen das Maul nicht verschließen, wenn er drischt!" — Dr. Rordau wagt es, die poetische Schönheit der Bibel heruuterzusetzen, indem er der Meinung ist, daß dieselbe an poetischen Werth hinter Mem zurückstehe, was selbst Dichter zweiten Ranges in den letzten zwei Jahrtausenden geschaffen haben, während Humboldt, der doch auch Naturforscher und Philosoph zumindest vom Range Dr. Nordau's war, den 104. Psalm allein als ein poetisches Werk preist, wie es von keinem Volke der Erde jemals geschaffen wurde! Alle gesitteten Völker nennen unsere heilige Schrift, die Bibel — schlechtweg das Büch — das Buch der Menschheit, und Dr. Nordau nennt es ein schlechteres Werk, als Dichter zweiten Ranges ein solches seit zwei Jahrtausenden geschaffen haben, und er weiß der Welt keinen anderen Ersatz für die Religion zu bieten, als das „Theater, den Concert- und Bersammlungssaal, wo das Wort des Dichters und Denkers das Wort des Predigers ersetzt und die Kirchenhallen überflüssig machen wird". (S. 56.) Auf Seite 348 seiner „Conventionellen Lügen" erklärt er, „daß der Rückschritt und die Umkehr so wenig möglich sei, als es möglich ist, einen Menschen zum Menschen von vor zwei Jahrtausenden zu machen. Was würde man mit einem Menschen machen, der auf offenem Markte erklärt, daß er machen wolle, daß die Menschen mit jedem Jahre jünger würden? Man würde ihn muthmaßlich in ein Narrenhaus sperren!" (S. 349.) Jawohl, Herr Dr. Nordau, ein solcher Mensch verdient gewiß in ein Narrenhaus gesperrt zu werden, nur sollten Sie sich daran erinnern, daß Sie es sind, der auf Seite 57 desselben Buches empfiehlt, daß die Menschheit wieder in die Zeit vor dritthalbtausend Jahren zurück und in das Theater statt in den Tempel oder in die Kirche geführt werde und daß „das Theater die Cultusstätte der Menschen wieder sein solle." Was sagen Sie dazu, Herr Dr. Nordau? Sie wollen weiters diesen menschlichen Rückschritt damit herbeiführen, daß Sie ganz besonders uns Juden die Rückkehr nach Egypten, in das factisch und w ö r tlich zu nehmende Ghetto, mit oen Worten jener feigen Rotte in der Wüste empfehlen: Nellchuh wenuschuwuh Mizraimu — „Auf, kehren wir nach Egypten zurück!" Was sagen Sie dazu, Herr Dr. Nordau? Es ist doch recht erfreulich, die so selbstverständliche These: „Ein Rückschritt in die Urzeit der Jahrtausende sei unmöglich", auf sich selbst anwenden zu müssen, wenn man sich selbst dann in ein Narrenhaus sperren müßte. Also nochmals, kann und darf ein Prediger de4 Atheismus, der Hohn und Spott über das Heiligste ergießt,, was Menschenthum erhält und veredelt, ein Führer in Israel sein? Wir 'Zionisten fordern eine Antwort hierauf — keine diplomatische, keine frömmelnde, und Herr Dr. Theodor Herzl s e l b st muß sie uns als erster Führer, Initiator und Inspirator der von ihm hervorgerufenen zionistischen Bewegung o s f i c i e l l ertheilenl Zwischen uns soll Wahrheit sein! Wohl entschuldigt Dr. Herzl seinen Gesinnungsgenossen Dr. Nordau mit dem Hinweis darauf, daß dieser selbst seine Judenpolitik als eine höchst persönliche Anschauung vertrete: Dann aber hätte Herr Dr. Herzl diesen Artikeln Nordau's nicht die Spalten des officiellen Theiles seiner „Welt", sondern blos die mit „Tribüne" bezeichnete Rubrik öffnen dürfen, bezüglich deren die Redaction ausdrücklich erklärt, daß sie für Form und Inhalt keine Verantwortung übernehme. Sobald aber diese Aufsätze Nordau's im officiellen Theile der „Welt" erschienen sind, muß mit Recht angenommen werden, daß die von Nordau an gestrebte Entrechtung der Juden auch von Herzl in „gesinnungsgenössischer Treue" gebilligt wird. Aber auch die Rubrik „Tribüne" muß, wenn schon nicht die Form und den Inhalt, so doch wenigstens die Echtheit der von ihr aufgenommenen Correspondenzen verantworten, insbesondere dann, wenn dieselben Männer von Rang und Ansehen, wie den Oberrabbiner Dr. Güdemann beschimpfen, wie dies mit jenem in Nr. 51 der „Welt" unter der Rubrik „Tribüne" erschienenen Briefe der Fall ist, der mit durchaus erlogener und erfundener Unterschrift und Adresse eines „E. Binder, VIII., Florianigaffe 8", versehen ist! Ich selbst habe mich an Ort und Stelle überzeugt, daß in jenem Hause wohl zwei Personen Namens. Binder wohnen, daß aber die eine Franz Binder heißt und ein katholischer Schuster ist und die andere Leopoldine Binder heißt und eine k a t h o l i s ch e S ch n e i d e r i n ist! So werden Zuschriften in der Welt fabricirt! Diese kleine Episode wollte rch nur deshalb Herrn Dr. Herzl erzählt haben, um zu beweisen, wie recht ich habe, wenn ich von ihm sageer verdiene Achtung und er sei mir leid, weil er v o n seinen Leuten so schlecht bedient w erde. Denn,es ipaffen solche Schimpfcorrespondenzen mit erlogener Unterschrift