Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 4 (25.1.1901)
- Date
- 1901-01-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 58 Dr. BloEs Wochrnf^rM dir. 4 des Menschengeschlechtes wird Nachweisen können. Freilich der wahrste Antisemitenspiegel, das sind die Antisemiten selbst. Wer Gelegenheit hat, ihr Treiben aus der Nähe zu beobachten, wer die niedrigen Motive erkennt, aus denen die Antisemiten den Antrieb für ihre Gesinnungen und Handlungen schöpfen, wer die Corruption beobachtet, die in ihren Reihen herrscht, und wem es gegönnt ist, einen Blick hinter die Coulissen zu thun und die Drahtzieher zu verfolgen, die den antisemitischen Mob in Bewegung setzen, der wird nicht blos angewidert von dieser ekelerregenden Sippe, sondern es wird ihm auch klar, daß sie in einem Culturstaat keinen Platz haben dürfte, ja daß sie unter Umständen eine Gefahr für den Staat werden' könnte. Vergebens drapirt sie sich mit dem Mäntelchen der Religion, vergebens putzt sie sich mit Loyalitätsheuchelei auf — ihr innerster Kern ist nichts weniger als religiös, nichts weniger als loyal. Brauchte es hiefür noch eines Beweises — die jüngsten Tage haben ihn in unserer Heimat, im lieben Wien, geliefert, in so unzweideutiger und unwiderleglicher Weise geliefert, daß den Regierenden die Augen aufgehen müssen über die Bundesgenossen, denen sie nicht nur Vertrauen, sondern ihre directeste Unterstützung schenkten. Auf wie schwachen Pfeilern ein Bau stünde, der sich auf diese Elemente stützt, ist wohl daranzu erkennen, daß sich in allerletzter Zeit die Antisemiten in Oesterreich au dieDeutschradicalen anbiedern wollten. Man weiß, die Deutschradicalen haben die „Los von Rom"-Bewegung inscenirt und haben „die Loyalitätskundgebungen" aus ihrem Programme gestrichen, und diesir Partei tragen die Antisemiten ganz offen die Bundesgenossenschaft an. Da mit dem Clericalismus kein Geschäft zu machen war, wie die Wahlen ergeben haben, wollen sie es wieder mit dem Nationalismus probiren und der Antisemitismus soll nun wieder das Band sein, das Vergani und Lueger — mit Schönerer und Wolf verbindet! — Einmal zogen sie ja schon am gleichen Strick, warum sollte es nicht wieder geschehen können? Allein solche Charakterlosigkeit ging selbst einem Schönerer über die Hutschnur und er versetzt der antisemitischen Anbiederung einen Tritt, den sie in vollem Maße verdient hat. Nun mag sie wieder zurückfallen in die Arme des Clericalismus und Loyalismus — wenn es noch einen ehrlichen Menschen gibt, der sich mit einem solchen wetterwendischen Gesindel abgeben möchte und wenn es auch nur wäre, um sie als Werkzeug für die schmutzigste Hantirung zu gebrauchen, für die kein anständiger Mensch zu finden ist. Diese neueste Leistung der Antisemiten konnte der „Antisem^tenspiegel" noch nicht reproduciren, weil sie in's Jahr 1901 fällt, einige Wochen nach seinem Erscheinen. Für die dritte Auflage wird man auch darauf schon reflectiren können, und vielleicht noch auf manches Andere, denn die antisemitischen Schandthaten werden erst mit dem Verschwinden dieser moralischen Epidemie der Völker aufhören. Damit aber die Völker endlich sich von dieser Noth befreien, muß ihnen immer von Neuem dieser Heilspiegel vorgehalten werden, in welchem sie das wahre Bild der Erscheinungen zu erblicken vermögen. Je mehr es sie entsetzt, desto besser. Der oben besprochene „Antisemitenspiegel" ist bemüht, rein actenmäßig das Treiben der Antisemiten zu kennzeichen, und zwar in doppelter Richtung, indem er nämlich einerseits die Lügen bloßstellt, die sie den Juden andichten, und anderseits indem er ungeschminkt die Nichtswürdigkeiten aufhellt, die sie begehen. Zu den ersteren Darlegungen des „Antisemitenspiegels" gehören die Nachweise über die tüchtigen Leistungen der Juden im Kriegsdienste, die Schilderung ihrer Thätigkeit als Handwerker und Ackerbauer, die wahre Darstellung der criminellen Statistik bezüglich der Juden, die Würdigung des Schulchan-Aruch und des Talmud, die Auseinandersetzungen über die Ausübung der Rechtspflege durch Juden, über ihr Bildungsbestreben rc.; die Widerlegung der Ritualmordlügen u. A. m. Anderseits wird als Gegenstück geschildert, was die Antisemiten als Güterschlächter leisten, wie wenig ihre Grundsätze mit der christlichen Religion vereinbar sind, welche Autoritäten sich gegen sie ausgesprochen haben, wie ihre „Autoritäten" beschaffen sind und welche Lügen sie verbreiten. So oft auch alle diese Thatsachen schon gedruckt worden sind, man muß sie immer von Neuem sagen und Jeder, der dazu beitragen kann, daß die Kenntniß von der wahren Natur des Antisemitismus in die weitesten Kreise — nach oben und unten — dringe, vollführt ein Werk der Gerechtigkeit und der Reinigung. In diesem Sinne heißen wir auch die neueste Auflage des „Antisemitenspiegels" willkommen. A. W. Die Finanzlage Rumäniens und die Judensrage. In der letzten Generalversammlung der „Wiener Israelitischen Allianz", also nahezu vor einem Jahre, hat Dr. Bloch den Antrag gestellt, es möge der Präsident Herr David Ritter von G u t m a n n aufgefordert werden, bei den europäischen Finanzmännern dahin zu wirken, daß dem rumänischen Staate insolange das verlangte Anlehen nicht gewährt werde, als nicht der grausame Druck gemildert werde, welcher auf den armen rumänischen Juden lastet. Herr Dr. Theodor Herzl bekämpfte diesen Antrag und brachte ihn zu Falle. Welche Gründe den Führer der Zionisten bestimmt haben, dem damaligen rumänischen Ministerium, notorischen Antisemiten, Liebesdienste zu erweisen, mag diesmal unerörtert bleiben und die officiösen Soldschreiber des Wiener Actionscomites verhöhnten und beschimpften den Antragsteller in ihrer sattsam bekannten Manier. Nun lesen wir in der „Frankfurter Zeitung" folgende Zuschrift von einem angesehenen Bankhause in Norddeutschland: „Die ausführlichen Berichte, welche die „Frankfurter Zeitung" vor einigen Monaten über die Lage der rumänischen Juden brachte, haben nicht nur das mitleidige Interesse für diese Unglücklichen wachgerufen, sondern auch demjenigen, der an rumänischen Staatspapieren finanziell betheiligt ist, klar gemacht, wie schädlich die Austreibung dieser arbeitsamen Elemente für die finanzielle Lage Rumäniens ist. Haben sich die Uebernehmer rumänischer Anleihen bisher um diese Judenverfolgung nicht gekümmert, so dürfte es jetzt wohl in ihrem eigensten Interesse liegen, behufs Wiederhebung des rumänischen Credits diesen barbarischen Zuständen ein Ende zu machen. Wartet doch der gewissenhafte Bankier jetzt nur auf einigermaßen bessere Course, um seine Kundschaft vom Risiko rumänischer Papiere durch deren Verkauf zu befreien und denkt nicht daran, davon weiter unterzubringen, solange die Judenverfolgungen andauern. Die augenblickliche Anwesenheit des rumänischen Finanzministers C a r p in Berlin könnte nun der Berliner traute üuauee die nicht leicht wiederkehrende Gelegenheit geben, anläßlich der finanziellen Besprechungen mit demselben, ihm die Gewährung civilisirter Lebensbedingungen für die rumänischen Juden und deren Gleichstellung mit den Andersgläubigen zur Conditio sine qua non zu machen. Hat auch aus Concurrenzrücksichten die Berliner Finanzwelt bet ihren Geschäften weniger auf ethische Momente Rücksicht genommen, so fallen diesmal die Concurrenzrücksichten doch fort, denn die Sucht nach Uebernahme rumänischer Staatspapiere dürfte wohl eine sehr minimale sein. Hätte ich gewußt, an welche Berliner Finanzadresse ich mich mit dieser Anregung hätte wenden sollen, so würde ich Sie damit nicht behelligt haben. Aber, da ich annehme, daß meine Zeilen vielleicht Ihren Anschauungen entsprechen, so erlaube ich mir, Sie zu bitten, in geeigneter Form die Sache durch die „Frankfurter Zetiung" in die Oeffentlichkeit zu bringen und somit durch dieses wichtige Organ einen Druck auf die betreffenden Herren auszuüben." Dazu bemerkt das genannte Blatt: Indem wir diesem Wunsche durch den völligen Abdruck des Schreibens entsprechen, müssen wir freilich hinzufügen, daß, so überaus berechtigt der darin gegebene Hinweis ist, sein Erfolg doch nicht lediglich durch den guten Willen der Berliner Finanzkreise bedingt wird, nicht einmal durch den des Herrn Carp allein, sondern dadurch, daß endlich einer größeren Zahl von rumänischen Staatsbürgern und allmählich auch dem rumänischen Volke klar werde, in wie hohem Maße Volk und Land sich selbst schädigen, wenn und so lange sie an der bisher so kurzsichtigen Behandlung der Judenfrage festhalten. Herr Carp hat bekanntlich gleich nach Uebernahme der Regierung einen Schritt gethan, der den rumänischen Juden durch Beseitigung einer besonders schreienden Unbill gerecht werden will; aber auch damit bleibt in vielen anderen Beziehungen der maßlose Druck fortbestehen, unter dem Rumänien seine jüdischen Staatsangehörigen hält. Anderseits vermag Herr Carp seine Intentionen nicht leicht durchzusetzen, da er ja bekanntlich selbst seine Finanzprojecte theilweise